Sarah Diehl kämpft um das Recht auf Abtreibung und Kinderlosigkeit

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Sarah Diehl ist Autorin und Aktivistin in Berlin. Ihre Themen: das weibliche Recht, selbst zu entscheiden, ob man Kinder möchte oder nicht – auch im Falle einer ungewollten Schwangerschaft – und unser Umgang mit freiwillig kinderlosen Frauen. Sarah Diehl hat das Buch „Die Uhr, die nicht tickt: Kinderlos glücklich“ geschrieben und setzt sich mit der Organisation Ciocia Basia dafür ein, Frauen aus Polen, wo Abtreibung strafbar ist, einen sicheren Schwangerschaftsabbruch in Deutschland zu ermöglichen. Wir treffen die 39-Jährige in ihrer Berliner Wohnung zum Gespräch über die Grenzen des Feminismus, den weiblichen Körper, die Angst vor der Kleinfamilie und neue Formen der Elternschaft.

 

femtastics: Du hast Museologie, Afrikawissenschaften und Gender Studies studiert. Hattest du vor dem Studium einen Berufswunsch?

Sarah Diehl: Schriftstellerin oder Autorin! Ich wollte Geschichten aus der Welt einsaugen, mit ihnen etwas machen und sie zurückgeben – in welcher Form auch immer. Das wollte ich schon in der Pubertät beruflich machen. Heute schreibe ich Romane, Sachbücher und habe einen Dokumentarfilm gedreht. Und ich hatte immer das Gefühl, dass die Themen mir sagen, mit welchem Medium sie behandelt werden wollen.

Du wolltest aber nicht Journalistin werden, sondern Autorin?

Ich glaube, dass man nicht jede Erfahrungswelt journalistisch abbilden kann. Manchmal braucht man Fiktion. … Bald kommt mein zweiter Roman heraus!

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Sarah wohnt in einer Altbauwohnung in Berlin-Kreuzberg.

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Und wie kamst du darauf, Museologie zu studieren?

Das hat sich ergeben, weil ich nur Fachabitur hatte und Museumswissenschaften einer der wenigen Studiengänge war, zu denen ich zugelassen werden konnte. Es war dann aber sehr interessant. Ich fand immer die Arbeit in den Archiven, in den Kellern, total spannend. Meine heutige Arbeit ist gar nicht so anders: Ich stochere jetzt in Geschichten herum, gucke mir Dinge genau an und präsentiere sie am Ende. Mich interessieren die Untiefen – und deshalb finde ich vielleicht auch das Thema Abtreibung so interessant.

Das Thema Abtreibung ist so negativ belastet, dass es Frauen sehr schwer gemacht wird, ihre eigenen Einstellung und ihren eigenen Weg zum Thema Abtreibung zu definieren, der nicht von Scham und Schuldgefühlen bestimmt ist,

Wie wurden die Themen rund um Frauen, den weiblichen Körper und Abtreibung für dich so relevant?

Die erste Anthologie, die ich geschrieben habe, hieß „Brüste kriegen“. Da fing ich an, mir Gedanken dazu zu machen, wie mein weiblicher Körper einerseits Gefängnis ist, andererseits aber auch Potential. Wenn man darüber nachdenkt, landet man ganz natürlich beim Thema Abtreibung, weil das ein sehr umkämpftes, geradezu mythologisiertes Thema ist. Das Thema ist so negativ belastet, dass es Frauen sehr schwer gemacht wird, ihre eigenen Einstellung und ihren eigenen Weg zum Thema Abtreibung zu definieren, der nicht von Scham und Schuldgefühlen bestimmt ist, sondern den Frauen selbstbewusst vertreten können.

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Sarah ist studierte Museumswissenschaftlerin und hat sich, sozusagen, zu Hause ein eigenes Museum erschaffen, das ihre Reisen und ihre Interessen widerspiegelt.

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Fakt ist: Es gehört zur Gebärfähigkeit dazu, dass einmal etwas schief laufen kann und dass die betreffende Frau dann auch die Kontrolle darüber haben muss!

