Female Health Lab: Warum der Lockdown-Busch eine (sehr gesunde) Art von Freiheit in der Isolation ist!

28. Januar 2021

2021 hat gerade erst begonnen und wir befinden uns noch immer (oder schon wieder?) im Lockdown – im wievielten weiß ich nicht mehr, ich habe irgendwann aufgehört zu zählen. Die gute Nachricht ist: die Jogginghosen-Ära geht damit in die Verlängerung. Ich jedenfalls lebe seit zwei Monaten quasi in meinen Yoga-Pants (keine Sorge, nur der Bequemlichkeit halber, auf die Yogamatte schaffe ich es genauso so selten wie sonst), für die etlichen Zoom-Calls reicht es ja ohnehin bis zum Bauchnabel den Eindruck zu vermitteln, alles unter Kontrolle zu haben. Frei nach dem Motto: „Oben hui, unten hoppla….!“

Schamhaare sind gesund und deswegen ein Thema, über das wir unbedingt sprechen müssen!

Ein „Hoppla“ rutscht der ein oder anderen gerade sicher auch beim Blick in die Hose raus, denn da befindet sich seit Neuestem an Stelle der sonst so aalglatten Bikinizone bei Vielen ein ordentlicher Busch. Daran sind natürlich nicht nur die derzeit geschlossenen Waxing-Studios Schuld, sondern auch der wachsende Wunsch nach mehr Natürlichkeit. Die meisten Menschen mit Vulva finden dieses „Hoppla“ nämlich eigentlich ganz angenehm und wir können davon ausgehen, dass im Sommer 2021 immer öfter auch Haare unter dem Bikinihöschen hervor blitzen werden.

Vor wenigen Jahren hätte ich es selbst noch nicht für möglich gehalten (ich hatte quasi eine Dauerabo im Waxing-Studio), heute bin ich voll und ganz davon überzeugt: Schamhaare sind gesund und deswegen ein Thema, über das wir im Rahmen der „Female Health Lab“-Kolumne unbedingt sprechen müssen! Bis vor Kurzem haben sich immerhin noch fast zwei Drittel aller Menschen mit Vulva rasiert oder gewaxt. Nicht auf dem Kopf – sondern zwischen den Beinen. Aber warum eigentlich? Ich habe nachgehakt in meinem Umfeld und fast alle Befragten gaben mir geschlossen dieselbe Antwort: weil sie es einfach schöner und hygienischer finden und sie sich schlichtweg sauberer fühlen. Erstes möchte ich niemandem in Abrede stellen – your body, your rules! Zweites ist schlichtweg falsch! Der weit verbreitete Glaube, ein rasierter Intimbereich sei hygienischer ist nämlich gequirlter Quatsch!

Stephanie Johne ist Doula und Female Health Mentorin und lebt und arbeitet in Wien und Berlin.

Bei meinen Recherchen gaben aber auch 80 Prozent aller Befragten an, nicht aus freien Stücken blank zu ziehen, sondern weil die Werbung und die Gesellschaft uns suggerieren, dass haarlose Körper schöner sind – glatte, polierte, makellose Haut und kein einziges Haar, weder an Beinen noch unter den Achseln und schon bitte gar nicht im Intimbereich. Halleluja! Die Realität ist weit entfernt von dieser retuschierten Hochglanz-Idylle – denn immerhin 90 Prozent aller Menschen hatten schon mit nervigen Hautirritationen, Verletzungen, Pickeln und eingewachsenen Haaren zu kämpfen. Warum genau tun wir uns das nochmal an?

Nun, die Frage stellen sich gerade wahrscheinlich viele Menschen mit Vulva. Denn während im Lockdown zwischen Home-Office und Home-Schooling scheinbar einfach keine Zeit bleibt und so schlichtweg „Gras über die Sache gewachsen ist“, stellen wir immer mehr fest, dass Haare nicht nur auf dem Kopf ganz natürlich, sondern auch in anderen Körperregionen kein Verbrechen sind. Denn wie sie oft gilt auch hier: die Natur hat keinen Fehler gemacht als sie uns an den scheinbar unmöglichsten Stellen einen ordentlichen Busch hat stehen lassen, sondern hatte ihre Gründe. Welche das sind, verrate ich euch hier:

Schamhaare sind quasi die Türsteher zu unser aller Heiligtum.

Erstens: Schamhaare sind quasi die Türsteher zu unser aller Heiligtum. Sie sind eine natürliche Schutzbarriere, welche die Vagina und damit auch den Gebärmutterhals und Uterus gegen Krankheitserreger, Schmutz und Fremdkörper schützt. Ganz vorn mit dabei: Herpes genitalis. Das Herpesvirus kann nämlich schon über minimale Hautverletzungen übertragen werden. Beim Rasieren des Intimbereichs entstehen an der Hautoberfläche minimale Risse, die den Viren quasi alle Wege ebnen. Das gilt besonders für die unbeliebten Human Papillom Viren (kurz HPV), vor denen uns das Benutzen eines Kondoms nur zu etwa 50 Prozent schützen kann. Die Viren können nämlich nicht nur über die Vagina, sondern ebenso über den Schambereich und besagte Hautverletzungen übertragen werden. Auch die Ansteckung mit Staphylokokken oder Streptokokken, die oft jahrelang unerkannt unter der Haut schlummern und erst viel später zu schweren Infektionen führen können, ist so wahrscheinlicher.

