Lisa Heschel ist nach Mallorca ausgewandert und ermöglicht mit „dada-days“ gemeinsam mit lokalen Künstler*innen kreativ zu werden

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9. Mai 2022

Man spaziert im Urlaub an einem Atelier, einem Studio, einer Werkstatt vorbei, blickt hinein und denkt sich: „Wow, das sieht aber schön aus! Da würde ich auch gerne mal arbeiten!“. Einmal eintauchen in die Welt der Künstler*innen oder Designer*innen, oder sogar selbst kreativ werden. Aber in der Regel bleibt es bei dem Gedanken, weil man keinen Zugang zu den Menschen und ihrer Arbeit hat.

Lisa Heschel möchte das ändern. Die 31-Jährige ist vergangenes Jahr von Berlin nach Mallorca ausgewandert, mit ihrem Freund und ihrer Tochter, und hat „dada-days“ gegründet, eine Plattform, über die sich Kurse mit lokalen Künstler*innen oder Kunsthandwerker*innen buchen lassen. Alle sorgfältig ausgewählt von Lisa persönlich. Schmuckdesign, Töpfern, Collagen-Kunst oder Kalligraphie – mit „dada-days“ kann man im Urlaub kreativ werden und in den Austausch mit Locals kommen. Wie es zum Umzug nach Mallorca kam, wie sie ihr Haus dort gefunden haben und warum sie mit „dada-days“ auch eine neue, nachhaltigere Form des Tourismus unterstützen möchte, erzählt uns Lisa in ihrem neuen Zuhause.

femtastics: Seit wann wohnst du auf Mallorca und wie kam das?

Lisa Heschel: Wir sind letztes Jahr im Januar hergezogen. Vorher haben wir schon, als unsere Tochter acht Monate alt war, den Winter hier verbracht. Wir hatten drei Monate lang ein Ferienhaus in Pollença. Danach fiel es uns schwer, wieder in Berlin anzukommen. Dafür, dass wir unser Haus gefunden haben, sind eigentlich meine Eltern verantwortlich. Sie wollten sich als frisch gewordene Rentner „den deutschen Traum“ vom Ferienhaus auf Mallorca erfüllen (lacht). Sie haben uns gefragt, ob wir uns – wenn wir doch eh da sind – nicht mal Häuser für sie anschauen könnten. Wir haben sofort Ja gesagt, weil wir Spaß daran hatten.

In Palma teilen sich Lisa, Gründerin von „dada-days“, und ihr Freund einen Arbeitsplatz in einem Co-Working Space.
Das Haus hatte eigentlich keine Terrasse, sie wurde zuletzt gebaut und ist erst seit ein paar Wochen fertig. Die Türen- und Fensterläden waren zuvor braun.

Dafür, dass wir unser Haus gefunden haben, sind eigentlich meine Eltern verantwortlich. Sie wollten sich als frisch gewordene Rentner „den deutschen Traum“ vom Ferienhaus auf Mallorca erfüllen.

In ihrer Elternzeit hat Lisa einen Töpferkurs auf Mallorca belegt. Seitdem ist sie in das Handwerk verliebt und hat in ihrem Keller ein eigenes kleines Töpferstudio eingerichtet. Sämtliche Vasen, Geschirr oder Skulpturen im Haus sind von Lisa selbstgemacht.

Und so habt ihr euer Haus entdeckt?

Ja, in eins der Häuser haben wir uns total verliebt. Als wir zurück in Berlin meine Eltern getroffen und ihnen von dem Haus vorgeschwärmt haben, waren die aber gar nicht so angetan. Gleichzeitig waren mein Freund und ich so unglücklich in Berlin. Ich wollte nach der Elternzeit wieder arbeiten, aber wir haben keinen Kita-Platz gefunden und noch dazu fiel es uns schwer, uns mit der deutschen Mentalität wieder anzufreunden – nachdem wir einmal in einem spanischen Umfeld gelebt hatten, in dem die Menschen freudig „Hola, que tal?!“ über den Marktplatz rufen.

Also haben mein Freund und ich uns zusammengesetzt und überlegt: Wie wäre es, wenn wir dem Auswandern mal eine Chance geben? Wir haben uns gefragt: Wie wollen wir leben? Oft lässt man den Gedanken, wie man eigentlich leben will, gar nicht richtig zu und nimmt die Zügel nicht selbst in die Hand. Weil man immer denkt, das Setting sei gegeben und man müsse sich damit arrangieren.

