Dem Traum folgen: Jasmin Böhm macht mit ihrem kleinen Sohn eine Fahrradreise durch Europa

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11. November 2022

In drei Monaten von Frankfurt nach Spanien mit dem Fahrrad. Das ist die Geschichte von Jasmin Böhm und ihrem kleinen Sohn Emil. Nach einer echten Lebenskrise zieht die alleinerziehende Jasmin Böhm den Stecker, kündigt ihre Jobs und plant das bis dahin größte Abenteuer ihres Lebens für sich und ihren Sohn. Im August 2021 geht es los und die zwei begeben sich auf ihre abenteuerliche Fahrradreise. In ihrem neuen Buch „Hallo Glück dich gibt’s ja doch“, welches kürzlich im Kailash Verlag erschien, nimmt uns Jasmin mit auf ihre Reise nach Spanien und zu sich selbst. Warum, wieso, weshalb Jasmin diese Reise gemacht und welche Erkenntnisse sie unterwegs erlangt hat, lest ihr in unserem inspirierenden Interview mit ihr.

Ich hatte das Gefühl, dass ich ganz dringend aus diesem Alltag raus musste und das am liebsten sofort.

femtastics: Was war der Auslöser dafür, dass du gemeinsam mit deinem 2-jährigen Sohn eine Fahrradreise von Frankfurt bis in den Süden von Spanien gestartet hast?

Jasmin Böhm: Vor dieser Fahrradreise war ich in einem sehr stressigen Alltag gefangen. Ich hatte drei Jobs, schrieb an meiner Doktorarbeit und war alleinerziehend. Das war alles ziemlich viel. Irgendwann war es zu viel. Ich hatte das Gefühl, dass ich ganz dringend aus diesem Alltag raus musste und das am liebsten sofort.

Nach einer Lebenskrise ab ins Abenteuer: Jasmin Böhm begibt sich 2021 auf eine dreimonatige Fahrrahdreise zusammen mit ihrem Sohn Emil – von Offenbach bis Südspanien.

Also hast du deine Jobs gekündigt?

Genau – und bin statt zu Arbeiten mit dem Fahrrad bis in den Süden Spaniens gefahren. Natürlich hätte ich auch einfach ein Flugticket kaufen können, doch das war nicht das, was ich wollte. Ich wollte einfach raus. Am liebsten wäre ich direkt vor meiner Haustür losgewandert. Doch Wandern mit einem 2-Jährigen war nicht die beste Option.

Und so dachte ich mir, warum fahren wir nicht einfach mit dem Fahrrad? Zu Hause waren wir sowieso viel mit dem Rad unterwegs. Und das Jahr zuvor hatten wir sogar mal eine zweiwöchige Tour durch Deutschland gemacht. Ich wusste allerdings nicht, ob das wirklich gut funktioniert, also von Frankfurt bis nach Marokko (das war unser eigentliches Ziel). Ich hatte auch noch nie mit jemandem gesprochen, der eine solche Tour gemacht hat. Schon gar nicht mit Kind.

Ich war absolut im Moment und konnte so komplett runterfahren.

Warum hast du es dennoch gewagt?

Ich dachte mir, warum sollte es nicht funktionieren? Im Nachhinein weiß ich, es war genau das Richtige für uns. Diese Fahrradreise war der größtmögliche Kontrast zu meinem stressigen Alltag zuvor. Ich war absolut im Moment und konnte so komplett runterfahren. Mit meinem Kind in der Natur zu sein und alles so bewusst zu erleben, war einfach etwas Besonderes. Und ich glaube nicht, dass ich ein ähnliches Erlebnis bei einem Hotelurlaub gehabt hätte.

Jeden Tag suchte Jasmin einen Schlafplatz für sich und ihren Sohn – manchmal blieben sie auch länger an einem Ort.

Bedenken hinsichtlich der Reise hatte ich keine. Wenn irgendwas nicht geklappt hätte, dann hätte es einfach nicht geklappt. Und das wäre auch nicht schlimm gewesen.

