Cornelia Weinzierl hat mit „melon“ eine Plattform geschaffen, um veganes Essen zu teilen

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26. April 2021

Menschen über veganes, hausgemachtes Essen miteinander zu verbinden, das ist das Ziel von „melon“. Die digitale Plattform bietet ihrer Community die Möglichkeit, selbstgekochte, vegane Speisen mit Nachbarn, Freund*innen oder Kolleg*innen zu teilen und, im besten Fall, zusammen zu essen. „melon“ möchte so das Bedürfnis nach gutem, gesunden Essen und Geselligkeit gleichermaßen befriedigen. Dahinter steckt die 23-jährige Cornelia Weinzierl, die selbst nicht erwartet hätte, dass sich ihr Start-up so raketenhaft entwickelt. Wir sprechen mit der Gründerin und Geschäftsführerin von „melon“ über ihre Intention und wie es ist, in Zeiten der Pandemie zu gründen.

 

femtastics: „melon“ ist ein digitaler Marktplatz für veganes Essen – wie funktioniert euer Konzept?

Cornelia Weinzierl: Du gehst einfach auf meloncommunity.com, gibst deinen Standort ein, schaust dir die jeweiligen Angebote an und wenn dir ein Essen zusagt, schickst du eine Buchungsanfrage. Wenn du selbst Gastgeber*in werden möchtest, dann postest du dein Angebot und kannst Interessierte entweder bei dir zuhause am Tisch bewirten oder das Essen abholen lassen – momentan gibt es natürlich nur die To-Go-Option.

Der eigentliche Grundgedanke ist aber, dass man zusammen an einem Tisch isst?

Ja, genau. Wir möchten Menschen aus der näheren Umgebung durch gemeinsames Essen zusammenbringen, sodass eine nachbarschaftliche Solidarität oder einfach zwischenmenschliche Abwechslung entstehen kann. Einige unserer Gastgeber*innen, lösen das derzeitige Problem, dass man nicht zusammen am Tisch sitzen kann, per Zoom Call. Die Leute holen das Essen ab, setzen sich an ihren jeweiligen Laptop und essen zusammen.

Neben Cornelia Weinzierl, der Gründerin von „melon“, besteht das Team im Münchner Office aus Federico Bergamo, Nina Nedder und Miriam Kirchner.

Seit wann bietet ihr euren Mitgliedern diese Art des Foodsharings?

„melon“ wurde am 14. Februar 2020 gegründet, an die Öffentlichkeit sind wir damit ein halbes Jahr später gegangen, also am 14. September 2020. Wir sind wirklich von Anfang an mit Corona-bedingten Hindernissen und Hürden konfrontiert gewesen.

War das ein Nachteil für euch?

Das haben wir uns natürlich auch gefragt, weil es bei unserem Konzept schließlich um Gemeinschaft geht, und da ist es schon ein bisschen ironisch, genau in dieser Pandemie eine solche Plattform zu gründen. Wir haben uns aber letztlich dafür entschieden, das genau jetzt der richtige Zeitpunkt ist. Jetzt kann man Bewusstsein schaffen, alte Gewohnheiten aufzubrechen, neue Konzepte und Rezepte auszuprobieren. Mit der To-Go-Option kann man sich auch in diesen Zeiten gegenseitig unterstützen und zeigen, dass Abstand Halten nicht unbedingt Distanz bedeuten muss. Das war unser Kerngedanke hinter dem Entschluss, nicht länger zu warten. Und die Resonanz unserer Mitglieder zeigt uns, dass es die richtige Entscheidung war. Die sind nämlich total dankbar, dass wir gerade jetzt da sind.

Seit der achten Klasse hat mich die Idee, etwas in der Welt bewirken zu wollen, nicht mehr losgelassen.

Wann war dir klar, dass du gründen möchtest?

