Filmemacherin Helena Ratka sucht die neue Demokratie

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Wie bekommen wir politische Ereignisse der Vergangenheit vermittelt? Welche Gegenwart entsteht dadurch und wie können wir sie mitgestalten? Wie entkommen wir der politischen Ohnmacht? Gibt es eine neue demokratische Bewegung? Diesen Frage möchte die Hamburger Filmemacherin Helena Ratka mit ihrer Dokumentation „Facts about Fiction“ auf den Grund gehen. Was wie eine klassische History Channel-Dokumentation beginnt, zerfasert durch gezielt gesetzte Irritationen nach und nach, sodass Raum für Fragen entsteht. Die Dokumentation lässt Experten und Aktivisten zu Wort kommen und handelt von Liquid Democracy, temporären autonomen Zonen und sozialen Bürgervereinen. Wir treffen Helena in ihrer Wohnung auf St. Pauli.

femtastics: Du hast Film studiert. Wie kam es zu der Entscheidung?

Helena Ratka: Musik und Film haben mich schon immer interessiert. Mein erstes Video habe ich im Leistungskurs Kunst gedreht. Nach der Schule bin ich nach Berlin gezogen. Ich hatte Bock auf Film und habe mir über Crew United Jobs gesucht, zum Beispiel als Set-Assistent oder Ausstattungsjobs. Dann wurde ich in Hamburg für das Filmstudium angenommen.

Das Studium hat mich politisiert.

Was hat dich am Studium begeistert?

Das Studium hat mich tatsächlich politisiert. Als ich angefangen habe, wurde gerade Bachelor und Master sowie die Studiengebühr eingeführt. Ich habe genau in dem Zeitraum studiert, in dem es die Studiengebühr gab.

Verdammt!

Ich habe mich so geärgert. Ich war dann in verschiedenen Protestgruppen aktiv und habe meine Kunstgalerie, die Pow Galerie, betrieben. Durch das Studium habe ich ein paar Leute kennengelernt, mit denen ich heute noch zusammenarbeite. Einen Mentor habe ich aber während des Studiums nicht wirklich gefunden, was ein bisschen schade war.

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War dir nach deinem Abschluss sofort klar, dass du als freie Filmemacherin arbeiten willst?

Ja, wobei ich immer wieder Momente habe, in denen ich denke, dass ich nicht davon leben kann und in denen ich mich frage, wie lange ich das noch probieren will. Kurz dachte ich, dass ich Video-Journalistin werden will, weil mich das Dokumentarische interessiert. Da ich aber kein Volontariat bekam, habe ich angefangen an der Doku zu arbeiten.

Mein Thema ist immer das Individuum, die Gesellschaft und die Spannungsverhältnisse, die auftauchen.

Deswegen machst du also dein eigenes Projekt. Wie ist die Idee entstanden?

Die Thematik war im Ansatz schon in meinem Diplomfilm drin. Mein Thema ist immer das Individuum, die Gesellschaft und die Spannungsverhältnisse, die auftauchen. Also, sich als Person zu verwirklichen und gleichzeitig ein soziales Wesen zu sein. Ich habe angefangen mich damit auseinanderzusetzen, was für politische Systeme es gibt und in welchem Kontext diese zu betrachten sind. Wie stark prägt die Geschichte, die zu einem bestimmten Thema erzählt wird, die Thematik, wie sie jetzt in unserer Realität rezipiert wird?

Es ist eine Doku über die Suche nach einer neuen demokratischen Bewegung – hast du sie gefunden?

Auf jeden Fall nicht die eine neue Demokratie. Es gibt verschiedene Ansätze, die ich spannend finde, die aber auch Weiterentwicklungen von direkter Demokratie sind, die ihren Anfang in der Französischen Revolution hat. Das wird auf die schnellere Interaktion durch das Internet übertragen, also liquid democracy. Und es gibt den Versuch, wieder kommunalere Strukturen aufzubauen und im direkten Kontakt mit den Menschen, die um einen herum leben, Politik aktiv zu gestalten wie zum Beispiel bei Ahora Madrid. Ich finde aber auch Kunstgesellschaften wie Staatsformen spannend, die nur im Netz existieren und bei denen es nicht mehr um ein Staatsgebiet in dem Sinne geht.

Du zeigst gewisse Utopien, Optionen und Alternativen in deinem Film auf.

Bei den Zukunftsbildern, die ich aufzeigen will, setze ich auf die fantastische Kraft der Imagination. Ich habe jeden meiner Interviewpartner nach seiner Perspektive für die Zukunft der Demokratie gefragt. Es werden viele Entwürfe sein, die teilweise auch eher dystopisch aussehen. Es geht mir darum, am Ende einen Entwurf stehen zu haben, der einfach eine neue Realität behauptet. Vielleicht ist diese Behauptung unsere Chance, etwas Neues denken zu können.

Auf der Straße und im Tun funktioniert ein linkes Bewusstsein gerade nicht.

Ist die politische Ohnmacht wirklich so groß? Wie ist deine persönliche Wahrnehmung?