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Was genau meinst du?

Das Thema wird oft in einer philosophischen Diskussion über den Beginn des menschlichen Lebens behandelt, aber man denkt nicht daran, dass eine andere Person – nämlich die schwangere Frau – die Konsequenzen tragen muss. Es ist wichtig, festzustellen, dass es Personen gibt, die unsere philosophischen Diskussionen ausbaden müssen.

Zum Beispiel in Form von Gesetzen?

Ja, einerseits Gesetze, die den Zugang zu Abtreibung erschweren oder verhindern. Aber auch, wie Frauen, die abgetrieben haben, gesellschaftlich verurteilt werden: Ihnen wird immer wieder gesagt, sie seien Täter und hätten Schuld. Fakt ist: Es gehört zur Gebärfähigkeit dazu, dass einmal etwas schief laufen kann und dass die betreffende Frau dann auch die Kontrolle darüber haben muss! Und vielleicht ist das gar nicht so ein Drama, wie uns die Gesellschaft permanent glauben machen will. Ich finde, das Thema Abtreibung sollte gesellschaftlich diskutiert werden wie zum Beispiel Menstruation oder Fehlgeburt, aber nicht immer in einem Satz mit Tod und Töten.

Ist da auch eine Aufklärung nötig?

Auf jeden Fall. Ich finde, Frauen sollten neue wissenschaftliche Studien kennen, die belegen, dass man vor der 24. Woche, also vor Beginn des 6. Schwangerschaftsmonats, wirklich nicht von Subjektivität im Bezug auf den Embryo sprechen kann. Der Embryo hat keine Wahrnehmung und kein Schmerzempfinden. Das sollten Frauen wissen. Es stimmt, dass der Embryo schon ab der 6. Woche einen Herzschlag hat – und das wird so romantisch aufgeladen – aber im Grunde ist das Herz auch nur ein Muskel, der arbeitet. Abtreibungsgegner arbeiten gerne mit diesem Bild des schlagenden Herzens. Aber der Embryo hat zu diesem Zeitpunkt noch kein Gehirn und somit kann auch nicht von Wahrnehmung gesprochen werden. In England ist Abtreibung deshalb zum Beispiel bis zur 24. Woche erlaubt. … Aber es sind eh extrem seltene Fälle, in denen eine Schwangerschaft so spät abgebrochen wird.

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Die Insekten an ihrer Wohnzimmerwand hat Sarah alle selbst gesammelt – zum Beispiel in Afrika. „Das hat nichts mit Morbidität zu tun, ich finde die Schmetterlinge und Insekten einfach schön“, sagt sie. „Ich würde aber nie Teil einer Industrie sein wollen, die Tiere tötet, damit sie dann ausgestellt werden. Deshalb sammle ich alle selbst.“

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Und wie wurde gerade das Thema Abtreibung für dich so wichtig?

Ich habe vor etwa 12 Jahren gelesen, dass 78.000 Frauen auf der Welt jedes Jahr an einer selbst gemachten Abtreibung sterben. Das hat mich schockiert: Ich habe Gender Studies studiert und diese Zahl nie vorher gelesen. Das lag vielleicht daran, dass sich jüngere Feministinnen damals alle von ihrem Körper befreien wollen – wir sind alle queer und trans und wollen uns von der Biologie des Körpers befreien. Aber der schwangere oder gebärende Körper wird dadurch uncool, weil er ganz klar weiblich markiert ist. Das hat sich bis heute wieder geändert und mittlerweile ist das Recht auf Abtreibung eine zentrale Forderung. Aber zurück zu den 78.000: Die meisten Abtreibungen passieren in den Ländern, in denen das Thema gesetzlich sehr restriktiv gehandhabt wird. Die Länder, die am liberalsten mit Abtreibung umgehen, sind die Länder, in denen die wenigsten Abtreibungen stattfinden, weil die Menschen aufgeklärter sind und die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen höher angesehen ist. Mittlerweile ist die Zahl der Frauen, die an selbst durchgeführten Abtreibungen sterben, laut der Weltgesundheitsorganisation aber auf 48.000 gesunken. Das liegt zum Großteil an der Abtreibungspille – sie rettet tausenden von Frauen das Leben. Die Information, dass man die Abtreibungspille übers Internet bestellen kann oder sie bei Apothekern unter anderem Namen bekommt, um selbst eine Abtreibung durchzuführen, hat viele Frauen wieder ermächtigt, selbstbestimmt mit ihrem Körper umzugehen. Es gibt den Frauen Macht zurück.

