Wie Erika Lust die Porno-Branche revolutioniert

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Erika Lust ist Filmemacherin, Mutter, Autorin, Bloggerin und Gründerin von Erika Lust Films – hier entwickelt sie Alternativen zur Mainstreampornografie. Ihre Filme bezeichnet sie als Indie-Adult-Cinema. Zusammen mit ihrem Lebenspartner Pablo Dobner gründete sie 2004 das audiovisuelle Projekt XConfessions – eine Serie, die Pornografie grundlegend verändert und zum ersten Mal salonfähig macht. Jeden Monat verwandeln sie zwei ausgewählte sexuelle Erlebnisse und Fantasien ihrer Community in aufregende Kurzfilme. Die 40-Jährige ist die Vorreiterin von Erotikfilmen, die abseits der Mainstreampornografie im Internet zu finden sind. Die Filme sind der Beweis dafür, dass explizite Erotik ein gesundes und offenes Verhältnis zu Sexualität vermitteln und außerdem kreativ, kunstvoll und unglaublich sexy sein können. Wir interviewen Erika Lust via Skype-Call zwischen Hamburg und Barcelona und sprechen mit ihr über sexuelle Aufklärung, ihre ersten Erfahrungen mit Pornografie, feministische Pornos, sowie über ihr Projekt xConfessions.

Femtastics: Wie hast Du Pornografie zum ersten Mal erlebt?

Erika Lust: Ich war 11 oder 12 Jahre alt. Eine Schulfreundin organisierte eine Pyjamaparty und wir sahen uns Videokassetten an, die ihr Vater aufgenommen hatte. Beim Anblick der Pornos waren wir geschockt. Wir waren überrascht, wie seltsam Sex abläuft. Bis zu diesem Moment hatte ich eine romantische Vorstellung von Sex. Das war der Moment, an dem ich erkannte, dass mir diese Vorstellung von Sex nicht gefiel. Es hat mich nicht angezogen, sondern ich fand es komisch und eklig.

Ich fühlte mich von den Pornos provoziert. Mein Körper reagierte nicht auf die sexuellen Bilder.

War das dann vorerst der letzte Pornofilm, den du dir angesehen hast?

An der Uni hatte ich dann einen Freund, mit dem ich zusammen Pornos angeschaut habe. In diesem Alter war ich bereits eine kritische und analytische Person. Ich fühlte mich von den Pornos provoziert. Mein Körper reagierte nicht auf die sexuellen Bilder. Ich war kritisch und mochte es nicht. Durch mein Studium in Politikwissenschaften und meine feministische Haltung dachte ich mehr über Gesellschafts- und Machtstrukturen nach.

Du hast gemerkt, dass Mainstream Pornografie nicht für Frauen bestimmt ist?

Diese Art von Pornografie fokussiert sich auf die männliche Sexualität. Es ist alles für den Mann gemacht und Frauen sind nur als schöne Objekte oder Sexpuppen da. Das war ein schwerer Moment für mich. Ich dachte, es muss einen Weg geben dies zu ändern, weil ich gerne Sex habe und mir gerne Sex anschaue. Warum muss ich diesen Konflikt zwischen meinem Kopf und meinem Körper haben? Lass es mich genießen, dachte ich mir. Aus dem Gedanken entstand ein paar Jahre später mein erster Kurzfilm, den ich physisch und mental genießen konnte. Der Film sprach mich auf beiden Ebenen an.

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Erikas Team besteht aus 15 Frauen!

Du bezeichnest dich als „feministische unabhängige erotische Regisseurin und Produzentin“. Wie unterscheiden sich deine Filme von Mainstreampornos?

Meine Filme sind komplett unterschiedlich. Das liegt vor allem an der Art, wie ich mich dem Thema nähere und an der Erfahrung in meinem weiblichen Körper.

Die meisten Produzenten sind mittleren Alters, heterosexuell, weiße Männer und an Brüsten und Ärschen interessiert.

Die meisten Pornoproduzenten sind Männer. Wie erzählst du Geschichten?

Als Feministin habe ich einen anderen Hintergrund und kann eine Geschichte aus der weiblichen Perspektive erzählen. Die Art, wie ich einen Film produziere, gleicht der Art und Weise von Filmemachern aus der Independentfilmszene. Es ist ein langer Prozess. Mein Team besteht aus 15 Frauen und alle Entscheidungen treffen wir gemeinsam. Das ganze Konzept ist anders. Eines der größten Probleme von Mainstreampornos ist, das sie immer die eine Perspektive des Produzenten zeigen. Die meisten Produzenten sind mittleren Alters, heterosexuell, weiße Männer und an Brüsten und Ärschen interessiert. Das ist deren Fokus und andere Aspekte sind für sie nicht von Interesse.

