Tornschuhjette ist die Königin der Custom Sneaker

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Hat der Sneaker-Hype jemals ein Ende? Henriette Wagener alias Tornschuhjette sagt: Ja! Vorher nimmt sie aber alles mit, was geht. Am liebsten: Aufträge! Sie customized Sneaker für illustre Kunden wie Bonez MC oder Fler – mit Swooshes aus Hermès-Tüchern, individuell bemalten Sohlen oder bestickten Laschen. Ursprünglich kommt die 28-Jährige aus dem Ruhrgebiet und ist in Dortmund groß geworden. Nach Hamburg zog sie, um 3D-Animation und Computerspiele zu studieren. Während des Studiums fing sie an, Turnschuhe zu restaurieren und zu bemalen. Das funktionierte auf Anhieb so gut, dass sie sich nach dem Studium direkt selbstständig machte. Seit bald drei Jahren lebt Jette jetzt davon, Turnschuhe zu bemalen und umzunähen. Wir besuchen sie in ihrem kleinen Workspace im Hamburger Schanzenviertel.

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Den Nike Presto hat Jette komplett umgenäht.

femtastics: Woher kommt deine Leidenschaft? Warst du schon als Kind Turnschuh-begeistert?

Jette: Ich habe immer lieber Turnschuhe als Lackschühchen getragen. Ansonsten komme ich eher aus der Richtung Modedesign, ich habe immer Klamotten genäht, verändert und aufgeschnitten. Meine Mama hat mir alles beigebracht, und schon mit sieben Jahren wusste ich, dass ich später Modedesignerin werden will. Das Thema Turnschuhe ist nur eine vorübergehende Nische, die im Moment gut funktioniert, aber irgendwann wieder abstürzen wird. Dann muss ich mich auf jeden Fall umorientieren.

Die Marken-Craziness aus den Anfänger der 2000er ist wieder zurück.

Meinst du wirklich, dass der Turnschuh-Hype ein Verfallsdatum hat?

Auf jeden Fall. Man muss nur die heutige Lage mit der vor drei Jahren vergleichen: Damals haben Kunden für ein Paar Nike Jordans 400 Euro hingelegt. Mittlerweile sind die Leute selektiver geworden. Die Preise sind zwar noch mehr angestiegen, aber mittlerweile sind auch Marken wie Chanel, Gucci und Louis Vuitton mit im Game, die jetzt auch in dieses Segment vorstoßen und andere Preise aufrufen.

Insgesamt investieren die Leute wieder mehr in Mode und Statussymbole wie einen Gucci-Schal. Mit einem Jordan beispielsweise gewinnst du kaum mehr einen Blumentopf. Die Marken-Craziness aus den Anfänger der 2000er ist wieder zurück. Es sind die gleichen Styles wie damals, nur dass heute alles noch eine Nummer krasser und teurer ist.

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Aus dem Hermès-Tuch wird eine neue Lasche.

Kommt an der Stelle nicht auch das Customizing wieder ins Spiel?

Das stimmt, Einzelanfertigungen verkaufen sich eigentlich immer. Vor allem im hochpreisigen Segment, beispielsweise mit Schuhen aus Pythonleder für 1.000 Euro, bei denen der Kunde auch noch Details wie die Sohle individuell auswählen kann. Für so außergewöhnliche Designs wird man immer Käufer finden wird. Aber in der breiten Masse geht der Trend eher weg von Sneakers. Ich persönlich möchte irgendwann auch etwas Anderes machen. Sogar mir wird das langweilig (lacht).

Ich wurde in der Szene anfangs noch ein wenig belächelt.

Wie kam deine Idee in der Turnschuhszene an, als du gestartet bist?

Ich wurde in der Szene anfangs noch ein wenig belächelt. Vor allen Dingen, weil meine Arbeit anfangs auch viel mit Bemalen zu tun hatte und es schon andere Customizer gab, die teilweise wirklich scheußliche Dinge auf die Schuhe gemalt haben und dadurch Vorurteile dem Customizen gegenüber entstanden sind. Mittlerweile habe ich mich professionalisiert, mache mehr mit Stoffen und tausche Materialien aus. Das wird von den meisten Menschen anerkannt und ernst genommen. Es gibt dennoch Leute, die meinen, meine Schuhe seien ein Fake. Ich arbeite aber nur mit original Schuhen und Stoffen, rechtlich gesehen ist es also eine Veredelung.

