In guter Gesellschaft – Hamburgs erstes Zero-Waste-Café

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Der Kampf gegen Müll ist ein täglicher. Selbst die Biogurke ist in Plastik gehüllt und wenn man im Supermarkt doch etwas mehr einkauft als ursprünglich geplant, kostet die Plastiktüte so viel weniger als der Stoffbeutel. Wir treffen als Konsument ständig Entscheidungen – nicht unbedingt immer bewusste. Währenddessen droht die Welt, an Plastikmüll zu ersticken. Jeder Deutsche produziert jährlich 37,4 kg Plastikmüll. Die Hamburgerinnen Ina Choi-Nathan und Alana Zubritz zeigen, wie einfach es sein kann, der Umwelt einen Gefallen zu tun und eröffneten in Hamburg das erste Zero-Waste-Café. Die Zero-Waste-Bewegung bedeutet schlichtweg Müllvermeidung. Was sich für viele unmöglich und radikal anhört, finden die beiden gar nicht so schwer. Alles, was nicht vermieden werden kann, wird reduziert und wiederverwertet, zur Not recycelt oder kompostiert.

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Ina und Alana haben zusammen das erste Zero-Waste-Café Deutschlands eröffnet.

femtastics: Was habt ihr gemacht, bevor es euer Café gab?

Ina: Ich habe internationale Betriebswirtschaft studiert, war unter anderem ein Jahr in England. Danach habe ich in Hamburg meinen Master gemacht. Nach dem Studium habe ich bei einer großen Reederei gearbeitet. Danach war ich in der Luftfahrtindustrie im Projekt- und Produktmanagement tätig. Das mache ich aktuell noch in Elternzeit. Ich bringe viel betriebswirtschaftliches Know-how mit. Durch bestimmte Bewusstseinsentwicklungen und Austausche entstand unsere Idee.

Alana: Ich habe nachhaltiges Design in Brighton studiert. Dort hatte ich diverse Sustainability und Greenery Projekte, sowie Tausch- und Reparaturcafés organisiert. Nebenbei war ich als freie Grafikerin tätig oder habe in NGOs gearbeitet. Es waren nie feste Jobs und das Gute, was ich machen wollte, hat mir nie Geld eingebracht. Es war immer für den guten Zweck. Nebenbei bin ich Referentin für Nachhaltigkeit an Schulen und Universitäten. Ich referiere über nachhaltigen Konsum und nachhaltige Wirtschaftsformen. Irgendwann kamen Ina und ich darüber ins Gespräch.

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Ich habe eine Wurmkiste zuhause, in der aus meinem Biomüll, Komposterde produziert wird.

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Seit wann beschäftigt ihr euch mit dem Thema Zero Waste? Und wie seid ihr auf die Idee gekommen, ein Zero-Waste-Café zu gründen?

Alana: Die erste Idee war ein permanentes Tauschcafé, in dem man Klamotten tauscht, statt sie zu kaufen. Jedoch ist das Konzept aus finanzieller Sicht schwierig. Dann entstand die Idee, etwas in der Gastronomie zu machen, weil Gastronomie konstant Geld einbringt. Wir haben auf der Idee herumgedacht, dann habe ich Freundinnen in Brighton besucht und wir waren im „Silo„, einem Zero Waste-Restaurant, essen. Ich war von der Idee total begeistert.

Ina: Bei mir hat sich das in kleinen Schritten entwickelt, weil ich keine Plastiktüten mehr beim Einkaufen benutzt habe und einen Mehrwegbecher für meinen Kaffee unterwegs nehme. Kleine Schritte, die bei mir schnell Fuß gefasst haben und bei Alana sehr viel weitergehen. Sie macht zum Beispiel auch ihr Putzzeug oder Deo selber.

Alana: Als wir uns für das Konzept Zero Waste entschieden, habe ich es erst einmal zu Hause umgesetzt. Ich habe Bücher und Blogs gelesen und Selbstexperimente durchgeführt. Ich habe eine Wurmkiste zu Hause, in der aus meinem Biomüll Komposterde produziert wird.

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Was bedeutet für euch Zero Waste? An welchen Stellen setzt ihr es im Café um?

Alana: Wir haben ein Ampelsystem. Grün ist alles, was komplett geliefert wird oder in Papier verpackt ist. Papier ist biologisch abbaubar oder relativ energieunaufwendig recyclebar. Das heißt, alle Basics wie Mehl oder Zucker kaufen wir in Papier eingepackt. Gemüse kommt in Holzkisten und die nehmen unsere Lieferanten auch wieder mit. Kaffee kommt in Metalltonnen und Milch kommt in Pfandbehältern.