Hattest du während der Reise Bedenken, dass es vielleicht doch nicht funktionieren könnte?

Bedenken hinsichtlich der Reise hatte ich keine. Wenn irgendwas nicht geklappt hätte, dann hätte es einfach nicht geklappt. Und das wäre auch nicht schlimm gewesen. Dann hätten wir es zumindest probiert. Das Einzige, wovor ich wahnsinnige Angst hatte, war meine finanzielle Situation. Ich wusste nicht, wie es nach der Reise weitergeht. Durch meine Kündigungen hatte ich kein Einkommen mehr. Und ich hatte auch nichts in Aussicht.

Ich wollte ein Buch schreiben, aber ich hatte keine Ahnung, ob es wirklich klappt. Mein Kopf war voller Fragen. Werde ich meine Wohnung verlieren? Muss ich mir wieder einen Job suchen? Was für ein Job wird das sein? Ist mein Leben dann genauso wie vorher? Werde ich überhaupt einen Job finden? Was mache ich, wenn ich keinen finde? Ich hatte richtige Existenzängste. Doch irgendwann war ich durch das Fahrradfahren und das Leben im Moment einfach so glücklich, dass die Angst plötzlich weg war. Und ab dem Zeitpunkt war ich mir absolut sicher, dass am Ende alles klappen wird.

Es war schöner, mit knapper Kasse in Freiheit zu leben, als mit knapper Kasse zu Hause im Stress zu leben.

Wie hoch war dein Reisebudget?

Mein Reisebudget war wirklich sehr niedrig. Insgesamt ungefähr 2.500 Euro. Während der Reise bekam ich dann noch eine Steuerrückzahlung von 1.000 Euro. Aber ansonsten war da nichts, auf das ich hätte zugreifen können. Keine Rücklagen. Nichts. Um meine monatlichen Kosten zu reduzieren, hatte ich meine Wohnung untervermietet. Es war dennoch knapp, aber vorher war auch schon immer alles knapp. Und von daher war es schöner, mit knapper Kasse in Freiheit zu leben, als mit knapper Kasse zu Hause im Stress zu leben. Ich hatte es immer so berechnet, dass ich nach der Reise noch einen Monat Zeit gehabt hätte, um mir einen Job zu suchen.

Woher hast du das Vertrauen genommen, trotz dieser Unsicherheiten loszufahren?

Für mich gab es einfach keine andere Option. Gerade durch die Geschichte mit meiner Mama. Sie ist an Krebs gestorben und wenn du das miterlebst, dann weißt du, wie schnell dieses Leben vorbei sein kann. Und auch wenn es für diese Gesellschaft normal ist, dass Eltern ihre Kinder nur am Abend oder am Wochenende sehen, war für mich diese Situation irgendwann unerträglich. Es gab Stimmen, die diese Reise für falsch hielten, doch das war mir egal. Denn der größte Beweis, dass ich gerade alles richtig mache, war der Blick auf mein Kind. Er war glücklich, ich war glücklich. Und alles andere ergab sich irgendwie. Von einem unglücklichen Leben hat wirklich niemand etwas. Und was bringt es einem Kind, wenn genug Geld für die Wohnung da ist, aber es nie seine Mama sieht? Das kann doch nicht das Leben sein, oder?

In deinem Buch beschreibst du den Moment, in dem du beschlossen hast, diese Reise zu machen, so schön. Ich nenne ihn einfach mal “Badewannen-Moment”. Hol uns mal mit in diesen Moment! Was ist da genau passiert?

Dieser Tag war einer der schlimmsten des gesamten Jahres. Ich wusste schon lange, dass alles nicht mehr so richtig läuft. Durch meine drei Jobs, die Doktorarbeit und mein Kind hatte ich jeden Tag super viele Aufgaben zu bewältigen. Und irgendwann konnte ich nicht mehr überall 100 Prozent geben. Wie auch? Ich arbeitete 50 Stunden pro Woche, betreute Emil und schrieb an meiner Doktorarbeit.

