Backstage beim „Wunder von Bern“ mit Elisabeth Hübert

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Unser Musical-Special geht nach dem Besuch beim „Der König der Löwen“ in die zweite Runde. Die gebürtige Lübeckerin Elisabeth Hübert hat schon als kleines Mädchen fleißig beim Kinderchor geträllert – jetzt steht sie acht mal die Woche mit 37 Kollegen beim „Das Wunder von Bern“ in Hamburg auf der Bühne. Das Musical erzählt eine Familiengeschichte vor dem Hintergrund der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 – Elisabeth spielt vor einem beeindruckenden Bühnenbild Anette Ackermann, die Frau des WM-Reporters. Bevor Stage Entertainment sie vor zwei Jahren für die Rolle verpflichtete, bewies sie ihr Talent unter anderem drei Jahre als Jane beim Musical „Tarzan“. Wir haben die sympathische 28-Jährige kurz vor ihrem Auftritt hinter den Kulissen besucht, Stangen voller bunter Petticoats bewundert, Toffifee in der Mädelsgarderobe genascht und beim „Schneckeln“ zugeguckt.

femtastics: Gab es beim „Wunder von Bern“ schon mal einen lustigen Fauxpas auf der Bühne?

Elisabeth Hübert: Ständig! (lacht). Bei meiner ersten Szene fahre ich mit einer kleinen Wohninsel auf die Bühne, mit einem Tischchen, meinem Koffer und ganz vielen Requisiten. Bei einer Show ist die Insel einfach nicht losgefahren, das Lied ging los, um mich herum stand die Technik, die Band spielte und mein Mikro war schon an. Irgendwann hieß es per Handzeichen: Geh, geh! Ich hatte keine einzige Requisite zur Verfügung. Ich habe mich in die Mitte der Bühne gestellt und einfach angefangen zu reden und die Szene ohne Requisiten gespielt. Danach fragt man sich: Was habe ich da eigentlich gerade gemacht? Und alle sagen: „Prima, es hat niemand gemerkt.“

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All red: Interview in der roten Lobby mit Hafenblick.

Du hast schon als Kind und Jugendliche gesungen. Warum wolltest du unbedingt zum Musical?

Weil ich immer gerne getanzt und gesungen habe, außerdem habe ich damals bei uns in Lübeck am Theater gespielt. Musicals waren damals in meinem Freundeskreis nicht populär, viele kannten es nicht. Meine Mutter hatte ein bisschen recherchiert und mich im Alter von dreizehn Jahren für einen Tag zu einem Workshop geschickt – das fand ich total spannend. Mit 16 habe ich nochmal einen Workshop für eine Woche gemacht, der galt dann gleichzeitig als Aufnahmeprüfung für die Stage School. So bin ich in die Ausbildung gerutscht. Mit 19 war ich fertig und von da aus ging es direkt in den ersten Job.

Das heißt, die typische Aufnahmeprüfungssituation blieb dir erspart.

Ja, das war super für mich. Ich bin kein typischer Prüfungstyp, so geht es wahrscheinlich den meisten Leuten. Ich mag es nicht so gerne reinzugehen und zu wissen: Ich habe jetzt nur eine Chance.

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Elisabeth zeigt uns eins der aufwendig genähten Fifties-Kleider.

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Wie gehst du mit dem Konkurrenzdruck um, gerade wenn es darum geht, eine Rolle für dich zu gewinnen?

Es ist schwer, weil es unheimlich viele Frauen in dem Beruf gibt. Es gibt nicht so viele Männer, die haben es ein bisschen einfacher – das weiß auch jeder. Das Gute ist – das klingt immer so hart – dass es nicht nur auf die Leistung ankommt, sondern auch auf den Typ. Man kann sogar besser sein als alle anderen, aber wenn eine genauso aussieht, wie sich das der Regisseur vorgestellt hat, dann bekommt trotzdem sie die Rolle.

Wie gehst du damit um?

Wenn du deine beste Leistung gebracht hast und dann nicht genommen wirst, dann weißt du, es hatte etwas damit zu tun, dass du zum Beispiel einfach die falsche Haarfarbe hast. Obwohl man auf der Bühne natürlich auch eine Perücke tragen kann. Wir Darsteller haben sehr viele Gespräche untereinander darüber. Für uns ist das ein bisschen unverständlich – wir machen ja nicht umsonst eine Ausbildung und lernen jahrelang in unterschiedliche Charaktere zu schlüpfen. Man braucht ein paar Jahre um das Auswahlverfahren nicht persönlich zu nehmen und es zu akzeptieren. Und natürlich kann man auch tricksen und sich die Haare vor der Audition einfach färben.

