Jules Wenzel tätowiert, näht und zeichnet von Beruf

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Beim Begriff „Illustration“ denken die meisten Menschen an Bilder auf Papier. Jules Wenzel illustriert auf Haut – als Tätowiererin – und gestaltet Fotomotive an ihrer Nähmaschine – in Form von Figuren und Gegenständen. Egal, welches Medium sie nutzt, ihr persönlicher Stil ist unverkennbar. Wir besuchen die 36-Jährige in ihrer gemütlichen Wohnung in der Hamburger Altstadt und schauen mit ihr zusammen in ihrem Atelier vorbei, in dem sie ihre kreativen Puppen näht, sowie im Studio „Immer & Ewig Tattooing“, in dem Jules als Tätowiererin arbeitet.

 

femtastics: Hast Du schon immer gerne gezeichnet?

Jules Wenzel: Ja, ich habe damit angefangen, mir meine Barbie-Pferde auf Papier zu legen, ihre Konturen zu zeichnen und das auszumalen oder Bilder in meine Kinderbücher zu kritzeln.

Du hast aber zuerst eine Fotografenausbildung gemacht und danach Kommunikationsdesign studiert. Warum zuerst Fotografie?

Ganz ehrlich? Das war mein Plan B, weil ich bei meinem ersten Versuch an der HAW in Hamburg nicht genommen wurde. Ich hatte meine Mappe gemacht, mich beworben – und wie es so oft ist: Beim ersten Versuch wirst du nicht genommen. Ein Freund von mir hat damals eine Ausbildung bei einem Fotografen gemacht und meinte: Schau’s dir doch mal an. So kam ich übers Praktikum zur Ausbildung.

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Jules wohnt im Dachgeschoss eines denkmalgeschützten Hauses

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Wie gefiel dir das Kommunikationsdesign-Studium?

Ich fand’s cool, ich habe zu der Zeit auch gerne fotografiert. Im Nachhinein denke ich, dass es genau richtig war, weil ich das Studium sonst vielleicht nicht so durchgezogen hätte wie ich es dann gemacht habe.

Wenn du eine Sache nicht in den Schoß gelegt bekommst, ist es eine noch bewusstere Entscheidung, sie zu machen.

… weil du wusstest, dass du es noch lieber machen willst als zu fotografieren?

Gerade, weil ich einmal abgelehnt wurde, wollte ich es noch mehr. Wenn du eine Sache nicht in den Schoß gelegt bekommst, ist es eine noch bewusstere Entscheidung, sie zu machen. Ich habe es in Kiel und Hamburg noch einmal mit einer Mappe versucht und wurde an beiden Schulen genommen. Ich entschied mich dann für Kiel, um mich mal aus dem bequemen Heimathafen rauszubewegen.

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Jules ist in Wuppertal geboren, wohnt aber seit ihrem 4. Lebensjahr in Hamburg

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Gute Aussichten: Aus ihrer Wohnung kann Jules über die ältesten Dächer Hamburgs schauen

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Das große Tattoo an Jules‘ rechtem Arm stammt von ihrem guten Freund und Illustrator Andreas Klammt.

Wann hast du dich auf Illustration spezialisiert?

Das ergab sich erst im Hauptstudium, als die erste Professur zur Illustration ausgeschrieben wurde. So hatte ich zuerst eine gute Basis mit Kommunikationsdesign und konnte mich danach auf Illustration spezialisieren. Es ist sinnvoll, als Illustrator die Gesamtzusammenhänge zu verstehen.

Ich glaube, mein Stil kam, als ich nicht mehr so sehr nach ihm gesucht habe.

Du hast einen sehr markanten Stil. Wann hast du ihn gefunden?

Jeder hat ja seinen eigenen Strich, aber es dauert halt, bis man die Richtung ausbaut. Ich glaube, mein Stil kam, als ich nicht mehr so sehr nach ihm gesucht habe. Während meines Studiums habe ich auch genähte Illustrationen gemacht und habe für meine Diplomarbeit Figuren genäht. Zum Zeichnen bin ich wieder übers Tätowieren gekommen.

