Sie erfindet das Deo neu: Judith Springer macht „Fine“

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Deo ist irgendwie immer noch das Schmuddelkind der Beautybranche, dabei benutzen wir es jeden Tag. Das ändert jetzt Judith Springer. Die Berlinerin wünschte sich ein natürliches Deo, was gut riecht, funktioniert und ein tolles Design hat. Also entwickelt die 41-Jährige innerhalb eines Jahres die vegane und aluminiumfreie Deodorant-Creme „FINE“. Was das Deo ausmacht, und welche Philosophie Judith beim Produktdesign und auch in ihrem Leben verfolgt, das erzählt uns die Kunstliebhaberin und Yoga-Lehrerin in ihrer Wohnung in Berlin-Pankow.

Deos bewegen sich immer noch – gerade was das Produktdesign betrifft – zwischen Zahnpasta und Intim-Waschlotion.

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femtastics: Wie bist du auf die Idee gekommen, ein Deo zu machen?

Judith Springer: Ich bin lange auf der Suche nach einem Deo gewesen, das funktioniert und nicht schädlich ist. Irgendwann stieß ich auf ein amerikanisches Produkt, fand aber weder die Konsistenz noch den Geruch gut. Deos bewegen sich immer noch – gerade was das Produktdesign betrifft – zwischen Zahnpasta und Intim-Waschlotion. Das Design ist meistens praktisch, aber nicht schön. Das wollte ich ändern.

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Die zusammengenähten afrikanischen Wandteppiche im Wohnzimmer (re. oben) sind Raphiagewebe des Königreichs Bakuba, die sowohl Tanzkleider als auch Brautgaben beziehungsweise Zahlungsmittel waren.

Also hast du los gekocht?

Ich habe erstmal vollkommen naiv in meiner eigenen Küche rumprobiert und die Ergebnisse meinen Freundinnen zum Testen gegeben.

Geht das einfach?

Das darfst du laut Gesundheitsamt eigentlich nicht – vor allem, wenn du keine Chemikern bist. Du musst Auflagen erfüllen und Sicherheitszertifikate haben.

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Packaging-Love: Das hübsche „Fine“ Deo

Ich suche nach einem Punkt, an dem alles im Einklang ist.

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Auf Nachfrage bestickt Judith die Beutelchen auch mit persönlichen Widmungen oder Namen, wie hier für ihre Tochter

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Ein Hobby von Judith: Sticken! Zu Beginn ihrer Gründung hat sie ihr eigenes Logo und die pflanzlichen Inhaltsstoffe ihres Deos gestickt.

Für die Rezepte hast du im Internet geschaut?

Ich hatte einen bestimmten Geruch im Kopf, den ich mit einem Produzenten in München umsetzen konnte. Die Firma entwickelt und stellt klassische Beautyprodukte für Hotels her. Ich war die Erste, die mit einem Deo angekommen ist.

Man könnte das Deo auch essen, es schmeckt nur wahrscheinlich nicht.

Welche Inhaltsstoffe sind in deinem Deo?

Sehr einfache Stoffe – man könnte das Deo auch essen, es schmeckt nur wahrscheinlich nicht. Die Hauptbestandteile sind Kokosnussöl, Kakao und Shea-Butter. Der Wirkstoff ist Natron. Dazu kommen ätherische Öle und Wachse.

Und warum ist das natürliche Deo „trotzdem“ effektiv?

Fast alle Inhaltsstoffe haben deodorierende Eigenschaften – besonders die ätherischen Öle wirken antibakteriell. Das Natron neutralisiert und stellt Basen her, so vermehren sich die Bakterien nicht.

Kann man auf das Natron allergisch reagieren?

Sehr wenige Menschen reagieren allergisch, deswegen arbeite ich gerade an einer Version, die duftneutral ist und vor allem für sensible Haut gut funktioniert.

 

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Überall in Judiths Wohnung findet man spannende Kunst, vor allem von weiblichen Künstlerinnen.

Was macht die Marke Fine aus?

