Pflegenotstand: Diese Krankenschwester packt bei Instagram aus!

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Zu wenig Personal, zu viele Patienten, ständiger Stress und Arbeit in Schichten: Der Job als Krankenschwester ist hart – wie hart, das zeigt Franziska bei Instagram. Sie arbeitet seit 2007 auf einer chirurgischen Intensivstation in der Nähe von Frankfurt, seit letztem Jahr zusätzlich in der Anästhesie. Als The Fabulous Franzi hat die 31-Jährige über 30.000 Follower und berichtet von dramatischen Geschichten aus dem Klinikalltag, macht auf den Notstand in der Pflege aufmerksam und will gleichzeitig zeigen, welche schöne Seiten der Beruf hat. Wir haben Franzi getroffen und mit ihr über die Arbeit auf der Intensivstation, mögliche Lösungen und die Vereinbarkeit des Jobs mit ihren zwei kleinen Kindern gesprochen.

Krankenschwester-Frankfurt

Franziska lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern (5 und 3 Jahre alt) in der Nähe von Frankfurt, hat 2007 ihr Examen gemacht und arbeitet seitdem als Krankenschwester auf einer chirurgischen Intensivstation in Frankfurt.

femtastics: Du erreichst bei Instagram als “The Fabulous Franzi” mit Geschichten aus der Pflege extrem viele Menschen. Wie hat das angefangen?

Franzi: Ich hatte früher einen ganz normalen Account – ohne Fokus auf ein bestimmtes Thema. Vor etwa zwei Jahren habe ich mal ein Bild von der Arbeit gepostet und ein bisschen von meinem Job erzählt. Darauf gab es so viel Resonanz, es schien die Leute zu interessieren. Also habe ich den Fokus immer stärker auf das Thema gelegt und festgestellt, dass es eigentlich niemanden kümmert, wenn ich poste, dass ich gerade im Fitnessstudio war. Aber wenn es um meinen Job geht, gibt es so viele Kommentare – es besteht einfach sehr viel Gesprächsbedarf.

Was genau ist es, was so viele Menschen anspricht?

Ich erzähle eigentlich nichts von dem, was ich selbst erlebe. Ich habe ja Schweigepflicht und muss deshalb aufpassen, was ich zeige und worüber ich schreibe. In meinen Beiträgen geht es um aktuelle Themen aus der Pflege, um die Gesetzeslage, um Dinge, mit denen sich Kollegen aus diesem Beruf identifizieren können. Da ist ein total intensiver Austausch entstanden und ich habe gemerkt, dass es überall gleich ist. Dass eigentlich jeder unter den Umständen zu leiden hat.

Es gibt einfach nicht genug Schwestern oder Pfleger, überall sind Stellen offen. Deshalb sind wir überarbeitet und unterbesetzt.

 


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Aber dir folgen ja längst nicht mehr nur Menschen aus der Pflegebranche, oder?

Am Anfang waren es vor allem Krankenschwestern, Pfleger oder Kollegen aus der Altenpflege. Dann kamen auch Leute dazu, die als Patienten selbst etwas erlebt haben oder welche, die noch gar nichts mit dem Thema zu tun hatten und jetzt erfahren haben: Da läuft etwas schief. Das ist es eigentlich, was mich am meisten freut: Dass meine Beiträge für so viele Menschen Augenöffner sind. Sie dachten vorher, wir haben ein super Gesundheitssystem und alles läuft reibungslos.

Und wie ist es tatsächlich?

Es ist so, dass der Markt für Pflegepersonal leergefegt ist. Es gibt einfach nicht genug Schwestern oder Pfleger, überall sind Stellen offen. Deshalb sind wir überarbeitet und unterbesetzt. Auf der Intensivstation, auf der ich arbeite, sollte jeder von uns eigentlich zwei Patienten betreuen. Aber in letzter Zeit kommt es oft vor, dass es drei Patienten sind. Das sind intensivpflichtige, schwerkranke Menschen, drei davon parallel sind einfach zu viel. Da verlierst du den Überblick.

Krankenschwester-Aufgaben

Unsere femtastics-Autorin Julia Allmann trifft Franzi in einem Café zum Interview.

Was sind eure Aufgaben in der Betreuung?

