Wie Vanesa Ortiz mit Software die Welt besser macht

Vanesa Ortiz, 29, spricht Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch und Python. Die Programmiersprache hat sie sich selbst während ihres Studiums Regionalwissenschaften Lateinamerikas in Köln beigebracht. Ihr Hobby will sie nun zu ihrem Beruf machen und mit Hilfe von Software gesellschaftliche Probleme lösen. Den Feinschliff für ihre Fähigkeiten holt sie sich in San Francisco. Dort startete sie im Juni an der renommierten Hackbright Academy, einer weltweit führenden Software Engineer-Schule für Frauen, ein zwölfwöchiges Bootcamp zum Software Engineer. Zur Finanzierung ihres Aufenthalts hat Vanesa ihre eigene Crowdfunding-Kampagne gestartet. Via Skype sprechen wir über ihre große Leidenschaft und ihre ersten beiden Apps für das Kinderhilfswerk.

femtastics: Wie kann man mit Software gesellschaftliche Probleme lösen?

Vanesa Ortiz: Es gibt viele gesellschaftliche Probleme, die man mit Technologie verbessern kann. Ich habe als Abschlussprojekt die App Kid-O entwickelt, die den Kinderhilfswerken dabei hilft, eine bessere Übersicht über die Kinder zu haben.

Wie funktioniert das?

In der App findet man eine Übersicht aller Kinder, die im Kinderhilfswerk sind. Man kann Profile erstellen und die Informationen zu den Kindern organisieren. Das ist ganz wichtig, weil viele Kinderhilfswerke diese Übersicht nicht haben. Die halten alles auf Papier fest, dabei werden vielleicht Namen falsch geschrieben, oder Papiere gehen verloren. Erstellt man eine Plattform, die sich in der Cloud befindet und zu der alle Zugang haben und die Information aktuell halten können, ist das viel besser als irgendein Ordner. Man kann sogar per SMS oder MMS Informationen an eine bestimmte Nummer schicken, damit sich die Datenbank automatisch aktualisiert. Die App funktioniert also auch offline, wenn kein Internetzugang vorhanden ist.

Die Mitarbeiter können viel effizienter arbeiten.

Weil sie die Hintergrundinformationen zu dem Kind kennen, genau. So eine App ist relativ einfach zu bauen, ich habe viereinhalb Wochen dafür gebraucht.

Was hast du noch programmiert?

Bei einem Hackathon – das ist ein Event, bei dem viele Programmierer zusammenkommen und zu einem Thema Software entwickeln – habe ich mit drei weiteren Frauen von meiner Schule ein Team gegründet und die App ChiCa gebaut, die Frauen in Entwicklungsländern dabei hilft, geschützte Kinderbetreuung zu organisieren. Die Mütter können sich mit der App leichter untereinander vernetzen und die Betreuung besser absprechen. Das alles passiert auf einer geschützten Ebene, also nur unter Freunden und maximal Freunden von Freunden.

So können die Frauen die Zeit besser nutzen und zum Beispiel arbeiten gehen?

Genau. Ein großes Problem in Entwicklungsländern ist es, dass Frauen von ihren Dörfern in die Slums der Großstädte ziehen, um zu arbeiten. Dabei verlieren sie ihr sicheres Familiennetzwerk, das sich bisher um die Kinder gekümmert hat. In den Slums ist es sehr unsicher, es gibt keine Kindergärten und keine Kinderbetreuung. Die Frauen sind oft gezwungen, ihre zwei- oder dreijährigen Kinder alleine zu Hause zu lassen.

Hier hilft die Vernetzung.

