Freelancer Support – Selfmade Lab macht’s möglich!

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Vom Elevator Pitch über die Künstlersozialkasse bin hin zu Nutzungsrechten und Entspannungstechniken – seit genau einem Jahr machen die beiden Hamburgerinnen Jessica Louis (31) und Sabine Grosser (41) Selfmade Lab. Ihr Ziel: Selbstständige unterstützen, Austausch ermöglichen, Impulse setzen und vernetzen. Gemeinsam mit spannenden Experten, vom Google-Manager bin zum Heilpraktiker, geben sie Workshops und Coachings an ganz unterschiedlichen Orten in Hamburg. Wir treffen die beiden Gründerinnen kurz nach einem Workshop in der Hanseatischen Materialverwaltung. Zwischen Riesenäpfeln, einem Schneewittchensarg und einem fliegenden Drachen sprechen wir mit ihnen über ihr Herzensprojekt.

femtastics: Was kann man bei Selfmade Lab lernen?

Jessica Louis: Wir haben unser Angebot in zwei Stränge unterteilt, die „Grow“-Reihe und die „Skills“-Reihe. Die Skills-Reihe dreht sich um die Professionalität, Computerwissen und Programmkenntnisse und die Grow-Reihe bezieht sich eher auf die Persönlichkeitsentwicklung. Beides geht natürlich Hand in Hand. Wir gehen von uns aus und behandeln Themen, die uns persönlich wichtig sind oder auf dem Weg in die Selbstständigkeit wichtig waren, wie zum Beispiel Coaching oder Angebote schreiben. Es ist wichtig, dieses Wissen zu teilen.

Arbeitet nicht für 25 Euro die Stunde.

Sabine Grosser: Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist ein starker Markt. Wenn man sich die Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Bedeutung der letzten Jahre anschaut, wird das deutlich. Wir wollen niemanden erziehen, aber Mut machen und bestärken. Zum Beispiel: Arbeitet nicht für 25 Euro die Stunde, davon könnt ihr nicht leben, nicht rentenversichert sein, ihr habt keine Rücklagen. Guckt euch Leute an, die schon länger in dem Bereich arbeiten, sprecht euch untereinander ab …

… und stärkt euch gegenseitig.

Sabine: Genau! Unsere Workshop-Themen sind relativ ungewöhnlich. Es geht darum, einen Ort zu haben, der nicht teuer ist, wo ich alles durchprobieren kann, ohne mich vertraglich zu binden. Ich bin jetzt 41 Jahre alt und lange dabei und ich bekomme von vielen Freelancern mit, dass Weiterbildung sehr zeitintesiv und zuzüglich zum Arbeitspensum oft schwer zu bewerkstelligen ist. Der Arbeitsmarkt ist in so einem starken Wandel. Ich bin der Überzeugung, dass es in fünf Jahren ganz anders aussehen wird. Freiberufler, die jetzt nicht mit dem Markt gehen, werden in einigen Jahren zuviel aufzuholen haben.

Jessica: Die Skills werden ja auch immer breiter. Die jungen Menschen, die jetzt von den Unis kommen, können eine Website programmieren, super mit Photoshop umgehen und schreiben. Sie decken ein viel breiteres Spektrum an Kompetenzen ab, als das vielleicht noch vor sechs Jahren der Fall gewesen wäre. Das ist eine ganz neue Art der Professionalisierung.

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Wir treffen Jessica (links) und Sabine in der Hanseatischen Materialverwaltung, ein Requisiten-Fundus in Hamburg.

Sabine, du bist Inhaberin der Firma formschoen und Jessica, dir gehört das Louis Designstudio. Als Team entwickelt ihr außerdem seit acht Jahren Konzepte für Großkunden, wie Google oder Montblanc. Jetzt noch Selfmade Lab on top. Wie seid ihr auf die Idee gekommen die Workshop-Reihe zu gründen?

Sabine: Als wir uns damals selbstständig gemacht haben, merkten wir, dass wir ganz viele Sachen gar nicht gut konnten: Wie verhandle ich Preise? Wie schreibe ich Angebote? Der Kunde ist unzufrieden – wie gehe ich damit um? Dann haben wir sehr viel Geld für Coachings ausgegeben. Eine tolle Packaging-Freelancerin hatte damals einen Freelancer-Design-Stammtisch gegründet und ich dachte, dort kann man all diese Themen besprechen – das wurde aber eher ein privates Biertrinken (lacht). Das war also nicht unser Ansatz und wir haben dann beide beschlossen, dass wir Veranstaltungen daraus machen wollen und uns die Kosten mit allen teilen.

