Kunst, Krawall und Kochen – ein Besuch bei Moderatorin Maria Gresz

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So gut wie jeden Sonntag, am späten Abend, moderiert Maria Gresz das „Spiegel TV Magazin“. Und das tut sie schon seit 27 Jahren. Rockerkrieg, Nazis, Salafisten, korrupte Politiker und Betrügerbanden kennt Maria Gresz aus erster Hand. Aber sie befasst sich auch mit anderen Themen – zum Beispiel, wenn sie Filme für die „Spiegel TV Reportage“ macht, wie kürzlich eine Dokumentation über und mit Wolfgang Joop. Wir haben Maria Gresz in ihrer Hamburger Altbauwohnung besucht, um mit ihr über ihre Kunstsammlung, den Beginn ihrer TV-Karriere, Prügeleien vor der Kamera und Durchhaltevermögen zu sprechen. Und darüber, was ihr an ihrem Job immer noch am meisten Spaß bringt.

 

Femtastics: Auf der Facebook-Seite des „Spiegel TV Magazins“ kokettiert euer Social Media Team mit der „niemals lächelnden Maria Gresz“. Wie stehst Du dazu? Hast Du Dir dieses Image ausgesucht?

Maria Gresz: Ich habe mir das Image schon bewusst ausgesucht, es wurde mir aber auch ein bisschen zugeteilt. Als ich bei Spiegel TV anfing – das ist jetzt 27 Jahre her – hatte ich zwar ein Volontariat bei einem Radiosender hinter mir, aber hatte vorher in meiner Schulzeit auch gemodelt. Das habe ich gerne gemacht, aber das mit dem Lächeln, das lag mir irgendwie nicht. Es war ganz schlimm, wenn ich Katalogfotos machen musste und es hieß: „Jetzt ein ganz fröhliches Lächeln!“. Und dann kam ich zu Spiegel TV und Stefan Aust sagte sehr schnell: „Weißt Du, Maria, Du könntest doch auch moderieren“. Er hat mich da hingesetzt und gesagt: „Maria, Du guckst wie Buster Keaton und Du liest Deine Texte, als ob Du das Telefonbuch runterliest“. So hab ich das auch gemacht und meine Moderation ganz cool, emotionslos vorgetragen. Und aus dieser Ansage und meiner Neigung, nicht die fröhlichste zu sein, hat sich ein Stil entwickelt.

… und dem bist Du treu geblieben.

Ich finde nach wie vor, dass es extrem wichtig ist, dass ich die Moderation nüchtern rüberbringe. Die Meinung in meinen Texten ist stark genug und wenn ich sie mit einem fröhlichen Augenaufschlag sagen würde, dann würde es sie verfälschen. Was ich mir über die Jahre alles anhören musste – „Das ist zu streng, Du wirkst ja wie eine Domina!“ – und ich habe es auch mal anders versucht, aber dann fühle ich mich nicht wie ich selbst. Mir geht diese fröhliche Art bei manchen anderen Moderatoren auch auf die Nerven.

 

Als ich anfing, gab es keine Frauen in solchen Positionen.

 

Als Du Moderatorin für das „Spiegel TV Magazin“ wurdest, war das damals ja ein Novum, oder?

Als ich anfing, gab es keine Frauen in solchen Positionen. Da gab es Ansagerinnern, Tagesschausprecherinnen, aber dass eine Frau – zudem ein 21-jähriges, blondes Ex-Model – ein politisches Magazin moderiert, das war total neu. „Panorama“, „Monitor“ und so weiter, die wurden alle von älteren Herren moderiert. Frauen durften höchstens vor die Kamera, wenn sie zwanzig Jahre Karriere bei den Öffentlich-Rechtlichen hinter sich hatten und Mitte Vierzig waren. Das war aber Stefan Aust auch klar. Der hat gewusst, was er mit dieser eigenmächtigen Entscheidung, mich zur Moderatorin zu machen, getan hat.

 

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Maria Gresz‘ Kunstsammlung nimmt die ganze Wohnung ein. In der Küche hängen unter anderem Werke vom Hamburger Künstler Stefan Marx.

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Das überdimensional große Energy-Band an der Wand ist von Thomas Hirschhorn.

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An der Bücherwand lehnt ein Bild von Wolfgang Joop – ein Geschenk vom Künstler persönlich.