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Du hast auch schon in TV-Sendungen mitgespielt – was ist deine größere Leidenschaft: Das Singen oder das Schauspielen?

Ich mag das Spiel besonders gerne. Ich könnte mir auch vorstellen ein Stück zu spielen, wo ich nicht singen, sondern nur spielen muss. Deshalb finde ich „Das Wunder von Bern“ auch so toll, weil es ums Spielen geht und jedes Lied aus einer Szene entsteht.

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Fiftieswellen in jeglicher Form im Perückenraum.

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Hier steht das Bühnenbild noch in seinen Einzelteilen – bei der Show ist es ein kleines Spektakel!

Wie läuft eine Audition ab?

Die Termine sind öffentlich. Man bewirbt sich, wird im besten Fall eingeladen und dann geht es über drei Runden. In der ersten Runde bringt man meistens seine eigenen Songs mit. In der zweiten Runde wird am vorgegebenen Material gearbeitet und wieder vorgesungen. Für jeden Sänger sind dann nur fünf bis zehn Minuten eingeplant. In der dritten Runde werden Szenen zugeteilt und es wird erneut vorgesungen. Beim „Wunder“ war es ganz toll, weil ich in der ersten Runde relativ viel zeigen konnte.

Klingt aufregend!

Ja, es ist echt nicht so schön (lacht). Aber die Leute versuchen es dir immer so angenehm wie möglich zu gestalten und sind immer sehr nett zu dir.

Gewöhnt man sich irgendwann an diese Situation?

Ich gewöhne mich nie dran. Ich zeige eher weniger und bringe meist nicht meine Glanzleistung in so einem Auditionmoment. Als ich mal viele Auditions hintereinander gemacht habe, ging es besser. Jetzt habe ich fast zwei Jahre keine Audition gemacht. Die nächste wird sehr, sehr schlimm. (Lacht)

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Wie lange habt ihr für „Das Wunder von Bern“ geprobt, bevor es aufgeführt wurde?

Wir haben einen Regisseur, der am Anfang alles mit uns einstudiert – das dauert circa sieben Wochen. Nach der Premiere geht der Regisseur. In jedem Theater haben wir einen künstlerischen und einen musikalischen Leiter und einen Dance Captain. Der künstlerische Leiter ist da, um die Shows zu überprüfen. Er guckt sich die Show ab und zu an, auch in verschiedenen Besetzungen, und schaut, ob alles noch so ist, wie es sein soll. Beim musikalischem Leiter ist das genauso, der ist auch immer gleichzeitig Dirigent. Er hört alles direkt vom Orchestergraben aus. Wenn unseren Leitern etwas auffällt, kommen sie sofort zu uns.

Das heißt, ihr habt kein tägliches Tanz- und Gesangstraining?

Nein, wenn du die Show einmal gelernt hast, dann bist du durch. Und dadurch, dass du sie jeden Tag machst, verlernst du sie ja auch nicht. Wir haben aber viele Kinder hier, weil die nur 30 Tage im Jahr arbeiten dürfen. Dadurch proben wir ständig neue Kinder ein. Wenn es nach jedem Jahr den Cast-Wechsel gibt und entschieden wird, wer kommt und geht, dann werden die Neuen natürlich auch wieder sechs Wochen eingeprobt.

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Kurz vor der Show: Elsabeths Haare werden geschneckelt und die Perücke kommt zum Einsatz.

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Du trittst fast jeden Tag auf. Schleicht sich so etwas wie Routine ein?

Ja, auf jeden Fall. Ich spiele acht Shows die Woche, da wird man sehr routiniert. Das ist aber auch okay, ich sehe das als Chance. Wenn ich mich nicht mehr darauf konzentrieren muss, wo ich hingehe und welchen Text ich sage, habe ich ganz andere Möglichkeiten an feineren Schattierungen meines Charakters zu arbeiten. Die Zuschauer müssen immer das Gefühl haben, dass man die Show zum ersten Mal spielt, auch wenn es das fünfhundertste Mal ist. Das muss man als Musicaldarsteller lernen.

Wie bereitest du dich konkret auf Rollen vor?

Anstatt zu versuchen jemand anderes zu sein, stelle ich mir erstmal vor, wie ich mich als Elisabeth in der vorgegebenen Situation verhalten würde. Ich bringe also viel von mir selbst in die Rolle mit rein. Ich lese den Text und versuche ihn ganz natürlich, ohne viel Kunst, zu sprechen. Als nächstes kommt dann mein Spielpartner dazu und die Szene füllt sich Stück für Stück mit Leben. Wenn man dann noch ein 50er-Jahre-Kleid mit Petticoat anzieht, hat man automatisch eine andere Haltung und kann komplett in die Rolle schlüpfen.