Welche Leute nehmen an euren Workshops teil?

Sabine: Alle, die in der Kultur- und Kreativwirtschaft tätig sind. Aber auch generell Interessierte. Das Themenfeld ist ja sehr groß. Momentan, durch uns bedingt, viele Designer, die Streuung ist aber immer größer, auch durch Facebook, und wird immer unterschiedlicher. Heute waren Personaler da, auch Unternehmensberater, Grafiker usw.

Wie findet ihr die Leute, die die Workshops geben? Stammen die alle aus eurem persönlichen Netzwerk?

Sabine: Bei Leuten, die wir spannend finden, fragen wir: Kannst du dir vorstellen das und das Thema mit uns zu machen? Manchmal schreiben wir den Experten auch das Konzept auf den Leib. Wir arbeiten mit Experten, die in ihrer Szene bekannt sind aber nicht die, die überall gehypt werden und schon hunderte Vorträge gehalten haben – wir probieren eher mal etwas Neues aus und gehen neue Wege.

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„Mehr leben. Einfacher arbeiten. Potentiale ausschöpfen“, heißt ein Slogan auf eurer Website. Und wie macht man das jetzt genau?

Jessica: Genau dafür wollen wir Raum bieten. Im Grunde stellen wir alle uns die großen Fragen – das ist menschlich und auch Zeitgeist. Und die Jüngeren stellen sich ganz neue Sinnfragen. Studien sagen: Die nächste Generation macht bei diesem Jobmarkt nicht mehr mit. Man merkt das auch. Eine Freundin von mir, die Personalerin ist, erzählt, wie abgefahren die Vorstellungsgespräche mit 25-Jährigen sind. Die sagen dann: „Ich will einen geilen Stuhl, ich will bis 18 Uhr arbeiten, ich habe übrigens noch ein Hobby, das kostet mich auch viel Zeit.“ Da muss man erstmal umdenken und begreifen, wie positiv das eigentlich ist – wir haben das nur so nicht gelernt. Insofern spielt bei Selfmade Lab auch viel Zeitgeist mit rein. Wir selbst haben nicht die Antworten auf alles, sondern wir wollen ein Ort sein, der Fragen erlaubt und verschiedene Antworten ermöglicht.

Sabine: Und weil ich nur eine Sache kann, muss ich nicht nur einen Beruf machen. Ich kann zum Beispiel gut strukturieren und organisieren, deswegen bin ich auch Reinzeichnerin und eine Work-Flow-Expertin, ich bin aber auch Aufräum-Coach. Weil ich eine Sache gut kann, muss ich nicht nur einen Beruf machen. Es geht bei uns auch darum zu gucken: Was kann ich eigentlich? Und wie kann ich das fächern? Was schlummert noch in mir?

Wenn du keine Arbeit hast, schäme dich nicht, dass du keine Arbeit hast, sondern erzähle jedem, dass du gerade Arbeit brauchst.

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Was war für euch persönlich das Beeindruckendste, das ihr von einem eurer Workshops mitgenommen habt?

Sabine: Unsere Teilnehmer machen einfach immer gut mit. Man hat die Gruppe vor sich, denkt am Anfang oft in Schubladen. Plötzlich ändert sich das total und in den zwei bis vier Stunden ist alles sehr intensiv. Menschen sagen tolle Sachen und man selbst denkt: „Bäm, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht, weil ich mich die ganze Zeit in meinem Cluster bewege.“ Es gab zwei, drei Momente, wo Leute so dankbar waren. Einmal stand ein Mann neben mir, der schon acht Jahre selbstständig war – im Workshop „Angebote schreiben“ ging es auch ums Nachkalkulieren – und der Mann meinte zu mir: „Das ist ganz toll, dass ihr nachkalkuliert, das mache ich jetzt auch.“ Solche Sätze bestärken uns, gerade wenn wir mal wieder 20 Stunden die Woche an Selfmade Lab gearbeitet haben ohne daran Geld zu verdienen und uns die Luft ausgeht.

