Eine besondere Handschrift – Grafikdesignerin Jana Federov

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Schon als Kind hat die Grafikdesignerin Jana Federov aka Xuli in Kasachstan illustriert und Kunstschulen besucht. Heute hat sich die 27-Jährige Wahlhamburgerin mit viel Leidenschaft dem Handlettering und der Kalligrafie, mit Ausflüge in die Graffiti-Welt, verschrieben. Erst letztes Jahr hat sie ihr Studium abgeschlossen, ist schon jetzt Teil einer Ausstellung, illustriert Logos für Rapperinnen in den USA und Heavy Metal Bands in Deutschland und bereichert mit ihrer besonderen und oft düsteren Handschrift Bücher und Bars. Wir besuchen die talentierte Xuli in ihrer WG in Altona und machen mit ihr einen Abstecher in die Affenfaust Galerie auf St.Pauli, wo sie gerade ausstellt.

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femtastics: Du hast dich auf Kalligrafie und Handlettering spezialisiert. Kannst du dir Schriften überhaupt noch angucken, ohne sie zu analysieren?

Jana Federov: Nee (lacht), das kann ich nicht mehr – das ist eine Berufskrankheit. Ich habe Grafik studiert, dann guckt man auf jede Werbung, jedes Plakat, jede Zeitschrift, man sieht alle Fehler und fängt an, nerdig zu werden.

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Erkennst du denn, ob Schriften von Laien oder ausgebildeten Designern kreiert wurden?

Man sieht schon, ob es aus einer geübten oder ungeübten Hand stammt. Aber wenn es von einem Laien kommt, ist es dadurch nicht schlechter. Naive Schriften finde ich auch cool, es hängt immer vom Style ab. Man merkt, ob das aus Versehen so geworden ist, oder, ob derjenige Ahnung hat. Allerdings passieren viele Sachen auch per Zufall. Wenn man zum Beispiel ein anderes Werkzeug benutzt, dann kommt irgendwas dabei heraus, mit dem man nicht gerechnet hat.

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Jana zeigt uns ihre Arbeiten.

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Du hast Kommunikationsdesign an der HAW in Hamburg studiert – ein beliebter und breit gefächerter Studiengang. Wann wusstest du, in welche Richtung du gehen möchtest?

Ich habe ganz lange Editorial gemacht, Print und Poster, und als es irgendwann stressig wurde, dachte ich mir, ich gehe zur Entspannung und Abwechslung mal in den Kalligrafie-Kurs. Man hat stundenlang Texte geschrieben und der Professor kam dann und hat gesagt: „Versuch das Wort nochmal.“ Dadurch kam ich auf die Schreibgeschichte, das hat mich angefixt. Man entwickelt einen Ehrgeiz mit der Zeit. Man will, dass der Buchstabe so aussieht und dann schreibst du stundenlang und irgendwann merkst du, es sind schon drei Stunden vorbei und du sitzt immer noch an dem A.

Kalligrafie ist mehr eine Kunstart, etwas Meditatives, es muss nicht unbedingt lesbar sein.

Wie unterscheidet man Kalligrafie von Handlettering?

Handlettering ist etwas Lesbares oder es ist illustrativ gestaltet. Kalligrafie ist mehr eine Kunstart, etwas Meditatives, es muss nicht unbedingt lesbar sein – es ist mehr ein Ausdruck und ein Gesamtbild, das sich ergibt.

Bist du dabei entspannt oder stehst du unter Strom?

Das hängt tatsächlich von der Schrift ab. Es gibt ganz aggressive Schriften, die eine gewisse Energie brauchen, damit es ein bisschen aggro aussieht – dafür habe ich zum Beispiel ein Stück aus einer Cola-Dose geschnitten, das ich als Werkzeug nutze. Damit kann man dann kratzen. Die Sachen, die ich mit dem Pinsel mache, sind entspannter.

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Zu welcher Tageszeit kannst du am besten arbeiten?

Tatsächlich nachts, ich bin ein Nachtmensch (lacht).

Machst du alles analog oder auch digital?

Ich arbeite zwei Tage die Woche als freie Webdesignerin in einer Agentur – dort mache ich alles am Computer. Logos und Schriftentwicklung mache ich auch digital, fange aber immer mit einer Skizze an. Wenn ich ein Logo entwerfe, das komplett handgeschrieben ist, dann sitze ich da und schreibe stundenlang immer wieder dasselbe Wort, dann wird es eingescannt und digitalisiert.

