Vierbeiner im Strafvollzug – Manuela Maurer von der Hundebande

Hundebande-Hamburg

In Hamburger Gefängnissen teilen sich weibliche Häftlinge neun Monate lang mit Hundewelpen den Haftraum und den Haftalltag, sind 24 Stunden am Tag für sie verantwortlich, erziehen, pflegen und trainieren die Hunde, sodass aus ihnen Blindenführhunde werden. Organisiert wird diese Partnerschaft hinter Gittern von Manuela Maurer. Sie gründete vor sechs Jahren die Hundebande mit dem Ziel, die neunmonatige Grundausbildung von Welpen zu Blindenführhunden durch weibliche Strafgefangene zu organisieren. Das Vorbild: ein Kinofilm. Wir treffen die Gründerin, die das Projekt mittlerweile mit 19 weiteren Vereinsmitgliedern und einer Hundetrainerin eigenfinanziert betreibt und sprechen mit ihr über das Konzept, Herausforderungen und die neue Idee, mit Flüchtlingen zusammenzuarbeiten. Ihre Labradorhündin Käthe und femtastics-Hündin Helle freuen sich besonders über den Termin.

femtastics: Wie viele Hunde sind bei eurem Projekt immer gleichzeitig im Gefängnis?

Manuela Maurer: Im Gefängnis arbeiteten wir bislang pro Durchgang mit drei Hunden. Idealerweise hat ein Hund zwei Paten, wir nennen sie A- und B-Patin. Die A-Patin ist die Hauptverantwortliche, bei ihr lebt der Hund mit im Haftraum und die B-Patin hat ansonsten die gleichen Aufgaben. Sie muss auch regelmäßig mit zum Training kommen. Beide Patinnen müssen das System kennen, in dem man mit dem Hund arbeitet. Die B-Patin ist aber auch noch Back-up, sollte die A-Patin zum Beispiel mal zur einer Verhandlung müssen.

Wie wählt ihr die Strafgefangenen aus? Melden Sie sich freiwillig? Nicht jeder ist ein Hundemensch.

Die Grundvoraussetzung ist, dass sie gern einen Hund haben möchten. Sie müssen sich vorstellen können, Verantwortung zu übernehmen. Sie brauchen ein bestimmtes Reflektionsvermögen und müssen Interesse daran haben, mit uns im Team zusammenzuarbeiten. Vorerfahrung mit Hunden ist aber nicht erforderlich. Am Anfang gibt es immer eine Probephase, es ist dann total legitim, dass die Paten noch absagen oder sich nur für eine B-Patenschaft bewerben. Das nehmen alle sehr ernst.

Neun Monate lang teilen sich die Frauen mit den Hundewelpen Haftraum und Haftalltag, danach geht der Hund in die Ausbildung in der Führhundschule. Es ist sicherlich hart für beide, sich nach dieser intensiven Zeit wieder voneinander zu trennen.

Das bleibt den Gefangenen und den Hunden leider nicht erspart.

Das ist auch der übliche Weg eines Blindenhundes, oder?

Genau, die Hunde sind im ersten Lebensjahr auf Patenfamilien angewiesen, die Rundumbetreuung und umfassende Sozialisierung im ersten Lebensjahr der Hunde können die meisten Führhundschulen nicht leisten. Wir sind also mit der Hundebande wie eine große Patenfamilie. Natürlich muss die Trennung begleitet werden: Man kann nicht sagen, wir nehmen den Hund jetzt mit und das war’s. Ein stückweit ist das auch Trauerarbeit. Einige wünschen sich, den Hund nach der Haftentlassung wiederzusehen. Andere freuen sich, dass sie es geschafft haben und kümmern sich um andere Themen, die anstehen . Viele Gefangene haben Lernerfolge aus dem Jahr mit dem Hund gewonnen und nutzen diesen Erfolg, um neue Themen anzugehen.

Wie kam es überhaupt zu dieser Idee?

Ich habe Sozialpädagogik in Hessen studiert, kam 2002 nach Hamburg, bin in der Werbung bei Kolle Rebbe gelandet und habe da sechs Jahre gearbeitet. Das war eine gute und lehrreiche Zeit – nach sechs Jahren wollte ich aber zurück in den sozialen Bereich. Ich wollte etwas Eigenes auf die Beine stellen und etwas machen, das nachhaltig ist. Dass es als Zielgruppe Strafgefangene geworden sind, hängt damit zusammen, dass ich schon während meines Studiums im Jugendgefängnis in Wiesbaden gearbeitet habe.

Und warum in Kombination mit Hund?

Dass es methodisch mit dem Hund zu tun hat, ergab sich durch einen Freund von mir. Der hat 2008 den Film „Underdogs“ gedreht, in dem es um Strafgefangene geht, die die Möglichkeit bekommen im Gefängnis an einem Programm für die Ausbildung von Blindenhunden teilzunehmen. Die Vorpremiere fand in verschiedenen Gefängnissen statt. Viele Gefangene dachten, dass ihnen der Film gezeigt wird, weil das Projekt bei ihnen umgesetzt werden soll und da ich alles so stark fand, habe ich gedacht: Ich mache das jetzt! Ich habe mich dann mit allem was ich hatte in die Idee gestürzt, ohne zu wissen, was auf mich zukommt.

Wie ging es dann weiter?

2010 sind die ersten Hunde in Hamburg ins Frauengefängnis Hahnöfersand eingezogen.

Du hast eben schon angedeutet, dass du mit dem Thema Hund erst durch den Kinofilm in Berührung gekommen bist. Wie bist du denn zu deinem Hund Käthe gekommen?

Ich bin nicht mit einem Hund groß geworden. Als wir 2010 mit der Pilotphase im Frauengefängnis angefangen haben, bin ich ohne Vorwissen in das Thema gegangen. Nach der Pilotphase haben wir zwei Jahre pausiert und alles ausgewertet. In dieser Zeit hat die Führhundschule zu mir gesagt: „Manu, hier gibt es einen niedlichen Welpen – jetzt bist du dran. Durchlaufe mal selbst dein eigenes Programm.“ So kam Käthe mit neun Wochen zu mir. Eigentlich sollte ich sie ein Jahr später für die Ausbildung zum Blindenhund abgeben. Sie ist daber bei mir geblieben, da sie sehr am Jagen interessiert ist. Das ist für den Blindenführhund nicht geeignet. Für mich wäre ein Leben ohne Hund heute nicht mehr denkbar.

Hundebande-HH Kopie

Wie wird es jetzt mit der Hundebande weitergehen?

Seit Herbst letzten Jahres sind wir mit der JVA Darmstadt im Gespräch, die haben Interesse signalisiert unser Programm als Pilotphase durchzuführen. Außerdem haben wir in Hamburg als zweiten Standort noch das Wohnheim für haftentlassene Männer in der Max-Brauer-Allee. Die Männer kommen direkt aus einem der beiden Hamburger Gefängnisse für männliche Erwachsen. Um im Wohnheim aufgenommen zu werden, müssen die Männer ein Bewerbungsverfahren durchlaufen und den Wunsch haben, straffrei zu leben. Sie bekommen dort sozialpädagogische Unterstützung für die Arbeitsplatzsuche, Ausbildung, Wohnraumbeschaffung und vieles mehr. Das stabilisiert sie. Das erste Jahr nach Haftentlassung ist eine harte Probe. Wenn jemand 14 oder 15 Jahre weggesperrt war, gibt es draußen oft gar keine sozialen Kontakte mehr, oft noch nicht mal zur eigenen Familie.

Wie muss man sich eure Arbeit im Wohnheim vorstellen?

Bislang waren die Hunde dort auch neun Monate bei einem Paten. Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass die Männer nach fünf, sechs Monaten in der Regel in Beschäftigungsverhältnisse gehen oder eine Ausbildung beginnen. Diesem Umstand müssen wir jetzt nachkommen.

Und wie sieht die Lösung aus?

Um ähnliche Erfahrungs- und Lernfelder aufzunehmen, wäre zum Beispiel eine Idee mit Tierheimen zusammenzuarbeiten. Die Männer würden zum Beispiel die Hunde mit fachlicher Leitung zwei mal in der Woche zum Training abholen – das Tierheim bleibt die Wohnstätte des Hundes. Angenommen der Mann beginnt dann nach fünf Monaten eine Anstellung, verändert sich das Umfeld des Hundes nicht.

Was möchtet ihr generell mit der Hundebande erreichen?

Themen wie „aus der Einsamkeit herauskommen“ und „gesellschaftliche Teilhabe“ sind sehr wichtig. Es ist ein Unterschied, ob die Männer mit den Hunden durch die Straßen laufen und als Hundehalter wahrgenommen werden oder als „Ex-Knacki“ – sie haben sofort eine andere Identität. Bei den Frauen steht stark die gesellschaftliche Wiedergutmachung im Vordergrund.

