Karoline Herr: „Wir müssen uns kritisch mit uns selbst, unseren Mitmenschen und unserer Gesellschaft auseinandersetzen.“

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17. Juni 2020

Wir müssen gestehen: Wir haben uns Hals über Kopf in die Wohnung der Münchner Bloggerin Karoline Herr, 32, verliebt. Wir müssen auch gestehen: Jetzt ist nicht die Zeit, um über pastellige Wände und Vasen-Trends zu sprechen (die ihr auf den Bildern unserer Homestory natürlich dennoch findet und ja, ganz am Ende des Interviews gibt es auch die Fußnoten dazu). Stattdessen sprechen wir mit Karoline über Antirassismus und darüber, was spätestens jetzt jede*r weiße Mensch tun kann und muss. Zum Beispiel sich weiterzubilden, zu reflektieren, sich seines eigenen internalisierten Rassismus bewusst zu werden und sich – wie im Falle von Karoline – dazu zu äußern und Stellung zu beziehen. Um der Debatte bedacht, aber gezielt beizutreten und so Teil eines Wandels zu werden, der, sofern wir alle mitmachen, hoffentlich nun Schritt für Schritt vollzogen wird. 2020 ist ein Jahr, was voller Herausforderungen ist und genau über diese ebenso wie die Chancen, die sie in sich bergen, haben wir mit Karoline Herr gesprochen.

Karoline Herr wohnt zusammen mit ihrem Freund in München.

Vor drei Jahren hat Karoline sich mit ihrem Blog „Frollein Herr“ selbständig gemacht.

femtastics: Du hast dich in einem Blog-Artikel gerade reflektiert und ehrlich zu #blacklivesmatter geäußert. Was waren die wichtigsten Learnings, die du in den Tagen vor dem Verfassen des Artikels gemacht hast?

Karoline Herr: Viele von uns weißen Menschen haben den Begriff Rassismus gleichgesetzt beispielsweise mit aktiven rassistischen Handlungen oder rassistischen Äußerungen, die man auf der Straße mitbekommt. So etwas habe ich natürlich nie selbst gemacht und war bisher der festen Überzeugung, ich sei nicht rassistisch. Ich hatte wenig Bewusstsein für den strukturellen Rassismus. Große Teile unserer Kultur und unserer Systeme, unserer Erziehung, was wir sehen und hören, was wir gewohnt sind und als normal begreifen, beruht auf rassistischen Strukturen und einer Ausgrenzung und Abgrenzung vermeintlich anderer.

Ich kannte einzelne Teile, aber das große Ganze habe ich nicht verinnerlicht. Da ich nicht offen rassistisch agiere, habe ich mich davon nicht angesprochen gefühlt und hatte nicht den Impuls, meine Stimme erheben zu müssen. Wenn ich in der U-Bahn einen rassistischen Vorfall miterlebe, dann ist das eine Situation, in der jemand konkret Hilfe und Unterstützung braucht. Aber generell wusste ich nicht, was ich zu der Debatte beitragen könnte. Es war ein großes Learning zu verstehen, dass ich ungewollt Teil eines rassistischen Systems bin und höchstwahrscheinlich rassistische Gedanken in mir trage.

Bevor Karo ihr Blog „Frollein Herr“ gestartet hat, hat sie fünf Jahre in Verlagen als Print-Redakteurin gearbeitet.

Was hast du nach dieser Erkenntnis getan?

Ich habe viel gelesen und viel gehört – das Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ von Alice Hasters, das Hörbuch „Exit Racism“ von Tupoka Ogette – und habe mir viele Stimmen und Kommentare von BPoC dahingehend durchgelesen, was sie kritisieren und was sie fordern. Mir wurde klar, worum es hier eigentlich geht. Dass das erst mit 32 Jahren bei mir passiert, ist vielleicht etwas traurig, aber ich dachte mir: besser später als nie. Ich habe auch gelernt: Es geht nicht um mich. Zu Beginn der Debatte war die Reaktion vieler Influencer*innen in den Sozialen Medien, sich zu rechtfertigen und dass jede*r sofort etwas dazu machen muss, sich durch die fehlende Zeit und Reflektion aber anderer rassistischer Praktiken bedient und die Problematik noch verstärkt.

Es ging darum, zurückzutreten und Raum zu lassen für die Stimmen, die jetzt gehört werden müssen.

Du meinst Claims wie “Ich sehe keine Hautfarbe” oder “All Lives Matter”?

Genau. Teilweise gab es auch Posts, die sich am Blackfacing bedient haben, also wo weiße Influencer sich angemalt haben um sicherlich mit einer guten Intention – das würde ich schon unterstellen – ein Signal zu senden. Viele hatten das Wissen rund um die Debatte nicht und mussten sich dann rechtfertigen.

Das schmerzt, aber nicht so sehr wie selbst betroffen zu sein.

