Themenwoche #40 | Running: Marathon Coach Cecilia Farias im Interview

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Diese Woche dreht sich bei uns alles rund ums Thema Laufen! Wir verraten, wie man den besten Schuh findet, sich richtig aufwärmt und dehnt und wie Laufanfänger sich motivieren können. Los geht’s mit unserem Interview mit Marathon Coach Cecilia Farias. Die Marketing-Projektmanagerin ist seit sechs Jahren passionierte Läuferin, sie ist in den letzten Jahren 26 Marathons und drei Ultra Marathons von New York bis Kapstadt gelaufen, motiviert als Marathon-Coach andere Läufer, ist Ambassador der Sportmarke Brooks und engagiert sich für spannende Charity- und Community-Projekte. Wir haben die 45-jährige Zweifach-Mama und Powerfrau in der Hafencity zum Sporteln getroffen und mit ihr nebenbei über ihre große Passion, das Laufen, gesprochen.

femtastics: Du hast vor sechs Jahren mit dem Laufen begonnen. Was war der Auslöser?

Cecilia Farias: Mit 20 hab ich mit Joggen angefangen. Ich bin immer mit meinem Vater gejoggt, der sich gerade von meiner Mutter getrennt hatte. Wir sind immer besser geworden und wollten irgendwann zusammen einen Marathon laufen. Dann ist er leider gestorben und ich habe die Laufschuhe an den Nagel gehängt. Ich habe zwei Kinder bekommen und eine Zeit lang gar keinen Sport gemacht. Erst mit 39 Jahren bin ich wieder zum Laufen gekommen.

Wenn du es richtig anstellst, gibt Sport dir so viel Kraft, dass du insgesamt mehr Energie und auch Zeit hast.

Was gibt dir das Laufen?

Leider habe ich den Schweinehund erst spät wieder überwunden, denn Sport gibt mir unheimlich viel Energie. Wenn du es richtig anstellst, gibt Sport dir so viel Kraft, dass du insgesamt mehr Energie und auch Zeit hast. Für mich bedeutet Laufen, dass ich auch mal für mich alleine sein und Sachen sortieren kann.

Es geht darum, den Kopf freizukriegen.

Außerdem lerne ich, wenn ich in Gruppen oder sogenannten Communities laufe, viele tolle Menschen kennen. Das liebe ich und bezeichne mich deswegen als Soul Sportlerin.

Was genau verstehst du darunter?

Es gibt sehr ambitionierte Läufer, dann die, die ab und zu laufen und eben Läufer, die es aus Freude machen – die bezeichne ich als Soul Sportler.

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Manchmal steht Cecilia um 3 Uhr morgens auf, um dreimal um die Alster zu laufen, bevor sie Frühstück für ihre Kinder macht.

Als du wieder mit dem Laufen angefangen hast, hast du schnell große Fortschritte gemacht.

Ich habe mit wenigen Kilometern die Woche angefangen. Dann habe ich zwei Tage vor dem Hamburg Marathon eine Wette verloren und musste mich, das war der Wetteinsatz, zum Marathon nachmelden – ohne dafür trainiert zu haben.

Krass! Und du bist den Marathon dann wirklich gelaufen?

Den Tag davor habe ich nachmittags ganz viel Pasta gegessen und mich dann ins Bett gelegt, damit ich früh aufstehen kann. Ich hatte keine Laufuhr und wusste überhaupt nicht, was mich da erwartet. Ich bin einfach in meinen Laufschuhen hin, losgelaufen und habe es tatsächlich in fünf Stunden und einer Minute geschafft.

Abgefahren!

Es hat mir unheimlich viel Spaß gemacht! Als ich durch das Ziel gelaufen bin, habe ich gedacht, das habe ich für meinen Vater gemacht. Das war mein Schlüsselmoment.

Aber es ist wahrscheinlich nicht empfehlenswert, ohne Vorbereitung einen Marathon zu laufen.