Wir überwachen die Vitalparameter, verabreichen Medikamente, sind für die Krankenbeobachtung zuständig. Alle vier Stunden gibt es einen Lagerungswechsel, damit sich niemand wund liegt. Auch die postoperative Versorgung und die Dokumentation gehören dazu. Und generell sind wir die Augen und Ohren des Stationsarztes.

Es bleibt keine Zeit für Gespräche – was gerade bei schwer erkrankten Menschen ganz wichtig wäre. Du hast auch keine Zeit für die Angehörigen, sondern rennst nur von Zimmer zu Zimmer.

Und was davon geht unter, wenn ihr so schlecht besetzt seid?

Man macht nur noch das Notwendigste. Man achtet einfach nur darauf, dass die Patienten überleben, das ist nur noch Grundsicherung. Ich habe es in meiner Abteilung noch nie erlebt, dass deshalb jemand gestorben wäre. Aber es bleibt keine Zeit für Gespräche – was gerade bei schwer erkrankten Menschen ganz wichtig wäre. Du hast auch keine Zeit für die Angehörigen, sondern rennst nur von Zimmer zu Zimmer. Und natürlich übersieht man dabei auch mal was. Wenn man es nur schafft, alle drei Stunden bei einem Patienten vorbeizuschauen, reicht das einfach nicht.

Sind diese Probleme denn allen bewusst – und niemand unternimmt etwas dagegen?

Klar, die Kliniken kennen die Probleme. Die bemühen sich ja auch, neues Personal zu akquirieren. Es werden neue Stellen geschaffen, um die Lage zu verbessern, aber das ist ja das Kernproblem: Man kann die Stellen nicht besetzen, weil der Arbeitsmarkt leer ist. Aktuell gibt es den Plan, Personal aus dem Ausland anzuwerben, aber aus meiner Sicht ist das nicht der richtige Weg, der Beruf lebt ja auch von Kommunikation. Zum Beispiel sollen Pfleger von den Philippinen geholt werden – da ist die Ausbildung ganz anders aufgebaut als bei uns.

The-Fabulous-Franzi

Wie könnte eine gute Lösung aussehen?

Die Rahmenbedingungen müssten verbessert werden. Damit Berufseinsteiger sagen: Darauf habe ich Bock. Man hört immer nur, dass Schwestern am Wochenende und nachts arbeiten, dass wir an Feiertagen Dienst haben und auch mal elf Tage am Stück in der Klinik sind. Außerdem haben wir Stress und nur wenige Pausen – das ist alles, was nach außen dringt. Und natürlich geht es ums Geld: Motivation ist käuflich. Sonst würden nicht so viele Kollegen in die Zeitarbeit wechseln, die gerade boomt.

Gibt es da so viel mehr Geld als in einer klassischen Anstellung?

Ja, die Zeitarbeitsfirmen zahlen horrende Summen. Ich kenne Kollegen, die am Ende des Monats mit dem Gehalt eines Assistenzarztes nach Hause gehen – obwohl sie genauso viel arbeiten wie festangestellte Pfleger in der Klinik. Eigentlich ist Zeitarbeit ja nie besonders beliebt, aber in der Pflege können sich die Firmen vor Zulauf kaum retten. Zusätzlich zum Geld ermöglicht das Modell eine flexible Dienstplangestaltung: Man sagt einfach, wann man verfügbar ist und wann man frei haben will – und wird dementsprechend eingeteilt.

Und was sind aus deiner Sicht die Nachteile an dem Modell?

Für mich persönlich ist das wurzellos. Du hast nie ein festes Team, was mir ganz wichtig ist. Du arbeitest mal hier und mal dort, hast immer ein neues Umfeld und immer neue Abläufe. Das muss man mögen und das muss man auch können. Wir Festangestellten übernehmen auch Dinge wie Apothekenbestellungen – das können Zeitarbeiter gar nicht, weil sie sich damit nicht auskennen. Sie fokussieren sich in ihrer Schicht auf die Pflege und sind dann wieder weg. Aber wenn es ums Gehalt und um Work-Life-Balance geht, gibt es natürlich klare Vorteile.

Wie sieht es bei dir mit Work-Life-Balance aus? Wie vereinbarst du den Job mit deinem Mann und den beiden Kindern?