Für uns weiße Menschen wird es unangenehm, wir müssen uns kritisch mit uns selbst, unseren Mitmenschen und unserer Gesellschaft auseinandersetzen. Das wird unbequem und macht keinen Spaß, aber es ist dringend notwendig, wenn man die Bewegung “Black Lives Matter” ernst nimmt. Ich fand auch die Bewegung rund um den #BlackOutTuesday spannend. Es ging darum, zurückzutreten und Raum zu lassen für die Stimmen, die jetzt gehört werden müssen. Es ging in dem Moment nicht um mich und meine persönliche Sicht auf die Dinge, sondern darum, leise zu sein und zuzuhören.

Es geht nicht darum, wie oft jemand etwas Antirassistisches postet, sondern darum, was jetzt abseits der sozialen Medien passiert.


 

Die Frage ist, ob der Bewegung perspektivisch endlich mehr Platz eingeräumt wird. Zurückzutreten widerspricht im ersten Moment der Idee von Instagram, die aus dem Selbstreferenziellen herrührt.

Es gab Instagrammer*innen, die eine Woche lang pausiert haben – aber was dann? Ich habe auch deutlich weniger Content produziert und veröffentlicht. Nur natürlich kann ich nicht ewig pausieren, das ist ein schwieriges Abwägen. Es geht nicht darum, wie oft jemand etwas Antirassistisches postet, sondern darum, was jetzt abseits der sozialen Medien passiert. Influencer*innen und Blogger*innen haben eine große Verantwortung, was gesellschaftspolitische Themen betrifft, es muss aber nicht jede Plattform reflexhaft etwas posten.

Ein wichtiger Step ist also, dass es nicht reicht gegen Rassismus zu sein, sondern anzuerkennen, dass Rassismus strukturell und internalisiert ist und dass jede*r sich weiterbilden und tagtäglich gegen eigene rassistische Gedanken aktiv vorgehen muss. Was wir gemeinsam haben, ist, dass wir eine mehrheitlich weiße Leserschaft haben. Wie war das Feedback zu deinem Artikel?

Das Feedback zu meinem Artikel kam größtenteils von weißen, jungen Frauen. Es gab keine öffentliche Diskussionen, aber viele private Nachrichten. Sie haben sich bedankt, weil es ihnen geht wie mir und ich die Gedanken dazu etwas sortiert habe. Ich verändere keine Leben und sie wurden auch nicht durch mich auf die Debatte aufmerksam, aber je mehr man Teil der privaten Lebensrealität wird und je mehr Influencer*innen und Blogger*innen hier Stellung beziehen, desto präsenter wird das Thema.

Du sagst auch, dass die eigenen Schritte und Veränderungen, die man selbst gegen Rassismus unternimmt, nicht unbedingt in den sozialen Medien oder auf Blogs dokumentiert werden müssen. Was kann man (stattdessen) tun?

Sich informieren, mit Büchern und Hörbüchern. Dann: Wählen gehen und sich bewusst sein über politische Entscheidungen, die wir mittragen und entsprechend zu handeln. Dass wir in irgendeiner Form rassistische Gedanken hegen, liegt an unserer rassistischen Sozialisierung – diese gilt es erkennen zu lernen. Man kann diesen Gedanken nicht einfach sagen: Geh weg! Aber vielleicht schafft man es, andere Gedanken kommen zu lassen. Der nächste Step ist eine bewusstere Sprache, ohne Rassismen, die aus der Kolonialzeit stammen.

Du positionierst dich in dem Artikel auch klar gegen die “Call-Out Culture”, indem du deinen Leser*innen sagst: Habt keine Angst, tretet der Diskussion bei. Warum ist die “Shaming Culture” so toxisch?

Niemand verdient grundlose Shaming Attacken, das ist toxisch und führt dazu, dass sich immer weniger Menschen äußern. Aber der Grad ist schmal: Nur weil jede*r alles sagen darf, heißt es nicht, dass jede*r alles sagen muss. Jede*r, der sich jetzt an der Debatte beteiligen möchte, kann Gefahr laufen, kritisiert zu werden. Das ist einfach der Preis, der gezahlt werden muss.

Wenn mich eine BPoC darauf hinweist, dass ich etwas tue, was nicht in meiner Vorstellungskraft bewertet werden kann, dann muss ich das einfach annehmen und dementsprechend handeln. Wer etwas Falsches sagt, sollte dazu stehen. Ich habe vor Leuten, die sich entschuldigen können, sehr großen Respekt.

Lass uns über deinen Werdegang sprechen. Was hat dich dazu bewogen, karrieretechnisch umzudenken, einen Cut als Beauty-Redakteurin im Verlag zu machen und selbstständig neu zu starten?

