Schäferin Patricia Sachau von der „Lykke Sheepfarm“ über Freiheit und die Verantwortung eines selbstbestimmten Lebens

Fotos: 
26. November 2021

Rausziehen und sich beruflich einer Leidenschaft mitten in der Natur widmen – Patricia Sachau hat genau das getan. „Lykke“ bedeutet Glück und das hat die 29-Jährige in ihrem Alltag gefunden. Nach ihrem Kommunikationsdesignstudium arbeitet sie zunächst als Grafikdesignerin in Agenturen in Hamburg, bevor es sie zurück in ihre Heimat an die Ostseeküste zieht. 2020 gründet sie die „Lykke Sheepfarm“ und verwirklicht sich damit ein selbstbestimmtes Leben mit ihrer Leidenschaft, den Schafen. Im Interview erzählt Patricia uns von ihrer Arbeit als Schäferin. Wir sprechen über ihren Mut, das eigene Leben zu verändern, die Freiheit, die sie in der Natur und mit ihren Tieren spürt und auch die Verantwortung, die eine eigene Schäferei mit sich bringt.

Wir machen mit Patricia Sachau einen Ausflug zu ihrer Schafsherde. Mit dabei sind ihre sechs Hunde. Auf dem Foto zu sehen sind Bess und Lux.

femtastics: Was ist die „Lykke Sheepfarm“ und wer gehört alles dazu?

Patricia Sachau: Die „Lykke Sheepfarm“ ist eine kleine Schäferei, die ich 2020 gegründet habe. Ich sage immer gern „klein“, weil es deutlich größere Schäfereien gibt und ich noch im Aufbau und Wachstum meiner Tierzahl bin. Zu mir gehören sechs Hunde – ein Australian Shepherd und fünf Border Collies –, circa 300 Mutterschafe und eine Handvoll Burenziegen. Das sind die mit den langen Schlappohren.

Wie kann man sich deinen Arbeitsalltag vorstellen?

In der Hütesaison, das heißt von Frühjahr bis Herbst, geht mein Tag um 6, halb 7 bei den Schafen los. Sie sind über Nacht eingepfercht und morgens lasse ich sie, zusammen mit meinen Hunden, heraus. Ich habe einen Plan, wann ich welches Gebiet behüte, und ziehe mit den Schafen los auf eine der Flächen. Dort kommen wir dann erstmal zur Ruhe, damit die Schafe grasen, also ihren Job machen können. Das ist aber nur ein Hütetag, natürlich fallen noch andere Aufgaben an: Schafe behandeln, entwurmen, Klauenpflege, im Sommer die Schur und nebenbei bilde ich die Hunde aus. Dann habe ich noch ein paar Schafe auf den Deichen, die täglich kontrolliert werden müssen.

300 Mutterschafe besitzt Patricia mittlerweile.

Schafe scheren und pflegen, Hütehunde trainieren – wie hast du dich auf all die neuen Aufgaben vorbereitet?

Ich komme aus einer Schäferei-Familie. Viel Wissen habe ich durch meinen Vater erlangt. Der ist für mich eine Art mentaler Coach, der mir auch mal sagt, worauf ich ein Auge haben soll. Zudem habe ich schon in meiner Jugend ein Praktikum bei einer Schäferei gemacht. Bei der Familie habe ich gewohnt und viele Eindrücke gesammelt. Außerdem bin ich im Austausch mit anderen Betrieben oder schaue anderen über die Schulter. Mein Vater ist deutlich älter und es gab keinen Betrieb oder Flächen, die ich hätte übernehmen können. Ich musste mir das alles selbst aufbauen. Das steht und fällt auch mit dem Equipment. Es ist eine Kostenfrage. Man behilft sich am Anfang, bis man sich hier und da gewisse Materialien zukaufen kann. Es gibt zum Beispiel einen Klauenpflegestand, den habe ich mir geliehen. Im nächsten Jahr werde ich mir meinen eigenen kaufen.

Ich kann es mir nicht vorstellen, jetzt gerade in der Stadt zu wohnen. Es ist einfach nicht mehr meine Lebensphilosophie. 

Deine Begeisterung für die Schafe kommt also aus deiner Kindheit?

Definitiv. Ich habe eher den Beifahrersitz meines Vaters bevorzugt, als in den Kindergarten zu gehen. Eigentlich habe ich mich schon immer viel mit den Tieren beschäftigt. Das hat sich als Kind angeboten, da ich die Möglichkeit dazu hatte. Hinzu kommt, dass ich an der Küste aufgewachsen bin, da ist so viel Freiheit drumherum. Mir hat das Leben in Hamburg natürlich auch Spaß gemacht, keine Frage. Das Kreative gehört auch zu mir, aber was ich jetzt mache, wie ich meinen Alltag verlebe, ist eine ganz andere Geschichte.

Diese Freiheit auf dem Land, mitten in der Natur, umgeben von frischer Luft und deinen Tieren – dein Alltag als Schäferin klingt wahnsinnig idyllisch. Ist er das auch, oder fehlt dir das Stadtleben manchmal? 

