Bleibt bei ihren Leisten – Maßschuhmacherin Anja Burisch

10. November 2015

Bei einem abendlichen Spaziergang in Hamburg-Eimsbüttel entdeckten wir den kleinen Laden samt Werkstatt von der Maßschuhmacherin Anja Burisch. Ein Beruf, der einem in der Frauenwelt nicht täglich begegnet. Schnell ging die Interviewanfrage raus und schon saßen wir im hübschen Atelier der 38-jährigen Berlinerin, das sie vor zwei Jahren eröffnet hat. Im Gespräch verrät sie, wie sie zum Schuhmachen kam, was der verrückteste Schuh war, den sie je kreiert hat und welche Rolle Nachhaltigkeit bei ihr spielt. On top gibt’s viele Bilder aus ihrer Werkstatt.

femtastics: Ist dein Beruf vom Aussterben bedroht?

Anja Burisch: Es ist seit einigen Jahren gleichbleibend und wird nicht weniger, was die Maßschuhe angeht. Es werden auch immer mehr Frauen Schuhmacherinnen, weil der Beruf diese Designverbundenheit hat. Aber natürlich gibt es generell nicht so viele Maßschuhmacher, in Hamburg sind es zum Beispiel nur fünf. Aber die fünf werden nicht weniger – da kommt immer wieder jemand nach, wenn jemand aufhört.

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Das Ladenatelier von Anja befndet sich in Eimsbüttel.

Um die Ecke von meinem Elternhaus gab es einen alten Schuhmacher, der mich fasziniert hat.

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Du kannst wahrscheinlich ganz schnell einen guten von einem schlechten Schuh entscheiden, oder?

Ja, auf jeden Fall. Es gibt auch ganz viele Fake-Geschichten – Schuhe, die dann so aussehen als wären sie gut verarbeitet, die Sohlen sind dann aber nur aufgeklebt.

Wie bist du Schuhmacherin geworden?

Es gibt tatsächlich eine Geschichte aus meiner Kindheit. Um die Ecke von meinem Elternhaus gab es einen richtig alten Schuhmacher, der mich fasziniert hat. Da habe ich immer an der Scheibe geklebt und ihn irgendwann gefragt, ob er Lederreste hat, weil ich mir Sandalen selber bauen wollte. Dann habe ich mir selbst eine Holzsohle in der Schule gefertigt und durfte bei ihm den Rest machen. Er hat mir gezeigt, was ich beachten muss.

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Und wie ging es nach der Schule weiter?

Nach der Schule hatte ich Lust in die Kunst-Richtung zu gehen und fand, dass sich das beim Schuhmacher vereint. Man beschäftigt sich mit Designgeschichte, arbeitet mit einem Material, kann kreativ sein und trotzdem ist der Prozess ganz klar.

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Im oberen Bereich trifft Anja ihre Kunden und macht kleinere Arbeiten, im Souterrain befinden sich ihre Maschinen.

Und wo hast du dann deine Lehre gemacht?

Ich bin damals einfach durch Berlin gegangen und habe nach einem Schuhmacher gesucht, dann habe ich das Label Trippen gesehen und wusste, dass ich dahin muss. Von 1997 bis 1999 habe ich bei Michael Oehler von Trippen meine Lehre gemacht. Als ich bei denen angefangen habe, wurden die gerade groß und sind in eine Fabriketage nach Wedding gezogen. Zu der Zeit hat Trippen in Japan total geboomt.

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Wie sah deine Lehre bei Trippen aus?

Einen Tag in der Woche konnten wir ganz konkret etwas für uns machen und waren sonst in den Arbeitsalltag integriert. Im letzten Lehrjahr war ich noch in einem ganz kleinen Betrieb, weil ich da ganz viele Schuhe bauen konnte.

Und wie bist du dann in Hamburg gelandet?

Meine Meisterin in dem letzten Betrieb in Berlin wurde schwanger und ich habe dann den Laden mit jemand anderen weitergeführt. Dann wurde ich aber auch schwanger (lacht), was nicht geplant war. Und dann bin ich nach Hamburg gezogen, weil mein Freund aus Hamburg kam. In Hamburg habe ich bei verschiedenen Maßschuhmachern gearbeitet und jetzt habe ich mich selbstständig gemacht, was schon lange mein Traum war.

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Als ich angefangen habe die Lehre zu machen, hatte ich ein ganz klares Bild vor Augen, wie mein eigenes Atelier irgendwann aussehen soll.

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Dann hast du den hübschen Laden hier gefunden.

Ja! Als ich angefangen habe die Lehre zu machen, hatte ich ein ganz klares Bild vor Augen, wie mein eigenes Atelier irgendwann aussehen soll: Ich wollte zum Beispiel einen Garten haben, wo man auch Arbeitsschritte machen und sich richtig vertiefen kann. Dann habe ich witzigerweise vor zwei Jahren den Laden hier gefunden, der verschiedene Ebenen hat und ich wusste: Der ist es!

