Modejournalistin Silke Bücker: „Deutsche Mode wird im Ausland wieder ernster genommen.“

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Wenn man das femtastics-Team nach den bestangezogenen Frauen Deutschlands fragt, dann fällt mit Sicherheit der Name Silke Bücker. Die Vollblut-Kölnerin hat nicht nur einen grandiosen Stil, der zwischen 60er, 70er und 80er oszilliert, sondern auch eine Menge Haltung, Charakter, Charme und Chuzpe. Als Chefredakteurin der TM Textilmitteilungen und freie Journalistin ist sie stets auf allen großen Schauen zwischen Paris und Berlin zugegen, ihr privates Glück hingegen ist am schönen Rhein fest verwurzelt. Hier wohnt sie mit Mann und Kind in einer sensationellen Dachgeschosswohnung mit Blick übers Belgische Viertel. Genau hier sprechen wir an einem Samstagvormittag über Mode, Menschen und Meinungen.

 

femtastics: Wie ist es deiner Meinung nach gerade um das Modebewusstsein der Deutschen bestellt?

Silke Bücker: Ich habe das Gefühl, es wird langsam besser. Neulich war ich ganz erstaunt, da habe ich in der britischen Vogue einen Artikel über die „New German Coolness“ gelesen. Da ging es um Veronika Heilbrunner, die sicherlich gerade viel dazu beiträgt, dass deutsche Mode im Ausland wieder ernster genommen wird. Die breite Masse ist für mich nach wie vor sehr preisbewusst und pragmatisch. Es geht nicht darum, Spaß mit der Mode zu haben und sich optisch zu verändern, sondern um den Bedarf. Bei der jüngeren Generation macht sich ein anderes Bewusstsein breit, vor allem bei den Männern. Die preschen noch viel mehr nach vorne als die Frauen.

Inwieweit trägt die Berlin Fashion Week dazu bei?

Ich hoffe, dass man durch Veranstaltungen wie beispielsweise den Berliner Modesalon sieht, wie viele Marken und Designer es gibt. Die machen gute Sachen, die meiner Meinung nach viel zu wenig im Handel repräsentiert werden. Das finde ich sehr schade. Aber auch Marken wie Iris von Arnim, Allude oder Odeeh gehen immer ein bisschen unter. Ich hoffe, dass durch die Ballung im Berliner Modesalon eine Kraft entsteht, die auch über die Landesgrenzen hinaus wahrgenommen wird.

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Die schönen Gitarren gehören Silkes Mann Boris, seines Zeichens Singer/Songwriter.

 

Welche Jungdesigner stechen für dich besonders hervor?

Malaika Raiss macht eine gute Entwicklung durch. Man sieht von Saison zu Saison, dass die Sachen besser werden und als Produkt funktionieren. Das ist mir immer wichtig, dass die Sachen nicht nur schön aussehen, sondern auch am Körper funktionieren. Tim Labenda etabliert auch eine gute Vision für sich. Vladimir Karaleev finde ich ebenfalls sehr gut, da schwingt ein internationales Flair mit.

Viele meiner Lieblingsteile sind von deutschen Designern.

Und deren Mode trägst du auch selbst?

Tatsächlich sind viele meiner Lieblingsteile von deutschen Designern. Die Jacken von Hien Le liebe ich. Bei Malaika Raiss die Stricksachen und bei Bobby Kolade die Mäntel. Jeder Designer hat seine Stärken. Designer sollten sich generell auf das fokussieren, was sie richtig gut können, anstatt alles zu machen.

Warum hapert es teilweise am Durchbruch?

Der progressive Einzelhandel – vor allem in Deutschland – muss einen Blick drauf werfen. Die orientieren sich immer an den Marken, die im Ausland groß werden, wie Carven oder Kenzo. Die Einkäufer gucken aber nicht, was hierzulande geschieht. Erst wenn die Mode im Ausland Erfolg hat, kaufen sie sie auch. Es mangelt an Selbstwertgefühl und Mut.

Du bist auch auf den internationalen Schauen in Paris und Mailand unterwegs. Wie unterscheiden sich diese für dich?

Mailand ist für mich Business, gut organisiert und angenehm für die Besucher. In Paris ist es wahnsinnig chaotisch und anstrengend, aber gleichzeitig wahnsinnig inspirierend. Egal, was bei den anderen Fashion Weeks passiert, klar zeichnen sich da immer schon Tendenzen ab, aber das Statement wird immer in Paris gesetzt. Alle zeigen Siebziger und in Paris macht keiner mehr Siebziger. Paris ist und bleibt einfach die Modestadt.

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In Silkes Wohnung führen Audrey Hepburn und Pete Doherty ein harmonisches Dasein.

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Ich würde mich freuen, wenn sich eine Kultur etablieren würde, in der man wieder mehr über den Konsum von Mode nachdenkt.

Gibt es eigentlich überhaupt noch Trends?