Ich arbeite in Teilzeit und habe wirklich Glück, weil ich zwei Omas vor Ort habe, die uns echt unterstützen – sonst ginge es nicht. Kinderbetreuung ist auch ein wichtiger Punkt: Es gibt einige Kliniken mit Ganztageskindergärten. Das müsste zum Standard werden, das ist natürlich für Frauen ein großer Anreiz. In unserer Klinik gibt es auch eine Kinderbetreuung, allerdings nur von etwa 7 bis 18 Uhr. Da können Eltern aus der Verwaltung ihre Kinder hinbringen, aber keine einzige Krankenschwester, weil es nicht zu unserem Dienstplan passt.

War dir von Anfang an klar, worauf du dich mit deinem Job einlässt?

Ja, grundsätzlich schon. Aber als ich 2007 angefangen habe, war es noch nicht so schlimm wie jetzt. Wir haben auch damals nicht herumgesessen und Kaffee getrunken, aber wir konnten unsere Patienten adäquat versorgen und es war okay. Wenn mal ein Kollege krank war, musste man einspringen und es wurde besonders stressig – aber was damals die Ausnahme war, ist jetzt zur Regel geworden.

KrankenschwesterIntensivstation-Interview

Und wie ist es jetzt, wenn jemand ausfällt?

Mittlerweile springt niemand mehr ein und aus meiner Sicht ist das auch gut so. So haben wir das über Jahre selbst kompensiert und immer wieder Löcher gestopft. Es würde bei den vielen Ausfällen auch nicht gehen. Wenn jetzt jemand krank ist, ist ein Kollege weniger im Dienst und die anderen müssen das ausgleichen. Aber es bleibt niemand zuhause, wenn er nicht wirklich muss. Das scheint auch zur Mentalität in der Pflege zu gehören, dass man sich auch noch todkrank zur Arbeit schleppt. Weil du weißt, dass es die Kollegen sonst ausbaden müssen. Es geht eben nicht um Papiere, die man bis zum nächsten Tag liegen lassen kann.

Woran liegt es aus deiner Sicht, dass es so viel schlimmer geworden ist?

Ich denke, das ist der demografische Wandel. Die Leute werden älter und kränker, es gibt immer mehr Patienten – und kein Personal, um das auszugleichen.

Du kannst deinen Beitrag dazu leisten, dass es einem Patienten besser geht. Das ist es, was mich antreibt.

Glaubst du, dass du mit deiner Aktivität auf Instagram dabei etwas bewirken kannst?

Meine Hoffnung ist gering, dass ich politisch etwas verändern kann. Aber ich habe so viele Menschen erreicht, die erst jetzt wissen, was los ist. Und für Kollegen aus der Pflege ist es eine Plattform, um sich auszutauschen. Das Bewusstsein und die Kommunikation über die Probleme sind in jedem Fall größer geworden. Es gibt einige Schwestern und Pfleger, die ähnliche Accounts haben wie ich – wir haben uns vernetzt und auch schon privat getroffen, das ist wirklich schön. Außerdem sehe ich es auch als Werbung für meinen Beruf an.

Wirken viele von deinen Beiträgen nicht eher abschreckend?

Ich spreche ja nicht nur darüber, wie schlimm es ist. Ich erzähle auch, was schön an dem Beruf ist, was mir besonders viel Spaß macht und warum es sich lohnt, den Job trotzdem zu machen. Ich persönlich kann mir nichts Sinnhafteres vorstellen. Das Schönste ist einfach, dass du siehst, dass durch dein Zutun jemand gesund wird. Du kannst deinen Beitrag dazu leisten, dass es einem Patienten besser geht. Das ist es, was mich antreibt.

Hast du das Gefühl, dass es manchmal zu wenig Anerkennung dafür gibt, was ihr leistet?

Mir persönlich ist es zum Glück noch nie passiert, dass jemand einen blöden Spruch gemacht hat, weil ich Krankenschwester bin. Aber ich höre manchmal von Kollegen, dass es ein schlechtes Bild von unserem Beruf gibt. Ich weiß nicht, woher das kommt. Es ist ein wirklich anspruchsvoller Job, auch die Ausbildung und das Examen waren echt hart. Ich kann mir höchstens vorstellen, dass Patienten, die sich im Krankenhaus schlecht betreut fühlen, das nach außen tragen – und die Schuld dafür dem Pflegepersonal geben.

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Hast du das selbst schon mal auf der anderen Seite erlebt, als Patientin oder Angehörige?