Wie kam das?

Ich bin zum Ende des Studiums zurück nach Hamburg gezogen und da ist sehr viel in der Tattoo-Szene passiert. Das hatte nichts mehr mit den Standardmotiven zu tun, die es gab, als ich mich mit 18 habe tätowieren lassen. Jetzt gab es plötzlich diese aufwändigen, individuellen Tattoos mit illustrativem Anspruch – Zeichnungen auf der Haut. Haut als weiteres Medium für die eigenen Illustrationen, das hat mich einfach total gepackt. Zuerst nur für meine eigene Haut. Durch meinen damaligen Tätowierer entstand dann die Vermittlung für einen Lehrlingsplatz in einem Hamburger Tattoo-Studio.

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Der Fisch an der Jalousie weist auf Jules‘ Hobby hin: das Angeln

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Hattest du nach deinem Studium einen Berufswunsch? Hattest du erst vor, klassisch Illustration zu machen?

(räuspert sich) Das darf man eigentlich nicht erzählen – das ist wie wenn Kinder sagen: „Ich werde später Popstar“ – … Ich habe mir tatsächlich nie Gedanken darüber gemacht, was ich damit werde. Ich wusste nur: Ich will das lernen! Ich wollte unbedingt dieses Studium machen und besser zeichnen, richtig zeichnen können. Klar hab ich mir irgendwann auch Gedanken gemacht, was ich beruflich damit anfangen will. Ich hatte zuerst einfach Schiss, mich als freie Illustratorin zu behaupten, ins kalte Wasser zu springen, … und hab mich letztlich dann doch dazu entschieden.

Ich wollte unbedingt dieses Studium machen und besser zeichnen, richtig zeichnen können.

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Heute fährst du mehrgleisig: Du arbeitest als Tätowiererin, machst gezeichnete Illustration und genähte Figuren. Wie teilst du dir die Arbeit auf?

Das Tätowieren ist das tägliche Brot: Ich bin dreimal die Woche im Studio. Ich habe meine festen Tage, an denen ich arbeiten kann, aber nicht muss. Das ist eine ganz tolle Freiheit – ich könnte es mir nicht besser vorstellen. So ist es möglich, die meist spontanen Illustrationsanfragen wahrzunehmen. Die Anfragen für Arbeiten mit den Stofffiguren sind eher langfristig. Im Dezember werde ich wieder etwas für einen Kinderbuchverlag machen. Ich kann die genähten Figuren auch nicht kurzfristig anbieten, dafür sind sie zu aufwändig. Ich muss ein Konzept machen, Schnittmuster entwickeln, die passenden Stoffe besorgen, … Das braucht seine Zeit.

Nähen hast du ja auch nie richtig gelernt, oder?

Nein, gar nicht. Ich habe mir das selbst beigebracht. Ich kann keine Schnittmuster im klassischen Sinne machen. Aber es bringt einfach Spaß, mit Stoffen und Materialien zu experimentieren und dabei herauszufinden, ob es funktioniert oder nicht. Alle meine genähten Figuren sind Haute Couture, sprich maßgeschneidert und individuell. Dadurch kann ich das Endresultat aber auch nie zu hundert Prozent voraussagen. Ich weiß nicht, wie genau die Nase oder der Schuh am Ende aussehen werden. Das gefällt mir daran so! Ich bin ein ganz schlimmer Kontrollfreak und es tut mir sehr gut, Sachen zu haben, die ich nicht zu 100 Prozent planen kann, sondern improvisieren muss. Das ist geil! Bei den Zeichnungen ist es aber auch so, dass es meistens am besten aussieht, wenn ich nicht so pedantisch herangehe.

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Auf dem Weg zu Jules‘ Atelier im Hamburger Oberhafen

Hast du alle deine genähten Figuren noch?

Bis auf die Puppen, die bei mir als Kunstobjekt geordert wurden, bleiben alle Figuren als Original bei mir im Atelier. Ich verkaufe also das Bildmaterial zu den Figuren und nicht die Figuren selbst.

Wie oft nähst du?

