Nur noch kurz die Welt retten – Wie Carolin Albrecht von Global Citizen bis 2030 die Armut besiegen will

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Nur noch kurz die Welt retten – klingt leichter gesagt als getan. Doch jeder von uns kann etwas dafür tun, die Welt zu einem besseren Ort zu machen! Das fängt mit dem Verzicht auf Plastik und bewusstem Einkaufen an, doch manchmal hilft sogar schon eine digitale Unterschrift. Was bei Musiker Tim Bendzko wie eine platte Floskel mit Verkaufsgarantie klingt, ist in Wahrheit eine längst überfällige Veränderung in unserer bequemen Luxus-Gesellschaft. Große Ambitionen im Kampf für eine bessere Welt hat die Organisation Global Citizen. Die Vereinten Nationen haben sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 die weltweite Armut zu beenden und Global Citizen will dazu beitragen, dies auch in die Realität umzusetzen. Wir haben die 28-jährige Carolin Albrecht, Deutschland Country Managerin bei Global Citizen, in Berlin-Mitte zum Gespräch getroffen und mit ihr über twitternde Politiker, Herzensprojekte und warum es für sie unumgänglich ist, ein purer Optimist zu sein, gesprochen.

femtastics: Was genau ist Global Citizen?

Carolin Albrecht: Global Citizen ist eine globale Kampagnenorganisation mit dem Ziel, möglichst viele Menschen im Kampf gegen Armut und für eine gerechtere Welt zu mobilisieren. Vor drei Jahren haben die Vereinten Nationen die nachhaltigen Entwicklungsziele beschlossen, die das ultimative Ziel haben, bis 2030 die Armut zu beenden. Wir sind fest davon überzeugt, dass das wirklich zu schaffen ist. Aber wir wissen eben auch, dass solche Verpflichtungen auf dem Papier schon häufiger von der Politik gemacht wurden und nur dann umgesetzt werden, wenn man Druck macht. Und das ist genau, was wir tun und wofür wir da sind. Wer bei uns auf die Plattform kommt, kann Petitionen unterschreiben, E-Mails an einen Abgeordneten schicken, einen Tweet an einen Politiker senden oder einen Anruf bei einer Botschaft machen. So gibt es viele Wege, wie man sich im Kampf gegen Armut stark machen kann – und gemeinsam nutzen wir die Stimmen von vielen, um etwas zu verändern.

Vor drei Jahren haben die Vereinten Nationen die nachhaltigen Entwicklungsziele beschlossen, die das ultimative Ziel haben, bis 2030 die Armut zu beenden. Wir sind fest davon überzeugt, dass das wirklich zu schaffen ist.

Bis 2030 die weltweite Armut beenden klingt gut. Aber woran wird Armut eigentlich gemessen?

Nach der Definition der Weltbank sind Menschen extrem arm, wenn sie von weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag leben müssen. Nach dieser Berechnung leben immer noch weltweit über 700 Millionen Menschen in extremer Armut.

Kannst du die Mission von Global Citizen in einem Satz zusammenfassen?

Unsere Mission ist es, eine möglichst große Bewegung von Menschen zu schaffen, die sich im Kampf gegen Armut engagieren.

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femtastics-Autorin Lea Braskamp hat mit Carolin im Global Citizen Büro gesprochen.

Welche Leitsätze verfolgt die Organisation?

Wir sind davon überzeugt, dass wir die größten Herausforderungen unserer Zeit – von Armut über Konflikte bis zum Klimawandel – nur gemeinsam lösen können. Wir wollen vor allem jungen Menschen eine Stimme geben und ihnen einfache und zugängliche Wege bieten, um etwas zu bewegen. Enorm wichtig ist uns auch, dass Menschen in extremer Armut nicht als Bittsteller dargestellt oder bevormundet werden. Jeder Mensch, egal wo er oder sie geboren ist, hat ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Deshalb wollen wir unseren Teil dazu beitragen, damit genau das Wirklichkeit wird.

Wir sind davon überzeugt, dass wir die größten Herausforderungen unserer Zeit – von Armut über Konflikte bis zum Klimawandel – nur gemeinsam lösen können.

Die Organisation wurde 2008 gegründet. Was konnte Global Citizen seitdem erreichen?