Ja, ich war selbst schon in allen Rollen. Mein Vater ist an Krebs gestorben und ich weiß noch, wie es war, als er im Krankenhaus lag: Wenn ich mit einem schlechten Gefühl nach Hause gegangen bin, weil ich nicht wusste, ob abends noch jemand nach ihm guckt. Oder wenn ich zu Besuch war und stundenlang niemanden gesehen habe, der sich um ihn kümmert oder mit den Angehörigen spricht. Das ist kein schönes Gefühl.

Als ich selbst mal im Krankenhaus lag, habe ich mich kaum getraut, nach einer Schwester zu klingeln, weil alle gestresst waren und hektisch über den Flur rannten – oder weil es sowieso ewig dauerte, bis jemand kam. Mir ging es zum Glück nicht ganz so schlecht, aber wenn du wirklich auf Hilfe angewiesen bist, dann fühlt sich das übel an.

Als ich selbst mal im Krankenhaus lag, habe ich mich kaum getraut, nach einer Schwester zu klingeln, weil alle gestresst waren und hektisch über den Flur rannten.

Wie sieht es eigentlich mit Männern in der Pflege aus?

Da gibt es definitiv ein Ungleichgewicht. Bei uns gibt es sechs oder sieben männliche Kollegen, aber rund 40 Frauen. Es ist weiterhin eine Frauendomäne. Vielleicht wäre das auch ein Ansatz: Dass man versucht, mehr Jungs für die Ausbildung zu begeistern.

Vieles von dem, was du erzählst, klingt wirklich übel. Hast du jemals überlegt, den Job zu wechseln?

Nein, nie. Ich wüsste auch gar nicht, was ich sonst machen würde. Ich kann mir keinen anderen Job vorstellen – und ich habe ja auch nur diesen gelernt. Also bleibe ich dabei.

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Wie kannst du von dem Job abschalten? Gerade, wenn du auch so viel über den Pflegenotstand liest und bei Instagram darüber berichtest und diskutierst?

Instagram beansprucht mich eigentlich gar nicht so viel, darum kümmere ich meistens abends, wenn die Kinder im Bett sind. Und wenn es Dinge gibt, die mich bei der Arbeit belasten, dann rede ich mit meinem Mann darüber. Ich habe den großen Vorteil, dass er Unfallchirurg ist und versteht, worüber ich rede. Das holt mich immer total runter. Ich könnte mir vorstellen, dass es schwieriger ist, wenn der Partner selbst überhaupt keine Berührungspunkte mit dem Thema hat.

Schaffst du es denn immer pünktlich nach Hause? Oder bleibst du auch mal eine Stunde länger, um dann doch noch mit Patienten persönlich reden zu können?

Es gibt Kollegen, die machen das – aber ich halte das für sehr ungesund. Natürlich ist unser großes Problem, dass wir emotional erpressbar sind. Du denkst dir dann: Der Patient ist heute Nacht ganz allein, da bleibe ich doch nochmal zwei Stunden bei ihm. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir etwas an der Situation ändern.

Was wäre dein Wunsch, damit es besser wird?

Ich würde mir wünschen, dass man nicht so realitätsfremde Politik betreibt, sondern sich wirklich anschaut, was vor Ort los ist. Aber natürlich darf man auch nicht nur Politikern die Schuld geben: Wir sind in der Pflege auch schlecht organisiert, das muss man klar sagen. Es sind nur sehr wenige Kollegen in einer Gewerkschaft. Es wäre hilfreich, wenn wir uns alle wie Ärzte in der Ärztekammer organisieren würden. Wenn es eine autarke und starke Organisation gäbe, die unsere Interessen vertritt. Da müsste wirklich noch viel passieren.

Dann hoffen wir sehr, dass sich daran bald etwas ändert. Danke für das spannende Gespräch!

Hier findet ihr Franzi:

Fotos: Annika Eliane

Interview: Julia Allmann

Layout: Kaja Paradiek

 

 

1 Comment

  • Eine Freundin von mir arbeitet als Kinderkrankenschwester und sie sagt auch immer wieder das es nicht genug Schwestern gibt. Sie meinte es entstehen immer mehr private Firmen, die viel besser bezahlen als der Staat selbst. Daher, wenn es Krankenschwestern gibt das sind auch oft Privat angestellt.

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