Zwischen Freiheitsgefühl, Geschlechterklischees und Beziehungsprobe – Merle Genc und Felix Schlotter über den Ausbau und das Leben auf ihrem Hausboot

Fotos: 
15. November 2021

Eigentlich hatten weder Merle Genc (31) noch Felix Schlotter (34) je den Traum, auf einem Hausboot zu leben. Es war eine Verkettung verschiedener Umstände, die dazu führten, dass das Paar vor etwa zwei Jahren zusammen mit seinen beiden Katzen unter die Hausboot-Besitzer*innen gegangen ist. „Poffertje“ haben sie ihr feuerrot leuchtendes Tiny-House-Boot getauft, in Anlehnung an das Gebäck aus den Niederlanden, wo das beinahe hundert Jahre alte Boot herstammt. Noch ist der Spandauer Hafen ihr Zuhause, doch der Plan ist, in naher Zukunft den Anker zu lichten und loszufahren – raus in die Ferne. Dass so ein Leben auf dem Wasser ziemlich reizvoll sein kann, durften wir bei einem Ausflug auf der Spandauer Havel erahnen, zu dem uns Merle und Felix mitgenommen haben. Bei strahlendem Sonnenschein und herbstlicher Kälte sprechen wir mit den beiden über ihr Leben auf ihrem Floating Home und über Selbstzweifel, Beziehungskrisen und Geschlechterklischees.

Katze „Frau Schnuck“ war beim Shooting dabei und posiert für unsere Fotos. Katze Mathilda ist bei unserem Ausflug im Hafen geblieben.
Ahoi! Wir besuchen Merle und Felix auf ihrem Hausboot „Poffertje“ und machen mit ihnen einen Ausflug auf der Spandauer Havel.

femtastics: Merle, Felix, erzählt uns doch mal wie alles anfing: Wie kamt ihr auf die Idee, auf ein Hausboot zu ziehen und was waren die ersten Schritte?

Merle Genc: Es begann alles auf einem Schlauchboot unter der Oberbaumbrücke. Wir hatten einen Platten und da kam ein Pärchen mit seinem kleinen Boot vorbei und hat uns abgeschleppt. Die Frau war am Steuer und ich fand das so toll, dass ich mir dachte: „Ich will auch so cool sein!“. Da kam zum ersten Mal der Gedanke auf, dass wir uns ein Hausboot kaufen könnten. Irgendwann haben wir beschlossen, es einfach zu machen. Wir haben einen Liegeplatz gesucht, was in Berlin super schwierig ist. Nachdem wir diesen gefunden haben, brauchten wir ein Boot. 


Felix Schlotter: Wir haben uns erstmal ein kleines Boot geholt, damit geübt und einen Bootsführerschein gemacht.

Die „Poffertje“ ist dreizehn Meter lang und drei Meter breit, die Innenraumfläche beträgt rund 22 Quadratmeter.

Als wir das Boot gekauft haben, gab es hier gar nichts – kein Badezimmer, keine Küche, nur Sperrmüll und Styropor.

Und dann habt ihr die „Poffertje“ gekauft?

Merle: Zuerst haben wir noch ein anderes Boot gekauft, am Bodensee. Das ist allerdings vom Kran gefallen und in der Mitte durchgebrochen.


Ups …


Felix: Wir bekamen morgens einen Anruf und es hieß: Totalschaden.


Merle: Dabei war das Boot so besonders. Ein Hausboot aus den Siebzigern, in das ich mich total verliebt hatte.


Felix: Eigentlich sah es aus wie ein riesiges Tretboot. Im Nachhinein fahren wir mit unserem aktuellen Boot ganz gut. Im Gegensatz zu dem anderen war hier schon ein Motor drin. Auch wenn das das Einzige war. Ansonsten gab es hier gar nichts – kein Badezimmer, keine Küche, nur Sperrmüll und Styropor.

Seit zwei Jahren leben Merle und Felix auf der „Poffertje“ in Berlin. Merle studiert Zukunftsforschung und Felix macht aktuell eine Ausbildung zum Mechatroniker bei der BVG.

Womit habt ihr angefangen?

