Erwachsenen-WG mit 35 und 42: "Als Freund*innen zusammen wohnen ist keine Notlösung"

Mit der besten Freundin zusammenziehen, den Mental Load fair aufteilen und nicht ständig auf Dating-Apps rumhängen: Claudia Simchen (42) und Michaela Stenger (35) leben, was sich viele Frauen* vorstellen können. Sie sind seit 16 Jahren befreundet – und teilen sich seit zwei Jahren ein Zuhause. Was als Übergangslösung begann, hat sich zu einer bewussten Lebensentscheidung entwickelt.
Ihre Altbauwohnung im Frankfurter Westend haben die Fotografin und die Flugbegleiterin komplett neu zusammen eingerichtet: mit ausgewählten Farben, Lieblingspieces lokaler Künstler*innen und ganz vielen Erinnerungen an gemeinsame Reisen. Wir haben die beiden in ihrer Erwachsenen-WG besucht, mit ihnen über den gemeinsamen Alltag und alternative Wohnkonzepte für Frauen* gesprochen.

Mehr als nur ein Plan B: Die Freundinnen Michaela Stenger (links) und Claudia Simchen (rechts) haben eine WG in Frankfurt gegründet.
"Wir haben gemerkt, dass uns Gemeinschaft und ein echtes Zuhause mit jemandem wichtig sind – unabhängig von einer romantischen Beziehung."Claudia Simchen












Das Herzstück der Erwachsenen-WG ist das Wohnzimmer mit dem gemütlichen Sofa von "Ikea".
Verbunden mit einer Flügeltür: das Esszimmer.
Hier hängen Urlaubserinnerungen an den Wänden.
Platz für noch mehr Herzensmenschen: Michaela und Claudia laden gerne zu sich ein.
Das Herzstück der Erwachsenen-WG ist das Wohnzimmer mit dem gemütlichen Sofa von "Ikea".
Verbunden mit einer Flügeltür: das Esszimmer.
Hier hängen Urlaubserinnerungen an den Wänden.
Platz für noch mehr Herzensmenschen: Michaela und Claudia laden gerne zu sich ein.
Das Herzstück der Erwachsenen-WG ist das Wohnzimmer mit dem gemütlichen Sofa von "Ikea".
Verbunden mit einer Flügeltür: das Esszimmer.
Hier hängen Urlaubserinnerungen an den Wänden.
Platz für noch mehr Herzensmenschen: Michaela und Claudia laden gerne zu sich ein.
femtastics: Ihr seid schon lange gut befreundet und heute Mitbewohnerinnen mit 35 und 42 Jahren. Wie kam es dazu, dass ihr zusammengezogen seid?
Claudia Simchen: Wir sind seit 16 Jahren Freundinnen und wohnen seit zwei Jahren zusammen. Obwohl wir aus demselben kleinen Dorf in Franken kommen, haben wir uns erst so richtig angefreundet, als wir beide als Flugbegleiterinnen bei derselben Airline gearbeitet haben. Wir sind viel zusammen geflogen und gereist, haben auch privat immer mehr Zeit zusammen verbracht. Und daraus ist eine sehr enge Freundschaft geworden. Als ich vor zwei Jahren aus Berlin nach Frankfurt gezogen bin, hat Michi mir angeboten, dass ich übergangsweise bei ihr einziehen kann.
Michaela Stenger: Meine Wohnung war eigentlich zu klein für eine WG, aber wir haben ganz pragmatisch umgebaut, Stauraum geschaffen und das Wohnzimmer zu Claudias Zimmer gemacht. Nach einem Jahr haben wir gemerkt: Das ist mehr als nur eine Übergangslösung, wir wollen dauerhaft zusammen leben. Dann haben wir gemeinsam nach einer größeren Wohnung gesucht und sind in unser heutiges Zuhause im Westend umgezogen.
"Vor allem Frauen* reagieren, als fiele ihnen eine Last von den Schultern. Als würden sie erkennen: Ach so, stimmt, so kann man ja auch wohnen."Claudia Simchen
Welche Erfahrungen habt ihr bei der gemeinsamen Wohnungssuche gemacht?
Claudia: Am Anfang haben wir selbst gar nicht gecheckt, dass das irgendwie besonders ist, wenn zwei erwachsene Frauen* zusammen in eine Wohnung ziehen wollen. Für uns war es einfach naheliegend. Vor allem Frauen* reagieren, als fiele ihnen eine Last von den Schultern. Als würden sie erkennen: Ach so, stimmt, so kann man ja auch wohnen.
Aber bei der Wohnungssuche haben wir schnell gemerkt: Viele können uns nicht einordnen. Die meisten Vermieter*innen wollen explizit keine Wohngemeinschaften. Die denken, das ist wie mit 20: laute Partys, Unordnung, wechselnde Leute. Und dann gab es auch welche, die gar nicht kapiert haben, dass wir kein Couple sind.
Michaela: Wir haben immer mal wieder überlegt, ob wir uns als Paar ausgeben sollen, weil wir als zwei Frauen* ohne Beziehung absurderweise oft abgelehnt wurden. Am Ende haben wir die Wohnung bekommen, weil die Vormieter – zwei Männer* – uns weiterempfohlen haben. Die fanden unser Wohnmodell toll und haben beim Vermieter ein gutes Wort eingelegt.

Wohn- und Esszimmer teilen sich die Mitbewohnerinnen, vom Flur (links) gehen ihre Schlafzimmer ab.
"Jetzt komme ich nach einem Nachtflug nicht mehr in eine leere Wohnung zurück, sondern zu Claudia, die schon Kaffee gekocht hat."Michaela Stenger












Liebster WG-Moment: Morgens zusammen auf dem Sofa frühstücken.
Claudia ist Herausgeberin des "Blend"-Magazins.
Liebster WG-Moment: Morgens zusammen auf dem Sofa frühstücken.
Claudia ist Herausgeberin des "Blend"-Magazins.
Liebster WG-Moment: Morgens zusammen auf dem Sofa frühstücken.
Claudia ist Herausgeberin des "Blend"-Magazins.
Frankfurt ist nach München der zweitteuerste Wohnmarkt Deutschlands, einen Quadratmeter mietet man für rund 17 Euro. Welche Rolle spielt das bei der Entscheidung für eine gemeinsame Wohnung?
Claudia: Alleine kriegst du für das gleiche Geld viel weniger, zusammen können wir uns definitiv mehr leisten. Warum sollten da nur klassische Paarbeziehungen von profitieren? Aber der entscheidende Punkt ist ein anderer. Wir sind beide seit längerem Single, wollen wahrscheinlich keine Kinder, und haben gemerkt, dass uns Gemeinschaft und ein echtes Zuhause mit jemandem wichtig sind – unabhängig davon, ob dies mit einer romantischen Beziehung verbunden ist.
Michaela: Bevor Claudia zu mir gezogen ist, habe ich acht Jahre alleine gewohnt und bin nach einem Nachtflug in eine leere Wohnung zurückgekehrt. Jetzt komme ich nach Hause und Claudia hat schon Kaffee gekocht oder Frühstück vorbereitet. Das mag klein klingen, aber ist so viel wert. Und es nimmt den Druck raus, in den 30ern oder 40ern unbedingt jemanden finden zu müssen, um ein gemeinsames Leben aufzubauen. Es ist schön zu wissen, dass wir uns unabhängig von Männern* ein erfülltes, gemeinsames Leben aufbauen können. Wenn dann der jeweils Richtige für uns in unser Leben tritt, können wir das ganz ohne Erwartungsdruck genießen.
"Wenn ich ohne Michi in ein Restaurant komme, werde ich oft gefragt: Wo ist deine bessere Hälfte?"Claudia Simchen
Wie sieht der Alltag in einer Erwachsenen-WG aus? Verbringt ihr viel Zeit miteinander?
Claudia: Wir sind in Frankfurt als Doppelpack bekannt. Wenn ich ohne Michi in ein Restaurant komme, werde ich oft gefragt: Wo ist deine bessere Hälfte? Wie bei so einem alten Ehepaar, das sagt eigentlich schon alles (lacht).
Michaela: Wir machen viel zusammen, gehen zum Sport, laden unsere Leute ein, sind gerne Gastgeberinnen. Unser liebstes Ritual ist es, morgens zusammen auf dem Sofa Kaffee zu trinken und unser Granola zu frühstücken. Dabei besprechen wir auch, was die nächsten Wochen so ansteht, und teilen den Mental Load auf. Ich bin als Flugbegleiterin manchmal mehrere Tage am Stück weg. Mir ist wichtig, dass nicht alles an Claudia hängenbleibt.
Wie organisiert ihr euer Zusammenleben: Finanzen, Haushalt, Anschaffungen?
Claudia: Wir haben einen Familienplaner in der Küche hängen, Daueraufträge für die Miete eingerichtet und halten Einkäufe oder kleinere Ausgaben in einer Finanz-App nach. So ist klar, wer was bezahlt hat, ohne dass wir ein Gemeinschaftskonto brauchen. Ein Auto haben wir zusammen angeschafft, die Möbel für die neue Wohnung haben wir aufgeteilt.












Eins von Michaelas Lieblingspieces in ihrem Zimmer: der "Cuba Chair" von "Carl Hansen".
Hier zieht sich die Flugbegleiterin zwischen ihren Einsätzen gerne zurück.
Von Michaeles Zimmer aus geht´s auf den WG-Balkon, der in einen grünen Hinterhof reicht.
Eins von Michaelas Lieblingspieces in ihrem Zimmer: der "Cuba Chair" von "Carl Hansen".
Hier zieht sich die Flugbegleiterin zwischen ihren Einsätzen gerne zurück.
Von Michaeles Zimmer aus geht´s auf den WG-Balkon, der in einen grünen Hinterhof reicht.
Eins von Michaelas Lieblingspieces in ihrem Zimmer: der "Cuba Chair" von "Carl Hansen".
Hier zieht sich die Flugbegleiterin zwischen ihren Einsätzen gerne zurück.
Von Michaeles Zimmer aus geht´s auf den WG-Balkon, der in einen grünen Hinterhof reicht.

Ein Radler auf dem Balkon, einen Kaffee auf dem Sofa: Gemeinsame Alltagsrituale sind den Freundinnen wichtig.
"Wir können genauso sein, wie wir sind. Das ist eine Art von Sicherheit, die ich mir auch in einer romantischen Beziehung wünsche."Claudia Simchen
Wart ihr euch einig, wie ihr die neue Wohnung gestalten und einrichten wollt?
Claudia: Wir hatten keinen Masterplan, sondern sind da Step by Step rangegangen. Weil wir beide alles verkauft haben, sind wir nur mit unseren Matratzen hier reingekommen und haben uns Zeit gelassen, die richtigen Möbel auszusuchen. Wir wollten einen Ort schaffen, der zu uns beiden passt und widerspiegelt, wer wir sind. Wir haben ein großes Netzwerk hier in Frankfurt, das uns geholfen hat. Eine Freundin hat ein Interior-Studio und uns die Vorhänge und Kissenbezüge genäht. Bei den Textilien und Wandfarben haben wir nicht gespart und auch das eine oder andere Designer Piece angeschafft. Andere Möbel wie das Sofa oder die Sitzbank sind von Ikea oder dem Flohmarkt, das ist ein stimmiger Mix für uns.
Michaela: Dazu kombinieren wir ganz viel lokale Handwerkskunst. Das Geschirr und eine Eye Catcher-Vase sind von einer lieben Freundin, die eine eigene Töpferei hat. An den Wänden hängen die Illustration einer Frankfurter Künstlerin sowie auch Fotografien von Claudia und unseren gemeinsamen Reisen. Von denen haben wir uns überhaupt inspirieren lassen. Wir lieben die Naturtöne, die man in Kalifornien überall sieht, die ziehen sich durch die gesamte Wohnung. Die Gemeinschaftsräume haben wir zusammen gestaltet, in unseren Zimmern hat dann jede ihren eigenen Stil.










Am Ende des Flurs liegt Claudias Zimmer.
Hier hat sich die Fotografin ihren gemütlichen Safe Space kreiert.
Daran angeschlossen: Das Bad mit Dusche.
Das Bild hat Claudia im gemeinsamen Miami-Urlaub fotografiert.
Am Ende des Flurs liegt Claudias Zimmer.
Hier hat sich die Fotografin ihren gemütlichen Safe Space kreiert.
Daran angeschlossen: Das Bad mit Dusche.
Das Bild hat Claudia im gemeinsamen Miami-Urlaub fotografiert.
Reality-Check: Was sind die Vorzüge, mit einer Freundin zusammenzuleben – und was ist dabei herausfordernd?
Michaela: Der größte Vorteil ist das Gefühl von Sicherheit. Nicht im Sinne von: Da ist jemand, der aufpasst. Sondern dieses Grundvertrauen, dass ich alles sagen kann, alle Bedürfnisse und Bedenken äußern kann. Ohne dass Claudia das belächelt oder falsch versteht.
Claudia: Wir können genauso sein, wie wir sind. Das ist eine Art von Sicherheit die ich mir auch in einer romantischen Beziehung wünsche. Es gibt so vieles, das ich nicht erst erklären muss, auch weil wir die Lebensrealität der anderen so gut kennen. Ich verändere mich aktuell in meinem Frausein, dabei unterstützt mich Michi und nimmt etwa beim Kochen ganz selbstverständlich Rücksicht. Andersherum weiß ich ganz genau, dass sie ihre Ruhe braucht, wenn sie vom Fliegen nach Hause kommt und den ganzen Tag 300 Menschen versorgt hat. Dann veranstalte ich an dem Abend nicht unbedingt eine Dinner Party.
Michaela: Seitdem wir zusammen wohnen, lernen wir einander in allen Alltagsfacetten kennen. Nicht nur die beste Version, die man für eine Verabredung rausputzt. Wenn eine gerade in einer unausgeglichenen Phase ist, bekommt die andere das mit. Da braucht es ehrliche Kommunikation und die Bereitschaft, auch mal etwas Unbequemes anzusprechen, bevor sich was anstaut und zu Streit führen kann. Claudia ist eher direkt, ich brauche manchmal etwas länger. Das haben wir gelernt, gegenseitig zu respektieren.

"Wir würden unser Modell nicht von heute auf morgen auflösen, wenn ein Partner in unser Leben kommt."Michaela Stenger












Würde sich an eurem Wohnmodell etwas ändern, wenn eine von euch eine*n Partner*in findet?
Claudia: Wir wünschen uns einen Partner, der mit unserer Verbindung klar kommt, denn wir haben nicht vor, unser aktuelles Modell von heute auf morgen aufzulösen.
Michaela: Was wir in 16 Jahren aufgebaut haben, soll niemanden abschrecken. Wir finden unser Verhältnis besonders. Allerdings wissen wir beide auch, dass es manchmal schnell gehen kann und da jemand ins Leben kommt, bei dem man nach kurzer Zeit eine Anziehung spürt, aus der sich eine vertraute Bindung entwickelt.
"Mit einer anderen erwachsenen Frau* zusammenzuziehen ist keine Notlösung oder Übergangsphase."Michaela Stenger
Was ratet ihr anderen Frauen*, die darüber nachdenken, zusammenzuziehen?
Claudia: Einfach machen, wenn es sich richtig anfühlt. Und dann von Anfang an ehrlich kommunizieren. Nicht aus Höflichkeit oder People Pleaserei etwas schlucken. Sondern ganz klar sagen, was man braucht und möchte, und was nicht. Das klingt simpel, aber ich glaube, das ist der eigentliche Kern, warum wir so gut miteinander funktionieren.
Michaela: Und sich bewusst sein, dass das eine echte Entscheidung für ein echtes Wohnmodell ist. Mit einer anderen erwachsenen Frau* zusammenzuziehen ist keine Notlösung oder Übergangsphase. Wenn man das von Anfang an so angeht, verändert sich auch, wie man miteinander wohnt. Wir haben gemerkt: Das Bedürfnis nach Gemeinschaft, nach einem echten Zuhause mit jemandem, muss nicht an eine romantische Beziehung geknüpft sein. Man kann das auch so haben. Und es ist wirklich schön.