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Sehen die Marken, die du verwendest, deine Arbeit auch als Veredelung an?

Für Nike und Adidas habe ich mittlerweile selbst schon gearbeitet. Die waren jeweils offen für meine Ideen und Customs. Für die Marken ist es zum einen eine gute Werbung, zum anderen bedienen sie sich gerne am Ideenpool der Künstler, die ihre Schuhe verändern und veredeln. Es ist quasi eine kostenlose Entwicklungsabteilung, die sich Gedanken darüber macht, was cool sein könnte und angesagt ist. Die Schmerzgrenze bei großen Labels ist wahrscheinlich dort, wo neben einem Markenzeichen etwas Beleidigendes oder Anstößiges auftaucht, was negative Assoziationen mit der Marke auslösen könnte. Aber im Endeffekt kannst du ja auch dein Auto ansprayen, so lange du es selbst gekauft hast und es dir gehört. So ist es auch mit Turnschuhen.

Wie geht es weiter, wenn du einen Schuh gekauft hast und ihn customizen willst?

Das kommt ganz darauf an, welchen Auftrag ich habe. Manchmal bestellen Kunden Designs, die ich schon einmal gemacht habe. Dann geht es ganz einfach: Ich produziere das gleiche Modell nochmal in einer anderen Größe. Wenn jemand auf der Suche nach etwas Individuellem ist, dann tauschen wir uns erst über Ideen und Wünsche der Person aus. Dann mache ich Materialvorschläge oder Musterideen. Daraus entsteht ein Photoshop-Mockup, das heißt eine Montage des Schuh-Designs. Wenn der Kunde mit dem Design zufrieden ist, produziere ich die Schuhe und verschicke sie. Manchmal wollen Kunden ihre eigenen Sneaker verändern lassen, ansonsten kaufe ich die Schuhe für die Kunden ein.

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Mit wie viel Zeit muss ich rechnen, wenn ich einen Schuh bei dir bestelle?

Minimum zwei Wochen. Je nachdem, wie aufwendig die Produktion ist, dauert es bis zu sechs Wochen. Wenn meine Auftragslage gerade gut ist, sollte man schon mit ein bis zwei Monaten rechnen, bis der Schuh fertig ist.

Wo startet das Budget für ein Paar Customs von dir?

Zu dem Originalpreis des Schuhs kommen für Malereien 100 bis 150 Euro dazu, ab da gibt es nach oben hin keine Grenze. Ein Richtwert für komplett handgemachte Schuhe ist circa 500 Euro. Aber es kommt auch ganz auf das Schnittmuster, das Schuhmodell und die verwendeten Materialien an.

Wie hast du die Techniken fürs Customizing gelernt?

Ich habe einfach alles ausprobiert, von Drucktechniken bis Strickmuster. Dabei ist einiges kaputtgegangen, ich habe locker schon 20 Schuhe ruiniert. Aber nur dadurch kann man die Techniken wirklich lernen. Außerdem habe ich einige Praktika gemacht, beispielsweise bei einer Textildruckerin und beim Silberschmied.

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Hast du mal einen Schuh eines Kunden wirklich vermasselt?

Komplett unzufrieden war bis jetzt noch niemand. Einmal ist mir ein Innenfutter flöten gegangen, weil es die Luftfeuchtigkeit beim Flug nach Frankreich anscheinend nicht vertragen hat. Bis jetzt waren aber alle Kunden zufrieden, zumal man auch das Recht hat, den Schuh bis zu dreimal zurückzuschicken, wenn einem etwas nicht gefällt. Ich bin generell offen für Kritik und schicke immer Fotos der Schuhe, bevor ich sie losschicke. Die Kommunikation mit den Kunden ist sehr persönlich und ehrlich.

Gibt es Kundenwünsche, die du nicht umsetzen kannst?

Klar gibt es Kunden, die utopische Vorstellungen haben, vor allem was die Preise angeht. Auch gibt es Wünsche, die ich aus Prinzip ablehne. Beispielweise kopiere ich keine Arbeiten anderer Künstler oder Marken, es sei denn, das Label lässt mich explizit ihr Logo als Druck verwenden. Ich male einem Kunden kein Gucci-Logo auf seinen Schuh, auch wenn ich schon einige Gucci-Taschen zerschnitten habe (lacht).

