Hier könnt ihr in Hamburg Keramik bemalen!

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Das Nordlicht Wiebke Lüdemann durchlief in ihrem Leben bereits einige berufliche Stationen, bevor sie ihre Erfüllung in der Eröffnung ihres eigenen Ladens Porzellanfräulein vor acht Jahren fand. Hier können DIY‐Begeisterte – Kinder wie Erwachsene – Keramik bemalen. Die Werke werden glasiert und gebrannt, sodass sie nicht nur hübsch glänzen, sondern auch zum täglichen Gebrauch geeignet sindWiebke Lüdemann wollte einen Ort schaffen, an dem ihre Kunden abschalten können – fern von Handy und Co. Dabei muss keiner der geborene Künstler sein, in erster Linie geht es um das Erlebnis. Wir haben Wiebke in ihrem Traum aus Pinseln, Farben und feinster Keramik besucht.

femtastics: Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Laden zu eröffnen, in dem man Keramik bemalt?

Wiebke Lüdemann: Eine Freundin aus München erzählte mir von einem solchen Laden. Sie war Stammkundin und sprach mit so viel Begeisterung davon, dass ich mir das im Internet anschaute – und direkt angefixt war. Nachdem diese Idee auch zwei Wochen später noch hartnäckig nach Aufmerksamkeit rief, habe ich mit der Ladenbesitzerin in München einen Termin für ein Praktikum vereinbart. Und ich habe konsequent gleich meinen alten Job in einer PR Agentur gekündigt.

Es herrscht eine positive Grundstimmung vor, denn es freuen sich ja alle Kunden auf das, was hier zu tun ist.

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Das ist mutig. Hast du deinen Entschluss jemals bereut?

Nein! Nicht eine Sekunde! In der Selbständigkeit mit so einem Geschäft ist nie alles sicher und trotz mancher Ups and Downs: Hier kann ich ich selbst sein und muss mich keinen seltsam konstruierten Unternehmensvorgaben in Kommunikation, Zielen etc. unterwerfen. Es ist sehr befreiend, so arbeiten zu können. Und es herrscht eine positive Grundstimmung vor, denn es freuen sich ja alle Kunden auf das, was hier zu tun ist. Keramik Bemalen braucht eigentlich kein Mensch – aber alle kommen freiwillig, weil sie es schön finden!

Gab es auch Menschen in deinem Umfeld, die deine Idee nicht befürwortet haben?

Man trifft in der Planungsphase für so eine Geschäftsidee natürlich nicht nur auf Befürworter, daher war es gut, dass ich zu hundert Prozent hinter meiner Idee stehe. Auch, als ich dann in München bei meinem Praktikum festgestellt habe, dass ich die raue Oberfläche der noch unglasierten Keramik gar nicht so gern anfassen mag. Das war die Konfrontation der Idee aus dem Internet mit der Wirklichkeit. Bei der Erinnerung daran muss ich immer ein bisschen lächeln. Meine Freundin, bei der ich für die Zeit gewohnt habe, sagte jeden Morgen: “Geh, lerne die Keramik zu streicheln.“

Interior

Die Keramik bekommt Wiebke von einem Großhändler aus Österreich.

Du hast den Laden komplett alleine aufgezogen. Bist du oft an deine Grenzen gestoßen?

Zu Beginn habe ich in der Tat alles alleine gemacht, das war sehr anstrengend. Damals bin ich total an meine Grenzen gestoßen und über sie hinausgegangen. Aber diese Erfahrung teile ich wohl mit vielen, die den Weg in die Selbständigkeit wagen. Wie kann man delegieren, wenn man selbst erstmal gucken muss, wie es geht? Mir macht meine Arbeit total viel Spaß, ich bin immer voller Energie und Begeisterung dabei.

Ich habe gelernt, dass ich meinem Geschäft nur von Nutzen bin und umgekehrt, wenn ich gut beisammen bin und meine Auszeiten nehme.

Und mittlerweile hast du dir auch ein kleines Team aufgebaut, oder?

Zum Glück habe ich eine feste Mitarbeiterin und zwei Aushilfen, sodass ich mehr Freiraum habe und mit meinen Ressourcen haushalten kann. Ich habe gelernt, dass ich meinem Geschäft nur von Nutzen bin und umgekehrt, wenn ich gut beisammen bin und meine Auszeiten nehme. So schließe ich zum Beispiel den Laden nach der schönen, aber auch arbeitsintensiven Weihnachtszeit immer für zwei Wochen und gönne mir eine Ayurveda-Kur.