Merle: Ich habe versucht, das Ganze am Computer in 3D nachzubauen …


Felix: Stimmt! Wir sind mit aufwendiger Vermessungstechnik angereist, heißt, mit einem Lasermessgerät. (lacht) Nach zwei Minuten haben wir festgestellt, dass das nichts wird, weil alles schief war und haben den Zollstock rausgeholt. Wir wollten zumindest so tun, als ob wir irgendwas messen würden, damit der Verkäufer denkt, wir wüssten, was wir tun.

Das war aber nicht der Fall? Oder hattet ihr irgendwelche handwerklichen Vorerfahrungen?

Felix: Also wir konnten das Internet gut bedienen, haben schonmal eine Säge benutzt und den Akkuschrauber haben wir zusammen mit dem Boot bekommen. Nein, im Ernst: Merle ist Industriedesignerin und hat dadurch zumindest planungstechnisch ein gewisses Wissen.


Merle: Wir hatten an der Kunsthochschule verschiedene Werkstätten, dadurch habe ich viele Sachen schon mal gesehen und weiß, dass sie theoretisch gehen. Das ist schon ein großer Vorteil, denn dann weiß man, wonach man suchen muss.

Du bist hauptberuflich Schienenfahrzeugdesignerin. Was beinhaltet deine Arbeit und konntest du beim Ausbau des Bootes von deinem Wissen profitieren?

Merle: Ich arbeite in einem Büro, das größtenteils Schienenfahrzeuge gestaltet. Das ist eine ziemliche Nische. Wir gestalten Personenfahrzeuge, beispielsweise haben wir die neueste Berliner U-Bahn gemacht und auch die S-Bahn, diese aber nur von außen. Wir arbeiten auch weltweit, zum Beispiel haben wir die neue Tram für Tel Aviv gestaltet – da sind insgesamt schon ein paar coole Projekte dabei. Und dadurch hatte ich zumindest das Gefühl: lange schmale Räume – das kann ich. (lacht)

Hattet ihr beim Ausbau des Bootes Unterstützung?

Merle: Wir haben fast alles allein gemacht. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass wir oft gar nicht in der Lage waren uns helfen zu lassen. Wenn man selbst noch nicht so genau weiß, wie die Dinge funktionieren, ist es schwer Leuten Anweisungen zu geben. Da probiert man einfach selber aus. Es gab ein paar Sachen, zum Beispiel beim Fensterbauen und Lackieren, wo wir uns gut helfen lassen konnten. Das Problem ist: Wenn alles genauso werden soll wie man es sich vorstellt, denkt man, man kann es selbst am besten – aber am Ende wird es meist dennoch nicht perfekt.

Das Interview mit Merle und Felix führt femtastics-Autorin Edyta Dombrowski (links).

Merle, du schreibst auf eurem Instagram Kanal, dass du das Projekt maßlos unterschätzt hast. Was waren die größten Hindernisse und inwiefern hast du dir das Ganze anders vorgestellt?

Merle: Es gab viele Dinge – zum Beispiel das Bad. Ich dachte vorher: Wie schwer kann das schon sein? Man baut den Rahmen, streicht diesen, verlegt die Fliesen und hat ein Bad. Aber in Wirklichkeit braucht man fünf verschiedene Dichtfarben, damit der Boden wirklich dicht ist. Ich habe auch richtig lange gebraucht unseren Duschablauf einzubauen. Selbst Streichen bedeutet nicht nur Streichen. Erst müssen die Wände geschliffen und manche Stellen gespachtelt werden. Einmal Streichen reicht auch nicht und so hat man schon eine Woche mit Streichen verbracht. So war es mit ganz vielen Dingen. Alles dauert immer länger als man vorher denkt. Vor einem Monat war die Decke noch holzfarben …


Felix: … und eure Füße könnten den Boden nicht berühren, weil die Sitzgarnitur noch höher war. Die haben wir kürzlich erst runtergesetzt.


Merle: Es gibt aber auch Erfolgserlebnisse! Ich habe neulich unseren Boden verlegt. Die Korkplatten hatten wir eigentlich schon ganz am Anfang gekauft und es hat bis jetzt gedauert, bis wir sie verlegt haben. Das war richtig erleichternd.

Wir zahlen 250 Euro im Monat für den Liegeplatz. Kostspielig ist eher das Heizen im Winter.

