In fünf Jahren zum Erfolg – Designerin Malaika Raiss

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5. Juli 2015

Die Modedesignerin Malaika Raiss hat es geschafft, sie ist „Girlboss“ und hat sich in der deutschen Modeszene einen Namen gemacht, was nur die wenigsten ihrer Konkurrenten schaffen. Ihr Label Malaikaraiss feiert dieses Jahr sein fünfjähriges Jubiläum, ein Meilenstein in der Fashion-Szene. Mittlerweile tauchen ihre Teile nicht nur auf vielen Blogs, in Modestrecken und in ausgewählten Boutiquen auf, sie hat zudem spannende Kooperationspartner an der Angel, eine Marketingstrategie, die aufgeht, und einen Pop-up-Store konzipiert, der in Kürze eröffnet wird. Wir haben die 30-Jährige in ihrem Atelier in Friedrichshein, in dem sie mit Geschäftspartnerin Lina Tisken und ihrem Team sitzt, getroffen und mit ihr über Einkäufer, Erfolg und Misserfolg der Berliner Modeszene, ihren neuen Pop-up-Store und Skate Punks gesprochen. Ganz nebenbei konnten wir einen Blick auf die noch nicht ganz fertige Sommerkollektion 2016 und viele neue Accesoires werfen, die sie während der Berlin Fashion Week im Palais am Festungsgraben präsentieren wird.

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Malaika zeigt uns Stoffe und Prototypen aus ihrer Sommerkollektion 2016.

 

femtastics: Du feierst gerade dein fünfjähriges Jubiläum und wir verfolgen deine Karriere schon von Anfang an. Gib uns ein kurzes Update: Wo steht dein Label Malaikaraiss jetzt?

Malaika Raiss: Ich würde sagen, dass wir jetzt im Kindergarten sind, wir haben die Babyphase und den Aufbau verlassen und fangen jetzt noch mehr zu wachsen und zu lernen an. Am Anfang hat man immer gesagt, man muss zehn Kollektionen machen, um aus dem Gröbsten heraus zu sein – ich würde sagen, diesen Status haben wir jetzt Gott sei Dank geschafft. Wir wachsen, und wir wachsen manchmal schneller als es uns lieb ist. Gerade haben wir viele Optionen, die wir gerne realisieren möchten, manchmal aber auch nicht können, weil die Manpower fehlt. Manche Sachen sind jetzt aber viel einfacher geworden, weil man jetzt einen Namen hat und sich nicht immer erklären muss. Jetzt kommt viel mehr Interesse von alleine. Ich sage immer zu Lina: Jetzt ist die Zeit, in der wir das ernten, was wir gesät haben.

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Wir freuen uns schon auf die limitierte Sonnenbrillen-Kollektion.

 

In den letzten Saisons hast du mit deinem Schmuck, Sweatshirts und Shirts tragbarere und auch massentauglichere Teile kreiert. Ein schlauer Schachzug.

Das war eine Reaktion auf Kundenwünsche und eine Idee, wie wir auch an neue Kundenkreise kommen. Wir haben gemerkt, dass wir die Rolle des Einzelhändlers viel mehr übernehmen müssen, weil der Einzelhandel selbst ein bisschen in der Krise steckt. Die Kundin möchte aber Neues. Wir haben überlegt, wie wir Sachen schaffen können, die trotzdem Malaikaraiss sind, aber nicht so teuer, um Leute erstmal an die Marke zu gewöhnen. Dafür sind Schmuck, T-Shirts, Sweatshirts, alles, was unter 100 Euro liegt, immer ganz gut. Und wir merken, dass es total gut funktioniert. Im Onlineshop bestellen die Leute erstmal immer etwas Kleines, dann mehr und dann auch was zum Anziehen. Manchmal auch erstmal etwas im Sale, weil sie sich den vollen Preis nicht leisten können. Mittlerweile verkaufen wir auch international über den Onlineshop. Wir schicken nach Kanada, ganz viel nach England, Österreich und in die Schweiz.