Wir haben vor ein paar Wochen ein Interview mit Fuck Yeah, einem feministischen Sexshop in Hamburg geführt. Eine der Gründerinnen hat sich zu der Kategorie „female friendly“ auf Pornhub ausgesprochen. Sie sagte: „Female Friendly bedeutet bei Pornos 30 Minuten Analverkehr am Strand, romantische Musik, Sonnenuntergang und die Typen sehen besser aus.“ Ist feministischer Porno das Gegenteil von Hardcore Porno?

Ich bin eine Feministin und produziere aus meiner Sichtweise Filme für Erwachsene. Die Leute sind bei der Vorstellung von feministischen Pornos verwirrt. Sie finden Pornos anti-feministisch. Sie gehen bei feministischen Pornos davon aus, dass hier hässliche Frauen mit langen Achselhaaren gezeigt werden, die bereit sind Männer mit einem Strap-On Dildo zu ficken. Deswegen verwende ich diesen Begriff nicht. Ich möchte den Menschen vermitteln, dass ich ein Erwachsenenkino für alle mache – für Männer und Frauen und für Leute, die Sex aus einer modernen Perspektive sehen wollen.

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Das Interview mit Erika Lust hat femtastics-Autorin Friderike Weinert per Skype geführt!

Das Wichtigste ist, dass Frauen in den Produktionsprozess hinter den Filmen involviert sind.

Aber vielleicht verbindet man feministischen Sex ausschließlich mit romantischem Sex?

Feministische Pornos sind unterschiedlich. Was sie gemeinsam haben, ist, dass alle die weiblichen Charaktere, ihre Geschichte und ihr Vergnügen respektieren und miteinbeziehen. Das Wichtigste ist, dass Frauen in den Produktionsprozess hinter den Filmen involviert sind. Dann sehen die Filme anders aus. Einige sind amateurhaft gedreht, wo die Leute eine Kamera aufstellen. Andere Pornos sind wahre Filmkunst mit einem Konzept und Erzählstil. Die Darsteller arbeiten unter guten Arbeitsbedingungen. Die Produktion von feministischen Pornos verläuft ethisch korrekt. Wenn wir auf die kostenlosen Pornowebseiten gehen, werden wir keine ethisch produzierten Pornos finden. Wenn die Leute denken, dass sie Pornos kostenlos anschauen können, ist das nicht in Ordnung. Wir müssen nicht nur an die Produzenten denken, sondern auch an unser eigenes Verhalten.

Für dein Projekt xConfessions verfilmst du Fantasien Deiner Community. Wie wählst Du die Ideen aus?

Die Vorschläge müssen etwas in mir auslösen. Dann möchte ich auch einen großartigen Film daraus machen. Außerdem achte ich auf die aktuelle Jahreszeit und ob ich eine Darstellerin oder einen Darsteller habe, mit denen ich gerne arbeiten würde und die gut zu xConfessions passen. Teilweise habe ich bereits einen interessanten Ort im Hinterkopf, an dem ich gerne drehen würde. Dann versuche ich eine Geschichte zu finden, die zu der Location passt.

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Wie wählst du die Darsteller für deine Filme aus?

Ich versuche Menschen zu finden, mit denen ich eine Verbindung habe. Für mich ist wichtig, dass ich mit jedem Bewerber vorher persönlich spreche. Ich arbeite mit meiner Talentmanagerin zusammen. Wir bekommen jeden Tag viele Bewerbungen rein. Wir skypen mit Menschen auf der ganzen Welt, die für uns arbeiten wollen. Wir müssen herausfinden: Wer sind die Personen? Was mögen sie? Warum wollen sie das tun, und haben sie das schon einmal gemacht? Sind sie sich der Konsequenzen bewusst? Wenn man online Sex hat, wird es Konsequenzen geben. Haben sie mit ihren Familien und Freundinnen gesprochen? Wie stehen die dazu? Wir verschaffen uns einen Überblick über die sexuellen Vorlieben und Ideen der Darsteller. Wir fragen die Darsteller, mit wem sie gerne arbeiten möchten. Eines der Dinge, die ich in den letzten Jahren realisiert habe, ist, dass es sehr schwierig ist, Personen zusammenzubringen. Du wirst nie vorher wissen, ob die Chemie zwischen den beiden stimmt. Es ist für mich leichter mit Personen zusammenzuarbeiten, die sich bereits kennen und die sich gegenseitig geil finden. Das ist der Schlüssel zum Erfolg.