Ihr plant außerdem in der Flüchtlingshilfe aktiv zu werden.

Die Erkenntnisse über die bisherige Arbeit zur sozialen Integration von Menschen lassen erkennen, dass unser auf tiergestützte Methodik basierende Ansatz auch Flüchtlingskindern helfen kann, sich zu stabilisieren und sich in ihrer neuen Umgebung zu integrieren. Wir haben das neue Konzept gerade verabschiedet und wenn alles gut geht, starten wir damit im nächsten Jahr in der Flüchtlingshilfe.

Und wie sähe das dann aus?

Der Blindenführhund spielt dann keine Rolle. Der momentane Arbeitstitel ist „Flüchtlingshilfe auf vier Beinen“ –­­­ neben einem Hund spielt auch das Pferd eine Rolle. Mehr verrate ich noch nicht.

Gibt es auch Hunde, die die Ausbildung nicht „bestehen“?

Man kann in etwa sagen, dass nur jeder dritte Hund „etwas wird“. In aller Regel werden die Hunde ja in Familien groß und natürlich geht jeder etwas anders mit dem Hund um – der Hund ist dann vielfach ungeplanten Lernerfahrungen ausgesetzt. Nur die Hälfte der Hunde schafft es nach dem einen Jahr in die Spezialhundeausbildung und da fliegen dann erneut etwa 20% der Hunde raus.

Es gibt lange Wartelisten für Blindenhunde, oder?

Das geht tatsächlich. In Deutschland sind ca. 2.000 Führhunde im Einsatz. Jährlich werden etwa 250 neue Hunde zur Verfügung gestellt. In Deutschland gibt es ca. 50 Blindenführhundschulen. Als Sehbehinderter bekommt man von der Krankenkasse einen Bewilligungsbescheid und kann sich an eine Blindenführhundschule wenden und nach einem Hund fragen. Der Beruf des Blindenhundausbilders ist in Deutschland allerdings nicht geschützt. Daher macht es jede Schule methodisch sehr individuell und sie unterscheiden sich auch voneinander. Unsere Partnerschule hat zum Beispiel eine Warteliste von bis zu zwei Jahren, da gehen ein oder maximal zwei Hunde im Jahr raus. Die Schule gibt einem Blinden in erster Linie einen Hund, weil er einen Hund will und nicht, weil er eine Mobilitätshilfe benötigt.

Ihr habt es vor fünf Jahren mit der Hundebande in die Bundesauswahl der 25 besten Projekte geschafft und dir hat Angela Merkel persönlich gratuliert. Was war das für ein Gefühl?

Das war super. Denn immer, wenn ich das Thema vorher vorgestellt habe, hieß es beim Thema Hund: „Ahhhh!“ und beim Thema Knacki: „Ohhh“. Als wir in diese Bundesauswahl kamen und auch noch das Glück hatten, dass Angela Merken bei der Urkundenübergabe neben mir stand und ein Freund aus dem Publikum schnell ein Foto gemacht hat, wurde das anders. Von diesem Tag an musste ich nicht mehr erklären, ob das Thema Sinn hat. Das habe ich in sechs Jahren in der Werbung natürlich auch gelernt: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.

Gibt es ähnliche Projekte oder Vorbilder im Ausland?

Der Film „Underdogs“ ist ja nach dem Vorbild „Puppies behind Bars“ entstanden, das gibt es in den USA schon weit über 20 Jahre. Bei denen ist aber nicht der Blindenführhund der Schwerpunkt. Die bilden im Gefängnis zum Beispiel Drogenspürhunde aus (lacht) und viele Hunde zur Unterstützung von traumatisierten Kriegsveteranen.

Welchen Herausforderungen müsst ihr euch mit der Hundebande stellen?

Im vergangenen Jahr ist uns zum Beispiel ein Förderpartner abgesprungen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Welpen alle schon ins Gefängnis eingzogen. So etwas haut dich erstmal um. Da ist es wichitg, dass ich das nicht mit mir alleine ausmachen muss und es die anderen Vereinsmitglieder gibt, mit denen ich solche Sorgen teilen und besprechen kann. Und im Austausch darüber kriegt auch alles wieder eine Distanz, man findet eine Lösung und richtet den Blick wieder nach vorne.

Das klingt gut! Vielen Dank für das Interview!

Hier findet ihr die Hundebande:

 

 

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