Durch die Corona-Pandemie kann einem ja nicht so viel fehlen. Alles war sehr reglementiert in den letzten zwei Jahren. Gerade deshalb bin ich froh, dass ich immer einfach meinen Job machen und draußen sein konnte. Ich kann es mir nicht vorstellen, jetzt gerade in der Stadt zu wohnen. Es ist einfach nicht mehr meine Lebensphilosophie. 

Entweder redet man nur über Dinge, oder man macht sie einfach.

Du lebst deine Leidenschaft und hast dir damit ein sehr selbstbestimmtes Leben aufgebaut, von dem sicher viele träumen. Den Alltag so umzugestalten ist auch ein Risiko und erfordert Mut. Ist dir der Entschluss leichtgefallen oder hattest du auch Zweifel?

Zweifel hatte ich nicht. Ich habe aber auch nie so richtig viel darüber nachgedacht. Entweder redet man nur über Dinge, oder man macht sie einfach. Und ich mache einfach. Es gibt dann irgendwann keinen Weg zurück. Wenn man anfängt, in Dinge zu investieren, nicht nur zeitlich, sondern auch finanziell, und in seinem Leben alles danach ausrichtet, kann man das nicht von heute auf morgen mal eben wieder sein lassen. Wenn man etwas mit Tieren machen will, kann man sich der Verantwortung nicht mal eben so entziehen. Aber wenn etwas Spaß macht und man in etwas Freude entdeckt hat, bleibt man an den Dingen dran. Dann ist es kein Leidensweg, sondern ich stehe da und freue mich total, wenn ich über meine Herde schaue. 

Es ist wichtig, sich Ziele zu stecken, die man erreichen kann und an denen man wachsen kann.

Hast du Tipps für andere, die versuchen, ihre Leidenschaft zu leben und mehr in den Alltag zu integrieren?

Hauptsache man fängt an und setzt sich realistische Ziele. Es ist unrealistisch alles sofort zu wollen. Besser ist es zu schauen, welcher Bereich im Leben sich jetzt schon kurzfristig verändern lässt. Es ist wichtig, sich Ziele zu stecken, die man erreichen kann und an denen man wachsen kann. Nicht immer von 0 auf 100 zu denken, sondern damit zufrieden zu sein, in Dinge reinzuwachsen. Das musste ich auch selbst erfahren.

Es geht eher darum Schritt für Schritt an die Dinge heranzugehen?

Genau. Ich habe mich zum Beispiel total gefreut, einen Pick-up zu finden, den ich mir leisten konnte. Dann brauchte ich einen Anhänger. Es ist nicht so einfach, einen zu finden, der die richtige Größe hat und ins Budget passt. Als ich meine erste Arbeitshündin Lux gekauft habe, bin ich nach Belgien gefahren. Als ich den Hund dann Zuhause hatte, war das ein Fortschritt. Der nächste Hund ist ein weiterer Step. Ich bilde mich außerdem immer weiter – es wächst an allen Ecken und Kanten. Jeden einzelnen Schritt habe ich total genossen und bin echt stolz darauf.

Das Schöne ist, dass man als Selbstständige die Möglichkeit hat, sich die Zeit frei einzuteilen.

Du hast Kommunikationsdesign studiert, nimmst gelegentlich noch Designaufträge an und führst mit der „Lykke Sheepfarm“ deinen eigenen Betrieb. Wie gelingt es dir, beides zu kombinieren?

Es ist nicht immer einfach, aber das bringt der Beruf der Schäferin/ des Schäfers mit sich. Mir macht es wahnsinnig viel Spaß, aber bis man davon leben kann, muss man durchhalten und viel dafür tun. Ich mache das, weil ich daran glaube und es mein Weg ist. Das eine ist die Schäferei und das andere ist die Grafik. Wenn ich einen Grafikjob mache, dann mache ich den nach bestem Gewissen. Das Schöne ist, dass man als Selbstständige die Möglichkeit hat, sich die Zeit frei einzuteilen. Mein Hauptfokus liegt auf jeden Fall auf den Schafen, die werden von Montag bis Freitag gehütet. Am Wochenende nicht, da muss auch mal Zeit für etwas Anderes bleiben.

Und wie generierst du Einnahmen?

Mein Geld verdiene ich mit der Grafik, den Verkauf der schlachtreifen Lämmer und dem Ertrag aus meinen Pachtflächen wie aus meiner Selbstvermarktung.

Hat sich durch deinen Alltag als Schäferin deine Beziehung zu Natur und Tieren verändert oder nimmst du die Umwelt anders wahr?

Ich bin sehr nah bei meinen Tieren, weil ich mit ihnen jeden Tag Zeit verbringe. Da bekommt man natürlich eine gewisse Bindung zur Herde. Ich genieße das total. Es gibt ganz viele Momente, in denen ich durchatmen kann und mich freue, dass ich so viel mit den Tieren draußen im Grünen bin. Es gibt aber auch Momente, in denen ich mich komplett auf die Arbeit fokussieren muss. Es ist halt mein Job, da zu sein.