Ich mag minimalistisches Design. Ich suche nach einem Punkt, an dem alles im Einklang ist. Eine Art Harmonie, in der es perfekte Schönheit gibt. Das gibt es in der Kunst, im Yoga und auch bei Menschen. Wenn alles passt. Das war meine Motivation. Und ich wollte keine Kompromisse eingehen, egal welche Kosten dahinterstehen.

Hat sich das ausgezahlt?

Der Erfolg gibt mir Recht. Ich stehe zu 100 Prozent hinter meinem Produkt.

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Möchtest du das Sortiment irgendwann erweitern?

Neben der Version für sensible Haut arbeite ich noch an einem zweiten Geruch. Das reicht erst mal vollkommen aus. Ansonsten habe ich mir vorgenommen, kein Produkt zu entwickeln, was es schon gibt. Ich habe kein Interesse daran, viel Geld zu verdienen. Ich möchte ein entspanntes Leben führen.

Du möchtest also kein Imperium gründen?

Nein, warum auch? Ich forciere es zumindest nicht. Ein Produkt interessiert mich allerdings: Sonnenhandcreme mit Mineralfilter. Ich fahre sehr viel Fahrrad und bekomme schnell Altersflecken an den Händen. Das gibt es noch nicht!

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Eines von Judiths Lieblingskunstwerken: Das Schuhbild von der Künstlerin Lenka Clayton (re.). „Sie hat befreundete Paare darum gebeten einen braunen Schuh getrennt voneinerander herzustellen, ohne Vorgaben. Ich habe einen gemacht und mein Mann hat einen gemacht. Wir haben ihr die Schuhe geschickt und sie hat sie professionell fotografiert. Das ist das beste Hochzeitsgeschenk“, erzählt Judith uns.

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Wie bringst du das Produkt an die Frau beziehungsweise an den Mann?

Da ich lange in der Kunst gearbeitet habe, habe ich ein großes Netzwerk. Viel funktioniert über Mundpropaganda und glückliche Zufälle. Instagram ist auch ein großer Faktor – darüber schreiben mich oft Magazine an. Das Deo war sogar schon mal ausverkauft, sodass gleich ein Verknappungseffekt eingetreten ist. Es steckt sehr viel Liebe in dem Produkt, die ich an die Leute weitergebe. Es ist ein sehr persönliches Produkt. Ich duze zum Beispiel alle meine Kunden, weil man so gleich auf einer freundschaftlichen Basis kommuniziert.

Du legst auch jedem Päckchen einen handgeschriebenen Gruß bei …

… weil ich es total wichtig finde! Das Deo ist ein Teil von mir und so will ich es auch rüberbringen.

Das Deo ist mittlerweile auch in Geschäften und Online-Shops erhältlich.

Ich hatte immer eine ganz genaue Vorstellung, wo ich das Deo gern verkaufen möchte. MDC Cosmetic stand ganz oben auf meiner Liste, das ist eine meiner Lieblingsadressen für Kosmetik hier in Berlin. Ich habe lange dafür gearbeitet und jetzt hat es auch geklappt!

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Das Schildkrötenbild hat die japanische Künstlerin Akane Kimbara gezeichnet. „Ich liebe ihre Kunst. Es ist ganz, ganz schlicht aber zu den Bildern kann man Geschichten erzählen“, schwärmt Judith.

Es steckt sehr viel Liebe in dem Produkt, die ich an die Leute weitergebe.

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Die Lampe im Flur mit den vielen Zetteln (u.li.) ist ein Hochzeitsgeschenk von Judiths Freunden.

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Machst du das Deo hauptberuflich?

Nein, ich unterrichte nebenbei Yoga und bin wissenschaftliche Mitarbeiterin am Goldsmith.

Das heißt, gelernt hast du eigentlich was ganz Anderes?

Eigentlich bin ich Juristin, habe aber nach dem ersten Staatsexamen gemerkt, dass es nur um Geld geht. Also bin ich nach New York gegangen und habe in ein paar Galerien gearbeitet. In Berlin habe ich dann ein Aufbaustudium Kultur- und Medienmanagement gemacht und nebenbei in Kunstprojekten gearbeitet und meine Promotion geschrieben. Ich hatte einen eigenen Projektraum, habe aber letztes Jahr aufgehört, weil mich das ganze Kunstsystem wahnsinnig nervt.