Fällt es dir genauso leicht eine „böse“ Rolle zu spielen?

Das größte Problem hatte ich im zweiten Jahr in der Ausbildung, da musste ich jemanden spielen, der richtig ätzend war – das fand ich total schwer. Ganz lange habe ich das nicht hinbekommen, weil ich immer versucht habe, etwas Böses aufzusetzen. Aber du musst einfach versuchen, die böse Seite in dir zu finden. Mittlerweile finde ich es interessanter, Sachen zu spielen, die nicht so nah an mir dran sind.

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Mit acht Kolleginnen teilt sich Elisabeth ihre gemütliche Garderobe.

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Auch drunter gibt’s Fünfziger!

Wie müssen wir uns deinen Arbeitsalltag vorstellen?

Ich bin immer 1,5 Stunden vor der Show hier. Eigentlich müssen wir nur eine Stunde vor Vorstellung da sein, ich nehme mir aber gerne etwas mehr Zeit. Wir haben eine Mädelsgarderobe von acht Frauen, da gibt es immer viel zu besprechen (lacht). Dann geht’s fünfzig Minuten vor Showbeginn in die Maske, meine Haare werden „geschneckelt“, also eingedreht und festgesteckt, dann kommt die Perücke auf, ich schlüpfe ins Kostüm und die Show kann beginnen.

Du arbeitest jeden Abend und an den Wochenenden. Bleibt da Zeit für eine Beziehung?

Mein Mann ist Tänzer bei Aladdin, wir haben ähnliche Arbeitszeiten und gehen meistens gemeinsam aus dem Haus. Nach der Show treffe ich ihn wieder an der S-Bahn und wir fahren gemeinsam heim. Das, was die Leute abends machen, sich entspannen, das machen wir dann tagsüber. Es gibt ja viele Paare, bei denen nicht beide beim Musical arbeiten – das finde ich extrem schwierig. Ich glaube, da muss man einen Partner haben, der auch flexible Arbeitszeiten hat, sonst sieht man sich gar nicht.

 

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Fast fertig – Dresserinnen helfen beim Einkleiden.

Was passiert, wenn dein Mann ein Angebot in einer anderen Stadt oder einem anderen Land bekäme?

Das hatten wir auch schon oft – es ist ein Glücksfall, dass wir hier gerade zusammen in einer Stadt sind. Unsere Base ist und bleibt Hamburg. Je älter man wird und je länger wir das machen, desto mehr verschieben sich natürlich auch die Prioritäten. Im Moment liegt die Priorität ganz klar darauf, zusammen zu sein. Wenn nicht in Hamburg, dann wenigstens zusammen in einer anderen Stadt.

Hast du denn auch mal Urlaub? Das typische Wochenende fällt ja bei dir auch weg.

Dienstags habe ich immer frei – nur einen Tag frei zu haben ist aber auch anstrengend, da gewöhne ich mich nie dran. Urlaub haben wir ganz normal, wie andere Angestellte auch.

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Sieben Outfits trägt Elisabeth bei jeder Show.

Wenn du nicht da bist, kommt die Zweitbesetzung zum Einsatz?

Ich habe hier zwei Zweitbesetzungen, die sogenannten Cover. Außerdem haben wir drei Frauen-Swings, die können alle Ensemble-Positionen spielen, sie sitzen im Haus und wenn sie gebraucht werden, können sie einspringen.

Was ist dein größter Musical-Traum?

Es gibt natürlich viele Stücke, die ich sehr mag – die Stücke wechseln aber so schnell. Mir gefällt „Wicked“ total gut, ich hatte mich sogar mal beworben, war weit im Finale, dann haben sie doch jemand anderen genommen. Mir ist das Herz gebrochen, weil ich es so gerne gespielt hätte.

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Ready for the Show!

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Toi, Toi, Toi, Elisabeth!

Was machst du, wenn du Absagen bekommst? Heilt die Zeit die Wunden?

Generell ist es nicht schlimm, wenn man etwas nicht bekommt. Das gehört dazu. Man bewirbt sich auf so viele Rollen, Live goes on!

Umso größer ist die Freude, wenn du eine der Hauptrollen bekommst …

… so wie hier! Ich habe es gar nicht erwartet. Das Stück gab es ja noch nicht und man wusste nicht, was als Rolle gewollt war. Da war ich dann umso überraschter, als der Regisseur meinte: Genau so sehe ich die Anette.

Vielen Dank für das Interview & viel Spaß bei der Show, liebe Elisabeth!

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Hier findet ihr Elisabeth Hübert:

Hier geht’s zu unserem Musical-Special.

Fotos: Linda David; Bühnenbilder (2): Stage Entertainment

– In Kooperation mit Stage Entertainment –

 

 

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