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Du bist aber nicht mit dem Ziel, zu moderieren, zu Spiegel TV gegangen?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe ein Volontariat bei „Radio 107“ gemacht, das gerade zu Ende ging, und da sagte meine Freundin Babette: „Ich hab gehört, der Spiegel, der macht jetzt Fernsehen“. Dann bin ich in meiner Mittagspause rüber gerannt. Da saßen dann Stefan Aust, eine Sekretärin und ein Redakteur. Leider brauchten sie niemanden mehr, nur eine Redaktionsassistentin. Ich habe gesagt: „Dann mach ich das!“. Die Chefsekretärin wollte aber einen Beweis von mir, dass ich 10-Finger-Blindsystem auf der Schreibmaschine beherrsche. Ich hab mich sogar hingesetzt, Blatt eingespannt und etwas reingehauen, das Stefan mir diktiert hat. Das war natürlich voller Fehler. Aber Stefan hat gesagt: „Wenn jemand so dringend hier arbeiten will, dass er sogar lügt, um den Job zu kriegen, dann stellen wir Dich ein.“ Also war ich erst Redaktionsassistentin und wurde dann Jungredakteurin. Dass ich vor die Kamera kam, war Zufall. Ich wollte eigentlich nur weiter journalistisch arbeiten und Beiträge machen.

Wie liefen Deine ersten Beiträge ab?

Ich wurde direkt losgeschickt, mit Kamerateam und den Worten: „Mach mal!“. Das war totales Neuland für mich. In meinem ersten Film, den ich gemacht habe, ging es um einen Abgeordneten, der in komische Sachen verstrickt war. Ich wollte ihn auf seinem Bauernhof, so sagt man heute, „crashen“. Damals habe ich naiv gedacht: Ich geh dahin und mache ein Interview mit ihm. Als wir ankamen, stürmte er auf die Kamera zu, griff sich einen Mülleimer und schmiss den nach uns. Ich dachte mir: „Ok, das hat wohl nicht geklappt“ und bin zurück in die Redaktion gefahren. Als Stefan Aust mich gefragt hat, wie es lief, habe ich geantwortet: „Der hat nur mit einem Mülleimer nach uns geschmissen.“ Und Stefan Aust rief: „Was? Perfekt!“ Da habe ich begriffen: Du musst nicht immer ganz normale Interviews machen, bei Spiegel TV läuft das auch anders.

Du bist ja fast während Deiner gesamten Zeit bei Spiegel TV immer auch redaktionell involviert gewesen und bist heute auch Redaktionsleitung vom „Magazin“ und von „Spiegel TV Reportage“. Was macht Dir am meisten Spaß an Deinem Job?

Das Filmemachen. Ich habe es eine Zeit lang nicht gemacht und in dem Moment, als ich wieder angefangen habe, Filme zu machen, wusste ich: „Das ist es!“. Auf Dreh zu fahren, mit einem Team und einer Geschichte, die man erzählen will, und dann im Schnitt zu sitzen und einen guten Film daraus zu machen, das ist das, was am meisten Spaß bringt.

… Und seit rund 27 Jahren für Spiegel TV. Wie fühlt sich das an, so mit einer Marke verwachsen zu sein?

Merkwürdig. Ich glaube, die Generationen nach mir können sich das gar nicht vorstellen.

Hast Du denn zwischendurch überlegt, etwas Anderes zu machen?

Klar, ich habe auch Angebote bekommen. Aber ich habe immer begriffen, dass das, was wir bei Spiegel TV machen können, so unabhängig ist und ich kann Filme machen, moderieren, Redaktionsleitung sein, um die Welt reisen, die Sendung mit gestalten … ich glaube, etwas Besseres hätte ich nicht gefunden.

Heute wird von Journalisten oft erwartet, dass sie alles können. Am besten soll man sich als VJ selbst die Kamera umbinden, Interviews führen, den Beitrag selbst schneiden … Man denkt, man müsse das alles liefern können.

Aber muss man nicht. Ich finde nicht, dass jeder alles können muss. Wir haben bei uns auch viele Bewerber, die sagen: Ich kann auch selbst drehen und selbst schneiden. Das ist aber nicht der Grund, warum wir sie einstellen oder nicht einstellen. Es geht immer noch um den journalistischen Kerngedanken: können sie gute Geschichten erzählen, Dinge aufdecken, brennen sie für diese Themen?

Wie hoch ist der Frauen-Anteil in der Redaktion des „Spiegel TV Magazins“?

Nicht ganz, aber fast 50/50. Das finde ich total angenehm. Ich arbeite auch gerne mit Männern. Aber sie sind manchmal etwas anstrengend, weil sie immer viel Zeit mit Selbstdarstellung verbringen, während Frauen konzentrierter sind, die Sachen wegarbeiten. Manchmal sind Frauen aber zu meinungsschwach. Entscheidungen werden nicht so schnell gefällt, sondern erst noch einmal durchdacht und mit anderen besprochen. Eigentlich ist das gut, aber wenn es schnell gehen muss, sind Frauen zu ängstlich. Da können wir noch dazulernen.

Du hast vor kurzem eine Doku mit Wolfgang Joop gemacht. Kam das auf Deine Initiative hin zustande? Du kennst ihn ja auch privat.

Ja, genau. Ich hatte ja schon einmal eine Doku über ihn gemacht und da kam die Idee auf, es zu wiederholen. Und das war natürlich die reine Freude! Das ist fast gar keine richtige Arbeit. Ich finde, dass Wolfgang Joops Geschichte sehr interessant ist, ungewöhnlich für Deutschland. Mir würde gar keine andere Familie einfallen, die eine so interessante Vita hat.

 

Das wäre für mich immer eine alternative Karriere gewesen: ein Restaurant zu eröffnen.

 

Oft musst Du Dich im Rahmen Deiner Arbeit ja auch mit weniger schönen Themen befassen – mit Nazis, Rockern, Salafisten, Problemfamilien, … Was machst Du denn privat, um Dich davon zu erholen?

Ich sammle Kunst – ich gehe auf Galerieeröffnungen, ich schaue mir in den Kunsthochschulen die Jahresausstellungen an. Ich koche leidenschaftlich gern. Das wäre für mich auch immer eine alternative Karriere gewesen: ein Restaurant zu eröffnen. Ich kann wirklich gut kochen! Nach der Arbeit fahre ich entweder noch einkaufen oder ich gucke, was im Kühlschrank ist und zaubere etwas daraus. In den zwei Stunden von halb sieben bis halb neun, bis das Essen fertig ist, bin ich in der Küche am Wirbeln. Meine zwei Jungs sagen immer: „Oh, Mami, wie soll das später werden, wenn wir nicht mehr bei Dir essen können?“ Die werden total von mir verwöhnt.

Was kochst Du am liebsten?

Asiatisch am liebsten, und italienisch.

Nimmst Du denn Themen aus der Arbeit – auch nur gedanklich – mit nach Hause?

Ich nehme sie ungern mit. Manchmal kommen eher meine Söhne damit an. Wenn sie zum Beispiel sehen, dass ich auf Facebook angefeindet werde. Ich selbst bin ja nicht bei Facebook und sehe das nicht. Ich mache mir keine Sorgen darum, das wäre ja noch schöner – nur dann, wenn die Jungs verunsichert werden. Benachrichtigungen bei Twitter, zum Beispiel, habe ich ganz schnell wieder ausgeschaltet.

Und erkennen Dich viele Menschen in der Stadt?

Wenn ich zum Beispiel über den Steindamm gehe, weil ich da oft einkaufe, höre ich manchmal: „Ey, bist Du nicht die Alte von Spiegel TV? Komm rein, kriegst’n Bier umsonst!“ Meistens sind die Menschen total nett. Aber ich habe es auch schon anders erlebt.

Sind Menschen schon einmal gewalttätig gegen Dich geworden?

Als junge Reporterin war ich einmal mit dem Kamerateam im Fußballstadion. Der Kameramann war Jugoslawe und wir haben einen Beitrag über rechtsradikale Fußballfans gemacht. Einer kam an und hat meinen Kameramann angepöbelt. Daraufhin habe ich gesagt: „Lern Du doch erst mal richtig Deutsch!“. Der Typ war nämlich aus dem Osten und sprach einen ganz schlimmen Dialekt. Da ist er drei Meter zurückgegangen, hat Anlauf genommen und hat mich mit gestrecktem Fuß in die Brust getreten, sodass ich – Wumm! – umgefallen bin und ohnmächtig war. Das war das erste und letzte Mal, dass mich jemand angegriffen hat. Das war beängstigend, aber es mich nicht davon abgehalten, weiterzumachen.

