Weniger Textilmüll, mehr Recycling: Mit dieser neuen Technologie soll Mode nachhaltiger werden

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20. Mai 2022
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Wie kann Textilmüll vermieden – oder zunächst reduziert – werden? Wie kann es Konsument*innen, aber auch Altkleider-Verwerter*innen leichter gemacht werden, Mode zu recyceln? Und wie können die verwendeten Rohstoffe wieder in den Produktionskreislauf zurückgeführt werden, damit sie nicht verloren gehen? Mit diesen Fragen befasst sich das Pilotprojekt „Closed Loop Pilot“, an dem auch „OTTO“ beteiligt ist.

Das Hamburger Unternehmen hat eine Modekollektion namens „Circular Collection“ herausgebracht, mit der neue Wege im Design sowie im Recycling beschritten werden. Kurz gesagt: Weniger Ressourcenverschwendung durch wieder recycelbare Textilien.

Wir haben mit vier Frauen aus unterschiedlichen Teams bei „OTTO“ – von Nachhaltigkeit über Design bis zu Vermarktung – darüber gesprochen, wie genau das Pilotprojekt funktioniert und wie Mode nachhaltiger werden kann.

femtastics: Wie ist die Idee für die “Circular Collection” bei „OTTO“ entstanden?  

Lisa Franke: Wir wurden über unser Netzwerk von den Initiatoren des „Closed Loop Pilots“ angesprochen und eingeladen teilzunehmen. Ich habe es über das Nachhaltigkeitsteam bei „OTTO“, in dem ich arbeite, zu einem Projekt gemacht, das immer weiter gewachsen ist. Kreislaufwirtschaft ist ein relativ junges, innovationsgetriebenes Thema. Wir schauen uns das Design von Produkten an, aber auch deren Nutzung und wie man diese verlängern kann. Ich betreue auch unsere Altkleiderspende „Platz schaffen mit Herz“, bei der Kund*innen getragene Kleidung an uns schicken können, damit diese recycelt wird. Die Erlöse daraus spenden wir. All diesen Themen liegt zugrunde, dass uns das das Textilmüllproblem sehr bekannt ist. Die Mengen an Textilmüll steigen stetig an, Fast Fashion ist ein Problem …

Foto links: Lisa Franke, Sustainability Managerin mit Schwerpunkt „Kreislaufwirtschaft“, ist Projektleiterin der „Circular Collection“. Donna Darthuizen, Direktorin Fashion & Sport, trägt die Gesamtverantwortung von Design, Vermarktung und Abverkauf der Kollektion. Foto rechts: Auf der „​​circularity.ID®“, die ins Kleidungsstück eingearbeitet ist, sind digitale Informationen zum Produkt gespeichert.

Fotos: Die „Circular Collection“, die am 19. April gelauncht wurde, besteht aus einem Jersey-Kleid, einem T-Shirt, einer Jeans, zwei Hoodies, Unterhemden und Slips. (Fotos: PR)

Stichwort Textilmüllproblem: Die Recyclingquote von Textilien, gerade von Mode, ist bislang sehr gering (laut der “BVSE Alttextilstudie” von 2020 werden von den rund 1,3 Millionen Tonnen Textilmüll pro Jahr in Deutschland nur ca. 14% für Putzlappen, Dämmstoffe, etc. recycelt und nur 12% für Faserrecycling). Was muss passieren, damit mehr Textilien recycelt werden können?

Wenn gebrauchte Textilien bei den entsprechenden Sammelstellen eingehen, schauen die Altkleider-Sortierer, ob Kleidung weitergegeben, also noch getragen werden kann. Wenn das nicht der Fall ist, findet aktuell überwiegend ein „Down-Cycling“ statt, das heißt, dass Textilien zum Beispiel zu Putzlappen oder Dämmmaterial verarbeitet werden. Heutzutage bestehen aber immer mehr Kleidungsstücke aus Materialien, die für „Down-Cycling“ nicht geeignet sind. Polyester, zum Beispiel, hat keine Saugeigenschaften und ist daher für die Weiterverarbeitung zu Putzlappen unbrauchbar. Dadurch entsteht immer mehr Textilmüll, der am Ende nur noch „thermisch verwertet“, also verbrannt werden kann, wobei die eingesetzten Ressourcen verloren gehen.

