Für mehr Fairness in der Konsumwelt – Lisa Jaspers von Folkdays

Fair Fashion ist kein einfaches Pflaster. Die Berlinerin Lisa Jaspers hat vor zwei Jahren ihren Job als Unternehmensberaterin an den Nagel gehängt und gemeinsam mit zwei Mitgründern Folkdays ins Leben gerufen. Folkdays ist ein Onlineshop für handgemachte und fair gehandelte Mode, Accessoires und Interior. Lisa kauft bei Kunsthandwerkern aus der ganzen Welt ein und vertreibt die Produkte in ihrem Shop. Zudem entwickelt sie auch eigene Stücke, vom Kimono bis zur Ledertasche. Im Moment arbeitet sie eng mit 28 sogenannten Artisans aus 14 Ländern, von Bolivien bis Bangladesch, von Indien bis Israel, zusammen. Wir haben sie in ihrem Pop-up-Store „Folkdays & Friends“ in Hamburg getroffen und mit ihr über Herausforderungen im nachhaltigen Business und ihren persönlichen Umgang mit einem nachhaltigen Lebensstil gesprochen.

femtastics: Du hast deinen Job als Unternehmensberaterin an den Nagel gehängt und vor zwei Jahren Folkdays gegründet. Wie kam es zu dem Cut?

Lisa Jaspers: Ich habe Politik und Entwicklungsökonomie studiert und danach viel in diesem Bereich gearbeitet und unter anderem auch unterschiedliche Entwicklungshilfsorganisationen beraten. Vor zwei Jahren wurde mir zum einen klar, dass ich mich nicht gut unterordnen kann und ich gerne mein eigener Chef sein wollte, und zum anderen habe ich nach einem Ansatz gesucht, der mit Armutsbekämpfung zu tun hat. Bei dem man das Gefühl hat, dass man etwas schaffen kann, losgelöst von den ganzen Hilfsorganisationen, weil die oft eine komische Dynamik haben. Entwicklungshilfe erzeugt eine sehr einseitige Abhängigkeit, die es häufig schwer macht, auf Augenhöhe miteinander zu arbeiten und alle Potenziale vor Ort ideal zu fördern.

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Eine Auswahl der hübschen Produkte von Folkdays – die Mützen wurden in Bolivien gefertigt, die Boxen in Peru und die Tasche in Indien.

Und dann kam dir die Idee zu Folkdays?

Dadurch, dass ich viel gereist bin, habe ich gesehen, dass es ganz viele tolle Menschen auf der Welt gibt, die tolle Stärken und tolle Materialien haben und abgefahrene Sachen machen. So ist der Gedanke zu Folkdays entstanden – ich wollte diesen Menschen eine Plattform bieten.

Was wollt ihr mit Folkdays erreichen?

Uns geht es vor allem darum, den ganzen nachhaltigen Fashion-Bereich in eine jüngere Richtung zu drehen und zu zeigen, dass es sehr viele Menschen in unserem Alter gibt, die sich viele Gedanken darum machen, wo das ganze Zeug herkommt, was wir konsumieren. Es ist generell schwierig ein nachhaltiges Angebot zu finden, bei dem man sagt: Super! Das passt preislich, vom Designansatz und von der Qualität. In diese Richtung versuchen wir mit Folkdays zu gehen.

Eure Produzenten auf der ganzen Welt nennt ihr Folkdays Artisans – ihr stellt die Menschen hinter den Produkten auch in eurem Onlineshop vor. Kennst du alle von ihnen persönlich?

Einen sehr großen Teil habe ich persönlich getroffen, aber es kommen auch immer neue Artisans dazu, die ich über Fair-Trade-Netzwerke oder Freunde, die vor Ort leben, kennenlerne. Mein Ziel ist es, alle Artisans, mit denen wir längerfristig zusammenarbeiten, vor Ort zu besuchen. Die Zusammenarbeit läuft generell viel über Skype, E-Mail, What’s App – dadurch, dass die persönliche Beziehung dahintersteht und wir uns kennen, ist es viel einfacher zusammenzuarbeiten und das Vertrauen ist viel größer.

