Töpfern ist Trend! Zu Besuch bei Keramikerin Sinikka Harms

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Töpfern wird immer beliebter. Das haben wir zum Anlass genommen, die Keramikerin Sinikka Harms zu interviewen. Vor drei Jahren suchte die Hamburgerin einen Ausgleich und kam zur Töpferei. Gerade ist sie auf dem Weg, ihren Traum von der Keramik zu verwirklichen: Sie verkauft an Wochenenden auf Märkten, hat Schalen für das Restaurant Vlet kreiert und der eigene Onlineshop steht in den Startlöchern. Wir besuchen die 30-Jährige in ihrer Wohnung und in der Frauenwerkstatt in Hamburg-Dulsberg, die sie sich gemeinsam mit dreißig weiteren Frauen teilt. Wir nutzen die Möglichkeit und löchern sie mit allen Fragen rund um die Töpferei, sprechen mit ihr über DIY-Märkte, Kurse für Flüchtlinge und ihre Ideen für die Zukunft.

femtastics: Du hast Ethnologie und Geschichte studiert und widmest dich seit circa drei Jahren der Keramik. Wie kam es dazu?

Sinikka Harms: Ich habe meine Magisterarbeit geschrieben und brauchte etwas anderes als immer nur Bücher zu lesen und zwölf Stunden in der Bibliothek zu sitzen. Durch meinen Freund bin ich auf die Keramik gekommen, der hatte ganz schöne Holzbrandkeramik zu Hause. Da habe ich das erste Mal wirklich auf Keramik geachtet und nicht nur einfach eine Tasse in die Hand genommen. Dann habe ich einen Drehkurs an der Volkshochschule besucht und angefangen Keramik zu machen. Das hat mir dann so gut gefallen, dass ich hier die Werkstatt gefunden habe. Ich bin Mitgliedsfrau geworden und habe hier bestimmt drei, vier mal die Woche an der Scheibe gedreht. Meistens ist es mir um die Ohren geflogen (lacht) aber nach einem halben Jahr hat es irgendwann richtig gut geklappt.

Warum wolltest du nach dem Studium nicht in die Richtung deiner Studienfächer gehen?

Als ich fertig mit dem Studium war, wollte ich mich erstmal nicht mehr mit Wissenschaft beschäftigen. Ich habe ein bisschen Abstand genommen und die Keramik wurde dann immer mehr. Ich überlege immer mal wieder, was ich mit Ethnologie machen kann – durch den Flüchtlingsstrom gibt es da sicherlich bald auch mehr Möglichkeiten.

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Wir treffen Sinikka in ihrer Töpferwerkstatt.

Also möchtest du dich der Keramik gerne hauptberuflich widmen?

Halb und halb. Ich bin gerade dabei, das immer mehr auszubauen. Was dabei hilft, sind Märkte, weil man da viele Kontakte knüpfen kann. Außerdem ist es super, wenn Cafés oder Restaurants sich zum Beispiel für meine Teller interessieren, dann kann ich größere Mengen verkaufen. Wenn man jedes Wochenende nur Märkte macht, schlaucht das ganz schön. Durch die großen Aufträge erhoffe ich mir nicht, davon leben zu können, aber, dass es einen immer größeren Teil einnimmt.

Du tastest dich also langsam ran.

Ich traue mich im Moment noch nicht zu sagen: So, ich mache mich jetzt nur mit der Keramik selbstständig – das ist schon richtig schwer. Dann würde ich nur noch produzieren und mich nicht selbstverwirklichen. Aber es ist schon spannend, was im letzten Dreivierteljahr passiert ist. Ich verkaufe meine Teile jetzt bei dem Onlineshop Ink & Olive, produziere gerade Schalen für das Restaurant Vlet und jetzt habt ihr mich angeschrieben. Dann bin ich bei euch auf der Seite und vielleicht sieht mich ja irgendjemand und möchte etwas kaufen.