Arbeitest Du ausschließlich mit Profis zusammen oder sind auch Amateure unter Deinen Darstellern?

Ich arbeite mit beiden. Teilweise arbeite ich mit einigen Mainstream Pornostars zusammen. Die Darsteller unterscheiden sich von dem, was die Leute über sie denken. Die Leute haben Vorurteile gegenüber Pornodarsteller. Sie denken, dass Pornodarsteller seltsame Leute sind. Das sehe ich nicht so. Die meisten von ihnen sind liebenswerte Menschen mit einem großartigen Sinn für Humor. Sie sind mit sich selbst und ihrem Körper im Reinen. Durch ihre selbstsichere Art macht es ihnen großen Spaß. Sie planen ihre Zukunft und kümmern sich gut um sich selbst. Die Leute verstehen nicht, dass Sexarbeiter Menschen sind.

Porno kann als eine große Inspiration fungieren.

Was können wir aus der Pornografie lernen?

Pornografie kann uns etwas beibringen. In Pornografie steckt viel Potenzial. Es ist das einzige Medium, das Sex zeigt. Ein anderer Weg wäre in eine Liveshow zu gehen. Pornografie hilft den Menschen gewisse Dinge über sich selbst und ihre eigene Sexualität herauszufinden – was sie mögen und was sie nicht mögen. Es kann ihnen helfen, zu begreifen, welche sexuelle Vorlieben sie haben. Porno kann als eine große Inspiration fungieren. Vor allem bei Frauen mit Kindern, die ihre fehlende Lust im Sexleben beunruhigt und daran arbeiten, zu ihrem erotischen Selbst wiederzufinden.

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Der größte Teil der Pornografie, den wir online finden, ist sehr sexistisch.

Mainstreampornografie behandelt Frauen und Männer nicht auf die gleiche Weise. Es zeichnet sich ein Bild von Frauen als Sexpuppen und Männern als Sexmaschinen, die immer bereit sind. Diese Sichtweise ist für junge Leute sehr gefährlich, weil sie anfangen zu glauben, dass Porno gleich Sex ist. Aber wir, als erwachsene Personen wissen, dass es so nicht ist. Wir haben bereits sexuelle Erfahrungen im Laufe unseres Lebens gesammelt und wissen daher, dass Sex kompliziert ist. Wir wissen, dass Sex manchmal dauert und dass es Zeit braucht, den eigenen Körper und den Körper eines anderen zu kennen. Es ist nicht wie in einem Porno. Es ist nicht 4 Minuten harte Penetration und dann kriege ich als Frau den besten Orgasmus. Wenn wir den Jugendlichen das nicht vermitteln, woher sollen sie es dann wissen?

Sie fangen an sexuelle Erfahrungen zu sammeln und reproduzieren das, was sie in der Onlinepornografie gesehen haben.

Junge Männer werden frustriert sein, weil sie sich nicht gut in ihrem Körper und mit ihrem Penis fühlen. Sie denken, dass etwas nicht mit ihnen stimmt, weil sie nicht wie ein Pornostar funktionieren. Junge Frauen werden auch frustriert sein, weil sie nicht lernen, Sex zu haben, um selbst Spaß daran zu haben. Sie lernen, wie man Sex hat, um die Männer zu erfreuen, weil sie das in der Pornografie sehen.

Findest du es problematisch, dass Pornografie als Medium ausschließlich Sex zeigt?

Das finde ich in Ordnung, weil ich nichts Unnatürliches daran sehe. Aber zu den sexistischen, rassistischen und homophoben Bildern, die durch Mainstream Pornografie vermittelt werden, müssen wir Nein sagen. Wir verdienen bessere Pornos, die ernsthafte Verbindungen zwischen Menschen zeigen, sowie Intimität, Diversität von Körperbildern, Rassen und Geschlechtern.

 Absolut! Vielen Dank für das Interview, liebe Erika!

Hier findet ihr Erika Lust:

Interview: Friderike Weinert

Fotos: PR

 

 

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