Im Moment liegt mein Fokus auf dem Tätowieren, demnächst ist es wieder vermehrt Illustration, zeichnen tue ich dadurch die ganze Zeit. Und ich nähe, wenn ein Auftrag dafür kommt.

Und das gefällt dir so ja auch, oder? Mit den drei Disziplinen.

Ich würde mich langweilen, wenn ich nur eine Sache hätte. Ich liebe meine Arbeit und meine Kollegen, aber es ist schön, Nischen zu haben, in denen man nicht so festgefahren ist. Das ist wie in der Schule, wenn du verschiedene Cliquen hast – du bist nicht nur in einer Welt unterwegs. Ich freue mich immer richtig, wenn ich weiß, dass wieder ein „Wechsel“ ansteht. Dann wirst du wieder wach. Es ist manchmal schwer, immer wieder neu an dieselben Sachen heranzugehen. Da hilft es, zwischendurch etwas ganz Anderes zu machen.

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Ich bin ein ganz schlimmer Kontrollfreak und es tut mir sehr gut, Sachen zu haben, die ich nicht zu 100 Prozent planen kann, sondern improvisieren muss.

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Für uns öffnet Jules ihr Skizzenbuch – und zeigt uns ihre genähten Figuren

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Jules bastelt ihre Zeichnungen aus vielen einzelnen Teilen zusammen

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Wie gehst du an Tätowierungen heran?

Ich sitze immer viel länger an den Zeichnungen als an den Tattoos. Mittlerweile habe ich mir ein Zeitfenster festgesetzt, damit ich nicht endlos an den Zeichnungen arbeite – aber sie sind eben erst fertig, wenn ich denke, dass sie fertig sind.

Wie lange hast du gebraucht, um zu lernen, „auf Haut zu zeichnen“?

Ungewohnt ist am Anfang, dass du keinen Stift in der Hand hast, sondern eine Maschine, die vibriert, ein Eigengewicht hat und deine Hand nach hinten zieht. Das war eine Umstellung. Ich habe natürlich erst mal eine Sehnenscheidenentzündung bekommen, weil ich mich so verkrampft habe. Am Anfang habe ich das Tätowieren auf Bananen, Orangen und Kunsthaut geübt. Man könnte auch Schweinehaut nehmen, aber die stinkt total. Ich habe zuerst meinen damaligen Freund tätowiert – der hat sich netterweise zur Verfügung gestellt.

Deine Kunden kommen speziell zu dir, weil sie deinen Stil mögen. Aber ist es schon mal passiert, dass jemand zu dir kam und nach einem Tribal-Tattoo gefragt hat?

Nein, die Zeiten sind vorbei. Die Kunden, die zu mir kommen, haben sich meist schon länger mit der Wahl ihrer Tätowiererin auseinandergesetzt und wissen, was sie bei mir bekommen. Die Szene und die Stile sind ja viel weiter gefächert und somit spezialisierter als vor einigen Jahren. Der illustrative Stil wurde gerade sehr populär, als ich mit dem Tätowieren angefangen habe. Damals hat sich Verständnis dafür, dass Tattoos auch anders aussehen können, etabliert. Ich hatte also das richtige Timing.

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Die eckigen Brüste (links) im Bild hat Jules für ein Editorial genäht

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Vom Miniwaschbecken bis zu Pommes – Jules‘ Nähkunst sind keine Grenzen gesetzt

Alle meine genähten Figuren sind Haute Couture, maßgeschneidert und individuell.

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Hamburg und der Hafen sind wiederkehrende Themen in deinen Tattoo-Arbeiten, oder?

Ja, aber das liegt gar nicht an mir. Das sind Wünsche meiner Kunden. Wir leben eben in Hamburg und die Leute identifizieren sich mit ihrer Stadt. Gerade, wenn du deine ersten Tattoos machen lässt, packst du wahnsinnig viel Inhalt in deinen Motivwunsch: da muss deine Mutter geehrt werden, deine Oma, dein verstorbener Hund, dein Lieblingskäsekuchen, deine erste Ratte, deine beste Freundin, wo du herkommst, wo du hingehst, was du machst, … da muss alles rein! Hamburg und das Maritime sind eigentlich immer dabei. Und, klar, die Seefahrt ist historisch auch die Basis der Tätowierungen. Deshalb sind das klassische Motive.

