Auf ein Craft Beer mit Bier-Sommelière Sophia Wenzel

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Eigentlich mochte sie Bier früher nicht so gern. Und doch wurde die 27-jährige Sophia Wenzel Bier-Sommelière. Unter dem Dach des Hamburger Braugasthauses „Altes Mädchen“ legt sie den Gästen bis zu achtzig verschiedene Biere ans Herz – vom Summer Ale bis zum Wit Bier. Dabei zieht die preisgekrönte Gastronomin alle in ihren Bann und steckte auch uns mit ihrer Bier-Leidenschaft an. Wir haben Sophia zu Hause besucht, einen Rundgang durch die Ratsherrn Brauerei gemacht und Bier einfach mal vor vier getrunken.

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Sophia ist letztes Jahr „Biersommelier des Jahres“, also beste Bier-Beraterin, geworden.

Femtastics: Woher kommt deine Leidenschaft für Bier?

Sophia Wenzel: Das kommt tatsächlich durch den Job. Früher war ich nicht so der Bier-Fan. Aber wenn man sich näher mit dem Produkt beschäftigt und sieht, wie viel Leidenschaft und Liebe da drin steckt, dann ist es um dich geschehen. Ich fühle mich wie ein kleiner Entdecker, der Bier-Schätze aufspürt. Teilweise versuche ich tagelang herauszufinden, warum ein bestimmtes Bier genau so schmeckt, wie es schmeckt.

Das geht dann richtig in die Biochemie.

Und das macht Spaß, weil man es fühlen und erleben kann.

Hierzulande hängt man am Reinheitsgebot und findet Kirschbier, Ingwerbier und Konsorten oftmals noch exotisch.

Es ist etwas, worauf man sich einlassen muss. Natürlich gibt es Leute, die sagen, ich trinke nur mein gutes altes Pils – lass mich mit dem Scheiß in Ruhe. In Großstädten ist das einfacher, die Leute sind offener. In Hamburg geht das gerade richtig ab. Vor allem die regionalen Biere kommen gut an.

 

Frauen sind experimentierfreudiger. Die sind mutiger und probieren viel mehr aus.

 

Man muss sich öffnen und es probieren?

Und da sind Frauen tatsächlich experimentierfreudiger. Die sind mutiger und probieren viel mehr aus. Männer sind oftmals noch so drauf, dass die gestresst vom Tag reinkommen, einfach nur ihre Ruhe haben wollen und sich auf ihr normales Feierabendbier freuen. Da störe ich nur. Genauso gibt es aber auch Stammgäste, die da mit ihrer App oder ihrem Notizblock sitzen und wirklich jedes Bier in unserem Laden ausprobieren.

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Aus einem Kaffee-Date in der Küche von Sophia wird spontan ein Bier-Tasting.

 

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Woher weißt du, welche Speisen zu welchem Bier passen?

Du trinkst einfach einen Schluck und überlegst, was du gern dazu essen würdest. Trinke ich also ein malziges Bier, denke ich sofort an leckeren Manchego Käse, ein Barbecue-Sandwich und dunkle Soße. Klar muss man ein paar Dinge beachten: Ist das Bier bitter oder süßlich? Wenn rote Früchte im Bier sind, können rote Früchte auch im Essen sein.

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Sophia wohnt seit Kurzem genau auf der Grenze zwischen Altona und Eimsbüttel in einer 2-Zimmerwohnung.

 

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Viele antike Stücke treffen bei Sophia auf verspielte Details und hohe Absätze.

 

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Kann man seinen Geschmackssinn trainieren?

Ja. Dein Gehirn riecht, nicht die Nase. Du trinkst einen Schluck Bier und atmest durch die Nase aus. Retronasal schmeckt man viel mehr, weil dein Gehirn zwei Wege hat, die ihm Informationen liefen. Wie ein Apfel riecht und schmeckt, erlernst du. Vieles dabei ist Prägung, es geht darum, was deine Mutter dir mitgibt. Ein großes Lob ist nach wie vor: Das schmeckt wie bei Muttern!

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Auf dem Weg ins „Alte Mädchen“.

 

Was sind die aktuellen Bier-Trends?

Im Sommer sind die Summer Ales ein großer Trend, also leichte, hopfengestopfte Biere. Schmeckt ein bisschen wie Softeis. Was ich sehr gern mag, sind Wit Biere, das sind Weizenbiere, die mit einer speziellen Hefe vergoren werden und eher in die saure Richtung gehen. Da ist Salz und Koriander mit dabei, manchmal auch Orangenschale. Das ist ein sehr leckeres und erfrischendes Bier!

Zurück zum Reinheitsgebot: Wie verhält es sich da mit den modernen Bieren?

Bei Industriebieren hat man bis zu 60 Stoffe, die man hinzugeben darf und wieder rausnehmen kann. Die sorgen beispielsweise dafür, dass das Bier schneller gärt oder klarer ist. Das ist laut Reinheitsgebot alles erlaubt. Wenn aber zum Beispiel ein natürlicher Zusatzstoff wie Koriander dazu kommt, was übrigens in manchen Kulturen auch schon seit hunderten Jahren gebräuchlich ist, dann ist das nicht erlaubt.

Was passiert dann?

Dann darfst du das nicht Bier nennen. Da sitzen schon viele alte Säcke rum, die das bestimmen.

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Bester Sonnenplatz: der Innenhof vom „Alten Mädchen“ in den Schanzenhöfen.

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Das Bier-Business ist vermutlich eh sehr männergeprägt?

Im Craft-Bier-Bereich sind die alle jung, cool und entspannt. Da kennt man mich und da ist der Umgang echt nett. Dadurch, dass ich eine Frau bin, fühlen sich natürlich auf einmal auch ganz andere Menschen angesprochen. Ich selbst mochte das Thema Bier am Anfang überhaupt nicht und fand das alles verstaubt und diese Sauf-Attitüde sowieso widerlich.

Wie hast du das überwunden?

Ich habe mich davon freigemacht und einen eigenen Angang entwickelt. Dann habe ich die ersten Brauer kennengelernt und fand es einfach geil, was die da machen. Ich habe für mich eine eigene Sprache entwickelt, das Thema einfach und locker unseren Gästen näherzubringen.

Wie ist dein Werdegang?

Ich habe eine klassische Ausbildung im Gastronomiebereich als Restaurantfachfrau gemacht. Dann habe ich noch vor der Eröffnung in der Bullerei angefangen und habe das Restaurant die ersten Jahre mit aufgebaut und viele tolle Sachen erlebt. Irgendwann haben die Jungs (Tim Mälzer und Patrick Rüther, Anm. d. R.) auf dem Gelände hinter der Bullerei das Braugasthaus „Altes Mädchen“ eröffnet. Wir wollten das auf eine norddeutsche Art umsetzen und von dem angestaubten Bier-Image wegkommen. Dann sind wir nach Kapstadt, England und in die USA gereist und haben so viele coole Konzepte entdeckt, die wir nach Deutschland transportieren wollten.

 

Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

 

Also weg vom reinen Pils trinken?

Genau, wir wollten von Anfang an besondere Biere anbieten, mussten aber erstmal recherchieren, woran man ein wirklich gutes Bier erkennt und was für verschiede Biere es überhaupt gibt. So wurde ich also vorgeschickt, um richtig tief in das Thema einzutauchen.

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Wir testen uns weiter durch die besten Biersorten.

 

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Sophias momentane Top 4.

 

Du bist als Bier-Sommelière also eine Pionierin.

Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Natürlich gibt es Freaks, die das schon ihr ganzes Leben lang machen. Aber in Deutschland war ich tatsächlich die erste Frau, die sich als Bier-Sommelière hat ausbilden lassen und die in einem Restaurant mit 60 bis 80 verschiedenen Bieren arbeitet.

Du hast das Bier-Monopol! Wie sieht der Alltag einer Bier-Sommelière aus?

Jeder Tag ist anders. Ich mache viel Pressearbeit und kommuniziere viel zu den Themen Ernährung, Genuss und Slow Food. Dann stehe ich irgendwann im Laden und zapfe Bier und beschreibe die Tafeln, mache aber auch die Personalschulungen. Hinzu kommen die Verhandlungen mit den Brauern, wenn ich ein neues Bier entdeckt habe, was ich gern im Laden hätte.

Das volle Programm!

Bis zum Gast, mit dem ich am Tresen quatsche, genau. Dann kommen noch große Events dazu, wie die „Craft Beer Days“ mit bis zu 2.000 Besuchern. Das organisiere ich nebenbei auch noch mit.

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Ein Rundgang mit der bekanntesten Bier-Sommelière Deutschlands durch die Brauerei von Ratsherrn – we like!

 

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Wie lang geht dein Tag dann so?

Manchmal von zehn Uhr morgens bis zehn Uhr abends, meine Arbeitszeit ist generell flexibel und jeden Tag unterschiedlich. Man weiß nie, was an dem Tag alles passieren wird.

Du machst unglaublich viel …

… und ich habe immer noch das Gefühl, ich würde zu wenig machen. Ich habe so viele Ideen und Projekte im Kopf!

Du bist ein richtiges Arbeitstier, was Spaß an der Arbeit hat. Wie schaltest du ab?

Ich heimwerke gern, das entspannt mich.

Und genehmigst du dir dann auch das typische Feierabend-Bier?

Selten. Ich habe so viel mit Bier zu tun und verbinde das natürlich mit Arbeit. In meiner Freizeit trinke ich lieber mal einen Champagner.

Vielen Dank für das Interview, liebe Sophia!

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Bier all over im Ratsherrn Store (Lagerstraße 30A, Hamburg).

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 Fotos: Pelle Buys

 

Hier findet ihr Sophia:

 

 

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