Du bist wieder beim Berliner Mode Salon, ein Showroom für die deutsche Modeszene, dabei. Nun sind Zusammenschlüsse von Berliner Designern und Showrooms nichts Neues, aber natürlich machen der Kronprinzenpalais und Vogue-Chefredakteurin Christiane Arp als Schirmherrin nach außen etwas her. Merkst du denn vom Feedback her einen deutlichen Unterschied zu deinem klassischen Messestand auf der Premium oder ist es doch nur ein nettes Goodie?

Was Verkauf und Presse angeht, ist es eine Art Goodie, das stimmt schon. Es ist jetzt nicht so, dass der Einkäufer von Mytheresa da steht und meine ganze Kollektion ordern möchte. Mit diesen Leuten kommt man dort allerdings nicht in Kontakt, weil sie nur zu den Leuten gehen, die sie kennen – bisher war das zumindest so. Wir arbeiten da alle dran und auch Christiane arbeitet daran, dass sich die Leute auch mal ein bisschen bewegen, aber das funktioniert natürlich nicht beim ersten Mal. Für uns ist die Premium ein viel wichtigerer Anlaufpunkt, auch für unsere Kunden und unsere Zielgruppe, die Bestandskunden aber auch die Laufkundschaft – wir sind da in einem Markenumfeld, in das wir auch ganz gut reinpassen.

Glaubst du, dass der Berliner Salon das internationale Publikum mehr anspricht? Man versucht da ja gerade einen neuen Weg zu finden …

Ich glaube teilweise schon – das Netzwerk aus Vogue und Zeit ist schon ein Gutes. Dieses Mal ist ja Tim Blanks von Style.com bei der Zeit-Konferenz dabei, das hat schon einen anderen internationalen Wert. Was ich sehr merke, ist, dass die Sponsoren oder Partner mit Anfragen für Kooperationen sehr daran interessiert sind. Das ist wohl ein Level, mit dem auch große Konzerne etwas anfangen können.

Es gibt keinen Stolz auf deutsches Design, das ist generell ein kulturelles Problem.

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Einige Mode-Insider, mit denen wir gesprochen haben, bemängeln, dass die Berliner Modedesigner nicht so schnell wachsen, weil die deutschen Einkäufer zu zurückhaltend seien oder oft auch Marketingstrategien der Labels fehlen würden. Wie stehst du dazu?

Das sind viele kleine Dinge, die da zusammenspielen. Die Einkäufer, die am Anfang zur Berlin Fashion Week gekommen sind und auch nach neuen Labels gesucht haben, kommen nicht mehr. Das waren auch viele Japaner. Die deutschen Einkäufer wollen gerne immer etwas aus dem Ausland, damit es chic ist. Das sind ja eine Handvoll Marken, die gerade überall promotet werden: Carven, Kenzo, Céline… – das ist immer das Gleiche. Es gibt keinen Stolz auf deutsches Design, das ist generell ein kulturelles Problem. Wir können stolz sein auf Autos, Fußball und Bier – das Andere wird nicht so wertgeschätzt und alles aus dem Ausland ist toll. Deswegen ist der Einkauf da ein bisschen träge. Ich glaube aber auch, dass in der Frühphase der der Berlin Fashion Week und bei den jungen Brands sehr viel falsch gemacht worden ist, weil sich einige Designer übernommen haben. Es kamen Großkunden und internationale Kunden, die große Bestellungen gemacht haben und dann wurden die nicht eingehalten, weil die kleinen Labels damit total überfordert waren. Ich rede von einer Phase, die war noch drei bis vier Jahre bevor es uns überhaupt gab. Das hat den Berlinern generell einen schlechten Ruf eingebracht und das wirkt heute noch ein bisschen nach.

Und was denkst du über die nicht vorhandenen Marketingstrategien?

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Malaika im Interview.