Auf Altglas versuchen wir zu verzichten, weil das Recyceln sehr aufwendig ist.

Ina: Auf Altglas versuchen wir zu verzichten, weil das Recyceln sehr aufwändig ist. Prosecco und Spirituosen haben wir in Altglasflaschen. An Spirituosen bieten wir Rum, Vodka und Gin an. Der Hamburger Gin Sul nimmt zum Beispiel auch die Flaschen wieder zurück. Wein haben wir in Mehrwegflaschen. Plastik geht für uns gar nicht. Plastik hat einen roten Button. Es lässt sich jedoch nicht immer vermeiden. Gewürze kriegt man tatsächlich nur in Plastik verpackt. Da verkaufen wir aber Großgebinde und nutzen die großen Beutel für die Damentoilette als Müllbeutel.

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Das Interview führte femtastics-Autorin Rike Weinert.

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Wie hoch ist bei euch die Abfallproduktion im Unterschied zu konventionellen Cafés?

Alana: Wir produzieren einen Liter Müll in der Woche. Zum Vergleich: In den Bars, in denen wir vorher gearbeitet haben, fiel ein großer Sack am Tag an.

Ina: Gerade, wenn man Frühstück anbietet, kommt viel aus der Packung. Allein dadurch wird viel Plastikmüll produziert. Das machen wir nicht. Wir legen großen Wert auf unverpackte Lieferung und dass wir biologisch sind. Klar haben wir auch Biomüll, aber den kompostieren wir dann entsprechend über die klassische Biotonne.

Alana: Wir wünschen uns ein eigenes Kompostiergerät. Das ist in Deutschland leider gerade noch schwierig, weil das gerade erst von der Umweltbehörde überprüft wird.

Ina: In Deutschland sind die Auflagen leider etwas anders. Im „Silo“ in Brighton haben sie ein riesiges Kompostiergerät im Laden stehen. Da wird der Biomüll entsorgt und daraus Dünger oder Gase produziert. Da sind wir gerade noch am Klären, weil wir dann tatsächlich auch die Ersten in Deutschland wären, die das im gastronomischen Haushalt nutzen.

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Wir produzieren einen Liter Müll in der Woche.

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Der Lebensmittelhandel ist bislang wenig auf Zero Waste ausgerichtet, sondern vor allem industrialisiert. Woher bezieht Ihr eure Produkte?

Ina: Es gibt beispielsweise die Unverpackt-Läden, die haben auch Lieferanten die sie unterstützen. Wir sind im regen Austausch mit dem Stückgut in Ottensen. Das war der erste Stückgut-Laden, der eröffnet wurde – jetzt kommt er auch in die Rindermarkthalle. Es gibt diverse Lieferanten, die das anbieten. Über die beziehen wir auch unsere Käsesorten. Die Biokostlieferanten gehen sehr transparent mit ihren Verpackungen um. Im Produktkatalog siehst du genau, welcher Käse wie eingepackt ist. Ansonsten lassen wir uns von lokalen Gemüse- und Obsthändlern beliefern. Wir kriegen das Obst und Gemüse in Kisten und die werden auch wieder mitgenommen. Wir müssen den Lieferanten schon immer unser Prinzip erklären, sodass die Kisten nicht noch mit einer Plastikplane abgedeckt werden.

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Gibt es Produkte, bei denen das verpackungsfreie Beschaffen auch mal nicht so gut funktioniert?

Ina: Gewürze und Mandeln. Also bei Mandeln geht es schon, aber sind sehr teuer.

Alana: Wir haben auch Stempelkarten für den Kaffee und Zettel, auf die wir unsere Bestellungen aufschreiben oder Bons. Es ist utopisch sich einzubilden, dass man auf 0 gehen kann. Jeder Gastronom, der unseren Plastikmülleimer sieht, ist sprachlos. Es ist saugut, was wir machen. Es ist auch nicht schwer, man muss sich da nur einmal reinhängen. Wir merken, dass das Thema eine kritische Masse erreicht. Es stehen keine Fragezeichen mehr in den Augen der Leute. Wir wollten anfangs auch Schafs- und Ziegenkäse anbieten. Schafskäse kriegt man aber nicht frisch. Ziegenfrischkäse ist ein Saisonprodukt. Den kriegst du ab November nicht mehr. Es ist laut Käseexperten auch Tierquälerei, Ziegenfrischkäse im Winter zu kaufen. Wenn man sich damit beschäftigt, fängt man wirklich an, die Natur zu verstehen. Wir haben ungefähr drei Käsesorten, die in der Nähe von Berlin hergestellt werden. Das sind keine fancy Sorten, aber sie sind trotzdem lecker.