Ich finde, was Mode direkt angeht, eher nein. Was aber für mich Trend ist, sind gewisse Werte, die man in diesem Zusammenhang berücksichtigen könnte. Qualität, Nachhaltigkeit, aber auch die Expertise für Produkte erhalten gerade einen neuen und größeren Stellenwert. Es geht nicht mehr so viel um Oberfläche, sondern mehr um Substanz.

Also eher Anti-Fast-Fashion?

Ich würde mich freuen, wenn sich eine Kultur etablieren würde, in der man wieder mehr über den Konsum von Mode nachdenkt – und zwar auf einer breiten Ebene. Dabei geht es auch darum, Dinge zu bewahren und nicht immer neu zu kaufen.

Ist das auch dein persönlicher Angang?

Im Moment kaufe ich verhältnismäßig wenig neue Sachen und wenn, dann sind das eher zeitlose Kleidungsstücke, die ich nicht in zwei Wochen satt habe. Und ich entdecke viele alte Sachen wieder, die ich schon einige Jahre besitze und die auch nie an Aktualität verlieren.

Wie findet man diese Stücke?

Es sind Teile, bei denen es um Schnitt und Material geht, weniger um vordergründige Dekoration.

Geht der Trend wieder mehr in Richtung Vintage?

Ich finde es manchmal schwierig, weil die Schnitte oftmals keine Modernität haben. Außerdem ist vieles aus Polyester und nicht so angenehm zu tragen. Nein, bezüglich Trends fällt mir auf, beispielsweise in Paris, dass es eben keine Eindeutigkeit mehr gibt. Alles fließt zusammen, so dass es einen Clash gibt. Es ist schwierig, einzelne Trends genau zu definieren. Mir ist dann klar geworden, dass genau das der Trend ist. Aus Chaos entsteht etwas Neues.

Woran machst du eine Innovation fest?

Den Innovationsgrad definiere ich über Materialkompositionen, Material, Oberfläche, Texturen und Farben.

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Den wunderschönen Pfauensessel hat Silke auf einem Flohmarkt gefunden – mit passendem Tisch!

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Silke liebt deutsches Modedesign – der weinrote Pulli ist von Malaika Raiss.

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Paris ist nach Köln Silkes Lieblingsstadt.

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Dennoch: Wiederholt sich nicht einfach nur noch alles?

Klar, jetzt gibt es vielleicht gerade wieder einen starken Trend zu den Siebzigern, aber die Achtziger sind eben auch da. Bei J.W. Anderson zum Beispiel sieht man gut, dass die Achtziger zwar total abgefeiert werden, es aber trotzdem völlig innovativ ist. Und das funktioniert eben wiederum über das Material.

Bist du der Mode auch mal überdrüssig?

Ja. Das verläuft immer wellenförmig. Wenn eine neue Saison beginnt, bin ich immer voll dabei und im Fieber. Ich hoffe auf etwas, was nur punktuell eintritt. Aber wenn es wirklich eintritt, dann weiß ich, dass es genau das ist, womit ich mich beschäftigen möchte. Bei der letzten Show von Comme Des Garçons beispielsweise hatte ich die ganze Zeit über Gänsehaut.

Warum?

Weil es radikal war und nicht einfach eine Show mit 80 Looks, bei der alle auf ihr Handy schauen. Man wurde von der Musik und der kompletten Inszenierung gebannt. Es gab 23 Looks, die alle auf den Punkt sind – und die Energie im Raum ist eine ganz andere als bei den kommerziellen großen Marken. Da sitzen auch keine Blogger, sondern ernstzunehmende Mode-Journalisten. Leider sind diese Momente sehr selten.

Mode muss nicht kritisieren, aber dem Zeitgeist entsprechen.

Was macht eine gute Show also für dich aus?

Natürlich erstmal die Kollektion, die eine Aussage haben sollte und nicht einfach aus dem Part für die russische und die asiatische Kundin bestehen sollte. Die Idee der Kollektion muss erkennbar sein und stringent durchgezogen werden. Musik ist super wichtig, bei der letzten Raf Simons Show für Jil Sander war der Sound so ergreifend, dass selbst die Models auf dem Catwalk geweint haben. Du musst das Gefühl haben, nicht wegschauen zu können.

Und im besten Fall ist die Mode ein Spiegel der Gesellschaft, oder?

Mode muss nicht kritisieren, aber dem Zeitgeist entsprechen. Provokation ist immer gut.

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Silkes aktueller Lieblingsladen in Köln ist der Concept Store und Spa Ken Kawai.

 

Hier findet ihr Silke:

Fotos: Pelle Buys

 

 

2 Comments

  • julia sagt:

    spannendes interview, vielen dank dafür. und tolle frau. ganz verliebt bin ich jetzt in das kleid, was silke auf den letzten bildern trägt, das helle, mit gürtel geschürt. wisst ihr, woher das ist? danke euch schon einmal sehr!

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