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Dein zweiter Job sind die Kunstkurse mit Kindern und Behindertenbetreuung.

Genau, bei der Behindertenbetreuung schraube ich gerade ein bisschen zurück, im Moment mache ich das zweimal in der Woche und kümmere mich um die Freizeitgestaltung für eine achtköpfige Erwachsenengruppe. Ich habe in der Woche drei Jobs und kriege das gerade alles nicht mehr in einen Pott, weil die Keramik jetzt mehr wird. In der Kunstschule bin ich auch zweimal die Woche und gebe da zum Beispiel Töpfer- oder Kreativkurse für Sieben- und Achtjährige. Das macht total Spaß! Den Rest der Woche bin ich hier – vorher, nachher, mittendrin und am Wochenende.

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Qual der Wahl: Eimer mit den unterschiedlichsten Glasuren.

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Wir sind Neulinge im Töpferbereich. Wie genau arbeitest du an deinen Keramiken? Welche Materialien und Werkzeuge nutzt du?

Erstmal bereitet man den Ton vor. Wenn ich den neu kaufe, dann ist der schon so homogen, dass da kaum Luft drinnen ist. Für eine Tasse mache ich mir dann eine kleine Kugel. Ich stelle Wasser bereit und gehe an die Scheibe. Dort muss ich den Ton dann erstmal zentrieren, das ist am Anfang das Schwierigste. Man versucht den Ton quasi in Einklang zubringen, sodass er ganz rund läuft, dann breche ich den Ton auf und ziehe ihn langsam hoch. Mittlerweile dauert das Drehen bei mir circa zehn Minuten für eine Tasse ohne Henkel. Nach dem Drehen muss ich die Tasse einen oder zwei Tage im Nassregal trocknen lassen bis sie lederhart ist.

Und dann kommt der Henkel ran?

Genau, dann drehe ich im nächsten Schritt die Tasse um und arbeite den Boden aus und kümmere mich um den Henkel. Dafür ziehe ich mir vorher ein Stückchen Ton und klebe ihn ran – mit ganz viel Wasser ziehe ich weiter und forme den Henkel. Danach muss es ins Trockenregal – da trocknet es dann circa eine Woche und wird danach bei 900 Grad gebrannt. Wenn das erledigt ist, kommt die Tasse ins Glasurregal, dann kann sie glasiert werden und von dort wird sie in den Ofen geräumt und bei ca. 1230 Grad gebrannt. Es dauert dann circa 44 Stunden bis man den Ofen wieder aufmachen kann. Wenn ich schnell bin, brauche ich für eine Tasse eineinhalb Wochen.

Mit Holzbrandkeramik hast du auch schon gearbeitet. Was ist das genau?

Für Holzbrandkeramik benötigt man einen riesengroßen Ofen, der rein mit Holz befeuert wird. Ich habe zweimal so einen Brand mitgemacht, der über zwei Tage und zwei Nächte ging, das war ein Seminar an der Müritz. Das ist schon cool – ich hatte die Nachschicht und morgens um 5 Uhr fingen die Vöglein an zu zwitschern. Man muss hoffen, dass der Ofen über 1300 Grad heiß wird und das muss sich dann über drei Tage halten. Dafür braucht man Platz und es qualmt wie Hulle, überall schießen Flammen heraus – das heißt Anagama Firing, das ist japanisch und die machen ganz irre Sachen. Durch die Flammen, die an den Objekten vorbeischießen, bekommen diese dann ganz unterschiedliche Farben.

Der Elektroofen, den ihr hier habt, brennt dann eher gleichmäßig?

Genau, da kommt es dann auf die Glasur drauf an, die man vorher aufträgt, wie es danach aussieht. Ich habe da auch nur rudimentäres Wissen, das ist aber alles total spannend.

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Einmal ist mir ein Teller wie eine Frisbee abgeschmiert und durch den ganzen Raum geflogen.

