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Agentur-Inhaberin, Psychologiestudentin & Mama – Sabrina Graßhoff-Stitz

Von: 
17. Juni 2016

Sabrina Graßhoff-Stitz arbeitet nach dem Abi als Hostess und will nur etwas Zeit überbrücken, bis sie ihren Studienplatz bekommt. Aber aus dem Nebenjob wird im Handumdrehen ein Fulltime-Job: Mit 23 Jahren wird sie Geschäftsführerin einer Hostessen-Agentur, mit 27 Jahren gründet sie schließlich ihre erste eigene Agentur, Simply Fine. Sie vermittelt Hostessen mit Köpfchen für Veranstaltungen mit Glanz und Glamour sowie für hunderte TV-Produktionen. Das Studium will ihr trotzdem nicht aus dem Kopf und so beginnt sie vor vier Jahren ein Psychologiestudium an der Humboldt Universität zu Berlin. Wie ihr Leben zwischen Agenturalltag, Mamasein und Studium aussieht, das erzählt Sabrina uns in ihrer Wohnung im Hamburger Grindelviertel sowie im Coworking-Space Mindspace, wo sie mit ihrem Unternehmen Simply Fine sitzt.

 

Femtastics: Worin besteht der Job einer Hostess?

Sabrina Graßhoff-Stitz: Der klassische Job der Hostesse spielt sich auf Veranstaltungen ab, hier übernimmt sie die Akkreditierung der Gäste und generell die Gästebetreuung. Oft werden Hostessen bei großen Veranstaltungen eingesetzt, um Eventagenturen personaltechnisch zu unterstützen. Sie stehen als Ansprechpartner für alle Fragen rund um die Gästebetreuung zur Verfügung.

Welche Fähigkeiten braucht man für den Hostessenjob?

Die optische Attraktivität ist immer wichtig. Darüber hinaus – und das ist mir mit meiner Agentur besonders wichtig – müssen meine Hostessen aber noch viel mehr mitbringen als nur ein gutes Aussehen. Ich habe hohe Ansprüche an mein Personal, ich möchte eloquente Hostessen mit Persönlichkeit. Sie sollen Witz und Charme mitbringen und dürfen nicht auf den Mund gefallen sein. Sie müssen Einsatz und Eigeninitiative zeigen und Lust auf den Job haben.

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Hostessen sollen keine optische Deko oder nur sprechenden Kleiderständer sein.

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Hostessen sollen den Abend bereichern?

Sie sollen keine optische Deko oder nur sprechenden Kleiderständer sein. Ich arbeite zu 98 Prozent mit Studentinnen zusammen, das sind alles kluge und witzige Mädels. Viele Mädels, mit denen ich gearbeitet habe, sind mittlerweile Ärztinnen, Anwältinnen und Richterinnen. Uns ist es wichtig, die Nähe zum Personal zu suchen.

Meistens sind Hostessen weiblich. Woran liegt das?

Das ist eine gute Frage. Ich kenne es auch nicht anders. Veranstaltungen sind oft Inszenierungen und haben mit dem wirklichen Leben nicht viel zu tun. Da wird der rote Teppich ausgerollt und Unmengen an Geld in Deko und Blumen investiert. Optisch muss alles passen und eine feminine Ausstrahlung ist eben immer noch was Anderes. Es werden aber auch vermehrt männliche Hostessen angefragt. Hier gibt es ganz klar einen Trend.

Vielleicht liegt das daran, dass vermehrt Frauen bei Firmenveranstaltungen vertreten sind?

Auf jeden Fall, solche Verstaltungen waren früher sehr männerlastig.

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Wie findest du deine Hostessen?

Ich caste nicht einfach vom Foto weg, sondern betreibe einen hohen Aufwand, um die Hostessen zu finden. Ich habe Scouts in Hamburg und Berlin, die für mich unterwegs sind und nach meinen Anforderungen suchen. Wir organisieren dann persönliche Castinggespräche, bei denen ich die Leute wirklich kennenlerne.

So setzt du dich vom Markt ab?