Unsere Seide wird zum Beispiel von Weberinnen produziert , die von Zuhause aus arbeiten – die weben eine halbe Stunde, dann kümmern sie sich um die Kinder, dann geht’s aufs Reisfeld.

Und es gibt keine Kommunikationsschwierigkeiten?

Wir könnten manchmal schon einen Dolmetscher gebrauchen, bekommen das aber einigermaßen gut mit einem lustigen Mix aus Englisch und den jeweiligen Sprachen hin. Oft passe ich mein Englisch auch an, je nachdem mit welchem Kontinent ich gerade zu tun habe. Ich spreche noch Spanisch und einigermaßen gut Französisch, so klappt es ganz gut. In Südostasien sprechen die meisten unserer Produzenten auch ganz okay Englisch.

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Ihr nennt euch ein Fair-Fashion-Label. Wie definierst du fair im Folkdays-Kosmos?

Fair ist zum einen, dass wir sehr stark individuelle Beziehungen aufbauen, das heißt, dass die Bezahlmodalitäten sehr stark variieren. Wir haben teilweise Produzenten, die sehr klein sind, da ist es oft so, dass wir in finanzielle Vorleistung gehen, bevor die überhaupt anfangen zu produzieren, weil sie sich erstmal das Material kaufen müssen.

Und wie sieht es mit Fairtrade-Standards aus?

Die klassischen Zertifikate sind bei uns nicht so relevant, weil die meisten Materialien, die wir verwenden gar nicht zertifiziert werden und darüber hinaus viele unserer Kunsthandwerker von Zuhause aus arbeiten und sich dezentral organisieren. Unsere Seide wird zum Beispiel von Weberinnen produziert, die von Zuhause aus arbeiten – die weben eine halbe Stunde, dann kümmern sie sich um die Kinder, dann geht’s aufs Reisfeld. Deshalb sind die persönlichen Beziehungen so wichtig, um zu verstehen wie der jeweilige Ansatz der Artisans ist und, wie es mit sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit aussieht. Außerdem sind fast all unsere Produzenten in einem Netzwerk organisiert, das sich „World Fair Trade Organisation“ nennt und sich nur damit beschäftigt, wie man den Artisans in fragilen Situationen dabei helfen kann Wirtschaftskraft aufzubauen.

Lebst du selbst vegan und trägst nur fair gehandelte Produkte?

Nein, ich bin nicht vegan, ich bin Flexitarierin. Ich esse wenig Fleisch und, wenn, dann weiß ich meistens wo es herkommt. Ich versuche das nicht so dogmatisch zu halten. Wenn man sich selbst aufbürgt, in jedem einzelnen Lebensbereich komplett korrekt zu sein, dann hat man nicht mehr so viel Spaß am Leben. Was wir bei Folkdays versuchen und was auch immer mehr Leute im nachhaltigen Bereich versuchen, ist, mit nachhaltigem Konsum etwas zu verbinden das Spaß macht. Das wird noch ein langer Prozess sein, im Moment macht der nachhaltige Modebereich sicherlich nicht mehr als zwei bis drei Prozent des Marktes aus, aber ich glaube Alternativen zu bieten und sich ab und an Gedanken über den eigenen Konsum zu machen, ist wichtig.

 

Selbst Fair-Trade-Siegel haben Schwächen – wir versuchen den Prozess ständig zu beobachten und Sachen anzupassen.

Wie sieht es denn in deinem eigenen Kleiderschrank aus?

Ich kaufe zum Beispiel viel Vintage, weil ich nicht das Geld habe, mir nur Fair-Fashion-Labels zu kaufen. Außerdem habe ich noch viel Zeug, das ich einfach auftrage, sozusagen aus meinem vorherigen Leben, als ich ein festes Gehalt hatte und manchmal auch zu viel geshoppt habe. Ich finde es schöner, wenn man es als Prozess sieht und nicht als eine Entscheidung à la „Ab heute mache ich alles gut und vorher habe ich alles falsch gemacht.“

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Den blauen Kimono lässt Lisa von Artisans in Kambodscha fertigen.

Die Deutschen sind ja auch oft gut im Kritisieren. Gibt es auch Anfeindungen aus der Branche oder von außen?