Stemmt ihr Selfmade Lab finanziell alleine, also finanziert es nur durch die Teilnehmergebühren?

Sabine: Ja, wir stemmen das selbst, haben also keinen Investor. Eigentlich finden wir das gut, weil wir dadurch unabhängig sind. Es halten uns natürlich viele für verrückt und wir werden oft gefragt: Wieso macht ihr das denn? Ihr verdient kein Geld damit.

Jessica: Aber natürlich wäre es schön, wenn man irgendwann damit Geld verdient – es gibt auf jeden Fall Potential.

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Ihr seid beide selbstständige Unternehmerinnen. Was würdet ihr jungen Gründerinnen gerne mit auf den Weg geben?

Jessica: Bestimmt ist es wichtig, dass man gemeinsam Sachen macht, weil man sich dann ergänzen kann. Sabine und ich sind in den Werten sehr ähnlich aber typmäßig zum Beispiel sehr unterschiedlich. Schwächen können im Team ausgefüllt werden, nach außen hin ist man breiter aufgestellt und kann mehrere Themen abdecken. Und generell: Sich Verbündete suchen, mit anderen Menschen ohne Scham sprechen, Hemmungen ablegen und nicht immer davon ausgehen, dass alle anderen es sowieso besser können.

Sabine: Und einen Mentor zu haben ist auch toll. Ich hatte zwei Mentoren – einmal bei meiner Festanstellung und einmal als ich mich selbstständig gemacht hatte. Der zweite Mentor hat mir kurze Sätze mit auf den Weg gegeben: „Wenn du etwas von der Welt willst, dann sag es ihr auch.“ „Wenn du keine Arbeit hast, schäme dich nicht, dass du keine Arbeit hast, sondern erzähle jedem, dass du gerade Arbeit brauchst.“ Es geht darum, keinen falschen Stolz zu haben. Diese Sätze haben sich bei mir eingebrannt – das hat die ersten Jahre sehr geholfen.

Die Sätze merken wir uns jetzt auch! Vielen Dank für das tolle Gespräch, Sabine und Jessica!

 

Hier findet ihr Selfmade Lab:

Fotos: femtastics

 

 

7 Comments

  • mari sagt:

    tolles interview! es gibt hier einen punkt, auf den hat mich eine freundin/kollegin hingewiesen, der mich dazu brachte, den text zu lesen. seitdem haben wir mit einigen anderen kollegen auch darüber gesprochen. es geht um den satz „arbeite nicht für 25 euro in der stunde“.

    wir alle können darüber nur seufzen. und haben uns darum auch ein bisschen gewundert. als freie oder sogenannte fest-freie in den großen und kleineren verlagen und tv-produktionen dieses landes sind tagessätze von 180-280 euro die norm. ein tag dauert je nach arbeitsmenge 7-12 stunden (überstunden werden freien selten bezahlt).
    das heißt also, dass meine freundinnen und ich (grafikerinnen, redakteurinnen, bildredakteurinnen, texterinnen, cutterinnen) meist für einen stundensatz arbeiten, der irgendwo zwischen von 20 und 35 Euro liegt. die älteste im freundinnenkreis ist als grafikerin seit 1999 in verlagen in HH und münchen tätig, meist als freie mitarbeiterin. sie ist jetzt mitte 40 und hat mit 33 mehr verdient als heute, wo sie ein kind und eine hypothek zu finanzieren hat. so sieht es aus in unserer branche.

    viele von uns würden gerne selbstbewusst auftreten und sagen, dass wir für 25 euro Stundenlohn nicht arbeiten wollen. aber es bleibt uns nix anderes über. in den Verlagshäusern in hh ist es gang und gebe, dass berufsänfänferinnen zu dumpingpreisen den job übernehmen, den ältere kolleginnen bislang für 40% mehr geld und mit viel Erfahrung erledigt haben. nix gegen berufsanfängerinnen – aber es ist krass, wie dieses sparmodell schule macht.

    selbstbewusst auftreten und stundensaätze von 50 euro oder Tagessätze von 400 zu verlangen – das geht zT in agenturen oder natürlich bei jobs in der wirtschaft, wo kreative oder berater noch gutes geld verdienen. wenn deswegen plötzlich viele kreative, die bislang in verlagen tätig waren, die branche wechseln, gäbe es auch in diesem bereich rasch eine verkleinerung der tagessätze – da kannste gift drauf nehmen! je mehr arbeitswillige am start sind, umso leichter lassen sich die normalen tagessätze senken. traurig aber wahr.

    dies nur als diskussions-hinweis…

    sonnigen oktobergruß!
    m.