Unsere Bewegung ist bereits zu einer beachtlichen Größe gewachsen: In den letzten Jahren haben Global Citizens auf unserer Plattform über 14 Millionen Aktionen durchgeführt, das bedeutet über 14 Millionen Petitionsunterschriften, E-Mails, Tweets und Anrufe an Entscheidungsträger. So konnten wir uns Gehör verschaffen und schon sehr viele  unserer Forderungen umsetzen. Zum Beispiel im Rahmen unseres Global Citizen Festivals in Hamburg im letzten Jahr haben Regierungen und Unternehmen Zusagen im Kampf gegen die Armut im Wert von über 700 Millionen US-Dollar gemacht, die nach unseren Berechnungen in den nächsten Jahren 113 Millionen Menschen helfen werden. Diese Gelder sorgen zum Beispiel dafür, dass Frauen und Mädchen Zugang zu einer Gesundheitsversorgung und Familienplanung bekommen, dass Bildungssysteme in Entwicklungsländern gestärkt werden und dass alle Kinder gegen vermeidbare Krankheiten, wie Polio, geimpft werden. Das verfolgen wir natürlich auch weiter und schauen, ob die Regierungen und Unternehmen diese Ankündigungen wirklich umsetzen.

Was passiert, wenn die Ankündigungen nicht umgesetzt werden?

Wir fragen nach, erinnern die Politiker an ihr Versprechen und starten gegebenenfalls eine neue Kampagne, um auf die mangelnde Umsetzung aufmerksam zu machen. Das ist eine große Stärke, dass wir Öffentlichkeit schaffen für solche Themen und Politikern dadurch auf die Finger klopfen können, wenn etwas nicht gut läuft.

Es kann schnell passieren, dass man sich von der Vielzahl von Themen und Herausforderungen überfordert fühlt oder eine Ohnmacht zu spürt. Deswegen empfehle ich, sich ein Thema heraussuchen, das einem besonders wichtig ist.

Was kann jeder von uns tun, um etwas dazu beizutragen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen?

Es kann schnell passieren, dass man sich von der Vielzahl von Themen und Herausforderungen überfordert fühlt oder eine Ohnmacht zu spürt. Deswegen empfehle ich, sich ein Thema heraussuchen, das einem besonders wichtig ist. Wofür brennst du? Was willst du verändern? Das kann etwas in der eigenen Nachbarschaft sein, ein nationales Problem oder aber eine globale Herausforderung. Dann sollte man sich kleine Schritte vornehmen, die etwas verändern können. Vielleicht trägt dein eigenes Verhalten oder dein Konsum zum Problem bei? Vielleicht gibt es einen lokalen Verein, den du durch freiwillige Arbeit unterstützen kannst? Oder du startest deine eigene Aktion? Jeder noch so kleine Beitrag hilft. Und natürlich würde ich allen Leuten empfehlen, sich bei Global Citizen anzumelden und sich an unseren Kampagnen zu beteiligen. Es gibt eine Reihe von Themen, um sich inspirieren zu lassen und viele Möglichkeiten aktiv zu werden.

Ständig werden wir aufgefordert, Petitionen zu unterschreiben. Aber bringt das wirklich etwas?

Uns ist es ganz wichtig, keine Kampagnenaktion zu starten ohne ein konkretes Ziel zu haben. Wir sagen immer klar, wer der Adressat der Aktion ist – welche Regierung, Minister oder Abgeordneten – wir haben einen klaren Zeitplan, wann zum Beispiel eine Entscheidung in den Haushaltsverhandlungen ansteht oder bei einem Gipfel, und geben unseren Unterstützern dann konkrete Ansätze, wie sie aktiv werden können, um die Entscheidung zu beeinflussen. Manchmal ist es eine Petition, häufig sprechen wir die Entscheidungsträger aber auch direkt an, mit einem Tweet, einer E‑Mail oder einem Anruf. Wir erklären unseren Unterstützern genau, wie sie Einfluss nehmen können und wenn wir einen Erfolg haben, berichten wir, wie ihre Stimme uns geholfen hat.

Was passiert eigentlich mit meinen Daten, wenn ich eine Petition unterschreibe?

Wir nehmen den Datenschutz sehr ernst und erfüllen die gesetzlichen Vorgaben, die ja jetzt auch auf europäischer Ebene geändert wurden. Auf unserer Website kann man genau nachlesen, was mit den Daten passiert. Generell gilt jedoch: Wir nutzen die Daten nur insoweit, wie sie für die jeweilige Aktion relevant sind. Wenn man also eine Petition unterschreibt, dann wird diese im Idealfall auch an einen Entscheidungsträger übergeben. Das gilt dann aber nur für diese eine Petition. Wenn man an einer anderen Petition teilnehmen möchte, selbst wenn diese sich an den selben Entscheidungsträger wendet, muss man sich wieder aktiv dazu entscheiden und die Petition erneut unterzeichnen.