Eigentlich seit der achten Klasse. Wir mussten damals ein Herbstgedicht schreiben, das wir schließlich den Eltern und Lehrer*innen vorgestellt haben. Ich wollte nicht einfach ein Gedicht über den Herbst oder bunte Blätter schreiben, und habe stattdessen über Tierversuche geschrieben. Niemand hatte mit so etwas gerechnet und es herrschte erstmal totale Stille. Da ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, dass man als Einzelperson etwas bewegen, dass man andere zum Nachdenken animieren kann. Und seitdem hat mich die Idee, etwas in der Welt bewirken zu wollen, nicht mehr losgelassen. Ich habe schon damals Systeme hinterfragt – seien es Lebenssysteme, Arbeitssysteme, alles, was mir ungerecht oder verbesserungswürdig erschien.

Cornelia im Münchner Büro von „melon“.

Und diese Idee hast du seitdem kontinuierlich weiter verfolgt?

Nach dem Abitur habe ich eine längere Backpack-Reise durch Amerika gemacht und habe viel nachgedacht. Nach meiner Rückkehr habe ich angefangen, Technology & Management zu studieren, immer mit dem Hintergedanken, gründen zu wollen, systemisch etwas zu verändern. Da ich mich zu diesem Zeitpunkt schon vegan ernährt habe, war recht schnell klar, dass ich mir diese Tatsache irgendwie zu Nutzen machen wollte.

Ich studiere immer noch. „melon“ sollte eigentlich erstmal nebenher laufen, aber glücklicherweise ist es so schnell gewachsen, dass daraus bald mehr als ein Vollzeitjob wurde. Darum findet das Studium mittlerweile eher abends und am Wochenende statt.

„melon“ sollte eigentlich erstmal nebenher laufen, aber glücklicherweise ist es so schnell gewachsen, dass daraus bald mehr als ein Vollzeitjob wurde.

Wie kamst du auf die Idee, eine Plattform für veganes Essen zu schaffen?

Ich habe sehr oft die Erfahrung gemacht, wenn ich auf Partys veganes Essen mitgebracht habe, dass das immer am schnellsten aufgegessen wurde. Jede*r wollte es mal ausprobieren, und dabei haben die meisten gemerkt, wie gut veganes Essen tut und schmeckt. Oft habe ich gehört: „Ich würde ja auch gern vegan leben, aber ich habe nicht so viel Zeit, das ist alles so kompliziert, man will sich auch nicht durch 1.000 Blogartikel wälzen, und ist das überhaupt gesund, kann man irgendwas falsch machen?“.

Das sind natürlich legitime Fragen, die sich jede*r anfangs stellt, und es hat mir gezeigt, dass anscheinend immer noch eine relativ hohe Hemmschwelle besteht, was veganes Essen angeht. So entstand die Idee, Menschen, die sich für vegane Ernährung interessieren, sich aber nicht recht herantrauen, mit Leuten zu verbinden, die sich sowieso tagtäglich mit veganer Ernährung auseinandersetzen. Hinzu kommt der Aspekt, dass es einfach schön ist, sich zu treffen, um das Ritual von Essen miteinander zu teilen und dies möglichst leicht in unseren stressigen Alltag integrierbar zu machen.

Außerdem geht es auch darum, in einer Welt, in der immer mehr Menschen ernährt werden müssen, das Thema Ernährung grundsätzlich zu hinterfragen, gerade in Bezug auf Herstellung und Verbreitung. Vegane Ernährung scheint mir im Moment die Art und Weise zu sein, um klimatechnisch, gesundheitlich und ethisch am effizientesten zu sein.

Wie lief die Umsetzung deiner Idee ab?

Wir waren sehr schnell sehr agil, ich glaube, das ist das A und O bei einem Start-up. Zunächst haben wir geprüft, ob überhaupt Interesse an solch einer Plattform besteht. Wir haben wahnsinnig viele Gespräche geführt und haben uns das Nutzerverhalten angeschaut. Schließlich haben wir „melon“ innerhalb von sechs Monaten sukzessive aufgebaut und tun das immer noch. Es gibt immer wieder neue Features und wir stehen täglich in Kontakt mit unserer Community, um auf dem Laufenden zu bleiben, was unsere Mitglieder sich wünschen.

