Serien-Tipp: Sechs Gründe, warum “Only Margo” feministisch und funny ist
15. Mai 2026
geschrieben von Maike Knorre

In der Mini-Serie "Only Margo" ("Apple TV") spielt Elle Fanning eine junge Solo-Mama, die ihre Rechnungen mit digitaler Sexarbeit auf "OnlyFans" bezahlt. Es geht um unkonventionelle Entscheidungen, Wrestling und die Frage: Was machen wir mit den Bildern, die andere von uns haben? Hier kommen sechs Gründe, warum die Serie so unterhaltsam und sehenswert ist.
1. Eine Literaturstudentin vergleicht Penisse mit Pokémon
Margo braucht Geld. Sie hat das Baby von ihrer Affäre (einem verheirateten Uniprofessor) bekommen, das Studium abgebrochen und ihren Job als Kellnerin in einer Pizzeria verloren. Weil sie keinen neuen findet, zu dem sie das Baby mitnehmen kann, meldet sie sich beim Onlinedienst "OnlyFans" an. Und kassiert 20 Dollar für jedes Dickpic, das sie rezensiert und mit einem Pokémon vergleicht. Da hat sich das Literaturstudium gelohnt!
Überhaupt hat Margo viele unkonventionelle Ideen und trifft Entscheidungen, ohne sie groß zu zerdenken oder sich dafür zu erklären. Lieben wir! Auch weil Elle Fanning sie nie als quirky Chaosfrau spielt, sondern als jemanden, der permanent versucht, Realität und Selbstbild gleichzeitig zusammenzuhalten.

Margos Mutter Shyanne (Michelle Pfeiffer) ist wenig begeistert, dass ihre Tochter das Baby allein großziehen will. Eine Aussage mit iconic Meme-Potential: "There are no victims at Bloomingdales."
2. Den WG-Alltag mit Baby haben wir so noch nicht gesehen
Margo ist müde, beglückt und überfordert vom Alltag mit Baby. Der Erzeuger will – auch finanziell – keine Verantwortung übernehmen, die halbe WG zieht aus, weil sie keine Lust auf das ständige Babybrüllen hat. Und auch Margos Mutter Shyanne (Michelle Pfeiffer) ist wenig ambitioniert, ihre Tochter zu unterstützen.
Doch dann taucht Margos Vater Jinx (Nick Offerman) nach jahrelanger Abwesenheit auf. Und zieht, frisch aus dem Entzug, bei Margo ein. Während er das Baby sittet und die Wohnung putzt, bauen Margo und ihre Freundin Susie (Thadea Graham) ihr "OnlyFans"-Game aus. Turns out: Als Solo-Mama mit unzuverlässigen Arbeitszeiten lässt sich mit digitaler Sexarbeit gutes Geld verdienen. Vor allem mit der richtigen Strategie.

Nick Offerman spielt Margos Vater Jinx, der seine Wrestling-Karriere nach einer Verletzung beenden muss.
3. Vom Wrestling lässt sich viel über gutes Storytelling lernen
Margos Vater Jinx ist auch in der Romanvorlage von Rufi Thorpe (Originaltitel: "Margo's Got Money Troubles") eine überraschende Figur. Denn der ehemalige Wrestling-Profi wird zur Inspiration für Margos Online-Identität "Hungry Ghost". Die beiden schauen sich seine alten Matches an, und wir lernen gemeinsam mit Margo, was Wrestling im Kern ist: verdammt gutes Storytelling. Wer wird bejubelt, wer ausgebuht? Welche Geschichte erzählt die Choreografie im Ring? Die Gewalt ist nur gespielt, aber die Gefühle im Publikum, die sind echt.
Wrestling wird hier zur klugen Metapher für alles andere in der Serie: Mutterschaft, Internet-Identitäten und die Rollen, die Frauen* spielen müssen, um ernst genommen zu werden. Margo versteht schnell, dass ihr Erfolg weniger mit Erotik zu tun hat als mit Dramaturgie. Und baut ihr Business mit Jinx' Hilfe weiter aus.