An dem Tag hatte ich das Gefühl, dass alles komplett aus dem Ruder läuft. Mein Vortrag für meine Doktorarbeit wurde abgesagt, weil mein Exposé zu schlecht war und egal wo ich hinschaute, ich bekam negatives Feedback. Ich war so frustriert. Das einzige, was ich an dem Tag noch wollte, war meinen Sohn in den Arm zu nehmen und mit ihm eine schöne Zeit zu verbringen. Doch als ich ihn mit meiner Oma aus der Kita abholte, wollte er partout nicht mit mir mitgehen.

Er wollte zu meiner Oma und schrie die ganze Zeit nur “Ich will nicht zur Mama!”. Mein Herz hat in dem Moment so geweint. Irgendwann hat meine Oma ihn einfach mitgenommen. Und ich dachte nur noch: “Ihr könnt mich alle mal.” Die Tatsache, dass jetzt auch noch die Beziehung zu meinem Kind schlecht läuft, war unerträglich und brachte das Fass zum Überlaufen. Denn schließlich machte ich das alles nur für Emil. Ich wollte, dass er eine schöne Kindheit hat, aber die hatte er anscheinend gerade nicht. Dann ging ich in die Badewanne und dachte über mein Leben nach.

Ich erinnerte mich daran, was ich meiner Mama versprochen hatte. Ich wollte ein freies Leben führen. Ich wollte reisen und immer alles dafür tun, dass ich glücklich bin.

Was genau ging dir durch den Kopf?

Ich erinnerte mich daran, was ich meiner Mama versprochen hatte. Ich wollte ein freies Leben führen. Ich wollte reisen und immer alles dafür tun, dass ich glücklich bin. Ich wollte nicht dem Geld und dem Erfolg hinterher rennen. Und als ich darüber nachdachte, stellte ich fest, dass ich gerade das Gegenteil von dem machte, was ich meiner Mama versprochen hatte. Ich lebte ein Leben, das überhaupt nicht lebenswert war.

Dann fragte ich mich: Was wäre, wenn ich jetzt sterben würde? Und das war so ein schlimmer Gedanke, dass ich sofort das Gefühl hatte, mein Leben ändern zu wollen. Ich wollte das Ruder rumreißen. Ich hatte mich so richtig in die Situation, sterben zu müssen, reinversetzt und mich gefragt, was ich hätte anders machen wollen? Dabei kam heraus, dass es mein sehnlichster Wunsch war, Emil im Arm zu haben und mit ihm eine schöne Zeit zu haben. Das war es, was ich wirklich wollte. Nicht die ganzen Jobs, nur um dann die Wohnung bezahlen zu können. Scheiß auf die Wohnung. Die braucht niemand. Dann bin ich aus der Badewanne ausgestiegen. Und wusste, dass jetzt alles anders wird.

Manchmal braucht man einfach diesen Moment, an dem man so richtig am Boden liegt und nichts mehr geht.

War der Badewannen-Moment sozusagen der Point of no Return?

Ja, genau. Das war der Moment, in dem ich mir dachte, jetzt reicht es. Manchmal braucht man einfach diesen Moment, an dem man so richtig am Boden liegt und nichts mehr geht. Hätte ich diesen Nervenzusammenbruch nicht gehabt, hätte ich wahrscheinlich nicht gekündigt. Denn ich hatte viel zu große Angst davor, als Alleinerziehende kein Einkommen mehr zu haben. Doch in dem Moment war der Schmerz größer als die Angst. Und ich wusste, dass ich kündigen muss und sich dann irgendwas ergeben wird. Denn das konnte unmöglich das Leben sein. Hätte ich diesen Moment nicht gehabt und hätte einfach weitergemacht, wäre ich wahrscheinlich irgendwann depressiv geworden oder hätte einen Burn-out bekommen und dann hätte ich auch nicht mehr arbeiten können.