Wie sieht die Lage in Deutschland aus?

Viele Menschen denken, in Deutschland sei alles super. Aber das stimmt nicht. Hier ist gar nichts super. Das fängt damit an, dass die Auseinandersetzung mit Schwangerschaftsabbruch kein normaler Bestandteil der Ausbildung von Gynäkologen ist. Somit wird Gynäkologen auch vermittelt, das Thema sei kein normaler Bestandteil der Frauengesundheit. Und ich finde auch die Zwangsberatung, die eine schwangere Frau vor einer Abtreibung machen muss, problematisch, weil sie suggeriert, die Schwangere hätte sich keine Gedanken gemacht und sie müsse sich rechtfertigen. Wenn eine Frau zu dieser Beratung kommt, dann hat sie doch schon die Entscheidung getroffen, dass sie abtreiben will. Ich würde es super finden, wenn den betreffenden Frauen angeboten würde, eine Beratung zu bekommen, wenn sie wollen – aber sie darf kein Zwang sein. Die Aufklärung muss woanders stattfinden, zum Beispiel in Schulen. Aber die meisten Leute, die in Schulen eingeladen werden, um über das Thema zu reden, sind Abtreibungsgegner.

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Du setzt dich mit der Organisation Ciocia Basia dafür ein, Frauen aus Polen, wo Abtreibung strafbar ist, einen sicheren Schwangerschaftsabbruch in Deutschland zu ermöglichen. Wie sieht eure Arbeit aus?

Wir organisieren für ungewollt schwangere Frauen alle Termine, Übersetzerinnen, wenn nötig, Unterkünfte. Die Frauen können mit uns über alles reden, aber wir sind keine ausgebildeten Psychologinnen, wir sind einfach Kumpel. Alles ist privat, durch Spenden, finanziert. Wir mussten bislang noch keine Frau abweisen, die sich an uns gewandt hat. Es ist eine sehr schöne Arbeit, wenn sie für uns auch komplett unbezahlt ist. Aber man wächst sehr an dieser Arbeit und nimmt viel mit.

Ist dir ein Erlebnis besonders in Erinnerung geblieben?

Kürzlich habe ich eine Frau über mehrere Monate begleitet und war sogar im Kreissaal mit dabei. Das war der schlimmste Fall, den ich je hatte. Eine Frau aus Polen mit streng katholischen Eltern. Sie hat sich in der 23. Woche an uns gewandt, nachdem sie mittel- und hilflos niemanden gefunden hatte, an den sie sich wenden konnte. Wir haben noch versucht, eine Abtreibung in London zu organisieren – aber sie war ein paar Tage zu spät und die Abtreibung durfte nicht mehr durchgeführt werden. Sie musste also die Schwangerschaft austragen und wollte das Kind anschließend zur Adoption freigeben. Wir haben sie vier Monate hier in Berlin vor ihren Eltern und ihren Freunden versteckt.

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Wie kamen deine Kontakte zu polnischen Aktivistinnen zustande?

Als ich meinen Dokumentarfilm „Abortion Democracy – Poland/South Africa“ gemacht habe, habe ich so viele großartige Frauenorganisationen kennengelernt. Und irgendwann dachte ich, dass ich selbst eine Organisation gründen will, die polnischen Frauen in Berlin hilft. Es hat eine Weile gedauert, bis wir gute Kontakte zu Beraterinnen und Ärztinnen aufgebaut hatten.

Warum braucht ihr diese?