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Inwiefern ist Social Media ein wichtiger Kanal für Global Citizen?

Social Media ist enorm wichtig, um mit unserer Bewegung zu kommunizieren und sie zu mobilisieren. Aber auch für unsere Kampagnen ist Social Media sehr relevant. Viele Politiker sind auf Twitter aktiv und wir nutzen das als Tool, um sie zu erreichen. Aufgrund der Öffentlichkeit antworten sie dort auch häufig.

Global Citizen erteilt “Rewards” in Form von Konzerttickets. Was hat es damit auf sich?

Unser Rewards-Programm ist ein entscheidender Aspekt unserer Arbeit, um ein großes Publikum zu erreichen. Unsere Partner in der Musikindustrie stellen uns Tickets für verschiedene Konzerte in ganz Deutschland und weltweit zur Verfügung. Wenn man sich bei uns anmeldet und an verschiedenen Aktionen teilnimmt, hat man die Chance diese Tickets zu gewinnen. So versuchen wir vor allem, Musikfans zu erreichen und für den Kampf gegen Armut zu begeistern. Außerdem veranstalten wir unsere Global Citizen Festivals, bei denen wir genau dieses Modell anwenden, dass man eben keine Tickets kaufen, sondern sich sein Ticket durch Einsatz verdient.

Spielt es für euch eine Rolle, dass sich an den Aktionen Leute beteiligen, die es womöglich nur auf die Konzerttickets abgesehen haben?

Für viele ist es ein Einstieg: Sie werden durch die Musik aufmerksam auf uns, erfahren mehr über die Themen und bekommen dann auch Lust, mitzumachen und ein Global Citizen zu werden. Unsere Zahlen zeigen, dass viele, die sich für Konzerttickets angemeldet haben, danach trotzdem weiter aktiv sind und Teil der Bewegung bleiben.

Du hast gerade schon das Global Citizen Festival angesprochen. Was genau ist das?

Unser Global Citizen Festival findet seit 2012 jedes Jahr im New Yorker Central Park statt. Es kommen 60.000 Leute zum Festival und alle haben sich ihr Ticket verdient, in dem sie vorab aktiv geworden sind und sich an unseren Kampagnen beteiligt haben. Auf der Bühne standen schon Stars wie Beyoncé, Rihanna, Coldplay und Pearl Jam und entsprechend ist auch das Medienecho enorm. Gleichzeitig laden wir auch Politiker ein, die zu dieser Zeit in New York bei der UN‑Vollversammlung sind, auf der Bühne auf unsere Kampagnen zu reagieren und neue Ankündigungen im Kampf gegen Armut zu machen. In den letzten Jahren haben wir angefangen, dieses Modell auch in anderen Ländern erfolgreich umzusetzen. So gab es zum Beispiel schon ein Festival in Indien und im letzten Jahr in Hamburg anlässlich des G20‑ Gipfels.

Wie finanziert sich das Festival ohne Ticket-Einnahmen?

Wir finanzieren uns über Stiftungen und Unternehmen, die als Sponsoren auftreten und wir haben immer das Glück, dass die Künstler kostenlos auftreten.

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Insgesamt arbeiten für Global Citizen in Berlin vier Mitarbeiter.

Wie können wir unser persönliches Konsumverhalten verbessern?

Es ist ganz wichtig, sich zu informieren. Es wird immer mehr von Firmen erwartet, Transparenz zu schaffen, zum Beispiel in der Lieferkette. Trotzdem ist es meiner Meinung nach immer noch ein sehr undurchsichtiges Feld und es ist für den Konsumenten sehr schwierig, sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Aber wenn man sich informiert und Firmen meidet, die sehr undurchsichtige Lieferketten haben oder bei denen klar ist, dass Ausbeutung oder sehr schlechte Arbeitsverhältnisse herrschen, ist das schon ein guter Schritt.

Wie kann man es schaffen, sich ausreichend über ein Thema wie faire Arbeitsbedingungen zu informieren?

Es gibt schon viele Informationen hierzu im Netz. Firmen wissen, dass dies immer wichtiger für Kunden wird und dass sie Informationen liefern müssen, um Transparenz zu schaffen. Trotzdem muss man auf die Suche gehen und das kostet Zeit. Aber das ist Zeit, die wir uns nehmen sollten. Auch wir versuchen, auf unserer Website Informationen dazu zu liefern und Tipps zum nachhaltigen Konsum zu geben.