Es war eine natürliche Entwicklung. Ich war fünf Jahre lang als Print-Beautyredakteurin bei Modemagazinen unterwegs und es zeichnete sich keine Perspektive ab. Die Strukturen in den Verlagen sind sehr steil. Es gibt Assistent*innen, Redakteur*innen und Ressortleiter*innen, es gab keine realistische Aussicht auf Weiterentwicklung. Ich habe mich bewusst für Print entschieden, aber Online wurde immer wichtiger. Ich habe das erstmal abgelehnt, weil es neu war, weil ich mich nicht auskannte, weil es Mehrarbeit war. Diese Abwehrhaltung habe ich schnell überwunden, aber im Verlag blieb die Haltung, dass Digital weniger wert ist, da kommen die Sachen hin, die wir nicht drucken.

Ich wusste, wenn ich jetzt nicht den Schritt in die Selbständigkeit wage, ist es irgendwann zu spät.

“Resterampe Online” war lange ein geflügelter Begriff.

Es gab ein Grundunverständnis diesem Medium gegenüber. Ich bin immer frustrierter von der Arbeit gekommen und wollte irgendwann etwas Eigenes auf die Beine stellen. Auf Instagram hatte ich in kurzer Zeit 10.000 Follower – einfach nur mit meinem privaten Content und Eindrücken aus meinem Redakteursalltag. Mir machte das Spaß und bald kamen erste Kooperationsanfragen. Ich mochte die Freiheit und dass ich nicht auf das Go von der Chefredaktion oder Textchefs angewiesen war. Ich merkte, dass ich gut auf diesem Medium kommunizieren kann – besser als im Print. Ich wusste, wenn ich jetzt nicht den Schritt in die Selbständigkeit wage, ist es irgendwann zu spät.

Hast du die Entscheidung jemals bereut?

Nein. Hätte es nicht geklappt, hätte ich mich wieder auf eine Stelle bewerben können, auch als freie Mitarbeiterin. Das Risiko war überschaubar. Ich hatte vorher einen Traumjob, ich habe jetzt einen Traumjob – in beiden gab und gibt es blöde Tage. Aber das ist okay, ein Traumjob darf auch mal doof sein. Ich sitze auch nicht jeden Tag freudestrahlend am Laptop.

Das gilt insbesondere für die Corona-Krise, die Selbständige vor große Herausforderungen stellt. Wie bist du bis dato durch die Krise gekommen?

Anfangs habe ich kaum etwas gemerkt. Ich habe proaktiv meine Kooperationen verschoben, weil niemand gerade beispielsweise eine neue Hautpflegelinie vorgestellt bekommen möchte. Ich habe eine Pause von bezahltem Content gemacht und mir selbst eine Pause gegönnt, da mich die Situation persönlich getroffen hat. Nach der Schockstarre hat sich alles normalisiert, es muss schließlich irgendwie weitergehen. Jetzt laufen wir ins Sommerloch, es gibt keine neue Produktlancierungen und keine Budgets. Es sind weniger Buchungen als sonst und ich werde in meinem dritten Jahr keinen Umsatzwachstum verzeichnen. Am Ende des Jahres werde ich aber nicht am Hungertuch nagen und kann weitermachen. Die wirtschaftliche Rezession kommt und wir sind davon nicht ausgenommen.

Das heißt, du blickst einigermaßen positiv in die Zukunft?

Klar, Budgets werden gekürzt. Events, Reisen und komplette Produktlaunches werden abgesagt. Das trifft, aber ich arbeite auch mit vielen kleinen Independent Labels zusammen und die sind gar nicht so stark davon betroffen. Die haben überschaubare PR-Kampagnen und planen diese auch weiter, da sie ihre Chargen verkaufen müssen. Große Konzerne können sich eher überlegen, wie sie das Budget shiften und kürzen gern bei PR und Media. Das sind andere strategische Entscheidungen.

Nach diesem Jahr wird vieles anders, das birgt aber auch Chancen in sich. An dieser Stelle müssen wir noch gestehen, dass wir ziemlich verknallt sind in deine Wohnung. Ein paar Worte zu deiner Einrichtung bitte: Was macht diese aus? Wo findest du die Teile? Wie gehst du beim Einrichten vor?

Ich gehe völlig ungeplant vor. Ich habe kein Konzept. Ich bin ein Bauchmensch und wenn ich die hundertste Vase sehe, die mir gefällt, dann finde ich auch einen Platz dafür. Ich suche nicht gezielt nach Stücken, sondern räume alle zwei Wochen um und schaffe neuen Platz. Ich langweile mich schnell und kaufe viel bei Scandi Brands wie HK Living, Hay, Swedish Ninja. Vintage Produkte liebe ich ebenso wie Teile von Ikea, Etsy oder Trouva. Deko-Artikel finde ich bei Hello Love. Und ich mache viel selbst! Ich male viel und habe gerade einen Bauschaum-Spiegel gebastelt, der auf Instagram trendet.

Sehr cool! Danke für das schöne Gespräch, liebe Karo!

Hier findet ihr Karoline Herr:

Layout: Kaja Paradiek

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