Wir haben Ärztinnen gefunden, die für uns die Behandlungen zum Selbstkostenpreis durchführen, wenn die betroffenen Frauen gar kein Geld haben. Regulär kostet ein medikamentöser Abbruch 340 Euro und eine Absaugung kostet 470 Euro, inklusive Anästhesie. Wenn die Frauen ganz mittellos sind, bezahlen wir den Selbstkostenpreis für sie.

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Ebenso wie Abtreibung wird auch Kinderlosigkeit bei Frauen stigmatisiert. Das Frauenbild, an dem wir meines Erachtens immer noch festhalten, ist die Frau, die selbstlos immer für andere da ist, die fürsorglich ist, die sich aufopfert, für die Kinder, für den Ehemann, für den Staat.

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Ist durch deine Arbeit rund um das Thema Abtreibung auch dein Interesse am Thema Kinderlosigkeit entstanden?

Ja, aber es ging nicht direkt um Kinderlosigkeit, sondern um die Frage, an welchem Frauenbild wir festhalten wollen. Denn ebenso wie Abtreibung wird auch Kinderlosigkeit bei Frauen stigmatisiert. Das Frauenbild, an dem wir meines Erachtens immer noch festhalten, ist die Frau, die selbstlos immer für andere da ist, die fürsorglich ist, die sich aufopfert, für die Kinder, für den Ehemann, für den Staat. Dementsprechend wird es immer so dargestellt, als könnten Frauen, die anders leben, nicht glücklich werden. Als ginge das gegen ihre Biologie. Von wegen: Die Frau kann nicht anders, weil ihre Natur so ist. Das ist eine Lüge! Dadurch wird die Frau in einen Käfig gesteckt.

2014 ist dein Buch “Die Uhr, die nicht tickt” erschienen, in dem es um das Recht auf Kinderlosigkeit geht. Du hast für das Buch mit vielen Frauen gesprochen, die freiwillig kinderlos sind. Welche Gründe haben sie für ihre Kinderlosigkeit genannt?

Ganz oft ging es nicht darum, dass die Frauen keine Kinder mögen, sondern, dass sie Angst vor der Kleinfamilie haben. Und vor der Rolle, welche die Frau in der Kleinfamilie hat: sie muss sich für die Familie aufgeben und wird permanent kritisiert, egal, was sie macht. Macht sie zu viel für die Kinder, macht sie zu wenig, ist sie eine „Helikoptermutter“ oder eine „Rabenmutter“? Die Frau wird von allen Seiten beäugt und kritisiert und es ist sehr schwer für sie, bei sich zu bleiben. Das war eine große Angst vieler Frauen: dieses Mutterideal erfüllen zu müssen und dadurch nicht mehr zu ihren eigenen Bedingungen leben zu können. Hinzu kommen dann Schuldgefühle, der Rolle nicht gerecht zu werden.

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Ist das heute wirklich noch so? Die Rolle der Familie – und auch der Väter – hat sich in den vergangenen Jahren doch sehr gewandelt.

Ich war überrascht, wie viele Frauen ganz klar sagen: Emanzipation hört auf, wenn die Kinder kommen. Viele Menschen haben die Vorstellung, Emanzipation sei erreicht, wenn Frauen die gleiche Lohnarbeit wie Männer machen. Aber, was man nicht mit bedenkt, ist, dass Emanzipation nur dann funktioniert, wenn Männer auch die Dinge mit machen, die Frauen bislang gemacht haben. Nämlich: Kinderbetreuung, Hausarbeit, Pflegearbeit. Die ganze Fürsorgearbeit. Und das funktioniert gleichberechtigt noch überhaupt nicht. Alles, was Fürsorge betrifft, wird immer noch Frauen zugeschrieben. Und das ist Quatsch.

Ich war überrascht, wie viele Frauen ganz klar sagen: Emanzipation hört auf, wenn die Kinder kommen.

Fehlt es den Frauen an Role Models, die beweisen, dass Familie auch jenseits der Kleinfamilie funktioniert?