Bisher wurden wir noch nicht angefeindet. Wir haben auch fast nur Materialien, die nicht zertifiziert sind. Das ist dann nochmal ein anderes Thema. Ich glaube viele freuen sich eher, mich eingeschlossen, über nachhaltige Labels, die an den Markt gehen. Der Markt ist so groß – kommt alle und macht coole Sachen! Ich glaube auch, dass die meisten bei uns kaufen, weil die Sachen schön sind und sich dann im zweiten Schritt dafür interessieren, wer es gemacht hat. Das Fair-Trade-Argument ist für die Kunden letztendlich nicht so relevant.

Ist das nicht deprimierend für dich?

Für mich ist das Fair-Trade-Argument natürlich super relevant, weil ich aus dem Bereich komme, aber ich finde es ganz gut, das durch die Hintertür zu machen und zu sagen: Wir versuchen in dem Rahmen und den Gegebenheiten, die wir haben, so nachhaltig zu agieren wie es möglich ist. Selbst Fair-Trade-Siegel haben Schwächen – wir versuchen den Prozess ständig zu beobachten und Sachen anzupassen.

Du entwickelst in Zusammenarbeit mit Designern auch eigene Produkte. Welchen Herausforderungen müsst ihr euch stellen?

Dadurch, dass ich oft selbst vor Ort war, kann ich relativ gut sagen, wo die Qualität gut ist und wo nicht. Ich werde das oft in Bezug auf unser gesamtes Sortiment gefragt: „28 Produzenten in 14 Entwicklungsländern und die Qualität soll stimmen: Wie soll das denn gehen?“ Wir haben einfach eine super Vorauswahl getroffen und uns mit den Materialien beschäftigt. Wir haben bis jetzt noch kein einziges Mal ins Klo gegriffen und haben gedacht: Das können wir jetzt nicht verkaufen. Wir hatten mal Ärger mit Ledertaschen, die aus Indien kamen, wo das Leder teilweise sehr vernarbt war – aber dann findet man auch eine Lösung.

Kann man online bei Folkdays bestellen: Schmuck aus Tanzania und bunte Teppiche aus Anatolien.

Ihr lasst eure Modelinie also auch von den Artisans und nicht in Deutschland produzieren?

Mittlerweile lassen wir alles vor Ort von unseren Artisans machen, das war auch immer das Ziel. Wir achten extrem darauf, dass wir einfache Schnitte wählen und versuchen immer das zu reduzieren, was schiefgehen kann. Ich glaube das macht einen großen Unterschied in der Designentwicklung aus, ob man eine krasse Idee hat und guckt, wer das machen kann oder ob man zuerst schaut wie die Gegebenheiten sind. Ich weiß wie breit unsere Weberinnen weben können, welche Nähmaschinen sie haben und entwickle daraus dann ein Design – das ist einfacher.

Viele Labels oder Onlineshops präsentieren sich ihren Kunden „offline“ mit Pop-up-Stores. Heute sitzen wir hier in eurem Pop-up-Store in Hamburg. Wie kam es zu der Idee?

Der erste Pop-up-Shop von Folkdays & Friends fand letzten Sommer in Berlin statt. Wir haben gemerkt: Eigentlich haben alle Unternehmen die gleichen Challenges, es ist einfach mega schwer Sachen anders zu machen. Es macht Sinn, sich zu vernetzen und auch unsere Kunden mit anderen zu teilen, weil wir die gleiche Zielgruppe haben. Dann haben wir die Labels herausgesucht, die wir selbst schön finden und die mit uns auch das Image von nachhaltigen Labels ändern wollen. In Berlin hat das total gut geklappt und wir haben gedacht, dass es ein gutes Konzept ist, das man auch aus Berlin rausholen kann.

Die Wahl fiel dann auf Hamburg.

Hamburg war die allererste Stadt, an die wir gedacht haben. Wir haben viele Kunden in Hamburg und haben uns relativ früh mit Melanie Jeske in Berlin zusammengesetzt und sie hatte die perfekte Location.

Wir freuen uns schon auf euren nächsten Stop in Hamburg!

 

Hier findet ihr Lisa und Folkdays:

Fotos: femtastics

 

 

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