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Die Jacke hat Jette ebenfalls customized – mit einem alten Hermès-Tuch!

Ich bin Fan vom Nike Presto.

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Was ist dein persönlicher Lieblingsschuh?

Ich bin Fan vom Nike Presto. Der ist relativ einfach geschnitten und hat eine schlichte Sohle. Dadurch eignet er sich super, um bunte Muster und Farben zu implementieren. So kann man schnell und mit wenig Aufwand aus einem schlichten Schuh einen auffälligen und individuellen Sneaker zaubern. Ansonsten habe ich einen Hang zu klassischen Modellen, die in meiner Jugend angesagt waren, die ich mir aber nicht leisten konnte. Dazu gehören Superstars, Air-Force 1 und andere Basketballschuhe, allerdings kann ich heute auch modernen Designs wie einem Future Craft von Adidas mit 3D-Druck-Sohle etwas abgewinnen.

Wo findest du deine Materialien?

Eigentlich überall, ich halte immer die Augen offen. Ich gehe auf Stoffmärkte, kaufe hier mal eine Tasche aus geilem Stoff, da mal ein schönes Tuch im Second-Hand-Laden. Wann immer ich irgendwo etwas sehe, nehme ich es mit. Mittlerweile bin ich echt ein Material-Messie geworden. Außerdem habe ich einen erstklassigen Lederhändler, bei dem ich vor allem auch Herkunft und Qualität des Leders gut überblicken und mehr auf Nachhaltigkeit achten kann. Ansonsten findet man auch bei Karstadt in der Stoffabteilung tolle Materialien.

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Und wo in Hamburg shoppst du persönlich am liebsten?

Für geile Vintage-Sportsachen gehe ich gern zu Hot Dogs in der Marktstraße, da sind die Sachen zwar etwas teurer, aber meist ungetragen und sogar noch mit den original Preisschildern aus den 80er Jahren, das ist ziemlich cool. Für luxuriösere Mode gehe ich meistens zu Secondella oder Otten Van Emmerich in der Galeria. Da bin ich dann auch bereit, etwas mehr zu bezahlen, weil ich dort die Garantie habe, dass es wirklich Originale sind. Das ist auch für meine Arbeit wichtig.

Wer sind deine Kunden und wie hat sich deine Kundschaft aufgebaut?

Das ist total unterschiedlich. Angefangen hat bei mir alles mit Blümchen-Sneakers, also Air-Max 1 mit Hawaii-Blumen bemalt. Da kamen dann zunächst ganz viele junge Frauen und Mädchen auf mich zu. Insgesamt bewegt sich bei mir das meiste schon im hochpreisigen Segment, wodurch auch viele Sneaker-Sammler zu mir kommen und sich das Glanzstück ihrer Kollektion von mir machen lassen.

Insgesamt hat sich das Alter meiner Kundschaft eher nach oben verschoben, gerade seitdem ich noch mehr nähe und weniger bemale. Ansonsten zählen natürlich viele Leute aus der Hip Hop-Szene zu meinen Kunden, dazu gehören beispielsweise Fler, Bonez MC und Morlockk Dilemma. In dieser Szene funktioniert das Thema sehr gut, weil Sneaker zum Hip Hop einfach dazugehören. Die Leute wollen sich auch bewusst über ihre Kleidung definieren und den Bezug zur Musik und zur Szene unterstreichen.

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Bist du auch privat in der HipHop-Szene vernetzt?

Klar kenne ich über meine Arbeit viele Leute in der Szene. Insgesamt ist die Community auch eher überschaubar, bei den Events und Releases sind es letztlich immer die üblichen Verdächtigen, die kennt man irgendwann einfach (lacht). Im Gegensatz zu Berlin ist die Hamburger Szene auch nicht allzu aktiv, also ist es überschaubar. Über meine Arbeit hat sich quasi automatisch ein Netzwerk mit coolen Kontakten ergeben. Mein Privatleben findet in der Szene trotzdem kaum statt, das versuche ich auch bewusst zu trennen. Auch wenn ich privat Fan von meiner Arbeit, Turnschuhen und der Szene bin, versuche ich trotzdem, mir parallel noch etwas anderes offen zu halten, zumal die Branche ja auch viele oberflächliche Seiten hat.

Gibt es viel Konkurrenz in dem Gebiet?