Dieser Job kann sehr herausfordernd sein. Gibt es Momente, in denen du alles hinschmeißen möchtest?

Also hinschmeißen auf keinen Fall. Aber es gibt auch mal einen schlechten Tag. 

So leben zu können, das ist schon das Glücksgefühl für mich.

Und wie gehst du dann damit um und findest neue Motivation?

Da muss man einfach durch, hilft nichts. Man muss ruhig bleiben und die Dinge abarbeiten. Und am Ende schmunzelt man oft über so einen Tag, an dem alles schiefläuft.

„Lykke“ kommt aus dem skandinavischen und bedeutet „Glück“. Worin besteht für dich aktuell das größte Glück?

Oh, mein Glück steckt schon in den Tieren. So leben zu können, das ist schon das Glücksgefühl für mich. Die Arbeit mit den Tieren erfüllt mich. Ich bin natürlich auch glücklich über meine Familie und meinen Mann.

Die Wolle ihrer Schafe verkauft Patricia unter anderem in ihrem Onlineshop.

Wie sieht die Zukunft der „Lykke Sheepfarm“ aus?

Ich arbeite gerade daran, die eigenen Produkte aus meiner Farm weiter auszubauen und in einen Onlineshop zu integrieren. Der umfasst das Thema Wolle, Schafsfelle aber auch Fleischwaren. Ich habe besondere Schafe in der Herde, die nennen sich „Gotländische Pelzschafe“. Die kommen ursprünglich aus Schweden. Diese Wolle ist wirklich ganz besonders und die verarbeite ich zusammen mit ein paar anderen Wollschlägen aus meiner Herde als Garn, das ich verkaufe. Dann ist noch ein anderes Wollprodukt geplant, das kommt wahrscheinlich im Laufe des nächsten Jahres. Alle, die sich für besondere Wolle und Produkte interessieren, können gern mal vorbeischauen. Ansonsten wünsche ich mir, dass ich mit meiner Herde auch in Zukunft gesund weiterwachse.

Wir wünschen dir viel Erfolg für deine Projekte und alles Gute für dich und deine Schafe. Herzlichen Dank für das Interview.

Hier findet ihr die „Lykke Sheepfarm“:

   


Text: Ilka Bröskamp


Layout: Kaja Paradiek

10 Kommentare

  • Martina Kelsch sagt:

    Hallo Patricia,
    ich bin begeistert von den gotländischen Pelzschafen und würde Sie gern einmal besuchen. Wie komme ich an Ihren Onlineshop?
    Können Sie mir Ihre Adresse mitteilen, da ich auch gern einmal persönlich vorbei kommen möchte?
    Vielen Dank

    Mit freundlichen Grüßen
    Martina Kelsch

  • Karl-Heinz Melcher sagt:

    Hallo, habe den NDR Bericht gesehen. Würde gerne eine Decke kaufen….

  • Klaus-Peter Schmidt sagt:

    Wo kann ich die Wolldecken kaufen ?
    Nordtour 9.4.2022

  • Manfred Hoffmann sagt:

    Moin, Moin,
    habe gestern die Sendung 3nach 9 gesehen.
    Du hast mein Interesse geweckt, ich würde mich gerne mal ein paar Tage auf Deiner Farm umsehen,mitarbeiten ist dann ausdrücklich erwünscht.
    Vielleicht ist es gar nicht möglich, aber wer nicht fragt bekommt keine Antwort.
    Darum würde ich mich über eine Antwort sehr freuen und verbleibe mit den besten Grüßen aus Damme
    Manfred Hoffmann

  • Gabi Bühner sagt:

    Hallo Patricia!
    Ich habe Dich letzte Woche im NDR gesehen und fand es sehr interessant. Du hast zu einem Besuch eingeladen, das galt hoffentlich nicht nur für die Talkrunde. Ich würde gern bei Dir vorbei kommen. Und natürlich auch mithelfen. Darum hier meine Anfrage. Über eine positive Antwort würde ich mich sehr freuen.
    Sonnige Grüße Gabi

  • Silvia Erhard sagt:

    Leider ist mir nicht gelungen in Deinen Shop zu gelangen. Gibt es derzeit nur Postkarten, weil alles andere verkauft ist?
    Mich würde vor allen Dingen die Strickwolle interessieren, wenn die beiden Sorten zusammen gesponnen wurden.
    Herzliche Grüße aus dem buckligen Hunsrück
    Silvia Erhard

  • Anja Sievers sagt:

    Hallo Patricia, das klingt wirklich alles super klasse.
    Sehr, sehr gerne würde ich einmal einen Tag auf der Farm verbringen. Das Hüten, die Hunde erleben… oh, das ist ein Traum von mir. Oder auch bei anderen Arbeiten mithelfen.
    Freue mich auf eine Antwort , herzliche Grüße , Anja

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