Habt ihr zwischenzeitlich nie daran gedacht, euch professionelle Hilfe zu holen?

Das wäre für uns finanziell gar nicht drin gewesen. Wobei das Selbermachen manchmal auch ganz schön teuer ist.

Habt ihr euch bewusst aus Kostengründen für ein renovierungsbedürftiges Boot entschieden?

Auf jeden Fall. Eigentlich war der Plan, ein Boot komplett selber zu bauen. Mittlerweile glaube ich auch, dass das weniger Arbeit gewesen wäre, weil man eckig gebaut hätte. Dadurch, dass dieses Boot so alt ist, hast du ständig überall Beulen und es ist alles schief, sodass immer alles angepasst werden muss, was besonders aufwendig ist.

Wie hoch sind die Lebenshaltungskosten auf einem Hausboot?

Wir zahlen 250 Euro im Monat für den Liegeplatz, das ist für Berliner Verhältnisse eigentlich ganz gut. Kostspielig ist eher das Heizen im Winter. Da wir den Strom in unserem Hafen nicht nutzen dürfen, heizen wir mit Diesel. Das kostet im schlimmsten Fall 75 Cent die Stunde. Wir haben seit ein paar Monaten Solarpanele auf dem Dach, sodass wir uns zumindest im Sommer gut versorgen können. Es fallen aber immer zusätzliche Kosten an, weil die Dinge regelmäßig neu in Stand gesetzt werden müssen. Daher legen wir uns immer etwas zur Seite, um einen Puffer zu haben.

Was war euch beim Interior Design des Tiny-Bootes wichtig und wo habt ihr euch Inspiration geholt?

Merle: Ich habe Instagram hoch und runter durchgeguckt und wir sind viel mit anderen Leuten im Austausch. Vieles hat das Boot vorgegeben, beispielsweise das Schlafzimmer oder der Platz für den Ofen. Zudem wollten wir den Charakter des Bootes erhalten. Das ist schon 98 Jahre alt! Das war eine Linie, an der entlang wir uns orientiert haben. Die andere war Felix‘ Größe. Wir wollten etwas hinbekommen, das zwischen modern und dem verbeulten, schiefen Charakter des Bootes liegt. Natürlich wollten wir den Raum optisch auch möglichst groß gestalten.

Das Tolle am Leben auf dem Boot: Man sammelt keine Sachen mehr an, die man eigentlich nicht braucht.

Merle, du hast einmal geschrieben, dass es deiner Meinung nach gar nicht so gut ist, sich zu viel von Pinterest, Instagram und Co. inspirieren zu lassen …

Merle: Letztlich kannst du einen kleinen Raum nicht nach einem Bild gestalten. Ein größerer Raum verzeiht viel mehr als ein kleiner. Je kleiner der Raum wird, desto besser muss er auf dich und deine Bewegungsmuster in dem Raum angepasst werden. Es kann sein, dass etwas bei Pinterest super aussieht, aber im Raum gar nicht funktioniert. Man muss sich einfach klar machen, was die Prioritäten sind. Für uns war vor allem relevant, dass Felix richtig stehen können muss. Wichtig ist aber auch zu schauen, wie man sich im Raum bewegt und dass jeder auch trotz wenig Platz seinen Rückzugsraum hat.

Musstet ihr euren Besitz vor dem Umzug aufs Boot reduzieren?

Merle: Da wir beide vorher in WGs gewohnt haben und nicht so viele Sachen hatten, ging das eigentlich. Ich mag es, nicht so viel Kram zu besitzen. Der Vorteil ist: Die Sachen, die du hast, hast du aus einem bestimmten Grund. Man sammelt keine Sachen mehr an, die man eigentlich gar nicht braucht.

Gibt es Momente, an denen ihr euch mehr Platz wünscht?

Felix: Eigentlich nicht. Manchmal steht hier und da ein bisschen viel rum und die Küchenzeile ist etwas klein aber ansonsten, nö. Der einzige Ort, an dem ich mich manchmal eingeengt fühle, ist das Bett. Ich kann nur in eine Richtung schlafen, weil ich sonst meine Beine nicht ausstrecken kann, da würde ich einen Teil gern noch verlängern. Ich bin aber auch ein Mensch, der nicht so viel Raum braucht. Ich bin in meiner alten WG sogar aus einem größeren in ein kleineres Zimmer gezogen. Mittlerweile frage ich mich eher, wofür man eigentlich so viel Raum braucht.