Nein. (Lacht) Da hat jeder Läufer so seine Geschichte, wie er zum Laufen gekommen ist und das ist eben meine. Laufen kann auch therapeutisch wirken. Die Leute fangen bei langen Läufen an zu erzählen. Du lernst die Menschen total gut kennen und erfährst sehr viel. Deswegen laufe ich gern in Gruppen.

Nach dem Marathon warst du komplett angefixt und hast immer weitergemacht?

Mittlerweile bin ich 26 Marathons und drei Ultra-Marathons in den letzten sechs Jahren gelaufen.

Dann kann man dich als Extrem-Läuferin bezeichnen?

Das kommt immer darauf an, mit welchen Leuten du zusammen bist. Unter den Läufern, mit denen ich trainiere, zähle ich schon eher zu den Loosern. (Lacht) Die sind noch eine Ecke krasser.

Macht Laufen süchtig?

Sucht hat etwas Negatives, deswegen würde ich nicht sagen, dass es süchtig macht. Aber der Körper gewöhnt sich dran und ich finde es immer besser, mir Schuhe anzuziehen und rauszugehen, als auf dem Sofa abzuhängen.

Du kannst alles erreichen, was du möchtest, das ist mein Credo.

Das machst du aber auch mal, oder?

Ja, klar. (Lacht) Im Leben sollte immer alles gehen. Du kannst alles erreichen, was du möchtest, das ist mein Credo. Du solltest darauf achten, dass du eine gute Balance hinbekommst und nicht zu extrem in eine Richtung gehst. Ich mache das auch nicht professionell und ich finde es wichtig, dass man sich nicht unter Druck setzt. Es soll Spaß machen. Deswegen passt auch die Philosophie von Brooks, Run Happy, so gut zu mir.

Das Laufen gehört fest zu deinem Leben dazu.

Es ist komplett in mein Leben integriert und selbst meine Kinder haben Spaß daran und machen mit. Die beiden laufen jetzt zum Beispiel das Zehntel mit, das ist der Kinder-Marathon vor dem Hamburg Marathon.

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Cecilia hat uns Dehn- und Stretching-Übungen gezeigt.

 

Das heißt, du läufst wirklich immer – oder machst du auch mal Pausen?

Wenn ich merke, dass der Pulsschlag sich erhöht, oder ich ein komisches Gefühl habe, dann lasse ich es. Du lernst deinen Körper total gut kennen und weißt genau, wann du aufhören musst. Es ist wichtig, dass du beim Laufen bei dir bist und auf deinen Körper hörst.

Es ist egal, ob du einen oder drei Kilometer läufst, wichtig ist, einfach mal anzufangen.

Was rätst du Lauf-Anfängern?

Es ist egal, ob du einen oder drei Kilometer läufst, wichtig ist, einfach mal anzufangen. Man darf nicht die Laufschuhe anziehen und sich vornehmen, dass man gleich die große Alsterrunde läuft.

Die Leute stecken sich zu hohe Ziele.

Ja und dann tut ihnen nach der Alsterrunde das Knie weh und sie hören gleich wieder auf und denken, dass Laufen nichts für sie ist. Man muss sukzessive Muskulatur aufbauen und das gilt für den 10 Kilometer-Lauf genauso wie für den Marathon oder den Ultra Marathon. Du musst eine gute Balance finden und deinem Körper auch genügend Ruhepausen gönnen.

Wie motivierst du dich?

Mit Musik! Viele Läufer sagen, das ist Doping und würde von sich selbst ablenken. Ich sehe das anders. Ich liebe Musik und sie spornt mich total an.

 

In New York wirst du schon gefeiert, wenn du einfach nur an dem Marathon teilnimmst.

Wie bist du zum Ultra Marathon gekommen?

Mein größter Traum war es, mit 40 den New York Marathon zu laufen. Das war ein Jahr, nachdem ich mit dem Laufen wieder angefangen hatte. Zu meinem Geburtstag habe ich von meinen Freunden den Startplatz bekommen. Ich hatte vier Monate, um mich vorzubereiten. New York ist besonders, weil es viele Brücken auf der Strecke gibt. Ich musste also Brückentraining und Steigerungsläufe machen. Ich bin dann alleine hin und es hat mich komplett begeistert. In New York wirst du schon gefeiert, wenn du einfach nur an dem Marathon teilnimmst. Ich dachte, dass sei der Nonplus-Ultra-Marathon für mich, aber dann hörte ich von dem „Two Oceans Marathon“ in Kapstadt.

