Die Makramee-Revolutionärin: Andrea Cseh von Studio Hammel

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Durch Zufall hat Andrea Cseh mit der Makramee-Knüpftechnik experimentiert. Ihre geknüpften Planthanger und Wallhangings kamen bei Instagram und im Freundeskreis so gut an, dass Andrea ihr Label Studio Hammel gründete und schon kurz darauf in Showrooms von H&M und beim Tictail Market in New York ausstellte. Von den Siebzigern inspiriert und mit neuen Farbkombinationen, Formen und Materialien neu interpretiert, trifft sie den Nerv der Zeit. Wir besuchen Andrea in ihrer Berliner Wohnung, in der sie mit ihrem Mann, ihrem Sohn und dem Familienhund Greta lebt und sprechen mit der 37-Jährigen darüber, wie sie zur Makramee-Kunst kam, wie Studio Hammel in ihrem Wohnzimmer entstand und immer weiter wächst.

femtastics: Wir haben deine Planthanger das erste Mal bei Melanie Jeske gesehen und Katha und Lisa haben dann auch sofort zugeschlagen. Damals war dein Label noch nicht so bekannt – und jetzt liest man überall von dir. Hättest du gedacht, dass dein Label so durch die Decke geht?

Andrea Cseh: Nee, gar nicht. Melodie war eine der ersten, die meine Planthanger gekauft hat. Viele Menschen haben damals gar nicht verstanden, was ich mache. Sie haben gefragt: „Was machst du da? Knüpfst du dir eine Hängematte?“. Ich habe oft Selbstzweifel und wenn ich nicht mit Christoph zusammen wäre, hätte ich der Sache auch gar nicht vertraut. Er unterstützt und pusht mich immer. Dann bin ich dran geblieben und irgendwie hat es funktioniert. Der letzte große Schritt war, dass Tictail aus New York auf mich zugekommen ist. Als ich das Schaufenster mit meinen Produkten gesehen habe, konnte ich es kaum glauben. Da sind mir Freudentränen gekommen und ich hab gesagt: Lass mal einen Sekt aufmachen!

Kannst du denn heute schon von deinem Label leben?

Die Frage ist: Mit wie viel Geld kann man leben? Wie viel braucht man? Als Antwort auf deine Frage: jein. Ohne meinen Mann würde das alles nicht funktionieren. Es gibt Tage, an denen kann ich nichts produzieren, da fehlt mir die Inspiration. Und wenn ich nichts produziere, kann ich nichts verkaufen. Außerdem ist die Gewinnspanne bei meinen Produkten nicht so hoch, weil meine Produkte ja nicht wahnsinnig hochpreisig sind.

Ich habe irgendwann Blumenampeln aus den 70er-Jahren gesehen und habe gedacht: Man müsste diese alten Techniken – Macramé, Sticken, usw. – modern interpretieren

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Willkommen im kreativen Hause von Andrea und Christoph!

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Was denkst du, warum ist Makramee-Kunst heute wieder so angesagt?

Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Ich habe irgendwann Blumenampeln aus den 70er-Jahren gesehen und habe gedacht: Man müsste diese alten Techniken – Makramee, Sticken, usw. – modern interpretieren. Mit anderen Farben und Materialien. Dadurch wurde es für mich interessant. Und anscheinend hatte es die gleiche Wirkung bei anderen Menschen. Aber ich denke, dass es nur ein temporärer Trend ist – wie alles. Diese Sachen waren alle schon einmal da und sie waren vielleicht zehn Jahre lang modern und in den 70er-Jahren chic, aber in den 80er-Jahren hatte dann keiner mehr Bock auf Juteseile. Alles kommt und geht.

Wann hast du denn das erste Mal mit diesen Techniken experimentiert?

Den Shop habe ich Ende 2013 gegründet. Vielleicht habe ich 2012 angefangen, die Sachen zu machen. Zum Shop mussten mich Freunde überreden.

Und wie kamst du auf den Namen?