Habt ihr vorher eigentlich schon mal längere Zeit auf einem Boot verbracht – es hätte ja sein können, dass es euch gar nicht gefällt oder ihr seekrank werdet?

Felix: Bevor wir das Boot gekauft haben, hatte uns meine Mutter mit diesem Gedanken einen Ausflug samt Übernachtung auf einem Hausboot geschenkt – das haben wir bis heute nicht eingelöst. (lacht) Kurz danach hatten wir schon das Boot und dann ging es los. Eigentlich gibt es hier nicht so viel Bewegung im Hafen, wenn es keinen Verkehr gibt.

So sah der Rumpf der „Poffertje“ beim Kauf aus.

Hattet ihr schon vor dem Hausboot den Wunsch, ein unkonventionelleres Lebenskonzept auszuprobieren und was hat euer Umfeld dazu gesagt?

Merle: Ich habe mir vorher nicht so viele Gedanken darüber gemacht. Aber als ich drei Jahre vorher angefangen habe zu arbeiten, habe ich festgestellt, dass dieses „Nine to Five“-Konzept für mich ziemlich langweilig ist. Ich hatte das Bedürfnis nach einem Projekt, mit dem ich etwas verbinde. Die meisten Leute aus unserem Freundes- und Familienkreis haben sich gefreut. Viele haben es für eine Schnapsidee gehalten und nicht daran geglaubt, dass wir das wirklich umsetzen.

Wir wären halb so weit wie wir jetzt sind, wenn immer alles hätte perfekt sein müssen.

Ihr habt auf eurem Instagramkanal geschrieben, dass man bei solch einem Projekt viel über sich selbst lernt, zum Beispiel was die Frustrationsgrenze angeht. Welche Learnings habt ihr bisher noch mitnehmen können?

Merle: Mir fällt es sehr schwer auf Dinge zu warten und ich kann schlecht Pause machen. Beides sind aber sehr wichtige Fähigkeiten, um so etwas wie das Hausbootprojekt umzusetzen, weil man sich sonst total verausgabt. Deshalb muss man es irgendwie hinkriegen auch mal zu sagen: „Stopp, ich brauche einen Break!“ – aber das fällt mir unglaublich schwer. Ich war immer sehr perfektionistisch. Aber mit der Zeit habe ich erkannt, dass sich das nicht durchhalten lässt. Wir wären halb so weit wie wir jetzt sind, wenn immer alles hätte perfekt sein müssen. Manche Sachen machen wir einfach und sehen dann erst, ob sie für den Raum funktionieren oder nicht und verändern sie später noch. Dadurch, dass der Raum so klein ist, muss einfach alles funktionieren.

Mittlerweile fällt es mir leichter Leute hierhin einzuladen und ihnen alles zu zeigen, ohne Angst zu haben, dass sie nur die Fehler sehen.


Felix: Gerade am Anfang hatten wir beide Selbstzweifel und dachten, wir müssten uns vor den anderen Bootsbesitzer*innen beweisen, die alle schon erfahrener und ein Stück weit älter sind. Das abzulegen, haben wir mit der Zeit gelernt. Merle ist es wesentlich leichter gefallen, einfach zu machen und zu schauen, was dabei herauskommt, während ich immer tausend Jahre damit beschäftigt bin, nach der perfekten Lösung zu suchen. Ich habe da schon einen hohen Anspruch an mich selbst. Mittlerweile fällt es mir leichter Leute hierhin einzuladen und ihnen alles zu zeigen, ohne Angst zu haben, dass sie nur die Fehler sehen.


Dadurch, dass wir alles hier selbst gebaut haben, alles auf unseren Entscheidungen basiert, hinterfragen wir immer wieder, ob wir wirklich hinter all dem stehen und die besten Entscheidungen getroffen haben.

Wenn man auf so kleinem Raum zusammenwohnt, lernt man sich nochmal ganz anders kennen.