Hattest du schnell Unterstützung?

Ich hatte das große Glück, von Anfang an nie alleine mit meinem Projekt zu sein. Ich hatte quasi von Day One an mit Stefan Höglmaier, den ich auf einer Veranstaltung in Berlin kennengelernt habe, einen Investor und gleich noch einen Designer mit an Bord. Das hat das Ganze natürlich vereinfacht.

Vegane Ernährung scheint mir im Moment die Art und Weise zu sein, um klimatechnisch, gesundheitlich und ethisch am effizientesten zu sein.

Was steckt hinter dem Namen „melon“?

Mit „melon“, der Wassermelone, verbinden wir eine gute Zeit, Spaß und Leichtigkeit. Die Wassermelone ist zudem vegan, man teilt sie und isst sie oft in Gesellschaft. Die Melone verkörpert sozusagen genau unsere Werte. Wir wollen den Menschen Veganismus spielerisch und leicht näher bringen. Wir sind nicht „der Veganismus“ oder „die vegane Bewegung“, sondern die Nachbarn, die Kolleg*innen, die neue Bekanntschaft, die Freund*innen, etc..

Worauf muss man achten, wenn man Gastgeber bei „melon“ werden möchte, gibt es bestimmte Regeln?

Prinzipiell kann jede*r mitmachen – du postest dafür einfach dein Angebot. Natürlich funktioniert ein schön gestalteter Content besser und es ist von Vorteil, wenn man sich an Essenszeiten orientiert. Und die Qualität muss stimmen, welche wir durch den Einsatz von Tester*innen zu garantieren versuchen. Ansonsten gibt es keinerlei Hürden.

Heißt das, wenn sich ein neues Mitglied bei euch anmeldet, schickt ihr jemanden hin, die oder der das Essen erstmal testet?

Nein, das nicht, das läuft stichprobenartig. Außerdem sind wir immer in engem Austausch mit unserer Community und fragen nach, ob alles okay ist. Wir sind diesbezüglich immer ansprechbar.

Lässt sich euer Konzept in Corona-Zeiten, speziell aus hygienischer Sicht, gut umsetzen?

Wenn man sich registriert, verpflichtet man sich gleichzeitig, unsere Community-Standards einzuhalten, und diese beinhalten alle Pandemie-bedingten Sicherheitsmaßnahmen. Es gibt einen sehr umfangreichen Bereich auf unserer Website, wo man sich genau informieren kann. Wir tauschen uns regelmäßig mit unseren Gastgeber*innen über bestehende Hygienemaßnahmen aus und testen diese stichprobenartig. Außerdem haben wir Bewertungssysteme und ein Reporting-System, mit dem man sich gegenseitig gegebenenfalls melden kann, falls etwas nicht wie gewünscht läuft.

Könnt ihr immer genau nachvollziehen, wer, wo, wann gekocht, bzw. wer sich Essen geholt hat?

Wir nutzen diesbezüglich wirklich alles, was derzeit Standard ist, unter anderem „Know your customer“-Services. Das war der erste Aspekt, den wir angegangen sind, eben weil es gerade jetzt so wahnsinnig wichtig ist.

Wer sind eure Nutzer*innen?

Die Hauptzielgruppe sind eher junge Leute, die einfach Verschiedenes ausprobieren und pflanzliche Ernährung kennenlernen wollen. Allerdings haben wir festgestellt, dass unsere Mitglieder altersmäßig doch recht breit gefächert sind, das geht von 18 bis 65 Jahren, was natürlich ganz toll ist. Was die Geschlechter betrifft, sind wir auch sehr ausgewogen. Wir haben ca. 48% männliche und 52% weibliche Mitglieder. Das macht mich richtig happy und stolz, weil es uns auch darum geht, Stereotype abzubauen.