Zum Teil liegt das darin begründet, dass sich der Markt verändert hat: es gibt mehr Fast Fashion, immer mehr Altkleider und mehr Kunstfasern. Manchmal sind Kunstfasern jedoch auch sinnvoll – bei Funktionskleidung, zum Beispiel, ist es für ihren Einsatz gut, dass sie nicht nur aus Baumwolle besteht. Es liegt aber auch daran, dass der Großteil der Mode noch nicht im Sinne der Kreislaufwirtschaft gedacht wird.

Die Idee der Kollektion war es, Kleidungsstücke zu kreieren, die erstens möglichst lange nutzbar sind, und die zweitens, wenn sie nicht mehr getragen werden können, recycelt werden können.

Und aus dieser Thematik ist die „Circular Collection“ entstanden?

Die Idee der Kollektion war es, Kleidungsstücke zu kreieren, die erstens möglichst lange nutzbar sind, und die zweitens, wenn sie nicht mehr getragen werden können, recycelt werden können. Sie sollen auf einem bestimmten Weg zurück in den Kreislauf geführt und von Sortierbetrieben für Altkleider automatisiert erkannt werden, sodass diese, sollten sie nicht mehr tragbar sein, dem richtigen Recycler zugeführt und hochwertig recycelt werden können. So entstehen bestenfalls wieder neue Fasern, aus denen wiederum neue Textilien hergestellt werden können. Es entsteht also ein gleichwertiges Produkt.

Wer steckt hinter dem Projekt?

Wir sind Teil eines Pilotprojekts namens „Closed Loop Pilot“, das von „circular.fashion“, einem Unternehmen aus Berlin, und „FairWertung e.V.“, das bundesweite Netzwerk von gemeinnützigen Organisationen, die Altkleider sammeln, initiiert wurde. In dem Projekt geht es darum, alle Akteur*innen der Lieferkette miteinander zu vernetzen – von den Produzent*innen über Konsument*innen bis zu den Sortier- und Recyclingebtrieben.

Foto links: Lisa Franke, Sustainability Manager bei „OTTO“, und Jasmin Schuster, als Category-Managerin für die Vermarktung der Kollektion verantwortlich, haben uns Einblicke in die Hintergründe der „Circular Collection“ gegeben.

Was genau meint der Begriff „circular“?

Circular meint: für den Kreislauf. Das kann ganz viele Facetten haben. Das Design und die verschiedenen Designstrategien spielen die größte Rolle. Wir haben bei allen Produkte die Materialrecyclierbakeit in den Vordergrund gestellt und dann geht es darüber hinaus um die Infrastruktur, um die Produkte auch im Kreislauf zu halten. 

Als höchstes Ziel, sollte der „Reuse-Gedanke“ stehen, also, dass Produkte möglichst lange verwendet werden. Wenn eine Textilie noch ihre Funktion als solche erfüllt, sollte sie weiter getragen werden.

Was ist aus Konsument*innenperspektive die nachhaltigste Art, alte Textilien zu entsorgen, damit sie recycelt werden können?

Als höchstes Ziel, sollte der „Reuse-Gedanke“ stehen, also, dass Produkte möglichst lange verwendet werden. Wenn eine Textilie noch ihre Funktion als solche erfüllt, sollte sie weiter getragen werden. Wenn das nicht der Fall ist, brauchen wir hochwertiges Recycling, um die Rohstoffe, die eingesetzt wurden, zu erhalten. Als Konsument*in wäre es am besten, wenn man Kleidung, die noch getragen werden kann, weitergibt, verkauft oder spendet. Wenn das nicht mehr geht, sollte das Produkt richtig entsorgt bzw. eben einem Recycling zugeführt werden.

Was genau ist die „​​circularity.ID®“ und wie hilft sie dabei, dass Mode nachhaltiger bzw. besser recycelbar wird?