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Sinikka zeigt uns ihre Teller.

Und welche Brenntechnik ist typisch deutsch?

Im Westerwald gibt es zum Beispiel die bläulich-grauliche Keramik, das ist Salzbrand. Die haben riesengroße Öfen, die so groß sind wie dieser Raum. Die Keramiker produzieren ein Jahr lang, packen den Ofen voll, knallen das Salz rein und das lagert sich dann auf der glühenden Keramik ab – dadurch entsteht dieser Orangenhauteffekt.

Klingt spannend! Man erkennt auf jeden Fall einen roten Faden in deinen Arbeiten. Wie würdest du deinen Stil beschreiben?

Viele meiner Keramiken sind in Türkis-Blau, weil das meine Lieblingsfarbe ist. Ich mag die Farbe außerdem, weil sie matt ist. Mittlerweile mache ich aber auch ganz viel in Beige, dafür benutze ich einen unglasierten Ton mit kleinen Punkten aus England, den ich in einem Katalog gefunden habe – der dreht sich einfach super. Ich versuche meinen eigenen Geschmack in meine Keramik mit reinzubringen – man muss sich damit identifizieren können.

Wir haben gesehen, dass du mit Tellern angefangen hast und jemand bei Dir auf Instagram geschrieben hat, dass das mit die schwierigste Disziplin sei.

Ja, es ist total schwer. Auf der Scheibe kann man das mit einem Holzteller formen, einmal ist mir ein Teller aber wie eine Frisbee abgeschmiert und durch den ganzen Raum geflogen. Ich forme die Teller aber mit der Hand, weil ich es schön finde, wenn sie nicht ganz gleichmäßig sind. Am Anfang habe ich sie zu dünn gemacht. Der Ton bewegt sich im Ofen und wird weich, der Teller wölbt sich dann im Ofen nach oben und wird schnell schief. Zwei Öfen waren dann voll mit schiefen Tellern – aber jetzt klappt es (lacht).

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Nicht immer kommt die Keramik so aus dem Ofen, wie Sinikka es sich vorgestellt hat. Aber: Scherben bringen bekanntlich Glück.

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Hast du auch mal überlegt selbst Kurse zu geben?

Ja, das habe ich schon mal überlegt, bin aber durch die ganzen Märkte nicht dazu gekommen. Meine Freundin und ich sind jetzt gerade dabei, Töpferkurse für Flüchtlinge zu entwerfen. Da geht es dann eher ums gemeinsame Töpfern. Ich übe jetzt ein bisschen das Lehren mit einer Freundin. Da merkt man schnell, was man alles zu sagen vergisst, weil man es selbst schon für ganz normal hält. Hier im Studio werden aber auch Kurse gegeben.

Wer ist hier noch mit im Studio?

Insgesamt sind das sechzig Mitgliedsfrauen. Dreißig in der Tischlerei nebenan und dreißig in der Keramik. Das trägt sich alles selbst über Mitgliedsbeiträge. Wir brauchen auch immer wieder neue Mitgliedsfrauen. Die meisten haben dann einen Schlüssel und man kann hier immer herkommen, wann man will. Viele sind berufstätig, deswegen ist hier tagsüber meistens eher wenig los.

Und die Brennkosten entstehen dann noch extra?

Genau, wir haben Mitgliedsbeiträge und dann kommen die Brennkosten dazu. Eine Tasse zu brennen kostet zum Beispiel ungefähr 80 Cent.

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Unten links: Sinikkas Logo.

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Step 1: Luft aus dem Ton kneten.

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Step 2: Kugel für eine Tasse formen.

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Step 3: Den Ton an der Scheibe drehen.

Bei Etsy hast du bereits einen kleinen Shop. Planst du auch einen eigenen Onlineshop?

Da bin ich gerade bei. Aber das ist ja nicht mit dem Bilderhochladen getan. Man muss alles ausmessen und die AGB’s und das Impressum erstellen und und und. Ich lese mich gerade ein.