Ich glaube, dass viele Berliner Brands überhaupt keine Marketingstrategien haben und einfach losgelegt haben. Bei uns wird ja immer überlegt: Haben wir genug kommerzielle Teile in der Kollektion und sind die trotzdem noch so speziell, dass man sie auch in einem Editorial abbilden mag? Es muss von allen Seiten funktionieren und nur so kann es sich auch auf Dauer rechnen. Am Anfang ist es schön, wenn die Presse es hochjubelt und wenn es Couture ist, ist es auch easy. Wir hatten es am Anfang schwerer, in die Presse zu kommen, weil wir nicht so nischig sind, sondern sehr breit gefächert mit dem, was wir anbieten. Das ist jetzt unser Vorteil, weil wir überall reinpassen und mehr verkaufen. Das Schlimmste, was du machen kannst, ist, ein Teil bei der Show zu zeigen und man kann es dann nicht nachkaufen. Wir hatten das mit der perlenbestickten Jacke, die wir nicht produziert haben, weil sich die Einkäufer nicht getraut haben. Die Kundin möchte sie aber und würde auch 1000 Euro dafür bezahlen, weil sie so speziell ist. Das ist dann immer sehr enttäuschend. Ich glaube, das haben Andere noch viel mehr, bei denen fast nichts produziert wird, was man auf dem Laufsteg sieht. Mittlerweile werden fast 70 bis 80 Prozent von den Teilen, die wir zeigen, auch produziert.

 

Je mehr man wachsen will, desto mehr Geld braucht man.

Es hat sich ein „harter Kern“ an Berliner Designern gebildet, der schon ein paar Jahre dabei ist. Es tut sich aber relativ wenig, was den Nachwuchs und neue Berliner Labels angeht. Woran liegt das deiner Meinung nach?

Findet ihr? Ich habe das Gefühl, dass ich jedes Jahr jemand anderen als Konkurrenten habe. Ich finde, dass es eher zu viele sind und es gibt viele, die das zu früh machen und bei denen ich auch weiß, dass sie in zwei Saisons wieder weg sind, weil es nicht funktioniert.

Genau, es etabliert sich kein Nachwuchs. Woran liegt das deiner Meinung nach?

Viel Druck kommt von den Hochschulen. Du musst dich präsentieren und repräsentieren. Viele Jungdesigner haben am Anfang mal irgendein Budget, viele haben aber gar keinen Businessplan und sie bedenken gar nicht, dass sie in zwei oder drei Jahren auch noch Geld brauchen. Je mehr man wachsen will, desto mehr Geld braucht man. Je mehr du reinsteckst, desto besser funktioniert es auch. Wir haben auch mit ganz wenig angefangen, wussten aber, dass wir damit drei Jahre hinkommen müssen. Viele können das nicht, die machen das eine Saison, haben ihre Show, ballern ihr ganzes Geld rein und dann hört man nichts mehr. Das ist aber nicht nur hier so, in New York ist das zum Beispiel genauso, da ploppen immer mal wieder Brands auf und dann sind sie auch wieder verschwunden. Aber in anderen Dimensionen, weil man da schneller Investoren findet, die mal drei, vier oder fünf Millionen in die Hand nehmen.

Wahrscheinlich bekommst du das auch direkt bei deinen Studenten mit. Du unterrichtest ja Textiltechnologie an der Modeschule Esmod in Berlin.

Auf jeden Fall. Im ersten Semester stelle ich am Anfang immer die Frage: Wer möchte sich gerne selbstständig machen? Und dann gehen bestimmt 90 Prozent der Finger nach oben. Dann versuche ich ihnen immer klar zu machen, das nicht gleich zu machen. Wenn Lina und ich heute wählen könnten, hätten wir vorher auch nochmal fünf Jahre in einem Unternehmen gearbeitet. Und wir haben vorher schon fast drei Jahre woanders gearbeitet.. Sie

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Aber jetzt zu deiner neuen Kollektion, die du in sechs Tagen in Berlin zeigen wirst. Was erwartet uns? Zeig uns mal ein paar Teile!

Es ist wieder eine abstruse Inspiration, die ich auf den Kopf gestellt habe (lacht). Es geht primär um California Skate Punks. Die erste Inspiration war der Film „Dogtown Boys“ mit Heath Ledger. Ich habe die erste Welle des Skate Punks der Siebziger –Siebziger sind bei mir ja immer irgendwie ein Thema – und das Aufpoppen des Phänomens um die Jahrtausendwende, als ich auch selbst in dieser Szene unterwegs war, miteinander vereint. Wir haben versucht, Skaterkleidung komplett umzudrehen und chic zu machen, aber mit den Silhouetten trotzdem zu spielen. Den abstehenden hohen Bund der Baggy-Pants kann man zum Beispiel aufknöpfen und runterfalten wie früher. Es gibt auch einige Looks mit Kleidern oder Röcken über Hosen, wir arbeiten viel mit Layering, Latzhosenelementen, haben Jumpsuits aus Wolle mit Transparenz und haben dieses Mal auch viel mit Formveränderungen gespielt. Es werden auf jeden Fall sehr unterschiedliche Looks, von ganz lässig bis ziemlich chic.