Meet "Hungry Ghost", Margos Online-Persona. Die Looks in der Serie machen ausnahmslos Spaß, Cudos an Kostümdesignerin Mirren Gordon-Crozier.
4. Ein bisschen Glitzerglitzer als kluger Kommentar
Margos "OnlyFans"-Persona ist ein Space Alien, das frisch auf der Erde gelandet ist: große Augen, ganz viel Glitzer, vollkommen unberechenbar. Wenn sie eh schon alle (ihre Mutter, die Familie des Literaturprofessors, eigentlich die ganze Welt) für naiv, impulsiv und komplett lost halten: Why not lean into it? Margo schreibt Skripte, komponiert eine Figur, bedient sich am riesigen Cosplay-Fundus ihrer Mitbewohnerin und entwickelt gemeinsam mit zwei anderen Content Creatorinnen eine eigene kleine Online-Welt.
Was erst wie ein schräges Gimmick wirkt, wird schnell zum klügsten Gedanken der Serie: dass Performance nicht automatisch Unehrlichkeit bedeutet. Manchmal wird man durch eine Rolle erst sichtbar. "Hungry Ghost" funktioniert deshalb so gut, weil Margo die Bilder überzeichnet, die andere sowieso von ihr haben. Und plötzlich kontrolliert sie selbst die Geschichte, die über sie erzählt wird.

Dass andere Menschen ständig glauben, besser zu wissen, was gut für Margo und ihr Kind ist, macht die Serie zu einer ziemlich präzisen Beobachtung darüber, wie Mutterschaft gesellschaftlich kontrolliert wird.
5. Die Serie stößt Konflikte an, ohne sie als Skandal zu inszenieren
To be fair: Besonders kritisch setzt sich die Serie nicht mit der digitalen Sexindustrie und ihren strukturellen Problemen auseinander. Gefahren wie Ausbeutung, Doxxing oder der harte Konkurrenzkampf um Follower*innen werden angeschnitten, aber im Fokus steht das Narrativ der Selbstbestimmung. Interessanterweise wirkt das nie naiv, sondern eher wie ein bewusster Schwerpunkt. Auch als Margos Kleinunternehmen ihr nicht nur Geld und jede Menge neuer Fans einbringt, sondern einen Sorgerechtstreit dazu: Der Erzeuger und seine Eltern sehen das Kindeswohl gefährdet.
Die Serie stößt Konflikte an, ohne sie als Skandal zu inszenieren. Und stellt konsequent die Frage: Wann traut man einer Frau* eigentlich zu, die richtige Entscheidung für sich selbst zu treffen? Dass dabei ständig andere Menschen glauben, besser zu wissen, was gut für Margo und ihr Kind ist, macht die Serie fast nebenbei zu einer ziemlich präzisen Beobachtung darüber, wie Mutterschaft gesellschaftlich kontrolliert wird.

Elle Fanning spielt Margo mit so viel Haltung, Sturheit und Verletzlichkeit.
6. Wir wollen Teil von Margos Dorf-Familie sein
Ohne zu viel zu spoilern: In den acht Folgen wachsen uns die Figuren schnell ans Herz. Weil sie sich gegenseitig tragen, obwohl sie selbst kaum stabil stehen. Da wird gebabysittet, geputzt, gestritten, improvisiert, verziehen. Das Dorf, das Margo sich aufbaut, ist unordentlich und unwahrscheinlich. Und genau deshalb wollen wir da auch hin.
Eine der besten Entscheidungen von Showrunner David E. Kelley ("Big Little Lies", "The Undoing"): Er versucht nie, die Figuren sympathischer zu machen als sie sind. Margo trifft durchaus dumme Entscheidungen, verdrängt Probleme und handelt oft impulsiv. Trotzdem bleiben wir die ganze Zeit auf ihrer Seite. Weil "Only Margo" beobachtet, wie Menschen miteinander umgehen. Wie Streit kippt. Wie Scham funktioniert. Wie Fürsorge manchmal ausgerechnet von den Menschen kommt, von denen man sie am wenigsten erwartet hätte.
"Only Margo" läuft auf Apple TV, alle acht Folgen sind ab 20. Mai 2026 verfügbar.
Fotos: PR