Wie ging es dann für dich weiter? Wie lange hat es bis zur Reise gedauert?

Bis zur Reise hat es noch ein paar Monate gedauert, aber gekündigt habe ich unmittelbar nach diesem besagten Tag. Aus meiner Familie kamen viele Stimmen, die mir rieten, nicht zu kündigen und meine Jobs und somit meine „Sicherheit“ zu behalten. Schließlich war es mitten in der Coronazeit. Doch das war mir völlig egal. Ich war mir so sicher, dass ich diese Reise machen muss. Ich habe dann noch bis zu den Sommerferien in der Schule gearbeitet, aber das war schon nicht mehr so stressig, weil alles mit dieser unglaublichen Vorfreude verbunden war.

Ich war nur noch im Moment und irgendwie hat es immer geklappt. Ich hatte hundertprozentiges Vertrauen in die Welt.

Lass uns jetzt mal zu deiner Reise springen. Wie war das Gefühl, dass du nie wusstest, was als Nächstes kommt?

Am Anfang war das sehr ungewohnt. Es war das komplette Gegenteil von Sicherheit. Ich wusste nicht, wie die Strecke ist, ob der Campingplatz aufgrund von Corona wirklich offen hat, wie der Ort ist … Ich wusste nichts. Doch irgendwann hatte ich mich so an das Gefühl gewöhnt, dass es letztlich total befreiend war. Ich war nur noch im Moment und irgendwie hat es immer geklappt. Die Menschen waren alle immer so nett, dass ich das Gefühl hatte: Wenn gar nichts mehr geht, finde ich jemanden, die*der uns aufnimmt. Ich hatte hundertprozentiges Vertrauen in die Welt.

Hattest du dieses Vertrauen in die Menschen vorher schon, oder hat sich das erst auf der Reise entwickelt?

Ich hatte schon immer großes Vertrauen in Menschen. Doch in Bezug aufs Fahrradfahren war da am Anfang viel Unsicherheit. Ich wusste einfach nicht, wie es wird. Ich wusste auch nicht, wie lange ich überhaupt fahren kann. Aber nach einer Woche war es irgendwie schon normal. Es war wie ein anderes Leben. Ich war komplett im Vertrauen.

Wie war die Reise für deinen Sohn? Hat er sich im Anhänger gelangweilt?

Nein, gelangweilt hat er sich nicht. Auch wenn ich Langweile prinzipiell als etwas Gutes ansehe. Emil war einfach nur glücklich. Er hat sich während der Fahrt irgendwelche Dinge angeschaut und manchmal Rollenspiele gemacht. Ich weiß eigentlich gar nicht, was er genau die ganze Zeit gemacht hat, aber er war beschäftigt und hatte Spaß. Und wenn ich gemerkt habe, dass er keine Lust mehr hat, haben wir eine Spielpause gemacht.

Es war ja nicht so, als hätte er von morgens bis abends nur im Anhänger gesessen. Ab und zu hatte ich das Gefühl, ich müsse ihm etwas zum Malen oder Spielen besorgen, damit er sich nicht langweilt. Doch dann habe ich zu ihm geschaut und festgestellt, dass er das gar nicht braucht. Er saß immer so zufrieden in seinem Anhänger. Er hat sich einfach mit sich selbst beschäftigt. Und auf den Campingplätzen und Spielplätzen hat er immer wieder neue Freund*innen gefunden. Ich hatte nie das Gefühl, dass ihm irgendwas fehlt. Er war einfach glücklich, genau wie ich.

Was war deine schönste Station auf der Reise?

Ich glaube, das war die Zeit in Frankreich am Meer, als ich meinen Bänderriss hatte. Eigentlich ziemlich absurd, denn zuerst hat sich das wie der schlimmste Moment der gesamten Reise angefühlt. Ich hatte das Gefühl, dass alles umsonst war. Die Fahrradtour, meine Kündigung, einfach alles. Und dann dachte ich mir, ich sitze es einfach aus. Auch wenn es zwei Monate dauert, bis alles wieder ok ist. Diese Reise war auf keinen Fall umsonst.