Es ist ambivalent. Ich lebe schon in einem Umfeld, in dem alle interessiert sind, aber es gibt keine wirkliche Alternative und keine Aktion. Die Ohnmacht, die Pegida-Anhänger verspüren, verspüren die Linken ja auch. Wieso tun sich die Linksliberalen also nicht ebenso zusammen und versuchen zu dieser Hoffnungslosigkeit eine Alternative aufzubauen? Das passiert eher im Netz. Aber auf der Straße und im Tun funktioniert ein linkes Bewusstsein gerade nicht.

Ist das in anderen Ländern anders?

In Griechenland habe ich es anders empfunden. Dort ist eine größere Empathie, Anteilnahme und Kraft entstanden und es wird sich in den Kommunen gegenseitig geholfen. Diese menschlichen Züge haben sich durch die Extremität der Lage entwickelt, weil man anders nicht überleben konnte. In Exarcheia ist eine Parallelwelt entstanden, zu der die Polizisten keinen Zugang mehr hatten. Es gab ein großes bürgerliches Bewusstsein fürs Miteinander und fürs Helfen und Machen. Als die Aktivisten dann gewählt wurden, gab es wieder die Übertragung von politischer Macht, also jemand wurde ausgesendet, der im größeren europäischen Kontext handlungsfähig ist. Das Vertrauen wurde dann aber auch wieder enttäuscht, sodass ich denke, in Griechenland wurden uns die Probleme der angewandten Politik mit ihren Idealen im Widerspruch mit den Interessen der globalen Ökonomie im Zeitraffer vor Augen geführt.

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Wenn Helena nicht Filme dreht, macht sie supergute Musik mit Sohpia Kennedy – ihre Band heißt Shari Vari und ist unbedingt zu empfehlen.

Wie funktioniert man als politischer Bürger, der an etwas teilhat?

Was ist also die zentrale Fragestellung deines Projekts?

Wie lange und wie intensiv kann man auf einer kleineren kommunaleren Ebene Sachen austesten? Wie funktioniert man als politischer Bürger, der an etwas teilhat? Aber ich bin nicht für Abkapselung, das wäre falsch, sich in seine kleine Kommune zurückzuziehen. Es ist etwas total Schönes, dass wir uns vernetzen können. Aber bestimmte Sachen müssen eben trainiert werden, damit man wieder das Gefühl hat, angreifen zu können.

Als ich den Trailer gesehen habe, habe ich Beklommenheit verspürt und fragte mich wie so oft, ob die Welt wirklich komplett aus den Fugen gerät.

Ja!

Man könnte entgegnen, dass es in vergangenen Epochen viel schlimmer war.

Ja, aber die Menschen damals hatten nicht die Technologie wie wir heute. Das ist ein riesen Unterschied. Klar gab es immer Grauen und Kriege und Verbrechen, aber mit dem nuklearen Hintergrundwissen und der Ressourcenknappheit sieht die Sache eben ganz anders aus. Die Menschen haben es auf die Spitze getrieben. Gleichzeitig neigen die Menschen dazu, Sachen zu verdrängen, um überhaupt einen Willen zu haben, weiterzumachen. Wenn man alles komplett ungefiltert an sich ranlassen würde, dann hätte man gar keine Motivation mehr.

 

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Die Beklommenheit in deinem Trailer ist aber auch Stilmittel.

Ich spiele mit Erzählweisen. Am Anfang sind es die alten Griechen, die das Scherbengericht nachspielen. Dann entstehen nach und nach Irritationen. Man sieht eine historischen Aufnahme, wie jemand sein Schwert in den Himmel hebt und zum Kampf aufbricht, in der nächsten Einstellung aber ein Straßenkämpfer ist, der einen Stein in der Hand hat. Das ist ein kleiner Moment der Überblendung, dann geht es in dem historischen Kontext weiter. Dann gibt es eine Parabel für die Jetztzeit für das Orakel von Delphi. An dem Ort habe ich gedreht. Die Weißsagungen haben dort im Nebel stattgefunden. Da Menschen mit ihren Fragen aus dem ganzen Land hierhin gekommen sind, war dies ein Ort, an dem Wissen gebündelt wurde. So wurden Wahrheiten erzeugt. Jetzt ist vielleicht Google unser Orakel, das Wissen sammelt.

Was hast du vor mit dem Geld, das du mit dem Crowdfunding einsammelst?

Erstmal möchte ich weitermachen können und den Film zu Ende drehen. Ich möchte noch drei Interviews führen, für die ich reisen muss. Und ich möchte mir eine Studiosituation schaffen, in der ich zum Beispiel Orakel-Szenen mit Schauspielern drehen kann. Dazu kommen Kosten für den Schnitt und Animation. Und ich möchte echt gerne den Leuten Geld geben, die bisher umsonst für mich gearbeitet haben.

Wo wirst du den Film zeigen?

Auf Festivals und eventuell im Kino, da bin ich sehr offen.

Wir drücken dir die Daumen und freuen uns auf den Film!

Fotos: Pelle Buys

 

 

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