Bietest du selbst auch Essen bei „melon“an?

Ja, natürlich. In letzter Zeit leider nicht so oft, aber anfangs habe ich immer donnerstags Essen angeboten. In letzter Zeit habe ich dafür sehr, sehr oft Essen abgeholt. Es gibt gerade so viel Angebote, denen ich erstmal die Bühne lassen möchte, irgendwann in nächster Zeit werde ich mich wieder einklinken.

Wie errechnen sich die Preise für die Gerichte?

Wir geben Preisempfehlungen, z.B. Süßes sollte zwischen 3 und 5 Euro kosten, ein Hauptgericht zwischen 5 und 10 Euro.

Und wie wird bezahlt?

Man sendet eine Buchungsanfrage und wenn diese bestätigt wird, bezahlt man mit Kreditkarte. Wir wollten vermeiden, dass die Leute nach einem schönen Abend den Geldbeutel zücken müssen und abgerechnet wird – das ist so ein unschöner Gedanke.

Wie verdient ihr an eurem Projekt, wie finanziert ihr euch?

Wir finanzieren uns durch Servicegebühren, die der Gast bei der Buchung anteilig zahlt. Es gibt bei „melon“ keine Mitgliedsbeiträge.

Würdest du sagen, München ist ein gutes Pflaster für euer Projekt?

Diese Frage haben wir uns auch schon gestellt. München ist eine Stadt, die sehr privat ist, im Gegensatz zu Berlin beispielsweise, wo alles offener ist, aber wir haben bemerkt, dass die Leute hier sehr dankbar und froh über dieses Angebot sind, dass sie sich hier austoben, sich ausprobieren, sich gegenseitig inspirieren können. Ich denke, jede Stadt hat ihre Challenges, aber München ist durchaus ein toller Ort für dieses Konzept, weil es hier so einen Hunger auf Kultur, Neues zu erleben und auf das sich Miteinander-Verbinden gibt. Wir sind inzwischen allerdings auch überregional in Berlin, Hamburg, Frankfurt, Nürnberg, Würzburg und Stuttgart vertreten. „melon“ hat inzwischen eine richtige Eigendynamik entwickelt.

Wir sind inzwischen auch überregional in Berlin, Hamburg, Frankfurt, Nürnberg, Würzburg und Stuttgart vertreten. „melon“ hat inzwischen eine richtige Eigendynamik entwickelt.

Eure Idee hat sich selbstständig in anderen Städte verbreitet?

Aktiv versuchen wir gerade in Berlin und Hamburg Fuß zu fassen, aber in anderen Städten, wie Nürnberg, Frankfurt oder Würzburg, ist das von selbst durch Social Media oder Freunde, durch Hören und Sagen passiert. Die Leute bekommen mit, dass es dieses Konzept gibt und bauen sich ihre eigene kleine Community auf.

Was sind die Pläne für die nächsten Jahre, wie soll es weitergehen?

Der Plan für 2021 ist in München, Berlin und Hamburg ein flächendeckendes Angebot zu schaffen. Für 2022 haben wir geplant, uns in den 20 größten Städten Deutschlands zu etablieren. Über die nächsten fünf Jahre gesehen haben wir uns vorgenommen, zusätzlich in Österreich, Dänemark und den Niederlanden vertreten zu sein, weil wir aus diesen Ländern extrem viele Anfragen bekommen. Deswegen wollen wir mit der Expansion auch nicht so lange warten. So zumindest das ambitionierte Ziel.

Vielen Dank für den interessanten Einblick!

Hier findet ihr „melon“:

   

 

1 Kommentar

  • Viola Marko-Valjent sagt:

    tolle idee, toller artikel – herzlichen dank!
    düsseldorf (meine heimat) + köln (mag ich sehr) sind/wären bestimmt gute adressen 😉
    herzliche grüße, viola

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