Und farblich?

Farblich gehen wir wieder zurück zur ersten Kollektion mit viel Schwarz und Schwarz-Weiß, ein bisschen Nude und einem hellblau-marmorieren Print. Im Accessoires-Bereich passiert auch viel. Wir haben Sonnenbrillen, Hüte, die wir in Zusammenarbeit mit der Berliner Hutdesignerin Jeonga Choi designt haben und viele Schuhe und Taschen.

Hast du mittlerweile bei der Kollektionsentwicklung mehr Routine?

Ich glaube schon, dass ich mehr Routine habe, auch wenn es immer wieder Drama gibt (lacht.). Aber ich kann jetzt Sachen weiterentwickeln und weiterspinnen. Man fängt nicht bei 0 an und es hat sich immer mehr herauskristallisiert, wofür Malaikaraiss steht und, woran man auch weiterarbeiten kann.

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Malaika zeigt uns die Baggy-Pants – wir sind schon gespannt auf den Laufsteg-Look.

 

Im Juli eröffnet dein erster Pop-up-Store in Berlin, möglich gemacht durch eine Kooperation mit einem Beauty-Brand. Wie kam es dazu?

Wir wollten das schon ganz lange machen, haben aber immer gesagt: Wir brauchen den richtigen Rahmen, weil wir auch keinen Pop-up-Store machen wollten, zu dem dann keiner kommt. Dann haben wir das im Zuge der Geschichten, die wir mit Toni & Guy machen, vorgeschlagen und die fanden die Idee super. Es wird auch ein Styling-Lounge-Event für die Kundinnen geben, wo sie auch die Kundinnen erreichen und nicht nur die Presse. So konnten wir uns das leisten, ohne ein großes Risiko zu tragen. So eine Präsenz auf der Torstraße ist zur Fashion Week natürlich nicht ganz günstig.

Und einen ganzen Store mit Kleidung zu füllen, ist sicherlich auch nicht einfach.

Wir haben jetzt viel Ware, weil wir mit dem Berliner Salon auch im KaDeWe im Juli und August verkaufen werden, deswegen sind wir ganz früh mit der Winterauslieferung. Wir werden viele Sommerteile verkaufen, aber auch viele Wintersachen im Store haben, unsere Schuhe werden auch schon dabei sein und eine limitierte Auswahl der Sonnenbrillen ebenfalls. Dadurch, dass wir eine so gute Promo haben, denke ich, dass wir auch viel verkaufen werden.

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Und jetzt die naheliegendste Frage: Wo soll Malaikaraiss in weiteren fünf Jahren stehen?

Hatten wir die Frage nicht schon mal vor fünf Jahren? (lacht) Ich habe da nicht so große Wünsche. Es passiert viel, wir haben dieses Jahr auch noch mehr News, die wir verbreiten können. Ich möchte weiter bestehen bleiben, weiter gesund wachsen. Ich habe keine raketenmäßigen Ziele und muss auch in der nächsten Saison nicht in Paris oder New York zeigen. Bei mir muss immer alles Hand und Fuß und einen langfristigeren Sinn haben. Was ich mir für uns wünsche: dass wir das Team ein bisschen vergrößern können und die Kompetenzen nicht immer nur auf Lina und mir liegen. Wir haben ein super Team und haben jetzt auch Leute, die langfristiger bleiben. Und vielleicht gibt es irgendwann einen permanenten Laden, aber wir gucken erstmal, wie das so ist.

Wir schauen auf jeden Fall vorbei! Vielen Dank für das schöne Interview, liebe Malaika.

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Hier findet ihr Malaikaraiss:

Pop-up-Store: 11. Juli bis 1. August 2015 in der Torstraße 66 in Berlin-Mitte.

Fotos: Marlen Mueller

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