Dahin gehen, wo es weh tut – Kriegsfotografin Andrea Bruce

andrea-bruce-portrait-femtastics

Kriegsfotografen sind vorrangig männlich – mit wenigen Ausnahmen. Eine davon heißt Andrea Bruce. Die Amerikanerin ist seit dem 11. September 2001 vermehrt in den Irak und nach Afghanistan gereist, um dort den Alltag der Menschen zu dokumentieren, die in einem Kriegsgebiet leben. In 2015 reiste sie nach Rumänien, um die Opfer der Sex Sklaverei zu treffen und zu fotografieren – minderjährige Mädchen, die über Nacht aus ihren Dörfern verschwinden und in die Hauptstadt Bukarest oder ins Ausland gebracht werden. Für die Serie „Romania’s Disappearing Girls“ sind so intime und sehr einfühlsame Aufnahmen entstanden, die von dem großen Vertrauen zeugen, das die betroffenen Mädchen zu Andrea aufgebaut haben, und gleichzeitig ihre hoffnungslose Lage verdeutlichen. Über das Projekt und über die Herausforderungen ihres Berufs sprechen wir mit Andrea Bruce via Skype.

femtastics: Als Kriegsfotografin warst du viele Jahre im Irak und in Afghanistan im Einsatz. Warum hast du dich für diesen Job entschieden?

Andrea Bruce: Als ich im College war, wollte ich Schriftstellerin werden. Ich habe mich spät in die Fotografie verliebt und hatte nie geplant, Kriegsfotografin zu werden – bis zum 11. September 2001. Danach fragte mich die Washington Post, ob ich im Irak und Afghanistan für sie arbeiten möchte. Als ich vor Ort war, stellte ich schnell fest, dass es mir um den Alltag der Iraker und Afghanen geht, den ich dokumentieren möchte. Mein Ziel war es, die amerikanische Leser dazu zu bringen, sich mit Irakern oder Afghanen und ihrem Leben wirklich auseinanderzusetzen und vor allem damit, was gerade in den Ländern passiert. Deswegen bin ich Kriegsfotografin geworden.

Ich denke nicht die ganze Zeit, dass gleich eine Bombe hochgeht, aber manchmal holt es mich ein.

Verspürst du Angst vor einem Einsatz und wie gehst du damit um?

Es gibt viele beängstigende Situationen, die gibt es allerdings auch in den USA. Die Bombardierungen sind natürlich heftig, vor allem wenn du dich beim Militär aufhältst, fühlst du dich noch mehr wie eine Zielscheibe als wenn du mit Irakern zusammen bist. Es gibt viel Kidnapping und du hast eine konstante Bedrohung im Hinterkopf – dir selbst gegenüber, aber auch gegenüber deinem Team, also den Übersetzern und alle anderen Kollegen gegenüber. Ich denke nicht die ganze Zeit, dass gleich eine Bombe hochgeht, aber manchmal holt es mich ein.

Ich habe mich schon immer wie eine Fremde gefühlt, ich kenne es nicht anders.

Wenn du von einem Einsatz wiederkommst, kannst du abschalten und dich zu Hause fühlen? Als ich aufgewachsen bin, bin ich mit meiner Familie alle zwei Jahre umgezogen. Ich habe mich schon immer wie eine Fremde gefühlt, ich kenne es nicht anders. Wenn ich im Ausland bin, mache ich viel Yoga, um mich fit zu halten und um Klarheit in meine Gedanken zu bringen. Es gibt beim Yoga den Moment, wo du deine Existenz und deinen bestimmten Platz in der Welt von außen betrachten kannst. Die Welt ist für mich wie eine große Karte, zu der ich mich immer zugehörig fühle. Das ist jetzt sehr spirituell. (Lacht) Ansonsten habe ich viele Freunde und Familie, die ich sehe, sobald ich wieder zu Hause bin. Und ich schreibe viel Tagebuch. Wie geht deine Familie mit deinem Job um? Ich habe keinen Mann und keine Kinder. Meine Eltern sind es gewohnt und finden es in Ordnung. Wie bereitest du dich auf einen Einsatz vor? Jeder Job ist verschieden. Ich habe sehr viel Zeit im Irak und in Afghanistan verbracht. Du musst dich jedes Mal mit Übersetzern, Fahrern und Organisatoren abstimmen und gemeinsam vorbereiten. Das hängt auch viel vom jeweiligen Kriegsgebiet ab. Gibt es dort Strom, Essen, Wasser und Gas? 90 Prozent meines Jobs ist Logistik.