Es geht nicht mehr um die Kunst und ihre Qualität, sondern um das ganze Drumherum: wer kennt wen und so weiter. Ich bin irgendwann gar nicht mehr oder nur sehr spät zu Eröffnungen gegangen, weil ich nicht mit den Leuten reden, sondern die Kunst sehen wollte. Es geht nur noch ums Sehen und Gesehen werden – und um Geld. Und es ist sehr viel Selbstausbeutung, ich habe jahrelang Geld reingesteckt.

Im NBK und in Klärchens Ballhaus hast du 2013 ein Feminismus-Symposium veranstaltet. Wir kam es dazu?

Ich habe festgestellt, dass ich fast nur mit Künstlerinnen arbeite und ich habe auch nur Arbeiten von Künstlerinnen zu Hause hängen. Und dann habe ich mich gefragt: Gibt es sowas wie weibliche Kunst überhaupt? Dann kam Angela McRobbie, eine ganz bekannte Soziologin und Feministin, für die ich auch im Goldsmith arbeite, auf mich zu. Mit der habe ich dann das Feminismus-Symposium gemacht – das ging über drei Tage mit mehreren Talks, zwei Ausstellungen und einem Konzert.

Weißt du woher dein Faible für weibliche Kunst kommt?

Ich habe mich schon oft gefragt, warum ich so viele Arbeiten von Künstlerinnen habe. Mit Künstlerinnen ist es ganz oft einfacher zu arbeiten. Künstler haben ganz oft diese Künster-Allüren, was mich total nervt. Bei Künstlerinnen ist es oft ein Job wie jeder andere auch, bei Künstlern ist es direkt eine Berufung. Ansonsten kann ich gar nicht genau sagen, warum das so ist.

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Judith zeigt uns weitere Kunst aus ihrer großen Sammlung – in ihren Schubladen ist noch mehr versteckt.

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Judiths kunterbunter Arbeitsplatz.

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Momentan machst du zumindest beruflich eine Kunstpause?

Ja, aber Kunst wird immer Teil meines Lebens sein und ich bin viel mit Künstlern in Kontakt.

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Judith mit ihren Töchtern Nike und Nil.

Ich versuche, mir keine Ziele zu setzen, sondern einfach mitzugehen.

Außerdem bist du noch Yoga-Lehrerin und stickst gern. Ist es dein Ziel, weiterhin mehrgleisig zu fahren?

Ich versuche, mir keine Ziele zu setzen, sondern einfach mitzugehen. Das ist auch viel besser: Wie oft ist man im Leben enttäuscht, wenn etwas nicht klappt, was man sich vorgenommen hat. Durch das Yoga habe ich gelernt, wie man dem Leben begegnet – ich versuche, sowohl im Negativen wie auch im Positiven ein Equilibrium zu schaffen. Ich will allem freundlich begegnen.

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Eines der wenigen Werke, das von einem männlichen Künstler gemacht wurde: Die Nachtaufnahme vom Slum in Bombay über Judiths Bett stammt von dem Künstler Simon Menner.

Ich habe kein Interesse daran, viel Geld zu verdienen. Ich möchte ein entspanntes Leben führen.

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Practice, practice and all will come.

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Das Reich von Judiths Töchtern.

 

Kam diese Einstellung tatsächlich durch Yoga oder gab es einen besonderen Wendepunkt in deinem Leben?

Die Einstellung stellt sich mit dem Yoga ein. Es gibt von B.K.S. Iyengar den Satz: Practice, practice and all will come. Den liebe ich. Denn genauso ist es. Es passiert einfach.

Den Satz merken wir uns! Danke dir für das Gespräch, liebe Judith.

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Grow your own! Judiths Urban Jungle im Badezimmer.

Hier findet ihr Judith und FINE:

Fotos: Sophia Lukasch

 

 

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