Und die funktioniert auch ohne Internet. Man kann sich unter einer Nummer anmelden und sein eigenes Netzwerk unter der Nummer aufbauen, indem man andere Telefonnummern hinzufügt. Das funktioniert alles über das Telefonat oder eine Sprachnachricht, denn viele Frauen sind Analphabetinnen und können keine SMS schreiben. Die Frauen geben durch, wann sie die Kinderbetreuung für wie viele Kinder brauchen und ob sie Essen für die Kinder und die Betreuerin mitbringen – das ist sozusagen die Belohnung für die Betreuerin. Diese Sprachnachricht erhält das komplette Netzwerk und wenn jemand bereit ist, bestätigt er die Anfrage ebenfalls per SMS oder Sprachnachricht. Unter einer anderen Nummer wiederum kann man sich Bewertungen zu der Betreuerin anhören, die vorherige Mütter hinterlassen haben.

Je mehr Frauen wir für das Coden engagieren können, desto sozialer wird die Technologie.

Ein spannendes und großartiges Projekt! Glaubst du, dass das Netz empathischer und sozialer wäre, wenn mehr Frauen programmieren könnten?

Auf jeden Fall! In San Francisco gibt es unglaublich viele Gruppierungen und Treffen von Frauen und es geht dabei fast immer um ein soziales Engagement. Frauen machen sich immer Sorgen um ihre Umgebung und haben das Helfersyndrom. Je mehr Frauen wir für das Coden engagieren können, desto sozialer wird die Technologie.

Viele Frauen scheuen vor Diskussionen im Netz zurück, weil der Ton sehr harsch und zuweilen diskriminierend ist. Hast du diese Erfahrung auch gemacht?

Der Umgangston unter Programmierern ist auf jeden Fall etwas härter. Männer nehmen in der Regel nun mal nicht so viel Rücksicht auf Gefühle, das passiert oft unterbewusst. Es fehlt leider an Feinfühligkeit. Wenn man sie darauf hinweist, merken sie das aber. Trotzdem, man muss eine dickere Haut haben und geduldig sein. Man darf keine Angst davor haben, jemanden darauf hinzuweisen, dass er sich respektlos verhalten hat.

Nur 22 Prozent aller Software Engineers sind Frauen. Woran liegt das?

Wir wachsen mit der Mentalität auf, dass Frauen in der Technik nichts zu suchen haben und nicht für die Wissenschaft geeignet sind – aus welchen Gründen auch immer. Männer wachsen mit der gleichen Mentalität auf und stellen das gar nicht in Frage. Wenn sie dann einer weiblichen Ausnahme begegnen, denken sie, dass die Frau nichts in dem Bereich zu suchen hat und nicht kompetent genug ist.

Hast du das auch schon erlebt?

Oft wird mir gar nicht zugehört, wenn ich etwas erkläre. Es wird gar nicht davon ausgegangen, dass etwas Richtiges aus meinem Mund rauskommen könnte.

Was machst du in solchen Momenten?

Ich bestehe darauf, dass man mir zuhört. Von manchen Männern höre ich dann, du bist die erste Frau, die mir was am Computer erklärt hat.

Frauen müssen ermutigt werden, dass sie, wenn sie ein Interesse für Software und das Programmieren verspüren, es ausprobieren. Es gibt nichts zu verlieren!

Es ist also noch ein langer Weg. Was kann getan werden, dass mehr Frauen Lust aufs Coden bekommen?

Frauen müssen ermutigt werden, dass sie es ausprobieren, wenn sie ein Interesse für Software und das Programmieren verspüren. Es gibt nichts zu verlieren! Und keine Frau soll denken, nur weil sie nicht die Klassenbeste in Mathe war, dass es dann nichts für sie ist. In Berlin gibt es tolle Gruppierungen wie die Geek Girls Carrots oder die Geekettes, die Einführungskurse anbieten. Hier kann jede Frau das Programmieren spielerisch ausprobieren.

Du hast ursprünglich Regionalwissenschaften Lateinamerika studiert. Wie hast du deine Leidenschaft fürs Programmieren entdeckt?