Wir können nicht immer alle alles sofort ändern, aber wir müssen uns bewusst machen, dass jeder Einzelne etwas zum Problem beiträgt und somit genauso aber auch Teil der Lösung sein kann.

Mein Umfeld ist durchaus gebildet, trotzdem wird Essen weggeworfen, Wasser aus Plastikflaschen getrunken und es gilt als chic, Kaffee im To go-Becher zu trinken. Wie reagiert man darauf, ohne als Moralapostel rüberzukommen?

Es ist immer wichtig, seinen Freunden zu zeigen, wie einfach es ist, eine Veränderung zu machen. Wir können nicht immer alle alles sofort ändern, aber wir müssen uns bewusst machen, dass jeder Einzelne etwas zum Problem beiträgt und somit genauso aber auch Teil der Lösung sein kann. Plastikmüll ist da ein gutes Beispiel. Im Moment wächst das Bewusstsein ganz stark, was wir damit unserem Planeten und unserer Natur antun und es gibt schon ein deutliches Umschwenken im Handeln. Aber wir sind ja alle abgelenkt durch unseren Alltag und jeder hat andere Themen, mit denen er sich beschäftigt, daher ist es wichtig, regelmäßig darüber zu sprechen. Mein Eindruck ist häufig, dass Leute sehr gerne darauf eingehen, wenn man Vorschläge macht, wie man etwas verbessern könnte, weniger Müll zu verursachen oder besser aufzupassen, was man im Supermarkt kauft.

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Was ist deiner Meinung nach die größte Herausforderung der kommenden Jahre?

Das sind auf jeden Fall die Kriege in der Welt. In allen Bereichen, in denen wir arbeiten – Bildung, Gesundheit, Ernährung, Wasser– ist die Versorgung in Krisen- und Kriegsgebieten besonders schwierig. Hinzu kommt, dass Fortschritte, die über Jahre erarbeitet wurden, durch Konflikte oder Naturkatastrophe innerhalb von Tagen zunichte gemacht werden können und ein Land um Jahrzehnte wieder zurückwerfen kann. Auch politisch stehen wir vor einer großen Herausforderung, beispielsweise durch den wiederaufblühenden Nationalismus in einigen europäischen Ländern und den USA. Durch diese nach innen gewandte Politik wird es immer schwieriger, Probleme international und in der Staatengemeinschaft zu lösen.

Was hast du vor deiner Tätigkeit bei Global Citizen gemacht?

Ich habe vorher auch im politischen Kampagnenbereich gearbeitet, unter anderem bei Save the Children zum Thema Mutter‑Kind‑Gesundheit und bei den 2012 Präsidentschaftswahlen in den USA. Außerdem habe ich eine Zeitlang in Tansania gewohnt und bei einer NGO im Bereich Solarenergie gearbeitet.

Wie bist du dann zu Global Citizen gekommen?

Durch meine Arbeit bei Save the Children. Gerade im NGO-Bereich sind viele Leute sehr vernetzt. Bei einer Konferenz habe ich meinen jetzigen Chef kennengelernt und bin so vor drei Jahren zu Global Citizen gekommen.

Warum ist es dir persönlich wichtig,  Gutes zu tun?

Für mich war schon in der Schulzeit klar, dass ich mit meinem Beruf nicht nur für mich selbst etwas schaffen wollte. Ich halte Ungerechtigkeit nur schwer aus und für mich ist es wichtig, etwas dazu beizutragen, dass unsere Welt ein Stück gerechter wird. Mich reizt vor allem die politische Arbeit und der Kampagnenbereich, weil man da sehr große Veränderungen – auch wenn nicht immer alles sofort greifbar ist – gestalten und herbeiführen kann. Mir macht es total viel Spaß und ich sehe es als Privileg, dass ich mich jeden Tag damit beschäftigen darf.

Die Gleichberechtigung von Frauen liegt mir besonders am Herzen. Gerade weil es in dem Bereich noch sehr viel Arbeit zu tun gibt.

Frauenrechte, Umweltschutz, etc. – welches Thema liegt dir persönlich am meisten am Herzen?

Die Gleichberechtigung von Frauen liegt mir besonders am Herzen. Gerade weil es in dem Bereich noch sehr viel Arbeit zu tun gibt. Alleine durch die #metoo-Debatte merkt man, was für ein Bedarf selbst in Deutschland und in Europa bei dem Thema herrscht. Aber in vielen Entwicklungsländern gibt es noch viel größere kulturelle Hürden, die es zu überwinden gilt. Es ist eigentlich immer ganz klar: Wenn Mädchen die Möglichkeit haben, zur Schule zu gehen, wenn Frauen Ausbildungen machen oder studieren können, wenn sie die Möglichkeit haben, einen Beruf auszuüben, dann profitieren auch ihre Familie und die Gesellschaft davon. Wenn wir Frauen fördern, können wir damit am meisten erreichen.