Simply Fine ist eine Agentur für Kunden, denen es wichtig ist, mehr zu bekommen als nur jemanden, der für einen Abend vorbeikommt und gut aussieht. Das wissen die Kunden sehr zu schätzen, es ist eine große Entlastung für sie. Der Aufwand zahlt sich also aus und ist in dieser Hinsicht mein Alleinstellungsmerkmal. Es geht um Wertigkeit. Ich habe beispielsweise auch eine Kooperation mit einem Label aus Berlin, sodass wir dem Kunden auch tolle Kleidung stellen können.

Wie bist du zur eigenen Hostessen-Agentur gekommen?

Nach dem Abitur wollte ich Medizin studieren, hatte aber nicht den nötigen NC und habe dann, um Zeit zu überbrücken, als Hostess bei der Johannes B. Kerner Show im Studio Hamburg gearbeitet und die Gäste betreut. Die Chefin der Agentur suchte damals eine Projektleiterin und ich habe den Job dann federführend übernommen. Ich war die Ansprechpartnerin zwischen Kunde und Hostessen. Als sich abzeichnete, dass Johannes B. Kerner eine eigene Produktionsfirma gründen will und eine neue Hostessenagentur sucht, habe ich mich mit meinen zwanzig Jahren vorgestellt und gesagt, dass ich das gerne machen will. Er hat ja gesagt und mir so den Grundstein für mein eigenes Business gelegt.

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Mit 27 Jahren habe ich mein erstes Unternehmen gegründet.

 

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Das heißt, du hast alle Sendungen der neuen Produktionsfirma mit Personal bestückt?

Das waren diverse Sendungen in Hamburg und Berlin mit jeweils zehn bis zwölf Mädels im Einsatz, die die VIP-Betreuung übernommen und sich um das Publikum gekümmert haben.

Parallel hast du deine eigene Agentur gegründet?

Zunächst kamen zwei Betreiber einer PR- und Eventagentur auf mich zu, weil sie jemanden suchten, der den Hostessen-Part betreut und die Geschäftsführung der Tochterfirma übernimmt. Mir gefiel, dass ich so eine Struktur im Rücken hatte und nahm den Auftrag zusätzlich an. Vier Jahre später habe ich dann den Schritt in die Selbständigkeit gewagt. Mit 27 Jahren habe ich mein erstes Unternehmen gegründet.

Das Lernen von der Pike auf hilft, einen guten Umgang mit dem Personal zu haben.

Wie bist du den Anforderungen der Geschäftsführung ohne Ausbildung oder Studium gerecht geworden?

Mir kam zugute, dass ich beide Seiten des Jobs kannte, dadurch, dass ich eben selbst als Hostess gearbeitet hatte. Dieses Lernen von der Pike auf hilft, einen guten Umgang mit dem Personal zu haben. Das war kein Problem. Die Buchhaltung, das Controlling, die eigene Strukturierung und vor allem die Neukundenakquise, das musste ich erstmal lernen. Das waren große Herausforderungen für mich.

Das heißt, du bist ins das kalte Wasser der Kaltaquise gesprungen?

Ich habe mir Termine geben lassen, Broschüren gedruckt und mich persönlich vorgestellt. Viele Kunden sind über die Jahre geblieben.

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Wer sind deine Kunden?

Ich habe viel Fernsehen gemacht, Johannes B. Kerner, Markus Lanz und einige Kochformate. Meine Kunden sind sowohl viele großen Unternehmen wie Mercedes als auch Eventagenturen. Oft geht es um klassische Abendveranstaltungen wie Galas oder Firmenfeiern. Und bald betreuen meine Hostessen die VIP-Logen vom HSV, da freue ich mich besonders drüber. Pro Spiel sind da 60 bis 80 Hostessen im Einsatz.

Ich bin auf jeden Fall rund um die Uhr erreichbar.

Das bringt natürlich Planungssicherheit – die gibt es in dem Job wahrscheinlich nicht immer?

Im Januar oder in der Sommerferienzeit ist es natürlich etwas ruhiger, aber das tut mir auch mal ganz gut. So kann ich auch mal durchatmen.

Arbeitest du rund um die Uhr?

Ich bin auf jeden Fall rund um die Uhr erreichbar. Ich habe aber bestimmte Bereiche am Tag für meine kleine Tochter reserviert, die gebe ich ungern an Andere ab. Wenn ich Emma am Nachmittag aus der Kita hole, gehört der Abend uns. Wenn ich sie ins Bett gebracht habe, arbeite ich aber oft noch.