Ich beruhigte mich wieder und wir lernten eine tolle Familie kennen, ebenfalls eine alleinerziehende Mutter, mit der wir eine tolle Zeit zusammen verbrachten. Ohne den Bänderriss hätte sich weder diese Freundschaft entwickelt, noch hätte ich es mir erlaubt, 3,5 Wochen an einem Ort zu bleiben. Dieser innere Antrieb hätte mich immer weiterfahren lassen. Doch die Zeit am Meer hat uns einfach nur gut getan. Ich war gezwungenermaßen so entschleunigt wie noch nie. Das war noch mal so ein richtiger Turning Point auf der Reise. Danach war ich viel gelassener.

Ich habe gelernt, dass langsam das neue schnell ist. Und so konnte ich Abstand von „höher, schneller, weiter“ nehmen.

Hat das, was du durch den Bänderriss gelernt hast, langfristig etwas verändert? Es hat sich so angehört, als wären Pausen und Langsamkeit vorher außerhalb deiner Komfortzone gewesen?

Die Reise an sich hat einfach ganz viel verändert. Der Bänderriss hat mich dann zusätzlich noch entschleunigt. Die Langsamkeit hat sich dann irgendwann sogar gut angefühlt, sodass ich sie auch nach der Reise beibehalten wollte. Zuerst habe ich aber gejammert und solche Dinge wie „immer passiert mir so etwas, das ist so typisch für mich!“ gedacht. Dann ist mir klar geworden, dass scheinbar negative Dinge durchaus positiv sein können.

Ich habe früher immer viel gleichzeitig gemacht, konnte schlecht Nein sagen und war überall mit Vollgas unterwegs. Das war auch zu Beginn der Reise noch so. Und plötzlich konnte ich das nicht mehr. Dann habe ich gelernt, dass langsam das neue schnell ist. Und so konnte ich Abstand von „höher, schneller, weiter“ nehmen.

Ich war eine Million Mal am Meer, aber es war nie so intensiv wie auf dieser Reise. Ich habe geheult.

Hast du das Gefühl, dass die Schnelligkeit des Lebens die Menschen oft unglücklich macht?

Heutzutage ist alles schnell. Allein im Berufsleben ist ja jede*r gefühlt kurz vorm Burn-out. Und viele machen sich zusätzlich noch Freizeitstress. Bei meiner Fahrradreise ging es jeden Tag nur ums Vorwärtskommen, Schlafplatz suchen, Supermarkt finden und Essen. Das war’s. Mehr gab es nicht. Und dennoch war ich absolut erfüllt. Zu Hause habe ich manchmal 1.000 Sachen am Tag gemacht und hatte am Ende immer noch das Gefühl, ich hätte nichts gemacht. Einfach, weil ich nichts für mich selbst gemacht habe. Und selbst wenn ich mal eine Stunde Zeit hatte, um Yoga zu machen, habe ich danach wieder 1.000 Dinge gemacht.

Mein Kopf war also immer voll. Und ich glaube, das ist bei vielen so. In unserer Gesellschaft ist es völlig normal, dass man alles immer sofort haben kann. Wenn du Hunger hast, bestellst du dir etwas zu essen. Wenn du ans Meer willst, setzt du dich ins Flugzeug. Und wenn du ein Date willst, gehst du auf „Tinder“. Es ist einfach alles immer verfügbar. Und dadurch verliert es leider an Wert.