Zwischenmenschlich haben wir auch Vieles gelernt. Wir waren vorher zweieinhalb Jahre zusammen. Es hat alles super funktioniert aber ich wir haben nicht zusammengelebt. Wenn man auf so kleinem Raum zusammenwohnt, lernt man sich nochmal ganz anders kennen. Ich bin ein sehr langsamer Typ, während bei Merle immer alles zack zack gehen muss – das hat zu Problemen geführt. Da einen Weg zu finden, um zusammen zu funktionieren hat zwar zu viel Streit geführt, uns aber am Ende bereichert und als Paar bestärkt. Ein bisschen ist so ein Boot wie ein kleines Kind: Es schweißt zusammen. Ob wir uns nochmal dafür entscheiden würden zusammen zu arbeiten – ich weiß es nicht.


Merle: Für unsere Beziehung war die Zeit ganz schön anstrengend. Wir haben vorher einmal zusammen ein Regal aufgebaut und danach drei Tage nicht miteinander geredet. Auf so engem Raum ist das Zusammenleben nochmal anders.


Die meisten Leute, die selbst Boote gebaut haben und mit denen wir gesprochen haben, hätten es sich fünfmal überlegt, wenn sie gewusst hätten, was auf sie zukommt. Andererseits ist es total toll. Es ist einfach eine so andere Art zu leben. Im Sommerurlaub sind wir gemeinsam mit einem anderen Boot rausgefahren. Eigentlich wollten wir an die Müritz, sind aber nur bis nach Fürstenberg gekommen. Es gefällt uns einfach, die Gegend zu erkunden und vom Boot aus sieht man alles nochmal aus einer anderen Perspektive. Wenn du morgens aufwachst und auf dem Wasser bist, hat das so eine beruhigende Wirkung und macht einfach glücklich. Ich glaube, es gab noch nie jemanden, der mit uns rausgefahren ist und es nicht genossen hat.


Felix: Wenn du das Boot auf dem Wasser siehst und weißt, es ist deins – das ist einfach geil. Du weißt, du hast da diese kleine Kapsel, in der du alles hast, was du brauchst. Du kannst dich ins Bett legen, dein Handy aufladen, während draußen das Wasser vor sich hinplätschert, das ist schon schön. Das große Abenteuer kommt dann vielleicht noch.

Mittlerweile habe ich das Bedürfnis, Klischees aufzulösen und beispielsweise aufzuzeigen, dass Frauen auf dem Boot genauso viel machen können wie Männer.

Plant ihr mal eine längere Tour zu machen?

Felix: Unser Plan ist es, spätestens wenn ich mit meiner Ausbildung zum Mechatroniker fertig bin, den Anker zu lichten und loszufahren. Die Ausbildung habe ich mit der Perspektive begonnen, Arbeit und das Leben auf dem Boot miteinander verbinden zu können. Auf dem Wasser liegt viel Geld aber es gibt viele Menschen, die kein Verständnis für das Handwerkliche haben. Wir wollen einfach sehen, wo es uns hintreibt. Merle würde mit dem Boot gerne nach Russland fahren, vielleicht wird es aber auch Spanien, das wissen wir noch nicht so ganz.


Merle: Tatsächlich haben wir sogar schon überlegt über den Ärmelkanal zu fahren, denn in England gibt es eine total große Boot-Community, das wäre cool.

Meint ihr, ihr wärt das Hausbootprojekt auch unabhängig voneinander allein angegangen?

Felix: Ich glaube nein. Ich hätte niemals den Mumm gehabt, das allein anzugehen und hätte auch gar nicht gewusst, wo ich hätte anfangen müssen.


Merle: Ich glaube auch nicht, dass man das alleine so gut machen kann. Natürlich hätte man es wahrscheinlich am Ende irgendwie hinbekommen, aber es ist ja viel schöner, so etwas zu zweit zu machen. Man streitet zwar die ganze Zeit, aber die gemeinsame Freude ist dafür umso schöner.


Felix: Man bestärkt sich ja auch und gibt sich gegenseitig Sicherheit. Allein beim Bootskauf hat es eine ganz andere Wirkung, wenn man als Paar auftritt als allein.

Wenn Felix fährt, ist das ganz normal. Wenn ich fahre, kriege ich Komplimente, obwohl wir den Führerschein gleichzeitig gemacht haben.