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Dein Telefon klingelt bestimmt oft, auch wenn du vielleicht selbst gerade bei Freunden zum Grillen bist. Hast du dich daran gewöhnt?

Das ist einfach so und gehört zu meinem Job. Ich mag das, was ich mache, total gern und habe mir das so ausgesucht. Ich könnte meine Firma nie gegen einen 9 to 5 Job tauschen, in den ich nicht so viel Leidenschaft stecke. Kein Tag ist wie der andere, ich liebe das. Stillstand ist nicht meins.

Ich liebe es, neuen Input zu bekommen.

Parallel hast du 2012 auch noch ein Psychologiestudium begonnen. Wie kam es dazu?

Ich war 2011 in New York und wollte mal kurz ausbrechen und mir eine Auszeit zu gönnen und zu reflektieren. Ich war in einer Sprachschule und habe gemerkt, wie viel Spaß mir das Lernen bereitet. Ich wollte immer studieren, aber es kam eben nicht dazu, weil ich in meinen Job reingerutscht bin. Dann habe ich mich für Psychologie entschieden und habe einfach angefangen. Die ersten Semester waren echt tough. Mein Mann hat mich bei allem unterstützt, auch bei den Statistik-Hausaufgaben. Für mich war es das Beste, was ich machen konnte. Ich liebe es, neuen Input zu bekommen.

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Wie bekommst du den Spagat zwischen Studium und Agentur hin?

Es ist natürlich eine Welt der Extreme, auf der einen Seite die Abendveranstaltungen mit rotem Teppich, Champagner und Leichtigkeit, auf der anderen Seite das Praktikum in der Psychiatrischen Abteilung im UKE mit dieser Schwere – hier treffe ich auf Menschen, deren Leben vollkommen aus den Fugen geraten ist. Ich mag es, in beide Welten reinzuschauen. Außerdem möchte ich mir ein zweites Standbein schaffen und kann mir durchaus vorstellen, in der zweiten Hälfte meines beruflichen Lebens etwas komplett Anderes zu machen. Ich möchte den Master und die Therapeuten-Ausbildung anschließen, weil ich die klinische Psychologie besonders spannend finde. Ich wäre um die 40, wenn ich fertig bin.

Karrierewege sind heute ganz unterschiedlich und es ist schön, wenn sich alles fügt.

Ich liebe es, Neues auszuprobieren. Das Fach der Psychologie fasziniert mich total. Wenn ich viel Geld hätte, würde ich glaube ich nur Praktika machen, um alles mal auszuprobieren.

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Wie organisierst du deinen Tag?

Das Gute ist, dass ich von überall aus arbeiten kann. Ich habe meine Kartei auf meinem Laptop und Mitarbeiter, die mich unterstützen. Die ersten vier Semester waren sehr arbeitsintensiv, da war meine Tochter aber noch nicht da. Im fünften Semester habe ich dann meine Tochter bekommen. Jetzt bin ich montags in Berlin und alle paar Wochen freitags. Meine Mutter ist eine große Unterstützung, da mein Mann auch gerade in Mainz arbeitet und ich unter der Woche alleinerziehend bin. Wir organisieren sehr viel. Aber ich habe auch immer meine Schlupflöcher, in denen ich mit Freundinnen Kaffee trinken gehe und meine Akkus auflade.

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Und warum studierst du in Berlin und nicht in Hamburg?

Ich hatte in beiden Städten eine Zusage, Berlin hat aber, was die Psychologie betrifft, einen weitaus besseren Ruf. Also habe ich mir den Laptop unter den Arm geklappt und in Berlin das Studentenleben mitgenommen.

Das heißt, ein bisschen Zeit hast du dafür auch?

Dass ich abends in einer Kneipe ein Bier trinke, passiert eher selten. Aber ich weiß das Studium vielleicht mehr zu schätzen als junge Studenten. Ich bin sehr effizient, weil ich es einfach sein muss. Ich ziehe sehr viel aus dem Studium und ich sehe es als großes Privileg, das machen zu können.

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Sabrina!

Hier findet ihr Sabrina & Simply Fine:

Fotos: Silje Paul

2 Kommentare

  • Sari sagt:

    das bis dato interessanteste Portrait! ich finde es wesentlich spannender, über intelligente Frauen und außergewöhnliche Lebenswege zu lesen als über 20jährige Kuchenbäckerinnen.

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