Vielleicht. Für mich ist zum Beispiel das Konzept der sozialen Elternschaft sehr interessant. Darüber sollte man in der Gesellschaft mehr sprechen! Wie kann man mit Kindern zusammenleben, die nicht unbedingt die eigenen biologischen Kinder sind? Und wie kann man jenseits der Kleinfamilie zusammenleben? Ich hatte mal ein tolles Gespräch mit einer älteren Frau, die auf einem Bauernhof groß geworden ist. Damals, als sie Kind war, haben sich alle Menschen, die auf dem Hof gelebt haben, um sie gekümmert. Sie sagte, es sei wie ein historischer Unfall, dass heute immer nur Mutter, Vater, Kind im Kleinen zusammenleben. Früher gab es gar nicht diese Vorstellung, dass nur die Mutter für das Kind da sein kann.

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Menschen werden heute vom Kinderkriegen abgehalten, weil sie Angst davor haben, in traditionelle Rollen gedrängt zu werden. Das muss sich ändern.

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Sarahs Bücher – Sachbücher und Romane.

Und du meinst, das wäre heute auch eine Lösung: dass man die Familie wieder mehr ins Öffentliche, ins Gemeinsame holt?

Genau, diese starke Trennung von privat und öffentlich, die die Mütter in die Privatsphäre verbannt hat, muss aufgehoben werden. Deshalb ist auch Kinderbetreuung am Arbeitsplatz so wichtig. Kinderbetreuung an der Uni, im Parlament, überall. Familie muss ein normaler Teil des öffentlichen Lebens sein. Menschen werden heute vom Kinderkriegen abgehalten, weil sie Angst davor haben, in diese traditionellen Rollen gedrängt zu werden. Das muss sich ändern. In Kanada gibt es zum Beispiel das Konzept namens „social guardianship“ – da können bis zu vier Personen als „Eltern“ eines Kindes eingetragen werden, mit denselben Rechten und Pflichten, die leibliche Eltern haben. Das finde ich super! Freunde können auch gute Eltern sein, vielleicht auch gerade, weil sie sich nicht mit dem Kind als Heilsträger überidentifizieren.

Du schreibst in einem viel diskutierten Artikel auf ZEIT Online, dass Frauen immer noch dazu gedrängt werden, im Kinderkriegen Erfüllung zu suchen. Warum?

Weil die Gesellschaft uns immer noch vermittelt, dass im Kinderkriegen die „wahrhaftige Weiblichkeit“ liegt. Uns wird von allen Seiten gesagt, dass mit uns etwas nicht stimmt, wenn wir keine Kinder wollen.

Stimmt. Spätestens ab 30 wird man andauernd gefragt: Und, wann bekommt ihr Kinder? Anstatt vielleicht zu fragen: Und, wollt ihr Kinder? … Denkst du, das wird sich irgendwann ändern?

Ich habe, ehrlich gesagt, manchmal das Gefühl, es wird wieder schlimmer, also eher wieder konservativer als liberaler. Manchmal erzählen mir Frauen in ihren 20ern, dass sie einen großen Druck verspüren, eine Familie zu gründen. Es wird als Teil der Erfolgsbiografie gesehen und Mutterschaft als Teil der Leistungsgesellschaft. Wenn der Kleinfamilie das weibliche Personal wegläuft, wird nun Druck gemacht, dass Frauen einen psychologischen Knacks hätten, wenn sie keine Kinder wollen.

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Welchen Ausweg daraus gibt es?

Ich würde gerne den Sisterhood-Gedanken etablieren. Frauen müssen sich gegenseitig bei ihren individuellen Entscheidungen unterstützen und sich nicht mehr gegenseitig kritisieren – Mütter gegen Kinderlose und so weiter. Das macht uns alle unfrei. Es gibt den Begriff der „Doula“, und eine Doula ist eine Frau, die eine Schwangere begleitet. Ich würde gerne das Thema Schwangerschaftsabbruch damit verknüpfen: Eine Frau, die schwanger ist, braucht Unterstützung – egal, in welche Richtung sie gehen möchte. Wir alle müssen das herrschende Mutterideal hinterfragen. Das Frauenbild ist auch Teil der Ökonomie, weil wir alle unbezahlte Arbeit machen. Die „Care-Work Revolution“ will darauf aufmerksam machen.