Es macht einen Unterschied, ob man zwei Stunden im Flugzeug sitzt und am Meer rauskommt oder ob man einen Monat lang mit dem Fahrrad fährt. Wenn du so lange brauchst, um anzukommen, dann hast du die allergrößte Vorfreude darauf. Ich war eine Million Mal am Meer, aber es war nie so intensiv wie auf dieser Reise. Ich habe geheult. Durch diese krasse Entschleunigung entwickelt man eine riesengroße Vorfreude und wenn man dann ankommt, ist man einfach nur dankbar. Ich glaube, das fehlt uns allen ein bisschen.

Wie war es für dich nach dieser Reise nach Hause zu kommen? Wie hat es sich angefühlt, wieder in geschlossenen Räumen zu schlafen?

Wieder zu Hause anzukommen war super schwer. Während der Reise hatten wir einfach ein komplett anderes Leben geführt. Und ich kam völlig verändert nach diesen drei Monaten zurück und das wollte ich auch unbedingt beibehalten. Aber Fahrradtouren im Winter, wenn es kalt und nass ist und man immer nur um dieselben vier Ecken fährt, sind halt nicht dasselbe. Irgendwann habe ich mich daran gewöhnt und ab da war es auch schön, wieder zu Hause zu sein. Es war nicht mehr dieser Albtraum wie vorher.

Es war schön, weg zu sein, aber auch schön zu Hause zu sein. Doch das Ankommen an sich war krass. Vor allem, weil ich nicht wusste, wie es beruflich weitergeht. Als ich dann den Buchvertrag hatte und ich wusste, dass ich nicht an einen Ort gebunden sein muss, habe ich mich gleich viel leichter gefühlt. Allein die Wahl zu haben, woanders sein zu können, hat viel verändert und so habe ich festgestellt, dass man nicht immer auf Abenteuerreise sein muss, sondern dass man diese Dinge auch in den Alltag integrieren kann.

Ein langsames Leben ist absolut positiv. Gerade wenn scheinbar nichts passiert, dann passiert viel.

Was sind die drei wichtigsten Learnings von deiner Reise?

Erstens, dass ein langsames Leben absolut positiv ist. Gerade wenn scheinbar nichts passiert, dann passiert viel. Zweitens, dass vermeintlich negative Erfahrungen absolut positiv sein können. Und drittens, dass man volles Vertrauen haben muss, um etwas wirklich Schönes zu erleben.

Wo geht deine nächste Fahrradreise hin?

Ich war letztes Jahr im Süden, jetzt gerade bin ich nach Istanbul gefahren. Ich denke, als nächstes ist der Norden dran.

Diesen Sommer ist Jasmin mit ihrem Sohn nach Istanbul mit dem Fahrrad gefahren.

Eine letzte Frage, die ich mir beim Lesen immer wieder gestellt habe. Wie klappt das mit dem Alleinsein mittlerweile für dich?

Ich würde immer noch nicht behaupten, dass ich das gut kann, aber ich kann es definitiv schon besser als vor der ersten Reise. Und ich denke, solange ich es weiter übe, ist alles gut.

Social Media ist etwas, von dem ich immer wieder Abstand gewinnen muss. Ich liebe die vielen positiven Aspekte, aber man lenkt sich damit auch von sich selbst ab. Man verbindet sich in Sekunden mit Menschen auf der ganzen Welt, aber wirklich verbunden ist man dennoch nicht. Denn der Kontakt findet ausschließlich über Text und Sprachnachrichten statt. Man erlebt die Person sozusagen nicht mit allen Sinnen. Bei der Fahrradreise war ich viel allein und wenig am Smartphone. Ich habe es lediglich abends, wenn Emil im Bett war, genutzt und dann auch nur kurz und bewusst. Und ich habe gemerkt, wie gut mir das tut. Ich bin so kreativ und habe so viele Ideen. Deutlich mehr, als wenn ich permanenter Dauerbeschallung ausgesetzt bin. Ich glaube, dass ich gerade in diesen Pausen lerne, besser mit mir selbst klarzukommen.

Vielen Dank für das schöne Gespräch, liebe Jasmin!


Hier findet ihr Jasmin Böhm:

Fotos: Jasmin Böhm

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