Ich war mit Christoph in unserem Stammcafé Kaffee trinken und habe eine Zeitschrift durchgeblättert, in der mir irgendein Name ins Auge fiel. Da habe ich gemerkt: Ich brauche ja auch noch einen Namen für mein Label. Ich wollte gerne einen, der nicht direkt ausdrückt, was ich mache, weil ich nicht weiß, wohin mich das Label noch führt. Ich wollte mich nicht festlegen. Letztlich geht es bei meinem Label darum, Ideen, die in meinem Kopf sind, umzusetzen. Das sind manchmal viele Ideen, deshalb sind viele Produkte Einzelstücke.

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Andrea sammelt Kristalle, Edelsteine und andere kleine Schätze

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Du nutzt ja auch viele verschiedene Techniken: knoten, flechten, weben, sticken, … Wie bist du auf die Techniken gekommen und hast du sie dir selbst beigebracht?

Ich habe nie etwas gelernt, ich bringe mir alles selbst bei. Ich habe noch nicht einmal Weben im Handarbeitskurs in der Schule gelernt.

Und deine Materialien sind auch vielseitig, du nutzt auch manchmal Steine oder Keramik. Gibt es etwas, womit du am liebsten arbeitest?

Das wechselt. Jetzt gerade sind Monde in meinem Kopf sehr präsent. In dem Zusammenhang nutze ich gerne Wolle und Edelsteine.

Ich versuche, die Textilien natürlich zu färben. Dann probiere ich herum: mit Kaffeebohnen, mit Granatapfel, mit Rotkohl …

Du färbst Textilien auch selbst, richtig?

Ja, genau. Die Mondphasen zum Beispiel. Generell versuche ich, natürlich zu färben. Dann probiere ich herum: mit Kaffeebohnen, mit Granatapfel – dann sieht die Küche aus wie sonst was – mit Rotkohl – das hat drei Tage lang gestunken. Ich finde es interessant, natürlich zu färben.

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Den Esstisch hat Andrea umgestrichen und die Kanten neonfarben gemalt, die Lampe auf dem Foto rechts hat ihr Mann gemacht.

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Und wo findest du die anderen Materialien?

Edelsteine finde ich entweder im Edelsteinladen meines Vertrauens (lacht) oder bei Ebay, da gucke ich auch gerne. Aber meist verliebe ich mich so sehr in die Steine, die ich bei Ebay finde, dass ich sie dann behalte. So ist auch ein Teil meiner Sammlung auf dem Sideboard entstanden.

Wo stellst du deine Produkte her?

Hier am Esstisch oder am Schreibtisch. Blumenampeln gerne im Türrahmen, damit ich im Stehen arbeiten kann. Und das Färben passiert in der Küche oder der Badewanne.

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Hast du bestimmte Zeiten, zu denen du am besten arbeiten kannst?

Ich habe kürzlich bei Christina Gabriel von Retreat Berlin auf Instagram gelesen, dass man sich auf den Neumond besinnen soll. Und ich dachte: ja, den Mond brauche ich gerade. Ich habe sie angeschrieben und nach einer Buchempfehlung über den Mond gefragt. Sie hat mir ein Buch empfohlen, das ich auch sofort gekauft und gelesen habe. Das Buch heißt „Roter Mond“ und es geht um den Mond und seine Verbindung zum weiblichen Zyklus. Das ergab so viel Sinn. Ich glaube, dass der weibliche Zyklus bei mir eine Rolle spielt, wenn es um kreative Phasen geht. Durch diese Erkenntnis sind auch die Mond-Motive in meiner Arbeit entstanden.

Wo findest du sonst noch Inspiration?

Ganz unterschiedlich – mal im Internet, mal in Mode-Lookbooks … Es können auch nur Farben sein, die mich inspirieren. Manchmal liege ich abends im Bett und habe eine Idee und dann muss ich sie am besten sofort umsetzen. Wenn ich die Materialien da habe, sitze ich am nächsten Morgen um 7 Uhr am Schreibtisch und lege los.