Kannst du dir vorstellen, in Zukunft einen eigenen Laden mit Werkstatt zu eröffnen?

Ich habe überlegt, ein Atelier mit Laden zu eröffnen. Aber ich bin mir noch nicht ganz sicher, wo die Reise hingeht, ob ich in Hamburg bleibe oder nochmal woanders hingehe. Bei Gewerbeimmobilien muss man sich meistens für ein paar Jahre einmieten. Eine Miete würde ich mit meinen Sachen auch noch nicht reinkriegen. Jetzt probiere ich es erstmal über Cafés.

Auf Cafés gehst du also proaktiv zu?

Ja, wenn ich was sehe, schreibe ich eine E-Mail und frage einfach: Habt ihr Lust auf Keramik in eurem Geschäft? Ich habe gerade den Besonderslecker Markt gemacht und jetzt kommen noch der DIY-Nachtmarkt im Obi in Altona am 14. November und Holy Shit Shopping am 28. und 29. November, dann ist auch schon Dezember.

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Fertig!

Auf den Designermärkten bekommst du das direkte Feedback von deinen Kundinnen. Hast du das Gefühl, dass die Nachfrage nach handgemachter Keramik immer mehr ansteigt?

Ja, auf jeden Fall. Meine Teller habe ich zum Beispiel auf dem letzten Markt alle an Food-Blogger verkauft. Leute legen einfach mehr wert auf Handmade. Ich merke das auch bei mir selber, ich gehe auch gerne auf diese Märkte und gebe dann lieber 20 Euro mehr aus, weil ich denke: Die stehen hier jetzt und geben sich Mühe mit den Sachen. Das unterstütze ich gerne.

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Bist du auch viel auf Blogs und Instagram unterwegs und lässt dich inspirieren?

Vor allem über Instagram. Das ist super für mich, da gucke ich zum Beispiel, wie andere die Teller in die Öfen stellen oder wie die Studios aussehen. Ich mag es besonders gerne, Leuten aus verschiedenen Ländern zu folgen.

 

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Sinikka wohnt mit ihrem Freund in einer 3-Zimmerwohnung.

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All handmade by Sinikka!

Du lässt dich viel von Reisen inspirieren. Welches Land fasziniert dich besonders?

Portugal gehört ganz oben dazu. Mein Freund ist Portugiese und wir reisen oft dorthin. Ich war schon viel unterwegs, aber nicht außerhalb von Europa. Das ist jetzt das nächste Ziel: nach Goa zu fahren und dort am Strand rumzuhängen. Ich war ein Jahr in Sevilla, als Erasmus-Jahr, das war toll.

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Wir sind Fans von Sinikkas Keramik – #supportyourlocalheroes!

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Gibt es in Hamburg eine Keramikszene? Tauscht ihr euch hier aus?

Ja, mit Nata von Suntreestudio und Tina, mit denen ich auch die Märkte mache, die habe ich beide hier kennengelernt. Das ist ganz lustig, wir haben das Töpfern eigentlich alle hier gelernt, also learning by doing. Wir haben alle einen ganz unterschiedlichen Stil – das ist schon spannend. Am Anfang war das schon ähnlicher als es jetzt ist. Wir unterstützen uns auf jeden Fall: Die eine liest zum Beispiel viel über Glasuren, ich habe zum Beispiel viel mit Tellern ausprobiert – da kann man schon voneinander profitieren.

Das klingt super! Danke für das schöne Interview und den Einblick in das Töpfer-Business, liebe Sinikka!

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Auf dem Balkom pflanzt Sinikka selbst an.

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DIY: Aus einem Kaffeesack wird ein Kissen.

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Hier findet ihr Sinikka Harms:

Hier könnt ihr Keramiken von Sinikka bei Etsy kaufen.

Fotos: Pelle Buys

 

 

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