Vielen Dank für das interessante Gespräch, Sarah!

 

Hier findet ihr Sarah Diehl:

 

Fotos: Sophia Lukasch

 

 

9 Comments

  • Susanne sagt:

    Super interessanter Artikel, vielen Dank! Bin Medizinstudentin und will Gynäkologin werden. Ich finde es nicht hinnehmenbar, dass ärzte eine Abtreibung aus eigenen moralischen bedenken ablehnen können (also das ausführen), ich denke eher, dass es eine selbstverständlichkeit sein sollte, die Frau in JEDER ihrer Entscheidung zu unterstützen. Fürs moralische gibt’s dann genug andere Menschen..

  • Sarah Diehl sagt:

    Liebe Susanne,
    dann interessiert Dich bestimmt die Arbeit der Medical Students for Choice ;)
    Sie setzen sich dafür ein, dass Abtreibung als normaler Bestandteil der Frauengesundheit auch in der Ärzteschaft behandelt wird, wo das Thema leider oft ausgegrenzt wird
    https://www.facebook.com/msfcberlin/
    Alles Gute!

  • Anna sagt:

    Danke für den interessanten Beitrag. Ich finde Euren Blog überhaupt sehr lesenswert. Ich kann Sarahs Einstellung zu großem Teil nachvollziehen und teile ihre Meinung voll und ganz in puncto soziale Elternschaft und der geteilten Verantwortung. Das ist es wirklich was Familien brauchen: Solidarität, Mitgefühl, Entgegenkommen.
    Ich bin allerdings skeptisch was die Aussage betrifft, Embryos hätten kein Gefühl bis zur 24. SSW. Erstens ist ein Fetus ab der 12.SSW und zweitens muss ein Kind nach der 12. Woche geboren werden, also so richtig mit Wehen und vaginaler Geburt. Ein Baby bewegt sich außerdem ab der ca.20. Woche, häufig auch schon früher und meistens geht dann die Objektivität der Frauen gegenüber ihrer Schwangerschaft verloren. Ich bin seit 16 Jahren Hebamme und begleite Frauen in allen Bereichen der Schwangerschaft und des Mutterseins. Abtreibungen sind meiner Meinung nach traumatisch und können schwere psychische Belastungen mit sich bringen. Eine sinnvolle Aufklärung, Beratung und Begleitung, sei es durch (einfühlsame! ) Gyns oder andere Beratungsstellen wie Pro Familia, etc.halte ich für absolut gut und richtig.Und damit möchte ich keiner Frau das Recht auf einen Abbruch absprechen. Nur darauf aufmerksam machen, dass es eben nicht mal „schnell“ und folgenlos gemacht ist.

  • Janina sagt:

    @ Susanne
    Ich halte es für sinnvoll, dass Ärzte sich auch weigern können – gerade im Hinblick auf die Frauenrechte, damit Frauen wirklich nur von Ärzten behandelt werden, die dahinter stehen. Leider ist es heute in Deutschland so, dass die Mehrheit der Ärzte, die Abbrüche durchführen, das dramatisieren. Ich würde so weit gehen und sogar sagen, dass eine Behandlung, wo das Wohl der Frau im Vordergrund steht, die Behandlung also mit den minimalst möglichen Schmerzen und Risiken durchgeführt wird, nur in einer Handvoll Einrichtungen in Deutschland möglich ist. Ein professionell durchgeführter Abbruch dauert nur 4-6 Minuten, eine Stunde Ruhezeit danach sind einzuhalten. Wenn man das aber damit vergleicht was für eine Tortur Frauen in Deutschland tatsächlich durchmachen müssen, ist das erschreckend, bis hin zu ganztägigen Krankenhausaufenthalten und halbstündiger OP mit Vollnarkose.