Wie hast du deine Ladenfläche gefunden?

Das war ein glücklicher Zufall: In meiner letzten Arbeitswoche in der Agentur, also vor jedem Gedanken über einen Standort, habe ich einen anderen Weg nach Hause genommen. Et voilà: er führte mich direkt hierher. Der für meinen Zweck ideale Laden stand leer und verrückterweise habe ich ihn auch gleich bekommen. Dann war es erstmal vorbei mit dem Glück, die Baustelle wuchs sich doch zu mehr aus als gedacht, aber das gehört nun alles zur Vergangenheit.

Vor dem Laden

Das Porzellanfräulein findet ihr in Winterhude.

Wer kommt zu dir? Braucht es viel eigene Kreativität?

Das ist ja das Tolle: es braucht überhaupt kein Talent, sondern nur guten Willen und am besten einen Termin. Es sind überwiegend Menschen, die keinerlei Erfahrung im Malen haben. Sie verkünden oft gleich beim Betreten des Ladens: „Also ich kann das ja alles gar nicht! Seit der Schulzeit hatte ich keinen Pinsel in der Hand und meine Kunstlehrerin fand ich immer doof.“ Aber egal! Mit Stempeln, Schablonen und Pauspapier ist dieses Trauma ganz hervorragend zu überwinden. Natürlich gibt es auch die, die in ihrer Freizeit gerne kreativ sind und zum Beispiel nähen oder basteln. Der DIY‐Trend ist immer noch groß, das spielt mir in die Karten. Viele Menschen haben erkannt, dass man beim Selbermachen viel Spaß haben kann, sogar in der Öffentlichkeit eines großen Schaufensters, ohne dass man dafür schräg angeschaut wird.

Ich möchte, dass die Kunden sich über ihre Werke freuen. Egal wie sie aussehen.

Greifst du auch öfters selbst zu Pinsel und Farbe?

Es ist für manche Kunden etwas desillusionierend, dass ich ja gar keine Künstlerin bin… . gelegentlich gestalte ich auch was, aber wirklich eher selten. Aber wenn, dann denke ich, wie schön das doch ist, man sollte einfach mehr Keramik bemalen. Aber meine Aufgabe ist es vielmehr, mich auf die verschiedenen Bedürfnisse der Kunden einzustellen, zu gucken, wer wie viel Unterstützung braucht. Es geht also eher um die Kunst der Menschenkenntnis. Und der zugewandten Argumentation: „Ist es nicht geworden, wie es sollte, sollte es werden, wie es ist.“ Ich habe nur begrenzt didaktischen Anspruch, ich möchte, dass die Kunden sich über ihre Werke freuen. Egal wie sie aussehen.

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Es geht also nicht immer nur um das perfekte Ergebnis.

In erster Linie geht es um das Dasein und die Motivation, mit der jemand herkommt. Einige kommen, um jemandem ein Geschenk zu machen, andere, um Zeit mit einem netten Menschen zu verbringen. Viele erwachsene Töchter kommen beispielsweise mit ihrer Mutter oder Freundinnen her, um gemeinsam etwas zu unternehmen. Oftmals stecken wirklich schöne Geschichten hinter den Besuchen. Vor einiger Zeit kam eine Oma mit ihrer Enkelin in den Laden. Die Kleine hat eine Tasse bemalt. Das sollte eine Überraschung für die Mama werden. Sie wohnt mit ihrer Familie hier in der Nähe. Als die Tasse fertig gebrannt war, führte sie ihre Mama zu mir in den Laden und holte die bemalte Tasse ab. Die Kleine war total stolz, dass sie das Geheimnis für sich behalten konnte und die Mutter war ganz gerührt. Die Dinge, die hier entstehen, werden immer sehr geliebt. An diesen Geschichten erfreue ich mich.

Hier kannst du eben mal einen Moment lang nicht klicken und scrollen und bist mit deiner Konzentration nur bei dem, was vor dir liegt.

Malen ist für viele unglaublich entspannend. Wie siehst du das?