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Wir sind umgeben von iPhones, Robotern usw. und Handschriften üben eine gewisse Faszination aus.

Besonders in der Blogosphäre und bei digitalen Magazinen sind Handschriften gerade sehr angesagt. Woran liegt das deiner Meinung nach?

Vielleicht, weil es die Antwort auf das Digitale ist. Wir sind umgeben von iPhones, Robotern usw. und Handschriften üben eine gewisse Faszination aus.

Was sind gerade die größten Typo-Trends bzw. was kommt gerade auf?

Ich hoffe, dass die Handlettering-Geschichte bleibt und anhält. Das gab es ja schon immer – immer, wenn du etwas Authentisches machen willst, greifst du auf Handschriften zurück. Jetzt wollen alle authentisch sein und nehmen es. Wir machen ja auch Sign-Painting, also Schilder malen. In letzter Zeit haben wir für ein paar Bars Schilder gemalt und die Leute feiern das ab – das ist gerade auch ein Trend.

Für welche Bar hast du das in Hamburg zum Beispiel gemacht?

Im Tvino Shop, das ist ein Weinladen in St. Pauli, da haben wir zum Beispiel die Wand bemalt und beim Artville Kubenfest habe ich einen Kubus bemalt.

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Jana benutzt ganz unterschiedliche Pinsel, Stifte, Füllhalter und Federn für ihre Arbeiten. Für femtastics hat sie unter anderem den pinken LAMY tipo Tintenroller, den silberfarbenenen LAMY scala brushed Füllhalter und den durchsichtigen Lamy vista Füllhalter getestet.

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Für ihre Abschlussarbeit hat Jana aus einem Gang-Schriftzug eine Schrift entwickelt.

Deine Arbeiten erinnern oft an Gang-Schriften. Woher kommt die Faszination dafür?

Meine Abschlussarbeit ist zum Beispiel komplett von Pixação inspiriert, das ist eine lateinamerikanische Gang-Schriftart. Die sind total wild, die klettern auf Häuser und seilen sich ab und malen schwarze Schriftzeichen. Die Zeichen sind anders als uns Europäern gewohnte Buchstaben und ergeben auf den ersten Blick nicht wirklich Sinn. Für die Arbeit habe ich mich von einem bestimmten Schriftbild der Gang inspirieren lassen und eine ganze Schrift daraus entwickelt. Das hat etwas Düsteres und Geheimnisvolles, nicht clean und nicht so durchdacht, sondern eher spontan und ein bisschen aggressiv. Das finde ich total faszinierend.

Wie würdest du deinen Stil beschreiben? 

Wenn man den Anspruch hat, nicht irgendwas nachzumachen, dann dauert das. Ich bin gerade dabei, meinen Stil zu entwickeln, die „weirden“, dunklen Geschichten und Kalligrafie mit Lettering zu kombinieren, ist mein Ding. Ich habe auch schon für viele Musiker und DJ’s Grafiken und Logos gemacht, zum Beispiel momentan für den Hamburger DJ und Produzenten Yunis, für den mache ich etwas asiatisch angehauchtes oder Miles & Feed, eine Hard Metal Band aus dem Osten – da habe ich voll Bock drauf. Ich habe aber auch für Lil Debby, eine Rapperin aus den USA, ein Logo gemacht. So etwas mache ich wirklich gerne.

Hast du Vorbilder?

Gemma O’Brien, eine Frau aus Australien mit einem Riesentalent. Und es gibt einen Kalligrafen, Chaz Bojorquez, der eine Cholo-Type- und Kalligrafie-Legende ist. Außerdem mag ich Mike Giant von rebel8.

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Janas Bücher-Collection.

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Auf Facebook und Instagram haben wir von deinem Spitznamen Xuli erfahren. Wie kam es zu dem Namen? Was bedeutet er?

Eigentlich wollte ich mir dafür schon längst eine Geschichte ausdenken (lacht). Ich wollte mich bei Facebook damals nicht mit meinem eigenen Namen anmelden und habe Xuli als Namen genommen, irgendwie hat sich das dann eingebürgert. Mittlerweile ist es sowohl mein Spitzname bei Freunden als auch mein Künstlername.

Das ist doch schon eine Geschichte! Wovon lässt du dich denn inspirieren?

Die Achtziger feiere ich total ab, da gab es viele handschriftliche Sachen, tolle Logos, spacy, future und in Neonfarben. Die asiatische Kalligrafie und die arabische Kalligrafie finde ich auch toll. Da gibt es gerade viele junge Leute, die das anders umsetzen, digitalisieren und neue Wege finden. Der Ursprung ist schön, aber ich finde es spannend, wie es von den jungen Leuten neu interpretiert wird.

Welche Arbeitsmaterialien benutzt du?

Ich benutze super gern ein Stück, das ich aus der Cola-Dose herausgeschnitten habe, damit kann ich richtig reißen. Außerdem habe ich viele Pinsel, auch aus Plastik, und Marker. Dann habe ich noch einige Bambus-Federn, die ich damals in der Schule geschnitzt habe, viele Federn, Squeezer und Calligraffiti-Marker.

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Jana hat sich einen Buchstaben aus ihrer Abschlussarbeit tätowieren lassen.

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Mit dem dunkelvioletten AL-star Füllhalter von Lamy zeichnet Jana eine florale Illustration.

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Für femtastics hast du einige Produkte von Lamy getestet. Vielen Dank für den Spruch – hängen wir sofort in unser Office! Was hat dir besonders gut gefallen? 

Es hat Spaß gemacht, die Stifte auszuprobieren, weil durch neue Produkte bei mir oft neue coole Sachen entstehen. Die „Rolling Pen“-Geschichte finde ich super, mit dem pinken Tintenroller habe ich die florale Zeichnung illustriert, die sind superweich – besonders für Illus ist der super. Die Füller sind gut für meine Schriften, weil sie so filigran sind – besonders der „scala brushed“-Füller von Lamy gefällt mir gut.

Zu deinen Auftraggebern zählen Brigitte, Adidas, aber auch das Splash Festival – ganz unterschiedliche Kunden. Wie sahen deine Arbeiten für sie aus?

Für Brigitte, das war vor drei Jahren, habe ich für ein Beauty-Special eine Frau aus verschiedenen Puderfarben gemalt. Beautythemen machen mir auch total Spaß – ich mache auch gerne zur Abwechslung schöne und filigrane Sachen. Splash ist dann eher die Graffitirichtung – dort habe ich gemeinsam mit einer Freundin ein Fake-Tat-Studio gemacht. Das kam supergut an und wir haben da
auch eine Wand bemalt. Es ist toll, wenn man so unterschiedliche Sachen machen darf.

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Für das neue Koch-, Reise- und Surf-Buch „Salt & Silver“ hat Jana das Handlettering gemacht und alle Karten illustriert.

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Was machst du, wenn du einen Auftrag hast, aber ideenlos bist?

Entweder recherchiere ich  – oder ich mache einfach. Ich habe ganz viele unterschiedliche Stifte, Werkzeuge, Tinten und Pinsel, alles Mögliche, dann probiere ich alles durch. Wenn ich das drei Stunden mache, ist irgendwas dabei, woran ich weiterarbeiten kann. Wenn ich ein Logo für einen Musiker kreiere, höre ich oft die Musik gleichzeitig, um herauszufinden, um was für eine Stimmung es sich überhaupt handelt. Wenn ich das höre und gleichzeitig zeichne, dann passiert das eigentlich von selbst, wie ein Mood.

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Jana zeigt uns ein Mural von den Low Bros auf St. Pauli.

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Gerade hast du deine Arbeiten zum Beispiel in der Ausstellung “Calligraffiti Ambassadors” in der Affenfaust-Galerie ausgestellt. Machst du oft bei Ausstellungen mit?

Wir haben sonst nur Privatausstellungen organisiert. Die Calligraffiti-Ausstellung in der Affenfaust ist die erste große und offizielle Ausstellung. Niels Shoe, der Calligraffiti als Begriff erfunden hat, will das nicht mehr machen und hat sich junge Kalligrafen zusammengesucht, von überall aus der Welt, die quasi sein Erbe weitertragen. Das ist die Geschichte hinter den Ambassadors. Da war Jan Kroke auch dabei, den ich vor einiger Zeit schon über Instagram angeschrieben hatte, weil mir seine Arbeiten so gut gefallen haben. Er hatte die Idee für eine Gruppenausstellung, der Affenfaust Galerie hat das auch gefallen und sie haben mich und meine Freundin dann gefragt. Aus Südkorea, Polen, Spanien und Russland sind Künstler gekommen und haben eine Woche lang gemalt – und dann ausgestellt.