Ich habe schon mit 11 Jahren angefangen, Webseiten zu bauen und habe das immer nebenbei gemacht. Der Grund, weshalb ich mich nicht für ein Informatik-Studium entschieden habe, war, dass mir der Studiengang nicht gefallen hat. Der war zu altbacken mit veralteten Programmiersprachen. Ich war sehr auf das Internet fokussiert und davon wurde nicht viel angeboten. Da ich mir bis dahin viel selbst beigebracht hatte, habe ich einfach so weitergemacht.

Bereust du das?

Nein, ich habe meinen Studiengang Regionalwissenschaften Lateinamerika geliebt. Das Studium hat meine Persönlichkeit ein Stück weit geformt – gerade in sozialer Hinsicht. Es ergänzt sich sehr gut.

Du kannst Werkzeuge erfinden, die den Alltag komplett verändern können.

Was macht dir Spaß am Programmieren?

Dass man nur aus einer Idee und mit einem Laptop etwas Tolles bauen kann. Du kannst Werkzeuge erfinden, die den Alltag komplett verändern können und erreichst mit dem Internet sehr viele Menschen. Ich mag das Strukturierte und das logische Denken. Lösungswege Schritt für Schritt für eine bestimmte Problemstellung zu erarbeiten, ist einfach faszinierend.

Wie bist du auf die Hackbright Academy in San Fransisco gekommen?

Ich hatte mir bis dato alle Programmiersprachen selbst beigebracht, hatte aber das Gefühl, dass es langsam vorangeht. Ich wollte das Lernen strukturieren und Mentoren haben, die mir zur Seite stehen. In Deutschland gibt es keine Programmierschulen, an denen man innerhalb von 12 Wochen intensiv lernt. Das Curriculum der Hackbright Academy war perfekt und als ich dann noch gesehen haben, dass es sich nur an Frauen richtet, war ich sofort überzeugt.

Jetzt bist du vor Ort – wie gefällt es dir?

Es ist eine super Lernumgebung. Ich muss mir zum Beispiel keine Gedanken über Männer machen. (Lacht.) Ich kann mir so viel Wissen reinstopfen, wie ich will und das ist einfach toll. Ich kann das jeder Frau nur empfehlen, die sich für das Programmieren interessiert!

Du hast dein Vorhaben mit Hilfe von Crowdfunding finanziert. Hat das gut funktioniert?

Es gab viel Skepsis. In Deutschland ist man kaum daran gewöhnt, für Bildung zu bezahlen. Manche Menschen konnten nicht nachvollziehen, warum ich so viel Geld für die Schule in San Francisco ausgeben will. Ich hatte aber keine andere Wahl und für eine gewisse Qualität muss man eben bezahlen. Das Netzwerk, was ich mir hier aufbaue, ist unbezahlbar.

Was passiert nach der Ausbildung?

Ich möchte den Weg weitergehen und Software-Entwicklung mit sozialem Engagement verbinden. Die App, die ich für das Kinderhilfswerk entwickelt haben, wird auf jeden Fall fertig gemacht und weiter betreut. Die App für die Kinderbetreuung wird schon diesen Herbst in der Dominikanischen Republik getestet. Das werde ich weiter verfolgen.

Kommst du zurück nach Berlin oder bleibst du in San Francisco?

Ich würde gern noch eine Weile hier bleiben, weil ich das Gefühl habe, dass meine Lernkurve hier sehr steil ist. Aber erstmal komme ich zurück nach Berlin.

Hier ist es selbstverständlich und Teil der Kultur, dass das Wissen weitergegeben wird.

Vermisst du Berlin?

Auf jeden Fall. Was ich gern aus San Francisco mitbringen möchte, ist Mentorship. Hier ist es selbstverständlich und Teil der Kultur, dass das Wissen weitergegeben wird. Ich hatte drei Mentoren hier, die mich unterstützt und mir sehr viel beigebracht haben. Das hat mir sehr geholfen und das möchte ich in Berlin auch etablieren.

Danke dir, für diese spannende Skype-Unterhaltung!

Hier findet ihr Vanesa:

  

 

 

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