Und das war dein nächstes Ziel?

Ja, weil es der schönste Marathon der Welt ist. Man sieht so viel und die Südafrikaner sind so familiär, jeder hilft sich. Der Marathon ist 56 Kilometer lang, und erstreckt sich von Küste zu Küste. Also habe ich darauf trainiert. Ich bin ihn gelaufen und es war ein unglaubliches Erlebnis. Dann hörte ich, dass der „Two Oceans“ für viele Afrikaner der Vorbereitungslauf auf den „Comrades“ Marathon ist. Der „Comrades“ ist der älteste und mit 20.000 Startern der teilnehmerstärkste Marathon der Welt. Das Eintrittsgeld für Afrikaner wird subventioniert und teilweise nehmen ganze Generationen an dem Marathon teil.

Es ist ein extremer Lauf. Ist das überhaupt noch gesund?

Man muss sich sehr gut vorbereiten, sonst ist dieser Lauf nicht zu meistern. Ich habe mich sechs Monate mit einem Trainingsplan vorbereitet. Da sind Läufe mit bei, die über 40 Kilometer gehen – letzte Woche bin ich insgesamt 102 Kilometer gelaufen. Diese Woche laufe ich dann etwas weniger, „nur“ 80 Kilometer. (Lacht) Im April laufe ich dann viermal 40 Kilometer, zweimal 50 Kilometer und einmal 60 Kilometer.

Verspürst du Angst vor dem Ultra Marathon?

Wenn ich keinen Respekt und keine Angst mehr hätte, würde ich es nicht mehr tun. Das Laufen bedeutet mir sehr viel, ich trainiere meinen Mut. Ich gehe absolut über meine Grenzen, das will ich nicht beschönigen. Dafür musst du deinen Körper richtig gut kennen. Und du musst damit rechnen, dass du durch viele Tiefen gehst. Dafür brauchst du Charakterstärke.

Wie sieht so ein Tief aus?

Ultraläufe sind für Körper und Seele echte Herausforderungen. Ein Ultralauf ist nur mit einem exzellent trainierten Fett-Stoffwechsel, der richtigen Flüssigkeitszufuhr (Salze und Kohlehydrate) und Mentaltraining  zu bewerkstelligen. Das Tolle an dem „Comrades“ ist, dass du, wenn du dich in einem Tief befindest, du immer jemanden neben dir hast, der dich mitnimmt, dich aufmuntert und motiviert.

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Im Mai nimmt Cecilia an dem „Comrades“ teil, ein Ultra Marathon über 90 Kilometer.

Hattest du auch mal einen Zusammenbruch bei einem Lauf?

Nein, bisher nicht. Aber vor zwei Jahren bin ich schlimm gestürzt. Noch bevor ich schauen konnte, was alles blutete, hoben mich viele Läufer auf und ein Südafrikaner sagte nur, come on girl – keep running! Ich hatte gar keine Chance aufzugeben. An der nächsten Wasserstelle wusch er meine Wunden aus und weiter ging es. Bis dahin konnte ich wieder atmen und das Adrenalin tat gut.

Wenn du dann über die Ziellinie läufst, fühlst du dich einfach unschlagbar.

Das heißt, die Auf und Abs gehören zum Marathon dazu.

Es gibt keine Läufer, die nur Glücksgefühle haben. Die Tiefs gehören dazu. In solchen Momenten sagst du dir, es wird gleich besser. Und das ist dann wirklich so. Pure Willenskraft. Wenn du dann über die Ziellinie läufst, fühlst du dich einfach unschlagbar. Nichts kann dich umhauen. Du bist stark und kannst das mit in dein Leben nehmen und übertragen.

Ist das der Grund, warum du Ultra Marathons läufst?