Hast du viel Kopfkino, bevor du losfährst?

Nein, ich bin einfach sehr fokussiert.

Es gibt eindeutig weniger weibliche Kriegsfotografinnen als männliche Kriegsfotografen. Warum ist das so?

Das weiß ich auch nicht, denn eigentlich ist es für weibliche Fotografinnen deutlich einfacher in Kriegsgebieten zu arbeiten als für männliche.

Ich ermutige Frauen soviel ich kann dazu, in Kriegsgebieten zu fotografieren.

Wie das?

Im Irak und in Afghanistan hast du als Frau die Möglichkeit, über Männer und Frauen zu berichten – das können Männer nicht. Menschen vertrauen Frauen auch mehr. In Afghanistan kannst du dich außerdem etwas diskreter bewegen, indem du beispielsweise eine Burka trägst. Ich verstehe also nicht, warum es so wenig weibliche Kriegsfotografinnen gibt, ebenso wenig, warum es so wenige afroamerikanische Fotografen gibt. Es muss irgendeinen Grund geben, dass unsere Industrie nicht alle Menschen genügend ermutigt. Ich ermutige Frauen soviel ich kann dazu, in Kriegsgebieten zu fotografieren.

Wie machst du das?

Es gibt unglaublich viele Fotografiestudentinnen an den Universitäten. Aber sie trauen sich oft nach der Uni nicht, den Markt zu erobern. Ich gebe Seminare und lerne viele tolle Frauen kennen, die voller Tatendrang sind, sich dann aber doch nicht ausprobieren – ich versuche sie kontinuierlich zu ermutigen.

Hoffentlich wird sich das irgendwann ändern.

Das hoffe ich auch. Man muss aber auch sagen, dass man für die Kriegsfotografie sehr viel Ausdauer und Selbstvertrauen braucht, du musst Dinge vorantreiben können und dabei positiv bleiben. Stereotypisch gesehen haben Männer einfach das nötige Ego dafür, ihnen fällt es etwas einfacher.

Lass uns über dein Projekt „Romania’s Disappearing Girls“ sprechen. Warum hast du dich gerade für dieses Thema entschieden?

Meine Agentur Noor bekam den Auftrag, die moderne Sklaverei weltweit zu dokumentieren. Natürlich geht es bei dem  Thema auch um Menschenhandel und Prostitution. Es gibt zwar Orte auf der Welt, wo das Problem des Menschenhandels noch deutlich schlimmere Ausmaße hat als in Rumänien, aber ich dachte, bevor ich beispielsweise nach Thailand gehe, fange ich erstmal in Europa an. Bukarest hat sich in den letzten Jahren zu einem regelrechten Hotspot für Sex Tourismus entwickelt.