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Wir besuchen mit Jana gemeinsam die Ausstellung „Calligraffiti Ambassadors“ in der Affenfaust Galerie in der Paul-Roosen-Straße 43 in Hamburg.

Aber ihr seid die einzigen Frauen in der Ausstellung, oder?

Eine einzige Frau, eine Künstlerin aus Washington, ist noch dabei.

Ich glaube, es machen viel mehr Frauen, als man denkt, aber die trauen sich oft nicht mit ihrer Arbeit rauszugehen und sie zu zeigen.

Sind Frauen in deinem Bereich unterrepräsentiert?

Absolut. Gerade in der Graffiti-Richtung genauso wie bei der Kalligrafie. Ich glaube, es machen viel mehr Frauen, als man denkt, aber die trauen sich oft nicht mit ihrer Arbeit rauszugehen und sie zu zeigen. Das ist oft das Problem. Auch bei der Ausstellung. In der Street-Art-Szene ist es genau dasselbe.

Kommen da  mehr Frauen nach, die sich trauen nach vorne zu gehen?

Ich hoffe, dass es mit der Zeit mehr werden. Wir haben zum Beispiel vor ein paar Monaten beim „Secret Wars“ mitgemacht, da treten zwei Teams gegeneinander an und haben zwei Stunden Zeit, um mit Markern auf großen Leinwänden zu malen. Das ist ein Team-Battle, da treten drei gegen drei an. Die haben uns, mich und meine Freundin Anna, gefragt, ob wir mitmachen wollen – es gab zum ersten Mal ein Frauen- und ein Männer-Team. Wir haben also nach einer Dritten gesucht, uns fiel aber niemand ein, der passen könnte. Dann war Jahresausstellung bei uns an der Uni und ich habe einfach nach irgendjemanden gesucht, den ich anschreiben kann und habe dann Friederike gefunden, eine supertolle Illustratorin. Ansonsten zeichnen viele Illustratorinnen nur Blümchen, Muffins und Kätzchen – das ist alles voll schön, ich habe aber nach etwas gesucht, das anders ist. Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Frauen trauen. Wir wollten auch schon immer Workshops für Mädels oder Frauen machen, die schon immer mal Lettering und Typo machen wollten – das sollten wir mal in die Tat umsetzen …

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Die Gruppenausstellung „Calligraffiti Ambassadors“ zeigte bis Anfang August 2015 25 internationale Calligraffiti-Künstler – Xuli war auch dabei.

Wo du Street-Art ansprichst. Wie stehst du Street-Art denn gegenüber? Es ist ja teilweise schon sehr kommerzialisiert, gerade auch in Berlin. Wie ist da dein Gefühl?

Das ist immer Geschmackssache und natürlich ist die Kommerzialisierung ein Problem. Einiges kann mich auch nicht mehr begeistern. Banksy kann eh keiner mehr sehen – es ist einfach schon ausgelutscht. Was die Affenfaust-Jungs jetzt mit dem Knotenpunkt machen, ist interessant. Sie laden Künstler ein, die echt gut sind, wie die Low Bros, und lassen sie Murals, also Wände, bemalen, zum Beispiel auf St. Pauli. Die sind der Hammer! So eine Art von Streetart ist wirklich krass. In Hamburg ist das nicht so einfach, Wände dafür zu bekommen. In Berlin oder in anderen Ländern ist das einfacher.

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Hast du ein Traumprojekt oder einen Traumauftraggeber?

Es gibt eine Sache: Ich hoffe, ich bin irgendwann soweit, dass ich mir das zutraue. Es gibt ein Streetart-Festival auf Hawaii, das heißt Pow How Hawaii. Das ist so krass, da fliegen die krassesten Künstler aus der ganzen Welt hin und malen Wände, die Murals. Irgendwann möchte ich eine ganz große Hauswand bemalen. Das würde ich mir wünschen.

Das klappt bestimmt! Vielen Dank für das Interview, liebe Jana.

Hier findet ihr Jana:

Fotos: Sara Merz

 

– in Kooperation mit Lamy –

 

 

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