Zweitens: Schamhaare dienen als natürliche Klimaanlage, indem sie die Temperatur der empfindlichen Intimregion regulieren und die Schweißbildung verringern. Das führt natürlich wiederum dazu, dass Bakterien von vornherein weniger Chancen haben, sich zu verbreiten, denn Bakterien mögen es – wie wir alle wissen – gern feucht-warm.

Drittens: Schamhaare bewahren die empfindliche Haut im Intimbereich vor starker Reibung (zum Beispiel beim Geschlechtsverkehr oder bei zu enger Kleidung). Statt unangenehm irritierter Haut und lästigen Rötungen und Pickeln bleibt so alles schön soft und kuschelig.

Viertens: Eingewachsene Haare ade! Wer kennt sie nicht, die ewig eingewachsenen Haare? Unabhängig davon, dass es sich dabei jedes Mal um kleine Mini-Entzündungen handelt, mit denen unser Körper fertig werden muss, sind sie einfach unfassbar schmerzhaft und lästig und können einem so richtig Lust und Laune vermiesen. Oft tut jede Bewegung mit ihnen weh, Sex macht keinen Spaß und wir fragen uns, warum wir uns trotz täglichem Peeling und ständiger Zugsalben-Anwendung immer und immer wieder damit rumplagen müssen!

Fünftens: Apropos Sex – während ich früher meinen Partnern zuliebe untenrum gern blank gezogen habe und überzeugt davon war, dass der Sex so einfach besser ist, hat mich mein Busch eines Besseren belehrt. Schamhaare sorgen nämlich tatsächlich für zusätzliche Stimulation beim Intimakt – egal ob mit Gegenüber oder alleine. Unabhängig davon machen uns unsere Schamhaare auch attraktiver für unsere Sexualpartner. Unter ihnen befinden sich nämlich Drüsen, die Duftstoffe ausschütten. Diese bleiben wiederum in den Haaren hängen und locken unser Gegenüber an. Natürlich spielt das heute bei all den Parfüms, die wir verwenden, eher eine untergeordnete Rolle, spannend finde ich es dennoch.

Sechstens: Tatsächlich erlebe ich in meiner Arbeit als Doula viele Frauen, die nach der Geburt plötzlich aufhören, sich komplett zu rasieren. Auch ich habe die Erfahrung gemacht, mich beim Blick in den Spiegel plötzlich in meinen präpubertären Körper zurück versetzt zu sehen und damit überhaupt nicht identifizieren zu können. Von da an (lange vor dem ersten Lockdown) hat es sich für mich einfach nicht mehr stimmig angefühlt, meine sekundären Geschlechtsmerkmale zu entfernen. Denn auch das sind Schamhaare – ein Zeichen für Geschlechtsreife. Dass sie bei uns in weiten Teilen immer noch so verschrien sind, ist sicher mit geprägt von der Pornoindustrie und unserem stetigen Anspruch nach Artifizialität, dem gegenüber immer öfter der Wunsch nach Natürlichkeit steht.

Übrigens gibt es tolle Pflegeprodukte für den Intimbereich. Einen Busch zu tragen, heißt also nicht zwangsläufig, sein alter Hippie-Ego auspacken zu müssen. Die Haare sollten täglich mit einer milden Intimlotion gewaschen und danach mit einem reichhaltigen Intimhaar-Öl gepflegt werden. So bleiben sie weich und geschmeidig. Wer möchte, kann sie mit einem Kamm und einer Friseurschere regelmäßig in Form schneiden.

Der Mut zum Busch ist davon abgesehen gar nicht so neu: er feierte bereits in den 60er- und 70er-Jahren absolute Hochkonjunktur und galt damals als Ausdruck purer Freiheit. Und sind wir mal ehrlich, ein bisschen ist es doch vielleicht gerade auch genau das – eine Art von Freiheit in der Isolation!

Über die Autorin:

Stephanie ist Doula und Female Health Mentorin und lebt und arbeitet in Wien und Berlin. Nach der Geburt ihres Sohnes beschloss sie kurzerhand das österreichische Doula Training bei Angelika Rodler und die DONA-Ausbildung bei Debra Pascali-Bonnaro zu absolvieren. In den Jahren darauf folgten eine Kundalini Yoga Doula-Ausbildung bei Gurujagat, das Postpartum Training bei Kimberly Ann Johnson und eine Vaginal Steaming Facilitator- und Ayurveda-Kochausbildung. Im Moment steckt sie mitten in der Ausbildung zum Holistic Health & Wellness Coach und Katonah Yoga-Teacher. Stephanie arbeitet außerdem als Journalistin und Autorin zu den Themen Gesundheit, Fempowerment und Spiritualität. Sie hat ein Buch über das Wochenbett geschrieben und das Wellness-Label „Joni Joni“ gegründet.

Hier findet ihr Stephanie Johne:

Fotos: Hadas Strobl-Aloni Photography

Illustration: Helena Ravenne

1 Kommentar

  • anna sagt:

    Es ist immer gut zu hinterfragen, warum wir unseren Körper verändern und bestimmte Dinge als schön empfinden. (besonders) Frauen verbringen viel zu viel Zeit und geben viel zu viel Geld und Energie dafür aus so und so auszusehen!

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