Auf der anderen Seite hatten wir die Diskussion, ob wir exotisches Obst anbieten. Wenn wir so weit gehen, darauf zu verzichten, dann müssen wir auch auf Kaffee, Kakao und Tee verzichten, weil es auch Überseeprodukte sind. Man muss eben einen Mittlweg finden.

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Wie sieht es mit Essensresten und Lebensmittelabfällen aus? Wie werden die bei euch entsorgt?

Ina: Die gibt es kaum. Der Nachteil ist, dass wir Gästen manchmal sagen müssen, dass einige Produkte leider schon aus sind. Wenn der Kuchen leer ist, dann ist er leer. Wir versuchen nicht im Übermaß zu produzieren oder einzukaufen. Es ist uns lieber, dass wir ein Essen weniger anbieten können, aber dafür alles verbraucht haben.

Alana: Zero Waste bezieht sich wirklich nur auf Plastik. Ein Kirschbaum produziert auch Waste, aber der wird wieder benutzt. Wir richten uns an die Kreisläufe der Natur, die auch Sachen im Überfluss produziert, weil sie die wiederverwerten kann. Wenn wir das Kompostiergerät hätten, könnten wir Dünger produzieren. Den können wir im Austausch mit einem urbanen Garten gegen Salat tauschen. Das ist die Idee, die wir anstreben.

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Wie wird das Zero-Waste-Konzept bisher aufgegriffen? Wie ist das Feedback euer Gäste?

Ina: Es gibt hauptsächlich positives Feedback. Zwar gibt es ein paar Leute, die mit erhobenen Zeigefinger auf die Sache blicken, zum Beispiel, was die Stempelkarten angeht – also, dass wir an der Stelle doch wieder Müll produzieren. Wir sind auch offen für jegliche Diskussionen und Kritik.

Alana: Es kommen viele Leute rein, die einen Kaffee to go wollen. Denen erklären wir dann kurz, was wir hier machen. Wir haben ein Pfandsystem von 2 Euro. Das reichen wir 1 zu 1 durch. Wir haben den Becher auch für 2 Euro gekauft. Da haben wir überhaupt gar keinen Gewinn. Den Becher kann man behalten oder man gibt ihn zurück.

Es haben auch schon ein paar Upcycling-Workshops bei euch stattgefunden. Was wird uns noch erwarten?

Alana: Klamotten-Tausch-Cafés, weil die Idee auch dahinterstand. Langfristig wollen wir beide hier nicht mehr jeden Tag von morgens bis abends stehen. Wir wollen Zeit haben, solche Events zu planen.

Ina: Ich möchte gerne unterschiedliche Workshops anbieten zu Themen wie Zero Waste oder DIY.

In puncto Neujahrsvorsätzen steht bei vielen auch eine nachhaltigere Lebensweise ganz oben auf der Liste. Was sind eure fünf Insider-Tipps für eine geringere Müllproduktion im privaten Haushalt?

1. Keine To Go Becher verwenden, stattdessen auf Mehrwegbecher umsteigen – pro Stunde werden 320.000 Becher in Deutschland verbraucht.

2. Mehr selber kochen: Alle vorgefertigten Lebensmittel sind in Plastik verpackt. Mit selbstgekochtem gesunden Essen geht es dem Körper auch ganz anders.

3. Nachhaltiger konsumieren und bei den Einkäufen auf frische Lebensmittel achten. Bei Discountern sind meist große Mengen Gemüse verpackt. Dann lieber die benötigte Menge lose einkaufen und natürlich immer einen Jutebeutel mitnehmen.

4. Stofftaschentücher anstatt Papiertaschentücher benutzen.

5. Leitungswasser trinken: Gerade in Deutschland gehört Wasser zu den am besten kontrollierten Lebensmitteln. So können wir uns unnötige PET Flaschensammlungen sparen. Es gibt genügend Mehrwegflaschen, die man sich zulegen kann, damit man immer eine Wasserflasche bei sich hat.

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Lässt sich Zero Waste auch mit einem „kleinen“ Geldbeutel umsetzen?

Alana: Unbedingt. Das ist viel günstiger. Selber kochen ist einfach und viel günstiger. Teilweise sind Käse- und Wurstsorten an der Theke günstiger als der verpackte Käse. Wichtig ist einfach, dass man nur so viel kauft wie man auch braucht – und das Geld für die Plastiktüte beim Einkaufen sparst du dir dann auch.

Ein inspirierender Ansatz, finden wir. Vielen Dank für das Gespräch!

 

Hier findet ihr „In Guter Gesellschaft“:

Interview: Friderike Weinert

Fotos: Nassim Ohadi

Layout: Carolina Moscato

 

 

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