Das sagen mir viele Leute. Hier kannst du eben mal einen Moment lang nicht klicken und scrollen und bist mit deiner Konzentration nur bei dem, was vor dir liegt, was du in den Händen hast. Das Malen kann fast eine therapeutische Wirkung haben. Eine Zeit lang kam eine Mutter häufiger mit Tochter zu mir. Das Kind hatte Konzentrationsprobleme, konnte schlecht stillsitzen. Aber hier haben Mutter und Tochter einträglich am Tisch gesessen, das Mädchen versunken in die Malerei, die Mutter in ihrer Freude über das gemeinsame Erleben dieser raren Momente.

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Willst du dich irgendwann vergrößern oder sogar einen zweiten Laden aufmachen?

Die Frage höre ich häufig. Ich komme mir etwas unmodern vor, wenn ich sage, dass mir ein Laden reicht. Obwohl ich an den Laden gebunden bin, bleibe ich trotzdem flexibel und will mich nicht weiter binden. Mehr Personal, mehr Administration. Wozu? Mehr Gehalt für mich? Das käme dabei sicher nicht rum. Außerdem möchte ich hier im Laden stehen und nicht hin- und herfahren und mich wundern, dass die Leute den Job doch nicht so machen, wie ich es für selbstverständlich halte.

Jetzt führe ich ein Leben ohne Meetings und kann mir nichts Schöneres vorstellen. Damit ich aber nicht so ganz in meinem Bullerbü-Laden versinke, muss ich schauen, dass ich auch etwas Anderes sehe. Ich gehe gern ins Theater und in Lesungen. Ich hatte kurzzeitig überlegt, nebenbei zu studieren, aber dann kündigte meine Mitarbeiterin und daran war nicht mehr zu denken. Es kann sich alles immer ändern. Alles steht und fällt mit meinen Mitarbeiterinnen, ich brauche gute Unterstützung und bin ihnen sehr dankbar für ihre Arbeit.

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Du sagst, dass viele, die in deinen Laden kommen, nicht unbedingt künstlerisch tätig sind. Wie hilfst du dabei, Hemmungen abzubauen?

Man muss gar nicht unbedingt selbst malen. Wer keine feine Blumen malen will, der kann grafisch oder mit Stempeln arbeiten. Viele Leute sind vielleicht gehemmt. Das kann ich verstehen, die meisten von ihnen hatten das letzte Mal in ihrem Kunstunterricht in der Schule einen Pinsel in der Hand. Für was die Leute sich letztlich entscheiden, ist mir eigentlich egal. Ich habe da keinerlei didaktischen Anspruch, mir ist wichtiger, dass die Leute mit dem, was sie machen, zufrieden sind. Mir ist auch egal wie das Ergebnis aussieht, ich freue mich, wenn sie sich freuen.

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Acht Jahre sind eine sehr lange Zeit. Ist der Laden inzwischen ein Selbstläufer?

Das würde wohl nie jemand über sein Geschäft behaupten. Es gibt immer noch Tage, an denen niemand kommt. Das passiert selten, aber da darf man nicht nervös werden. An anderen Tagen sind es dann wiederum so viele, dass ich sie wegschicken muss. Aber man kann die Farbe und Keramik auch mit nach Hause nehmen und dort malen. Danach kann man die bemalten Stücke wieder in meinen Laden bringen und ich brenne es dann. Grundsätzlich ist für mich die Mund-zu-Mund-Propaganda sehr wichtig, viele Kunden kommen wieder und bringen dann neue Maler mit. Wir müssen also hier vor Ort immer einen guten Job machen, um dem gerecht zu werden.

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Hattest du Bedenken, dich selbständig zu machen?

Meine Eltern sind auch selbständig, ich bin überzeugt davon, dass das sehr prägt. Es fühlt sich für mich „natürlich“ an, auf diese Art meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie haben mich mit ihrer Erfahrung unterstützt und bestärkt. Das Bewusstsein dafür geschärft, dass man nicht alles bis ins Letzte in der Hand hat und nicht alles planbar ist. Oder wie mein Vater einmal so schön gesagt hat: „Du kannst noch so viele Businesspläne schreiben – du musst das ordentlich machen! Wenn die Leute nicht kommen, dann nützt der schönste Plan nichts!“ Daran halte ich mich und bin ihnen sehr dankbar für die Grundsteine, die sie damit gelegt haben.

Wir danken dir für das fabelhafte Interview, liebe Wiebke!

Hier findet ihr das Porzellanfräulein:

Fotos: Silje Paul

Layout + Text: Lisa-Marie Vogler

 

 

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