Wie lief der Umzug ab?

Wir haben dann das Haus, das wir uns eigentlich als Ferienhaus für meine Eltern angeschaut hatten, mithilfe eines Kredits gekauft und umgebaut. Wegen der Corona-Pandemie hat alles länger gedauert als gedacht. Eigentlich wollten wir ins fertig umgebaute Haus ziehen, aber wir haben dann doch noch für drei Monate in einer Ferienwohnung auf Mallorca gewohnt, während unsere Möbel und unsere Sachen in einem Container auf uns gewartet haben und die Bauarbeiten am Haus noch im Gange waren.

Oft lässt man den Gedanken, wie man eigentlich leben will, gar nicht richtig zu und nimmt die Zügel nicht selbst in die Hand. Weil man immer denkt, das Setting sei gegeben und man müsse sich damit arrangieren.

Wie hat das für deinen Freund beruflich geklappt? Du sagtest ja, Du warst noch in der Elternzeit, richtig?

Er hat eine Webdesign-Agentur mit Sitz in Berlin und konnte immer schon remote arbeiten. Für ihn hat sich gar nicht so viel verändert, aber für mich alles. Ich habe in meiner Elternzeit meinen damaligen Job gekündigt und wollte mich in Berlin selbstständig machen – aber dann haben wir uns entschieden auszuwandern und ich dachte: Vielleicht kann ich meine Idee ja auch auf Mallorca umsetzen …

Vor kurzem ist „dada-days“, deine Plattform für kuratierte kreative Kurse auf Mallorca, an den Start gegangen. War so etwas auch deine ursprüngliche Idee?

Ich hätte in Berlin gerne eine Art Studio eröffnet, in das ich verschiedene Künstler*innen eingeladen hätte, um Workshops zu geben. Auf Mallorca habe ich noch einmal umgeplant: Die Kurse finden in den Werkstätten, Studios oder Ateliers der jeweiligen Künstler*innen statt und lassen sich über meine Website, dada-days.com, buchen. Ich finde es so sogar noch interessanter, wenn man zwischen Töpferscheibe oder Leinwänden sitzt und das Arbeitsumfeld der Künstler*innen direkt miterlebt. Man taucht richtig in ihre Welt ein.

Vielleicht werde ich trotzdem irgendwann einen eigenen Raum eröffnen, weil ich es mir sehr schön vorstelle, einen physischen Ort zu haben, an dem nicht nur Workshops stattfinden, sondern auch die Kunst und das Kunsthandwerk der jungen Künstler*innen gekauft werden kann.

Man bekommt einen ganz anderen Bezug zu einem Ort und eine neue Wertschätzung für ihn, wenn man mit Locals in Kontakt kommt und durch sie etwas lernt.

Was ist das Prinzip, die Idee hinter „dada-days“?

Ich habe mich gefragt: Warum ist es eigentlich für Natur- und Sportliebhaber so leicht, Angebote im Urlaub zu finden, und für kreative Menschen so schwer, im Urlaub ins Machen zu kommen? Natürlich gibt es das kulturelle Angebot, aber selbst kreativ werden oder andere Künstler*innen kennenlernen, das ist bisher nicht so gut abgedeckt. Ich glaube, das trifft gerade den Zeitgeist gut, es gibt langsam immer mehr „Creative Retreats“, der Nachteil an ihnen ist aber, dass man ganz schön „committed“ ist, da sie meist gleich eine ganze Woche dauern.

Ist das eine neue Form von Tourismus?

Ich möchte gern dazu beitragen, das Reisen ein bisschen neu zu erfinden. Ich bin kein Fan von Sightseeing-Touren und davon, möglichst viel in kurzer Zeit zu sehen. Ich möchte lieber in die Welt der Einheimischen eintauchen. Man bekommt einen ganz anderen Bezug zu einem Ort und eine neue Wertschätzung für ihn, wenn man mit Locals in Kontakt kommt und durch sie etwas lernt. So ein gemeinsamer Kurs schafft direkt eine gewisse Nähe. Und ich möchte, dass man einem beliebten Urlaubsort wie Mallorca auch ganzjährig eine Chance gibt. Der Winter ist hier total toll.

Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass die Künstler*innen in der Außendarstellung Unterstützung brauchen. Ich möchte einen Zugang zu ihnen und ihrer Arbeit schaffen. Ich habe früher in einer Galerie gearbeitet und für mich war es das Größte, wenn ich die Künstler*innen-Ateliers besuchen konnte. Zudem möchte ich umgekehrt den lokalen Kunsthandwerker*innen oder Künstler*innen auch einen neuen Zugang zum Tourismus geben.

Alle Fliesen im Haus sind von dem mallorquinischen Unternehmen „Huguet“.

Was steckt hinter dem Namen „dada-days“?

Ich habe überlegt, wie man Kreativität anders ausdrücken kann, und bin auf „dada“ gekommen, angelehnt an die Kunstbewegung Dadaismus. Dahinter stand der Wunsch, wieder neugierig zu sein, wieder kindlich-spielerisch. Das passt auch zu meinen Kursen, weil man keine Vorkenntnisse braucht und einfach Spaß haben kann. „Kreativreisen und Kunsthandwerk“ klingt ganz schön verstaubt – ich wollte einen Namen, der modern ist und Spaß macht. Das Wort „days“ im Namen steht für „holidays“.

Wie findest du die Kreativen, mit denen du zusammenarbeitest? Hattest du schon Kontakte bevor du nach Mallorca gekommen bist?

Ich habe schon in Berlin begonnen, an „dada-days“ zu arbeiten und habe mir eine Liste von Künstler*innen erstellt, die ich interessant fand. Ich habe sie größtenteils über Instagram, Etsy und Google gefunden. Zu Beginn hatte ich noch nichts vorzuweisen und konnte ihnen nur von meiner Idee erzählen. Ich spreche fließend Spanisch, aber ich musste einiges an Selbstvertrauen aufbringen, um auf die Menschen zuzugehen. Zum Glück haben sich dann immer neue Türen geöffnet. Nachdem ich mich mit einer Künstlerin gut verstanden habe, hat sie mir weitere empfohlen. So funktioniert es bis heute am besten.

Für mich war es total super, hier direkt mit einem Projekt zu starten, weil ich dadurch gezwungen war, Leute zu kontaktieren. Und ich kann mir nichts Cooleres vorstellen, als den Tag mit den Künstler*innen zu verbringen. Ich besuche sie in ihren Studios, verabrede mich mit ihnen für Fotos und ein Interview für meine Website – und ich fühle mich dabei, wenn ich so über die Insel fahre, nicht als würde ich arbeiten. Das ist wirklich ein toller Job! (lacht) Es haben sich auch schon Freundschaften durch meine Arbeit ergeben.

Im Dorf, in dem wir leben, wiederum fällt es mir nicht so leicht, Kontakte zu knüpfen. Man spricht hier Mallorquinisch und das können wir nicht – dadurch besteht schon eine gewisse Barriere, sich trotzdem mit uns auszutauschen.

Ich habe mich gefragt: Warum ist es eigentlich für Natur- und Sportliebhaber so leicht, Angebote im Urlaub zu finden, und für kreative Menschen so schwer, im Urlaub ins Machen zu kommen?

Wie sieht dein Alltag auf Mallorca jetzt aus?

Im Moment wechseln mein Freund und ich uns ab: Unsere Tochter Lola geht bis 16 Uhr in die Kita und mal macht mein Freund Homeoffice, mal ich. Wir haben einen Arbeitsplatz in einem Co-Working-Space in Palma angemietet, in dem wir abwechselnd arbeiten, sodass wir immer noch etwas vom Großstadtleben mitbekommen. Gerade im Sommer verbringen wir unsere Feierabende oft am Meer. Manchmal treffen wir uns auch in Palma zum Abendessen. Wir versuchen, den Feierabend richtig zu zelebrieren – dafür eignet sich Mallorca natürlich sehr gut.

Welche Pläne hast du für „dada-days“?

Ich bin großer Fan davon, Dinge auf mich zukommen zu lassen. Aber meine Vision wäre es, „dada-days“ auch in anderen Urlaubsregionen anzubieten. Grundsätzlich ist es mein Plan, einen tollen Job zu haben, den ich genieße und „dada-days“ nicht zu verbissen anzugehen. Es soll nach wie vor eine Plattform für Spaß sein, die mich erfüllt und mir Freude macht.

Vielen Dank für das interessante Gespräch, liebe Lisa!


Hier findet ihr „dada-days“:


Layout: Kaja Paradiek

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