    Für den gesellschaftlichen Diskurs ist das Schweigekartell schrecklich. Man kann ja nach Beiträgen zum Thema Schwangerschaftsabbruch der letzten fünf Jahre googlen, von Qualitätsmedien und solchen die es sein wollen. Erstens ist die Betroffene immer unkenntlich gemacht, so, als müsse sie sich schämen für ihre Untat. Das setzt sich in den Köpfen fest, es ist etwas halbkriminelles, halbseidenes, worüber man doch bitte nicht in der Öffentlichkeit spricht. Die andere Seite ist immer die, dass „darüber“ berichtet wird. Es geht um eine Betroffene, über die eine feinfühlige Journalistin schreibt. Es ist unvollstellbar, dass eine da schreiben würde, ja, genau so eine Geschichte, ich kenne das auch… Das im Gegensatz zu den 70ern, wo man, obwohl die Frauen Strafen riskierten, es möglich war, offen über einen Abbruch zu sprechen. Und das im Sinn von: „ich habe abgetrieben“ – nicht im Form einer anonymen Geschichte, ich habe abgetrieben weil und darum und jetzt fühle ich mich nur halbgut, ähnlich einem Täter vor Gericht, der sich verteidigt. Ich empfehle jedem, diese Stories zu lesen und die Augen offen zu halten, wie da immer um Verständnis, zunicken und Mitleid gebeten wird. Statt einfach mitzuteilen, dass die eigene Entscheidung zu akzeptieren und nicht zu werten ist.

    Kommentar von Janina, die selbst mit 22 Jahren abgetrieben hat – und im Rahmen ihrer Facharztausbildung in der Gyn bis heute keinen einzigen Abbruch selbstständig durchgeführt hat, weil ein angeblich so schwerwiegender Eingriff doch Chefsache ist.

  • Sarah Diehl sagt:

    Liebe Anna,
    ich beziehe mich bei meinen Kommentar, dass der Fötus vor der 24. Woche keine Wahrnehmung oder Schmerzempfinden hat, auf eine aktuelle Studie über den Fötus der Royal Society of Gynacology in England, also einer sehr seriösen und anerkannten Institution. Deine Aussage, dass nach der 12. Woche bei einer Abtreibung eine vaginale Geburt gemacht werden muss, entspricht keineswegs den Tatsachen. Woher hast Du diese Information? Eine vaginale Geburt muss tatsächlich erst nach der 24. Woche gemacht werden. Dass Frauen all das nicht wissen, und dieses ganze Halbwissen darüber, ist Teil des Problems.
    Eine Beratung finde ich super, wenn sie den Frauen kostenlos angeboten wird, also wenn sie dann freiwillig in Anspruch genommen werden kann. Ein Beratungszwang, wie er in Deutschland besteht, ist leider Blödsinn, weil es nur dazu führt , dass die Frauen (laut Erfahrung der Beraterinnen) das Gefühl haben sich rechtfertigen zu müssen, um den Schein zu bekommen. Ein produktives Gespräch kommt so nicht zu stande. Frauen, die einen Termin zur Abtreibung machen haben sich schon entschieden und sollten nicht behandelt werden, als könne man ihrer Entscheidungsfähigkeit nicht vertrauen. Frauen, die eine Beratung WOLLEN, könnte diese angeboten werden.

    • Janina sagt:

      @ Susanne und Sarah
      Das mit der Geburtseinleitung nach der 12. Woche ist halbrichtig und halbfalsch. Es ist möglich, einen Abbruch bis zur 24. Woche operativ durchzuführen. Auf der anderen Seite: Es wird in Deutschland so gut wie nie gemacht, nach der 14. Woche wird so gut wie immer eine Art Geburtseinleitung gemacht – ganz abschrecken, in einigen Kliniken bereits aber der 12. Woche.
      Stimme Sarah voll zu, dass die Zwangsberatung ein Unsinn ist. Die Frau wird nicht nur gezwungen, sich Fremden gegenüber zu rechtfertigen, sie verliert auch Zeit. Wenn eine Frau sich am Montag entscheidet, abzutreiben, soll sie auch am Dienstag den Eingriff machen lassen können, bzw. die Pillen schlucken. Dass sie zuerst einen Termin braucht, dann noch drei Tage warten muss, führ zu einer Verzögerung, die sehr erniedrigend ist.