Der Markt ist relativ klein. In Deutschland gibt es nur eine Hand voll Leute, die ähnliche Arbeit wie ich machen. Einige bemalen die Turnschuhe nur, zwei benähen sie auch, insgesamt sind wir aber nur drei Customizer, die es auf dem Niveau machen. Die beiden anderen kenne ich auch, wir sind cool miteinander und nicht wirklich auf Konkurrenz aus. Wir haben auch schon zusammen auf Events gearbeitet und sind auch sonst in gutem Kontakt. Europaweit sind es natürlich mehr Leute, aber insgesamt ist es schon ein sehr rares Feld. Das Gebiet ist ja auch speziell, denn, anders als beispielsweise ein Schuster, achten wir auch auf aktuelle Trends und sind näher an der Szene dran. Dadurch können wir besser darauf achten, welche Sneaker die Leute gerade tragen wollen und welche nicht. Mir ist es außerdem wichtig, den Sneakers eine persönliche Note zu geben und mit den Kunden in engem Kontakt zu sein.

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Wie machst du Werbung für deine Arbeit?

Ich generiere den Großteil meiner Arbeit und Aufträge über Instagram. Da läuft viel über Features und auch über Mundpropaganda. Viel kommt auch über Facebook-Gruppen, was das Ganze noch persönlicher macht. Ansonsten kommen viele auch über Empfehlungen und Freunde zu mir. Das funktioniert ziemlich gut.

Wo siehst du dich in der Zukunft, in welche Richtung möchtest du gehen?

Mein Wunsch ist es, noch ganzheitlicher zu arbeiten. Damit meine ich ganzheitlichere Konzepte, die nicht nur Schuhe, sondern auch Mode beinhalten, also beispielsweise eine Kollektion mit dem passenden Tracksuit zu den Sneakers. Es geht dieses Jahr schon in die richtige Richtung, es gibt einige tolle Projekte, die ich angehen werde.

Im Moment möchte ich selbstständig bleiben, auch wenn ich weiterhin gerne mit größeren Marken zusammenarbeiten will. Gerade möchte ich mich noch nicht an einen Arbeitgeber binden. Das kann ich mir in einigen Jahren schon vorstellen, aber vorerst genieße ich meine Freiheit als Selbständige.

Was machst du am liebsten wenn du einen Day off hast?

An einem Traum-Tag liege ich den ganzen Tag im Park in der Sonne, schmeiße zwischendurch den Grill an und chille mit Freunden. Dadurch, dass ich selbstständig bin, arbeite ich unheimlich viel, also auch an Samstagen. Sonntags nehme ich mir meistens frei, um dann meine Wohnung zu putzen (lacht). Deshalb gestalte ich meine Freizeit eher entspannt, treffe Freunde und gehe auf Partys. Vor allem Kreativität verbanne ich quasi aus meiner freien Zeit, weil ich es in meinem Job schon komplett ausleben kann. Es ist so viel Wert, mit dem, was man liebt, Geld zu verdienen, das versuche ich mir dadurch zu bewahren.

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Du gibst auch Workshops – was macht man da?

Bei meinem Workshop sind wir meistens fünf bis zehn Leute, aber jeder arbeitet für sich. Über acht Stunden wird jeder individuell von mir betreut und kann vor Ort seinen eigenen Schuh nach seinen Vorstellungen customizen. Man bringt sein eigenes Paar Schuhe mit, die Farben und Materialien stelle ich. Es kommen immer echt coole Schuhe dabei raus, viele entpuppen sich als Naturtalent. Anmelden für die Workshops kann man sich auf meiner Website.

Hast du einen Tipp für alle, die ihre abgerockten Lieblings-Sneakers retten wollen?

Ich bin ein großer Fan von Reparieren, habe selbst schon totale Schadensfälle repariert. Für alle, die ihre Sneakers selbst reparieren möchten, habe ich einen YouTube-Channel, auf dem man sich Tutorials angucken kann und Tipps zum Reinigen, Reparieren und Umfärben bekommt. Vor allem bei teuren Sneakers kann man meist selbst noch viel retten, bevor man die Schuhe einfach wegschmeißt.

Vielen Dank für das Interview, Jette!

 

Hier findet ihr Tornschuhjette:

Fotos: Pelle Buys

Interview: Lou Huss

 

 

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