Das System wurde von „circular.fashion“ entwickelt. Die „​​circularity.ID®“ ist in den meisten unserer „Circular Collection“-Artikel ein kleiner NFC-Tag, der aussieht wie ein Knopf, der ins Kleidungsstück eingearbeitet ist. Auf ihr sind Daten gespeichert, die wie ein digitaler Zwilling des Produkts sind: Informationen zu den Materialien, zum Produktionsort, ggf. zu Zertifikaten, zur Pflege und Reinigung des Kleidungsstücks und auch dazu, wie man das Kleidungsstück am besten recycelt. Als Kund*in kann ich diesen NFC-Tag mit dem Smartphone scannen und bekomme dann all diese Informationen angezeigt. Über diese Funktion bieten wir den Kund*innen auch direkt den richtigen Rückführungskanal an, sodass sie sich einen kostenlosen Paketschein erstellen können, um das gebrauchte Produkt an uns zurück zu schicken.
Als Sortierbetrieb von Alttextilien bekommt man ebenfalls diese Informationen angezeigt – nur vereinfacht – und auch, welcher Recycler zuständig für das Produkt ist. Bislang passiert dieses Sortieren händisch, was sehr aufwändig ist.

Das klingt toll, aber der Prozess der Datensammlung für den digitalen Zwilling klingt auch sehr aufwändig …

Absolut, der ganze Prozess ist aufwändig. Es ist eben neu, aber irgendwann kann es zum Standard und dann auch einfacher werden. Es gibt Projekte, die sich speziell damit befassen, wie so ein digitaler Zwilling von Produkten aussehen kann. Die Daten sind ja vorhanden, sie müssen nur bereitgestellt und in die Systeme integriert werden. Und das Wissen dazu muss aufgebaut werden.

Wenn es um Kreislaufwirtschaft geht, sind alle gefragt – auch unterschiedliche Abteilungen eines Unternehmens, wie unsere Interviewpartnerinnen bei „OTTO“.

Wie muss Kleidung entworfen und produziert werden, damit sie im Recycling-Kreislauf funktioniert?

Ute Pfennig: Das Design ist der entscheidende Faktor. Wir wollten ein Kleidungsstück so herstellen, dass es später, nach dem Recyclingprozess, wieder ein Kleidungsstück werden kann. Dabei sind die Materialien extrem wichtig. Wir haben zertifizierte Bio-Baumwolle und Tencel ™ aus nachhaltig angebautem Holz verwendet. Aber neben den Hauptmaterialien sind auch kleinere Elemente wie Knöpfe und Nähte wichtig – auch diese müssen aus der entsprechenden chemischen Zusammensetzung oder leicht zu entfernen sein. Sonst kann das Kleidungsstück nicht recycelt werden. Elemente aus unterschiedlichen Materialien müssen wieder von einander getrennt werden können, Knöpfe müssen ablösbar sein, etc..

Wir haben zum Beispiel bewusst Knöpfe aus Holz verwendet und bei der Jeans unserer Kollektion haben wir auf Nieten aus Metall verzichtet, weil sie schwer aus dem Stoff zu lösen sind. Stattdessen haben wir die Nähte verstärkt.

Wir wollten ein Kleidungsstück so herstellen, dass es später, nach dem Recyclingprozess, wieder ein Kleidungsstück werden kann.

Das heißt, Design muss in gewisser Weise neu gedacht werden, richtig?

Ja, absolut. Das betrifft mehrere Aspekte: Erstens die Wahl der Materialien. Mischgewebe, das hatte Lisa ja schon angesprochen, sind im Recyclingprozess bisher problematisch. Auf sie haben wir bewusst verzichtet. Neben der Auswahl der Materialien haben wir uns auch für ressourcenschonende Endverarbeitung entschieden. Die „Used-Optik“ der Jeans wurde durch Laser erreicht und nicht durch unnötige Verwendung enormer Wassermengen. Das T-Shirt und das Jerseykleid wurden mit Pflanzenresten gefärbt.