Darfst du dich manchmal auch ganz frei ausleben?

Ja, mittlerweile habe ich auch Kunden, die sagen: Mach einfach, egal, sieht eh alles fein aus! Das finde ich natürlich toll, ich brauche aber einen Anstupser, eine grobe Motividee. Oft bedingen sich die Kundenwünsche auch gegenseitig. Wenn ich ein Käsebrot tätowiere und das auf Instagram zeige, bekomme ich danach viele Anfragen für Essenmotive.

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Auch diese Figur im Sadomaso-Look entstand für ein Editorial

Was würdest du gerne mal tätowieren? 

Ich mache wahnsinnig gerne Figuren, aber Häuser und skurrile Gegenstände liebe ich auch, ungewöhnliche Motive, die ich nicht schon mal vorher gemacht habe. Es waren schon mal eine Maggiflasche, eine Knoblauchzehe und der Pferdekopf auf dem Kissen aus dem „Pate“ dabei.

Gibt es eine Arbeit, auf die du besonders stolz bist?

Hm, da muss ich überlegen. Ein guter Freund von mir hat schon eine ganze Sammlung von Tattoos von mir – da kann man richtig meine Entwicklung sehen. Das schönste ist natürlich, wenn er rundum zufrieden ist.

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Jules teilt sich ihren Arbeitsplatz als Tätowiererin bei Immer und Ewig

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 Ich habe zuerst meinen damaligen Freund tätowiert – der hat sich netterweise zur Verfügung gestellt.

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Liebe zum Detail: Auch bei ihrem Arbeitsequipment lebt sich Jules kreativ aus – zum Beispiel mit Stickern auf den Farbflaschen

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Hast du schon mal ein Tattoo für dich selbst entworfen?

Das könnte ich gar nicht. Ich würde das dann wahrscheinlich in zwei Wochen doof finden (lacht). Außerdem sehe ja so viele verschiedene Motive, dass ich das Gefühl habe, ich hätte alles schon gesehen – ich wüsste gar nicht mehr, was ich selbst noch als Tattoo haben wollen würde. Naja, ich habe schon noch ein paar Wünsche, aber dafür muss sich erst die richtige Situation mit dem Wunschtätowierer ergeben.

Was machst du, um abzuschalten?

Früher war ich ein Pferdemädchen und ich habe gemerkt, dass ich es in der Stadt vermisse, regelmäßig draußen zu sein. Mein Freund angelt schon lange und vor ein paar Monaten im Urlaub habe ich, quasi aus Versehen und Langeweile, auch mal das Angeln ausprobiert ­– und hab am ersten Tag einen dicken Fisch aus dem Meer gezogen. Da musste ich diesen Sommer den Angelschein machen. Es tut gut, etwas ohne Ehrgeiz und Ziel, einfach nur zur Entspannung, zu machen. Das ist wie Meditation! Zudem bekommt man auch einen anderen Blick und mehr Wertschätzung für Fisch als Nahrungsmittel.

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Femtastics-Jules-Wenzel-Immer-und-ewig-Tattoo-Details

Gerade, wenn du deine ersten Tattoos machen lässt, packst du wahnsinnig viel Inhalt in deinen Motivwunsch: da muss deine Mutter geehrt werden, deine Oma, dein verstorbener Hund, dein Lieblingskäsekuchen, deine erste Ratte, deine beste Freundin, wo du herkommst, wo du hingehst, was du machst, … da muss alles rein!

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Und jetzt fährst du mit deinem Freund an den Wochenenden immer ans Wasser?

Nicht jedes Wochenende, aber ab und zu. Neulich habe ich meinen ersten Hecht geangelt, und zwei Stunden später meinen ersten Zander.

Klingt toll! Vielen Dank für das Interview, Jules!

 

Hier findet ihr Jules Wenzel:

Fotos: Linda David

 

 

 

 

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