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Der verstorbene Wissenschaftler Hans Rosling hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den Fortschritt zu loben. Tatsächlich haben sich in den vergangenen Jahren viele Dinge verbessert. Zum Beispiel hat sich im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte der Anteil der Menschen, die in extremer Armut leben, nahezu halbiert. Schaut man sich täglich die Nachrichten an, entsteht jedoch ein ganz anderes Bild. Wie erklärst du dir das?

Das liegt daran, wie die Medienwelt heutzutage funktioniert. Schlechte Nachrichten dominieren die Nachrichtenwelt und führen langfristig zu einer Abstumpfung. Es entsteht der Eindruck, dass früher alles besser war. Dabei hatte Hans Rosling recht: Nicht nur wurde die Zahl der in extremer Armut lebenden Menschen seit 1990 halbiert, sondern auch die Kindersterblichkeit wurde um 53% reduziert. Global Citizen versucht, diesem negativen Bild entgegenzuwirken: Auf unserer Plattform berichten wir positive Geschichte und zeigen den Fortschritt, der jeden Tag gemacht wird. Für unsere Arbeit ist es sehr schwierig, dass viele Leute denken, dass kein Fortschritt im Bereich Armutsbekämpfung gemacht wurden, da sie dann auch häufig falsche Schlüsse über die Effektivität von Entwicklungshilfe ziehen. Für uns ist es eine ständige Aufgabe, zu zeigen, dass schon viel erreicht wurde und dass wir deswegen es auch schaffen können Armut ein für alle Mal zu beenden.

Glaubt man Hans Rosling und anderen Wissenschaftlern, geht es der Welt momentan also eigentlich ganz gut. Ist das für dich blinde Ignoranz oder purer Optimismus?

Purer Optimismus! Ich mochte Herr Rosling sehr gerne. Er hatte eine einzigartige Art, Daten und Fakten anschaulich zu vermitteln und  er war ein totaler Optimist. Das muss man auch sein, um in diesem Bereich arbeiten zu können. Es ist eben immer die Frage, ob man sieht, was schon alles erreicht wurde und daraus Hoffnung und die Überzeugung schöpft, dass wenn wir die Armut schon halbiert haben, wir sie auch beenden können – oder, ob man sich auf das Negative konzentriert, auf das, was noch vor uns liegt. Das ist auch für uns immer eine Herausforderung. Gerade im politischen Bereich kann man jahrelang für eine Erhöhung der Entwicklungshilfe kämpfen und auf einmal wird das Geld wieder gestrichen. Dann müssen wir auch unseren Optimismus aufrechterhalten und weiterkämpfen.

Was ist die Alternative? Wollen wir alle den Kopf in den Sand stecken und so tun, als würde es uns nichts angehen? Für mich ist das keine Option.

Wie schafft man es, bei all dem Leid und Unrecht, mit dem man täglich konfrontiert wird, nicht die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu verlieren?

Das Schöne an meiner Arbeit ist, dass ich immer viele Leute treffe, die Veränderungen herbeiführen. Menschen, die genau diesen Optimismus in sich tragen – und dadurch habe ich häufig einen Ausgleich zu dem, was man in den Medien sieht. So sieht man auch die positiven Seiten und kann sich auf das Gute konzentrieren, um den Mut nicht zu verlieren. Die Frage ist auch immer: Was ist die Alternative? Wollen wir alle den Kopf in den Sand stecken und so tun, als würde es uns nichts angehen? Für mich ist das keine Option.

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Was wünschst du dir für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass wir die Präsenz von Global Citizen in Deutschland weiter ausbauen, dass wir noch mehr Leute überzeugen, sich unserer Bewegung anzuschließen und aktiv zu werden, und dass wir auch die Bundesregierung überzeugen können, mehr im Entwicklungshilfebereich zu tun. Wenn alles klappt, hat sich mein Job hoffentlich 2030 erledigt.

Das hoffen wir auch. Lieben Dank für das aufschlussreiche Gespräch!

 

Hier findet ihr Global Citizen:

 

Fotos: Sophia Lukasch

Interview: Lea Braskamp

Layout: Carolina Moscato

 

 

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