Wie läuft der Prozess genau ab, wenn du einen Maßschuh anfertigst?

Als erstes wird Maß genommen, dann erstelle ich den Leisten, den Holzfuß, der die Form bestimmt. Wenn ich den gemacht habe, ziehe ich einen Probeschuh drüber, dann kommen die Kunden nochmal und ziehen den Probeschuh an und ich schaue, ob alles so ist, wie es sein soll und ob die Form getroffen wurde. Dann mache ich das Model und den Schaft fertig und zwicke das über. Danach kommen die Kunden erneut, damit sie es mit dem Leder sehen können. Wenn der Schuh komplett fertig ist, kann man nämlich so gut wie gar nichts mehr ändern.

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Leder, Garne, Maschinen – hier entstehen Anjas Maßschuhe.

Wie lange brauchst du denn für ein Paar Schuhe?

Rund 40 Stunden. Wenn es ein komplizierter Stiefel ist, brauche ich länger.

Wie müssen wir uns deine Kundschaft vorstellen?

Zu meinen Kunden zählen vorwiegend Männer aber auch Frauen, die vor allem Wert auf Hochwertiges und Langlebiges legen. Außerdem mit dem Wunsch nach etwas ganz Individuellem, was sich durch die Paßgenauigkeit extrem gut anfühlt und trägt. Oder auch Kunden, die eine genaue Vorstellung haben, die sie schon lange mit sich herumtragen und nie gefunden haben, die wir dann gemeinsam umsetzen.

Hast du Modelle in deinem Repertoire, von denen man sich einen Schuh aussuchen kann, den man maßschneidern lässt?

Das habe ich noch nicht, aber sowas schwebt mir schon vor. Ich habe eine Maßkonfektion und da gibt es dann eben verschiedene Modelle und Leder, aber nur bei den klassischen Herrenschuhen. Die lasse ich dann aber fertigen, weil das nochmal eine andere Preisklasse ist.

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Und wie viel zahlt man für einen so aufwändig gefertigten Maßschuh?

Ab 1.500 bis 2.000 Euro. Wenn es ein extrem teures Leder ist, zum Beispiel Pferdeleder, dann ist der Schuh auch viel teurer.

Was war der außergewöhnlichste Schuh, den du bist jetzt kreiert hast?

Es gab mal einen Stiefel mit einem sehr hohen Schaft, der eine Knopfleiste haben sollte. Jeden Knopf sollte man einzeln zuknöpfen können, wie früher. Oft sind Farben auch besonders und Lederkombinationen, die man sonst nicht findet.

Woher bekommst du dein Leder?

In Italien gibt es eine große Messe und dort haben die auch Gerbereien, die gut sind. In Hamburg gibt es zwei Ledergroßhandel, die aber eigentlich sehr klein sind – da suche ich auch manchmal, wenn es irgendwas Spezielles sein soll. Man geht immer wieder auf die Suche.

Nachhaltigkeit ist gerade ein großes Thema in der Modewelt. Spielt das bei deiner Arbeit eine Rolle?

Klar, das spielt schon eine Rolle. Chromgeschichten wollen die Leute gar nicht mehr an ihren Füßen haben. Das ist auch nicht umweltfreundlich.

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Passiert da gerade mehr im Lederbereich?

Die probieren da viel rum. Es gibt viele pflanzlich gegerbte Leder, auch vegetabil genannt, die sind mittlerweile wirklich schön. Es kommen auch immer mehr neue Ideen, weil klar ist, dass die Kunden auf Nachhaltigkeit achten und das einfach wichtig ist.

Mit Kunstleder arbeitest du aber nicht, oder?

Nein, aber ich habe eine zeitlang für eine Hamburger Schuhmacherin gearbeitet, die macht nur vegane Sachen mit High-Tech-Kunstleder. Die ist immer auf der Messe in Bologna unterwegs. Mittlerweile ist das eine komplett eigene Sparte.

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Hier stehen und hängen überall so tolle Arbeitsmaterialien. Wie hast du dir dein Equipment zusammengesucht?

Ich habe im Vergleich zu anderen ganz viele alte Maschinen. Teilweise sind das auch die besseren, weil die aus einem anderen Material gebaut wurden und kleiner und schöner sind. Natürlich ist es manchmal auch umständlicher. Mein Werkzeug habe ich teilweise vom Flohmarkt und von der Lehrzeit, ein paar Werkzeuge habe ich sozusagen geerbt. Aber auf Flohmärkten findet man tatsächlich noch öfters etwas, von Leuten, die gar nicht wissen, was man damit macht.

Vielen Dank für das Interview, liebe Anja.

Hier findet ihr Anja Burisch:

Das Atelier befindet sich in der Bellealliancestr. 35, Mi-Fr 11-19 Uhr, Sa 11-16 Uhr

Fotos: femtastics

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