  • Sarah Diehl sagt:

    …auch der Kommentar, eine Abtreibung sei traumatisch entspricht mehr der Interpretation aufgrund der ganzen negativen Stereotype über Abtreibung. Wenn man Frauen einredet, sie hätten „ihr Kind getötet“ kann das natürlich Wirkung zeigen. Deshalb ist es so wichtig, einen Austausch unter Frauen zu fördern, der diese Erfahrung ebenso wie Fehlgeburt mit ihrem Körper und ihrer Gebärfähigkeit anders verbindet. (Wir erleben jeden Monat eine Menstruation, eine Eizelle, ein Potential des Lebens…) Eine Langzeitstudie der American Psychological Association zeigt, dass die Zeit der grössten psychischen Belastung VOR der Abtreibung liegt und nicht danach, also dann wenn die Frau Ungewissheit hat, wie sie mit der ungewollten Schwangerschaft umgehen kann. Dass Frauen depressiv und suizidal nach einer Abtreibung werden, also das „Post-Abtreibungs-Syndrom“ ist eine wissenschaftlich nicht haltbare Erfindung von Abtreibungsgegnern. Jede 3. Frau hat laut WHO eine Abtreibung, sind die nun alle verrückt oder ist das eben eine Erfahrung, mit der Frauen produktiv leben können?

    • Anna sagt:

      Liebe Sarah, Danke für deinen aufschlussreichen Kommentar. Ich musste lange darüber nachdenken. Erstens stimme ich Dir in dem Gedanken zu, dass Zwangsberatung wahrscheinlich wirklich sinnlos ist.( wobei sich da auch nur auf die Interpretation der Beraterinnen bezogen wird, gibt es dort vielleicht auch Langzeitstudien drüber?)
      Zweitens würde mich interessieren über welchen Zeitraum die Langzeitstudie aus den USA über die Abtreibungen geht..?! Wie lange wurden die Frauen danach begleitet? Meine, ja, subjektive, Beobachtung ist die, dass Abtreibungen auch Jahre danach noch „impact“ haben. Ich finde sehr wohl einen qualitativen Unterschied zwischen einem Zyklus, in dem kein Ei befruchtet worden ist und einem Abbruch in ,sagen wir mal, der 21.SSW. Dann würde mich noch interessieren wie genau so ein operativer Eingriff bezüglich eines Abbruches nach der 12.SSW verläuft? Wie hat sich Frau das vorzustellen? Wird der Fötus im Bauch per Kaliumspritze getötet und dann abgesaugt oder muss er vorher noch zerstückelt werden.?
      Ich habe während meiner Ausbildung einige Spätabbrüche mitbekommen. Einige Kinder haben geatmet, obwohl sie vor der 24.SSW. abgetrieben worden sind. Wie verfährt man deiner Meinung nach in solchen Situationen? Einige Kinder sind ja auch schon mittels Frühchen-Therapie vor der 24. Woche lebensfähig. Die werden teilweise schon „durchgebracht“.
      Ich finde dein Engagment super und bin absolut für das Recht auf Abtreibung. Fast hätte ich mit 20
      selbst abgetrieben.( ich war dann doch nicht schwanger). Es ist nur ein sehr, sehr dünnes Eis auf dem Du dich bewegst und die Aussage, Föten hätten kein Gespür für Schmerz, Ängste, Gefühle ist ein Schlag ins Gesicht für alle die, die Frühchen auf die Welt bringen mussten oder früh haben gehen lassen müssen. Es gibt bei diesem sensiblen Thema absolut kein Schwarz oder Weiß. Und..,sorry,Ich muss bei dem Thema Spätabtreibungen auch immer gleich an Pränataldiagnostik und Selektion denken..

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