Marathon stärkt den Charakter und gibt dir unheimlich viel Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Das ist meine Motivation. Außerdem mache ich es für den guten Zweck.

Wie funktioniert das?

In New York habe ich das erste Mal von Charity Runs gehört. Bei den großen Marathons bewirbst du dich, entschieden wird per Losverfahren. Viele Leute haben nicht die Möglichkeit, an dem Marathon teilzunehmen, weil sie aus der Lotterie rausfallen. Beim Berlin Marathon gibt es ein Programm vom Nabu, hier kannst du dir einen Startplatz kaufen und verpflichtest dich dann dazu, Spenden zu sammeln. Im letzten Jahr liefen wir zum Beispiel für den Schutz der Wölfe.

Die Spenden sammelt man vor dem Lauf?

Genau. Für meine erste Charity haben meine Kinder und ich Kuchen und Armbänder verkauft und Sightseeing Runs gegeben. So haben wir im letzten Jahr 5.000 Euro an das Kinderhospiz Sternenbrücke übergeben können. Alle unsere Freunde haben mitgeholfen. Vor zwei Jahren habe ich dann die Leute kennengelernt, die die „Unogwaja Challenge“ organisieren.

Was genau ist das?

Unogwaja ist eine wachsende Bewegung, inspiriert durch eine unglaubliche südafrikanische Geschichte. Unogwaja bedeutet „Hase“ in Zulu und ist ein Synonym für Mut, Hoffnung und Herz. Der Unogwaja Lightfund ist ein südafrikanischer Spendenfonds, der derzeit drei Projekte unterstützt, damit Menschen geholfen wird, sich selbst zu helfen. In diesem Jahr starte ich mit zwei meiner Freundinnen im sogeannten „Red Love Train“ – wir unterstützen, zusammen mit vielen anderen Läufern aus aller Welt, den Unogwaja Spendenfonds und sammeln Mittel für eine Grundschule in KwaZulu-Natal, mit vielen sehr motivierten Kindern – häufig Waisen, die lange Wege auf sich nehmen um zur Schule gehen zu können. Hier erhalten sie Bildung, Essen und die Hoffnung auf eine Zukunft.

Was hat es mit den roten Socken auf sich, in denen du läufst?

Der „Red Sock Friday“ ist eine Bewegung – ein Manifest der Freundschaft, für etwas brennen, sich gegenseitig positive Inspiration zu geben und von anderen zu erhalten, eine positive Einstellung zu besitzen, sich an Freunde zu erinnern und sich selber weiterzuentwickeln. Weltweit laufen viele tolle Menschen Freitags mit den roten Socken – unsere Welt ist damit verbunden und insbesondere im „Zusammenhalt“ können wir was bewegen. Die roten Socken aus Südafrika verkaufe ich für zehn Euro, der Erlös wiederum geht direkt in den Unogwaja-Lightfund.

Welchen Marathon möchtest du unbedingt noch laufen?

John McInroy, der Gründer der Unogwaja-Bewegung, hat die „Unogwaja Challenge“ ins Leben gerufen, das ist mein großes Ziel im nächsten Jahr. Vorab habe ich mich dazu verpflichtet, 4.000 Euro Spenden zu sammeln. Jedes Jahr im Mai kommt eine kleine Gruppe engagierter Sportler aus der ganzen Welt zusammen, um in 10 Tagen 1.660 Kilometer von Kapstadt bis Pietermaritzburg mit dem Rennrad zurückzulegen und am elften Tag den 90 Kilometer langen „Comrades“ Marathon zu laufen. Viele Höhenmeter und viel Kraft und Mut ist für diesen außergewöhnlichen Duathlon notwendig. Während der Reise besuchen wir die Orte, die der Unogwaja-Lightfund unterstützt. Wir geben ein kleines Licht und damit große Hoffnung. Es bringt uns wieder auf den Boden und erinnert uns daran, das wir eine Welt sind. Das wird für mich die Reise meines Lebens.

Wow, wir drücken dir die Daumen!

 

Hier findet ihr Cecilia:

Hier findet ihr Brooks:

– In Kooperation mit Brooks –

 

 

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