Apropos Wirkung: Fallt ihr unter den anderen Hausbootbesitzer*innen auf oder wie muss man sich eure Nachbarschaft vorstellen? Was für ein Schlag Mensch trifft sich hier?

Merle: Es sind schon sehr viele unterschiedliche Charaktere in unserem Minihafen und man merkt, dass es starke Differenzen in Ansichten und Lebensweisen gibt. In unserem Hafen sind die Lebenswelten sehr unterschiedlich aber wir haben andere Bootsleute kennengelernt, beispielsweise ein anderes Pärchen aus Potsdam, mit denen wir uns auf dem Wasser treffen. Das ist dann richtig cool, weil man sein Haus einfach frei bewegen und sich mit einem anderen Haus treffen kann. In der Community gibt es einen regen Austausch, was ich cool finde.

Du erwähnst auch, dass du des Öfteren mit Sexismus, Vorurteilen und Klischees konfrontiert wurdest – welche Situationen sind das und wie gehst du damit um?

Merle: Ganz klassisch fängt es damit an, dass, wenn wir irgendwo hinkommen, Felix nach „seinem Boot“ gefragt wird. Wenn Felix fährt, ist das ganz normal. Wenn ich fahre, kriege ich Komplimente, obwohl wir den Führerschein gleichzeitig gemacht haben. Auch beim Rudern kommen immer irgendwelche Kommentare. Manchmal sage ich was dazu, aber bei Vielen hilft das gar nicht. Bei uns im Hafen mache ich den Unterschied einfach mit dem, was ich tue. Die Leute sehen, dass ich selbst anpacke und ich habe das Gefühl, dass sich dadurch bei den anderen Frauen auch schon etwas verändert hat. Das ist natürlich nur mein Eindruck, aber mittlerweile sehe ich mehr Frauen, die sich mehr zutrauen, beispielsweise allein rausfahren, was vorher nicht so war.

Beim Lesen deiner Posts erhält man schnell den Eindruck, dass du einen durchaus kritischen Blick auf Social Media und die Inszenierung auf Instagram und Co. hast. Was ist es, was dich dennoch dranbleiben lässt, was möchtest du auf eurem Kanal transportieren?

Merle: Ich stehe dem Format an sich gar nicht so skeptisch gegenüber, sondern eher der Tatsache, dass immer nur die schönen Seiten dargestellt werden. Natürlich wollen wir auch die schönen Sachen teilen, aber ich versuche auch zu zeigen, dass vieles manchmal scheiße ist. Damit will ich diejenigen bestärken, die auch sowas machen und vermutlich frustriert sind, wenn sie auf Social Media immer nur sehen, dass bei allen anderen alles perfekt läuft. Was gewinnen wir als Menschen denn dadurch, wenn wir immer nur versuchen, uns von der besten Seite darzustellen? Am Anfang habe ich das ganze Projekt eher nur für mich dokumentiert, um die Entwicklung festzuhalten. Mittlerweile habe ich das Bedürfnis, Klischees aufzulösen und beispielsweise aufzuzeigen, dass Frauen auf dem Boot genauso viel machen können wie Männer.

Habt ihr Tipps für Leute, die auch von einem Leben auf dem Hausboot träumen?

Beide: Nicht so viel darüber nachdenken und einfach machen!

Danke, dass ihr uns so ehrliche Einblicke in euer Hausbootleben gegeben und uns an diesem wunderbaren Nachmittag auf eurer Poffertje mitgenommen habt! Der Besuch bei euch hat mal wieder verdeutlicht: Manchmal muss man einfach machen, denn meistens laden genau diese Entscheidungen dazu ein, über sich hinauszuwachsen und auf dem Weg zum Ziel ganz schön viel mitzunehmen. Wir wünschen euch alles Gute für eure weitere Reise.


Hier findet ihr Merle, Felix und die Poffertje:

 


Layout: Kaja Paradiek

1 Kommentar

  • Darleen sagt:

    Ich bin absolut verrückt nach euren Hausboot-Storys! Dank euren Beiträgen finde ich zu inspirierenden Leuten, die meinen Traum schon Realität werden liessen. Vielen Dank!

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