  • c. sagt:

    Ich bin gelernte Erzieherin und habe nach vielen Berufsjahren das sichere Angestelltsein mit Tariflohn aufgegeben. Statt in einer KiTa arbeite ich regelmäßig als private Kinderfrau für verschiedenen Familien. Diese Tätigkeit erfolgt auf selbstständiger Basis und ganz legal auf Rechnung. Ich muss mich also selber versichern und stehe im Falle einer Krankheit ohne Bezahlung da. Das ist bedrohlich und soll kein Dauerzustand bleiben. Aber im Moment ist das so und ich agiere ähnlich wie Kreative, die frei arbeiten. Daher sprachen mich dieses Interview und der obige Kommentar an. Meine Situation ist vergleichbar.

    Ich habe, je nach Tageszeit, Situation und Anzahl der zu betreuenden Kinder einen Stundenlohn von 15, 25 oder 30 Euro und arbeite zwischen 35 und 45 Stunden die Woche. Luxusgüter oder eine teure Wohnung im Szeneviertel kann ich mir mit diesem Einkommen nicht leisten. Aber eine schöne 2-Raum-Wohnung in einer sympathischen Ecke (HH-Stellingen) und ein gutes Leben ist mit meinem Einkommen durchaus möglich. Ja, auch der Einkauf beim Biomarkt. Klamotten gibt’s halt meist vom Flohmarkt und im Urlaub wird gern mal gezeltet. Ich finde, dass man von einem Stundenlohn à 25 Euro gut leben kann, natürlich vorausgesetzt, dass genug Aufträge da sind.

    Aussagen wie die oben zu lesende ärgern mich daher. Es gibt Familien, die mit diesem Geld gut auskommen.

  • Liebe Mari, liebe C.!

    Bitte entschuldigt unsere verspätete Antwort – vor allem aber vielen Dank für Eure Rückmeldung. Aus dem Kontext gerissen, kann »arbeitet nicht für 25 Euro die Stunde« nicht bestehen.

    Wir alle wissen, dass es extreme Ungerechtigkeiten und Gehaltsgefälle gibt. Im Schnelldurchlauf: Menschen, die trotz mehrerer Jobs kaum genug für ihren Lebensunterhalt verdienen, die nicht ausreichende Vergütung im sozialen Bereich oder die schwindenden Tagessätze in der Kreativbranche – die Liste ist lang … – Preis-Dumping bei Verlagen (liebe Mari, Gleiches schildern uns Kollegen) oder zuwenig finanzielle Wertschätzung von Erziehern – das ist zum Kotzen.

    Zurück zu »arbeitet nicht für 25 Euro die Stunde«: Dieser Ausschnitt kommt aus der Empfehlung unseres »Preise-selbstbewusst-durchsetzen-Workshops« und will dazu anregen, den eigenen Preis gewissenhaft zu ermitteln* und zugleich Mut machen für seinen Stundensatz einzustehen. Das heisst für uns vor allem: sich mit anderen austauschen und sich gegenseitig bestärken; um so vielleicht dem gefühlten »Nein« bei manchen Aufträgen – zumindestens hin- und wieder – ein echtes »Nein« folgen zu lassen.

    Auch wenn wir alle nur bedingt – oder gar keinen Einfluss auf äußere Zwänge und Marktgesetze haben, und die existenziellen Bedürfnisse zu faulen Kompromissen führen (kennen wir auch) scheint uns doch die innere Klarheit darüber und die entsprechende Haltung wichtig und richtig (hat schon hi und da sehr (!) geholfen). Vielleicht kommt der Tag, an dem man mit dieser Haltung, im Außen Veränderungen bewirken kann. Sicherlich geht das gemeinsam besser, als alleine.

    Es grüßen herzlichst Jessica & Sabine

    *Betriebs- und Lebenshaltungskosten, durchschnittliche Auslastung, Zeit, die zur Verfügung steht, EKST und persönliche Wünsche!

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