 

Mein Kunstgeschmack ist immer ein bisschen freakig.

 

Und wie kamst Du dazu, Kunst zu sammeln, um von den schönen Dingen zu reden?

Das hat damit zu tun, dass ich selbst Kunstgeschichte und Archäologie studiert habe. Ich wollte eigentlich Künstlerin werden, habe mich an der HFBK beworben, bin nicht genommen worden und habe dann gedacht, okay, vielleicht Kunstgeschichte und Archäologie. Ich habe aber nach wenigen Wochen festgestellt, dass das Studium staubtrocken ist. Wir saßen in einem Keller und ich hatte noch nicht mal ein Latinum. Ich habe das dann geschmissen, aber habe mich immer für Kunst interessiert. Ich habe auch selbst gemalt und gezeichnet. Und als es irgendwann ganz gut lief mit Spiegel TV und ich dachte, ich möchte mit meinem Geld nicht nur Taschen und Schuhe kaufen, da fing das so an. Ich habe mich schnell auf Hamburger Nachwuchskünstler konzentriert, die entweder noch im Studium sind oder gerade fertig. Das sind auch die, die man sich noch leisten kann. Wenn ich mal etwas Teureres gekauft habe, dann habe ich das immer abgestottert. Bei meinen großen Meese Werken bin ich in die Galerie CFA gegangen und habe gesagt: „Ich möchte gerne einen großen Jonathan Meese haben, aber ich habe leider nicht so viel Geld, dass ich ihn gleich bezahlen könnte.“ Und es war immer möglich, das abzustottern. So habe ich sukzessive immer mehr dazu gekauft.

Wie entdeckst Du neue Künstler, außer an den Unis?

Ich war immer eng befreundet mit Elena [Winkel], die die Kunstmesse „index“ macht. Die hatte natürlich immer einen guten Zugang zu allen Künstlern. Und die Galerie CFA. Im Grunde kannst Du auch auf der Fleetinsel in Galerien gehen, die haben alle ein ziemlich gutes Angebot. Aber ich habe relativ wenig in Galerien gekauft. Meistens an den Unis, und ich habe auch oft Künstler hier zu Hause gehabt, die etwas mitgebracht haben.

Nach welchen Kriterien wählst Du aus, was in Deine Sammlung kommt?

Nach meinem Geschmack. Ein bisschen freakig ist es immer.

Welche sind Deine absoluten Lieblingskünstler?

Jürgen von Dückerhoff, Jonathan Meese, Volker Hüller, Dennis Scholl und Stefan Marx. Und Ulrich Lamsfuß! Also wenn ich mir von dem noch mal was leisten könnte … Aber das ist jetzt hoffnungslos. Manchmal hat man allerdings auch Glück. Auf einer Solidaritätsversteigerung zugunsten eines Künstlers, der einen Unfall hatte und arbeitsunfähig war – die hatten Freunde von ihm im Netz veranstaltet – war ein Werk von Andreas Hofer. Ein super Künstler, von dem ich mir zuvor aber nie was leisten konnte. Das habe ich direkt gekauft. So bin ich an einen Andreas Hofer gekommen. Mein Sohn fotografiert übrigens, das finde ich sehr spannend. Das Bild da vorne an der Wand ist von ihm.

Und was machst Du, wenn Du irgendwann vielleicht doch nicht mehr bei Spiegel TV arbeitest?

Dann mache ich ein Restaurant mit Galerie auf! (lacht) Ich mache dann den Ideengeber fürs Restaurant und mache alle zwei, drei Monate Ausstellungen mit jungen Künstlern. Vielleicht ist es ja bald soweit. Ich kann den Job bei Spiegel TV ja auch nicht ewig machen.

 

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Maria Gresz mischt in ihrem Zuhause moderne Möbel mit Antiquitäten. Viele Stücke hat sie von ihrer Mutter, einer ehemaligen Antiquitätenhändlerin.

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Im Studio von Spiegel TV und davor in der Maske.

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Fotos: Janna Tode

 

 

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