Viele deiner Wallhangings erinnern an indianische Traumfänger. Interessierst du dich für diese Kulturen?

Das sagen viele Leute, dass sie so aussehen, aber das war gar nicht meine Intention. Für mich ist es einfach ein Objekt, bei dem ich mit Farbkombinationen spielen kann.

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Die Mond-Wallhangings sind im Studio Hammel-Tictail-Shop erhältlich

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Andrea und ihr Mann Christoph sitzen sich beim Arbeiten am Schreibtisch gegenüber

Wer sind die Kunden von Studio Hammel?

Es sind hauptsächlich Frauen. Und viele Kunden aus Hamburg. Das ist erstaunlich.

Zu deinen Kunden zählen auch Shops und Showrooms, wie zum Beispiel der von H&M in Berlin. Wie kam das zustande?

Die Zusammenarbeit mit H&M ist durch einen Freund entstanden, der mich gefragt hat, ob ein paar Wallhangings für den Showroom machen kann. Ich habe für H&M auch ein Wallhanging aus geschredderten Jeans gemacht – da ging es um die Recycling-Kollektion. Dadurch sind weitere Aufträge für Wallhangings zustande gekommen. Manche Kunden haben mich auch über Instagram entdeckt und sind auf mich zugekommen.

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Auch in der Küche: Kunst und schöne Farben

Also ist Instagram ein wichtiger Kanal für dich?

Auf jeden Fall. Bei den Monden war es so, dass ich Fotos von den Produkten hochgeladen habe und innerhalb von einer Stunde waren die ersten beiden verkauft. Ich habe auch diverse E-Mails mit Nachfragen dazu bekommen, wann neue Mond-Produkte im Shop sein werden. Aber das funktioniert nicht bei allen Sachen so.

Ich mache mir generell – egal, worum es geht – keine Gedanken um die Zukunft. Ich kann mich nicht fragen, was morgen oder übermorgen ist. Da würde ich mich verrückt machen.

Hast du Pläne für Studio Hammel?

Nein, ich habe keine konkreten Pläne. Es könnte theoretisch sein, dass ich schon in den nächsten Monaten wieder etwas Anderes machen will. Momentan kann ich mir das zwar nicht vorstellen, aber wer weiß. Ich mache mir generell – egal, worum es geht – um solche Dinge keine Gedanken. Ich kann mich nicht fragen, was morgen oder übermorgen ist. Da würde ich mich verrückt machen. Das belastet mich.

Das finde ich interessant. Manche Leute würden sagen, dass es sie belastet, wenn sie sich keine Gedanken um die Zukunft machen. Aber man weiß eh nie, was kommt.

Ich bin 37 Jahre alt und ich glaube, in meinem ganzen Leben hat noch nie etwas nach Plan funktioniert. Bis jetzt habe ich immer so gelebt, dass ich mir nicht zu viele Gedanken um die Zukunft gemacht habe. Es passiert immer etwas Neues. Ich wollte für ein halbes Jahr als Flugbegleiterin arbeiten und habe es letztlich zehn Jahre lang gemacht. Ich hatte nicht geplant, mit 25 Mutter zu werden. Ich lasse einfach alles auf mich zukommen. Ich finde es auch gut, dass wir so leben. Meine Eltern machen das auch so. Die schaffen auch keine Rücklagen und geben das Geld, das sie haben, für Urlaube aus. Dann gibt es später auch keinen Stress, dass ich mich mit meinem Bruder ums Erbe streiten muss (lacht). Das finde ich super.

Hoffentlich machst du Studio Hammel noch eine Weile weiter! Vielen Dank für das Gespräch, Andrea! 

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Eine Ecke wurde zum gemütlichen „Wohnzimmer-Dschungel“

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Das Schlafzimmer

Femtastics-Studio-Hammel-Badezimmer

 

Hier findet ihr Andrea:

  

Fotos: Mirjam Klessmann

 

 

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