Wie hast du dich auf die Zeit in Rumänien vorbereitet? Ich wusste im Vornherein gar nicht genau, was mich erwarten würde. Sex Trafficking ist ein schwer zu greifendes Thema, da es keine wirklich validen Zahlen oder Statistiken gibt. Ich habe eine NGO in Bukarest gefunden, die freiwillige Streetworker beschäftigt, die sich gut mit dem Thema Prostitution auskennen. Sie verteilen saubere Nadeln und Kondome. Sie kennen jede Prostituierte und ihre jeweilige Geschichte, das hat mir sehr geholfen. Und ich habe mich mit den Begrifflichkeiten Prostitution und Sex Sklaverei auseinandergesetzt – das sind zwei vollkommen unterschiedliche Angelegenheiten, das darf man nicht vergessen. Du meinst, das Prostitution freiwillig ist, während Sex Sklaverei gegen den Willen geschieht. Prostitution wird von Menschen ausgeübt, die Geld brauchen und deswegen ihren Körper verkaufen. Bei der Sex Sklaverei werden Menschen dazu gezwungen. In Rumänien ist die sogenannte „Loverboy Methode“ üblich, Männer gehen in die ganz armen Gegenden Rumäniens und führen junge Mädchen, teilweise sind sie erst zwölf oder vierzehn Jahre alt,  zum Essen aus und machen ihnen teure Geschenke. Irgendwann sagen sie zu den Mädchen, komm mit mir mit! Oft haben sie dann Sex mit ihnen und die Mädchen können in den oft sehr konservativen Dörfern nicht mehr zurück in die Familien gehen. Die Mädchen werden dann nach Bukarest gebracht – oder gleich in ein komplett anderes Land. Dort wird ihnen der Pass abgenommen und sie müssen ihre Schulden abarbeiten. Selbst wenn die Mädchen der Prostitution zustimmen, wissen sie oft nicht, dass sie die Kosten, die ihre Reise verursacht, erstmal abarbeiten müssen.

Du bist durch die NGO in Kontakt mit den Mädchen getreten, welchen Geschichten bist du begegnet?

Ich habe ein Mädchen kennengelernt, Ioanna, die eine minderjährige Prostituierte ist und auf den Straßenstrich geht, seit sie vierzehn ist. Ihre Mutter ist behindert und hat sie auf die Straße geschickt. Nachdem ich Fotos von ihr gemacht habe, verschwand sie und tauchte irgendwann wieder auf. Ihre Mutter erzählte, dass sie von einem Mann in einem Apartment festgehalten wurde. Ioanna flüchtete und ist trotzdem kurze Zeit später verschwunden. Sie wurde in ein anderes Land gebracht.

Ein Verbrechen, das täglich zahlreichen Mädchen widerfährt. Gibt es Hoffnung, dass sich die Situation ändert?

Auf jeden Fall kann sich die Situation ändern, hier ist die Regierung und auch die Polizei gefragt. Es gibt entsprechende Taskforces innerhalb der Polizei, die sich der Thematik widmen, ihnen stehen aber nur sehr wenige Gelder zur Verfügung. Auch die EU muss das Thema noch stärker gewichten. Mit den jungen schönen Mädchen wird in Rumänien sehr viel Geld verdient. Als Fotografin wiederum habe ich das Problem, dass ich zwar Geschichten erzählen kann, aber ich habe nicht die Möglichkeit, den Moment zu dokumentieren, in dem ein Politiker sich korrupt verhält oder ein Grenzbeamter einen Menschenhändler mit Minderjährigen über die Grenze lässt. Trotzdem weiß ich, das genau das passiert – das ist sehr frustrierend für mich. Ich sehe die Mädchen verschwinden, und manchmal sehe ich sie auch wieder auftauchen, aber es geht um die Lücken dazwischen, die eigentlich sichtbar gemacht werden müssen.


Was ist dein nächstes Projekt, an dem du arbeitest?

Ich habe momentan ein Stipendium an der Havard und recherchiere zum Thema Demokratie. Ich habe mich an vielen Orten mit dem Thema beschäftigt und möchte herausfinden, wie Demokratie in verschiedenen Ländern aussieht. Dafür reise ich wieder nach Afghanistan, aber auch nach Südamerika und Indien. Die nächsten sieben Jahre werde ich mich mit der neuen Definition von Demokratie in den USA beschäftigen. Und das vor allem aus der Sicht von Menschen, die in kleinen Communities leben.

Viel Erfolg bei deinen Recherchen und vielen Dank für das spannende Gespräch!

Hier findet ihr Andrea Bruce:

Fotos: Andrea Bruce

Portrait: Jonathan Levinson

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *