Designerin Buki Akomolafe: „Mode ist zu hundert Prozent politisch!“

28. September 2020

Es ist ein heißer Sommertag als wir Buki Akomolafe in ihrer hellen Altbauwohnung in Berlin-Kreuzberg besuchen. Seit zwölf Jahren lebt die 35-jährige Designerin hier im Bergmannkiez, ihr Studio liegt nur wenige Häuser entfernt. Für ihr Design-Studium zog es sie nach Berlin, zuvor war sie in Stuttgart und Nigeria zu Hause. Das Aufwachsen in zwei so unterschiedlichen Kulturen prägt nicht nur Buki Akomolafes Wohnung, deren klassischer Altbaucharme durch afrikanische Elemente wie handgemachte Teppiche und Kunst eine persönliche Note erhält. Es ist vor allem ihre Mode, in der sich die junge Designerin mit den Themen Kultur und Identität auseinandersetzt. 2014 fasste sie den Entschluss, ein eigenes Label zu gründen, 2016 erschien ihre erste Kollektion, bei der sie auf eine nachhaltige und faire Produktion setzte. Wir sprechen mit ihr darüber, wo Slow Fashion ansetzen muss, um sich langfristig durchzusetzen, über die Rolle von Afrika in der Modebranche und welche politische Kraft in Mode steckt.

Eigentlich wollte Buki Akomolafe Fotografin werden, bevor sie den Weg zum Modedesign gefunden hat.

femtastics: Hast du direkt nach deinem Design-Studium dein eigenes Label gegründet?

Buki Akomolafe: Nein, nach dem Studium habe ich mir erstmal eine Auszeit genommen und war in verschiedenen Projekten aktiv. Ich habe zum Beispiel an Schulen unterrichtet und Jugendlichen in wöchentlichen AGs das Nähen beigebracht. Außerdem engagiere ich mich seit über zehn Jahren im Projekt „Rollis für Afrika“, bei dem ausrangierte Rollstühle in den Senegal gebracht werden, und im Rahmen dessen bin ich jährlich dorthin gereist. 2014 habe ich mit der Recherche für mein eigenes Label begonnen. Es war mir wichtig, mir Zeit zu nehmen, um herauszufinden, in welche Richtung ich gehen will. Für mich war klar, dass ich mit nachhaltigen Materialien arbeiten will, damals gab es noch nicht so eine große Auswahl wie heute. 2016 habe ich meine erste Kollektion auf den Markt gebracht. Dennoch ist das Designen nur ein Teil meiner Arbeit. Der Austausch mit Menschen außerhalb der Modebranche ist genauso wichtig für mich und eine gute Abwechslung zur Modeindustrie.

Warum ist dir die Arbeit mit Menschen abseits der Modebranche so wichtig?

Es macht mir Spaß mit Schüler*innen zu arbeiten und ihnen etwas beizubringen. Gleichzeitig merke ich, wie mir dieser Austausch den Sinn meiner Arbeit vor Augen führt und mich als Designerin beeinflusst. Es ist spannend und inspirierend zu sehen, wie Jugendliche durch das eigene Erleben einen neuen Zugang zu den Dingen bekommen. Genau hier setzen Nachhaltigkeit und Transparenz für mich an.

Buki ist in der Nähe von Stuttgart geboren. Kurz danach zog die Familie nach Nigeria, wo ihr Vater 1984 das Village Pioneer Project (VPP) gründete, ein Dorfentwicklungsprojekt etwa 250 km nordöstlich von Lagos, das Ausbildungszentren für Landwirtschaft und Handwerk betreibt.

Du hast bei deiner Arbeit von Anfang an auf Nachhaltigkeit bei den Stoffen und der Produktion gesetzt, produzierst ganz bewusst nur eine Kollektion pro Jahr und zeigst beispielsweise auf Instagram, wie aufwendig verschiedene Arbeitsprozesse sind. Was kann oder muss deiner Meinung nach noch getan werden, damit die Entwicklung weg von Fast Fashion hin zu Slow Fashion geht?

Ich denke, dass es tatsächlich ein wichtiger Schritt ist, bei den jungen Menschen anzusetzen, die zurzeit sehr offen und unheimlich fit in diesem Themenbereich sind. Durch die Nähkurse und Workshops, die ich in Schulen gebe, beispielsweise zum Thema Klimawandel und Mode, möchte ich Jugendliche dabei unterstützen, ein Gefühl für Stoffe und Schnitte zu bekommen. Es geht darum zu verstehen, was alles hinter einem Kleidungsstück steht. Nur wenn wir wissen, welche Ressourcen und welche Arbeitsschritte hinter einem Produkt stecken, bekommen wir einen echten Bezug zu den Dingen und können deren Wert nachvollziehen. Das eigene Erleben schafft diese Transparenz. Die Schnelllebigkeit in der Modebranche hat dazu geführt, dass dieser Bezug komplett in den Hintergrund geraten ist. Am Ende hängen Produkte im Laden, die günstiger sind als ein Kaffee und man denkt, es sei ok so. Langfristig wird es nicht vermeidbar sein, Gesetze einzuführen, die den Handel und die Produktion regulieren, denn alleine an die Vernunft der Menschheit zu appellieren, reicht leider nicht.

Wie könnten solche Gesetze deiner Meinung nach aussehen?

Das geplante Lieferkettengesetz ist schon ein guter Anfang. Dieses würde deutsche Unternehmen dazu verpflichten, transparenter zu sein und bestimmte Regeln zur Einhaltung von Menschenrechten und Umweltstandards entlang der Lieferkette strenger zu kontrollieren. Natürlich ist das nur der erste Schritt und solche Gesetze müssten international ausgeweitet werden.

Die meisten Menschen wissen um die Missstände in der globalen Textilindustrie und dennoch kaufen viele Konsument*innen noch Fast Fashion von der Stange. Warum ist das so?

Wir leben umgeben von einer Flut an Informationen und je mehr man weiß und sich mit Dingen auseinandersetzt, desto komplizierter und anstrengender wird es. Das schreckt viele ab. Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass es keinen Sinn hat, in allen Bereichen alles perfekt machen zu wollen, dann wird alles zum Krampf. Es geht vielmehr darum, die Balance zu finden: sich achtsam und bewusst mit den Dingen auseinanderzusetzen und gleichzeitig die Lebensfreude, Leidenschaft usw. nicht zu verlieren.

Welche Wege gibt es, um als Einzelperson in kleinen Schritten zu einer positiven Veränderung beizutragen?

Ein erster Schritt wäre, weniger zu konsumieren und sich nicht jede Woche ein neues T-Shirt zu kaufen, nur weil es günstig ist. Durch Social Media wie Instagram sind wir es gewohnt, immer weiter zu swipen, neue Bilder präsentiert zu bekommen – das löst auch auf anderen Ebenen etwas in uns aus. Wir wollen ständig neuen Content sehen und diese Abwechslung auch im wahren Leben haben. Aber das permanente Bedürfnis nach immer mehr und mehr macht am Ende nicht glücklicher.

Da ich nur eine Kollektion im Jahr produziere, ist die Frage nach dem Umgang mit dem Bedürfnis nach immer neuem Content und dem gleichzeitigen Bewusstsein, dass nicht ständig etwas Neues produziert werden kann, für mich besonders spannend. Darum versuche ich damit zu spielen und alte Dinge so zu transformieren, dass sie neu wirken.

Das permanente Bedürfnis nach immer mehr und mehr macht am Ende nicht glücklicher.

Für ihre charakteristischen Designs verwendet Buki häufig ein Waffelpiqué aus hundertprozentiger Bio-Baumwolle. Die Stoffreste verarbeitet sie weiter, beispielsweise zu geräumigen Beuteln.

Wo sammelst du Ideen? Woher nimmst du die Inspiration für deine Kollektionen?

Ich beobachte meine Umgebung intensiv. Meistens liegt meine Aufmerksamkeit auf Farben, Flächen und Strukturen. Die Hauptinspiration für meine erste Kollektion war eine religiöse Gruppierung der Sufis aus dem Senegal, die „Baye Fall“. Durch die Mitarbeit im Verein „Rollis für Afrika“ war ich regelmäßig im Senegal und durch die Patchwork-Kleidung, die dort getragen wird, bin ich zum Quilten gekommen. Mit diesen Eindrücken habe ich mich schon in meiner Abschlussarbeit auseinandergesetzt und sie seitdem weiterentwickelt.

Du bist in Nigeria und Deutschland aufgewachsen und transportierst Eindrücke aus diesen zwei Welten in deinen Kollektionen, indem du beispielsweise moderne Schnitte mit traditionell westafrikanischen Textilien und Techniken kombinierst. War für dich von Anfang an klar, dass die Auseinandersetzung mit beiden Ländern und Kulturen, in denen du verwurzelt bist, ein zentrales Thema deiner Mode sein wird?

Die Frage nach der Identität war mein Leben lang ein Thema für mich. Das Aufwachsen zwischen zwei so extremen Welten wie Deutschland und Nigeria – Europa und Afrika – macht etwas mit einer Person. Mode ist für mich zu einer Art Sprache geworden, die es mir ermöglicht, mich auszudrücken und auch meine eigene Geschichte zu erzählen. Das Spannendste dabei ist, wie aus der Verbindung zweier so unterschiedlicher Einflüsse etwas Neues entstehen kann.

Das Interview führt femtastics-Autorin Edyta Dombrowski.

Es gibt bislang keine Diversität. Durch die aktuelle Debatte ist ein Anfang getan, aber das, was Black Lives Matter angestoßen hat, war für mich natürlich schon immer Thema.

Seit einigen Jahren gelten afrikanische Länder, neben Indien oder Bangladesch, als neue Standorte für die billige Produktion von Kleidung. Gleichzeitig wächst die kreative Modeszene und damit die Sichtbarkeit afrikanischer Designer auf dem internationalen Markt. Verfolgst du diese Entwicklungen und warum kriegen wir hier in Deutschland dennoch nur relativ wenig davon mit?

Ich habe mich viel mit diesen Entwicklungen auseinandergesetzt, vor allem als ich mein Label gegründet habe. Aber was in Afrika stattfindet, war hier bislang schlichtweg nicht von wirtschaftlichem Interesse, auch wenn innerhalb der letzten zwei Jahre mehr und mehr nach Afrika geschaut wurde. Einerseits freut mich das, aber andererseits sehe ich diese Entwicklung auch skeptisch. Ich habe ein wenig die Sorge, dass Afrika aktuell nur ein Trend ist, beispielsweise auch in der Kunstszene, und wenn dieser vorbei geht, interessiert sich niemand mehr dafür. Mein Wunsch wäre, dass die Auseinandersetzung mit Afrika auf einer tieferen Ebene stattfindet und man sich nicht nur das Beste rauspickt, ohne sich wirklich zu interessieren. Ich hoffe, dass die vielen Künstler*innen, die wie ich in der Diaspora leben und beide Welten kennen, die Dinge langfristig verändern können. Durch diesen Blick für beide Welten und Kulturen haben wir auch eine gewisse Verantwortung, mehr Bewusstsein zu schaffen.

Wie steht es um die Diversität in der deutschen Modebranche? Hast du das Gefühl, dass die aktuelle Black Lives Matter-Bewegung auch die Modebranche nachhaltig beeinflussen wird?

Es gibt bislang keine Diversität. Durch die aktuelle Debatte ist ein Anfang getan, aber das, was Black Lives Matter angestoßen hat, war für mich natürlich schon immer Thema. Es hat mich schon getroffen, dass so etwas passieren musste, damit die Öffentlichkeit hinsieht. Ich hoffe, dass das Ganze nicht nur ein Trend ist und diese Offenheit für das Thema bleibt, damit sich nachhaltig und langfristig etwas verändern kann. Struktureller Rassismus ist in der Gesellschaft so fest verankert, dass es lange dauern wird, ihn aufzubrechen. Aber deshalb ist es wichtig, in kleinen Schritten voranzugehen. Wir müssen Dinge benennen, bis sie irgendwann nicht mehr benannt werden müssen, weil es normal ist, dass Gleichberechtigung herrscht – das gilt für das Thema Rassismus genauso wie auch für Feminismus.

Ich wollte immer etwas Sinnvolles tun und hatte das Gefühl, dass schöne Kleidung nicht gerade das ist, was die Welt braucht. Aber dann ist mir bewusst geworden, wie wichtig das ist, was ich tue – gerade in Deutschland als Schwarze Frau Vorbild zu sein und im Rahmen meiner Möglichkeiten Dinge zu verändern.

Ist Mode für dich politisch?

Mode ist zu hundert Prozent politisch! Das habe ich auch erst mit der Zeit verstanden. Während meines Studiums habe ich oft mit mir gehadert. Ich wollte immer etwas Sinnvolles tun und hatte das Gefühl, dass schöne Kleidung nicht gerade das ist, was die Welt braucht. Aber dann ist mir bewusst geworden, wie wichtig das ist, was ich tue – gerade in Deutschland als Schwarze Frau Vorbild zu sein und im Rahmen meiner Möglichkeiten Dinge zu verändern. Allein die Entscheidung, ob ich ein Fast-Fashion-Teil kaufe oder nicht, ist ein politisches Statement. Dafür muss kein politischer Spruch aufgedruckt sein, es zählt, was dahintersteckt.

Allein die Entscheidung, ob ich ein Fast-Fashion-Teil kaufe oder nicht, ist ein politisches Statement. Dafür muss kein politischer Spruch aufgedruckt sein, es zählt, was dahintersteckt.

Welche Vision steht hinter deiner Arbeit? Hast du konkrete Ziele?

Meine Kleidung soll das Gefühl von Stärke, Mut und Selbstbewusstsein transportieren. Sie soll die Menschen, die sie tragen, in ihrem individuellen Sein bestärken und empowern. Darum ist es für mich besonders wichtig, Mode zu machen, in der sich die Träger*innen wohlfühlen. Zukünftig möchte ich noch mehr in Richtung Afrika gehen und mehr Produktionen dort machen. Außerdem will ich Communitys und Frauen noch stärker unterstützen und ihnen eine Stimme geben – in Afrika, aber auch hier, das ist genauso wichtig.

Vielen Dank für das Gespräch, Buki!

Hier findet ihr Buki Akomolafe:

Layout: Kaja Paradiek

1 Kommentar

  • Kasia sagt:

    Sehr schönes Interview! Eine kluge und sympathische Frau in einer Wohnung, in der sich leben lässt: Bunt, individuell und nicht durchgestylt. Bei den anderen Homestories habe ich seit einiger Zeit kaum mehr auf die Räume geachtet, weil sie mit wenigen Ausnahmen fast alle gleich ausgesehen haben. Und hier diese lebensfrohe Ambiente:-) die keineswegs im Widerspruch zu dem Gesagten steht. Danke!

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