Zweitens muss man bedenken wie die Kleidungsstücke genutzt werden sollen, um sie so zu designen, dass sie möglichst lange getragen werden können. Das Design also auf die Funktion des Textils abstimmen. Das kann das typische Lieblingsstück mit einem klassischen, zeitlosen Schnitt wie bei unseren T-Shirts sein. Man verzichtet vielleicht bewusst auf Accessoires an den Kleidungsstücken oder designt verzierende Elemente so, dass sie von einander trennbar sind. „Langlebigkeit“ kann auch bedeuten, dass man ein Kleidungsstück modular anpassen kann, wie durch einen Tunnelzug, um es je nach Bedarf enger oder weiter zu machen. Unser modulares Kleid lässt sich durch Knöpfe in eine Bluse und einen Rock verwandeln, sodass es als Einteiler oder zwei einzelne Stücke getragen werden kann.

Donna Darthuizen, Direktorin Fashion & Sport (Foto links), und Ute Pfennig, als Produktmanagerin für das Design der Kollektion verantwortlich (Foto rechts), erläutern im Interview, welche Aspekte beim Thema Nachhaltigkeit in der Mode wichtig sind.

Welche Ansätze verfolgt „OTTO“ neben der „Circular Collection“ noch im Bezug auf Kreislaufwirtschaft?  

Donna Darthuizen: Nachhaltigkeit spielt in der Geschichte von „OTTO“ so eine große Rolle. Dr. Michael Otto und die ganze Otto-Familie haben immer großen Wert darauf gelegt, dass ihr Unternehmen nachhaltig handelt. Das zieht sich bis in die Gegenwart und betrifft auch die Mode der Eigenmarken von „OTTO“.

Wie arbeitet „OTTO“ als Unternehmen daran, noch nachhaltiger zu werden?

Wir achten u.a. darauf, mit Unternehmen und Marken zusammenzuarbeiten, die nachhaltig agieren und die auf einen möglichst geringen CO2-Fußabdruck Wert legen. Und wenn es um unsere Eigenmarken geht, denken wir Nachhaltigkeit schon im Design mit.

Wir möchten mit unseren Ressourcen verantwortungsbewusst umgehen und wir möchten uns ständig verbessern – besonders, wenn es darum geht, wie man Rohstoffe lange erhalten kann.

Kreislaufwirtschaft funktioniert nicht ohne die Konsument*innen, denn sie müssen die Kleidungsstücke am Ende der Nutzung wieder in den Kreislauf zurückführen.

Wie klärt „OTTO“ seine Kund*innen darüber auf, wie sie nachhaltiger konsumieren und auch entsorgen können?

Jasmin Schuster: Wir bemühen uns darum, den Kund*innen mit den Kleidungsstücken Informationen dazu mitzugeben, wie sie diese pflegen und letztlich auch recyceln können. Zu Anfang gilt es aber, Wissen zu vermitteln, was „zirkular“ überhaupt bedeutet und wie der Prozess funktioniert. Dabei soll unsere „Circular Collection „helfen.

Kreislaufwirtschaft funktioniert schließlich nicht ohne die Konsument*innen, denn sie müssen die Kleidungsstücke am Ende der Nutzung wieder in den Kreislauf zurückführen.

Foto links: Die „​​circularity.ID®“, die aussieht wie ein Knopf, der ins Kleidungsstück eingearbeitet ist, enthält digitale Informationen zum Kleidungsstück. Foto rechts: Ute Pfennig und Jasmin Schuster verantworten Design bzw. Vermarktung der Kollektion.

Die Kollektion ist ein Pilotprojekt. Wie soll es danach weitergehen?

Wir haben rund eineinhalb Jahre, abteilungsübergreifend, an der Kollektion gearbeitet. Wir sind jetzt in der Phase, in der die Kollektion erhältlich ist und von unseren Kund*innen „getestet“ wird. Teil davon ist auch eine Testphase mit ausgewählten Kund*innen, die rund ein halbes Jahr dauert.

Aber ganz unabhängig davon, wie diese kleine, feine Kollektion angenommen wird, werden wir weiter daran arbeiten, nachhaltige Kollektionen zu machen und uns mit dem Thema Kreislaufwirtschaft befassen. Unabhängig von Erfolg – und „Erfolg“ kann vieles bedeuten – werden wir damit nicht aufhören. Es soll weiter eine „Circular Collection“ geben, denn nur so können wir dazu beitragen, eine umweltfreundliche Modeindustrie und weniger Müll zu schaffen. Das Bewusstsein für diese Themen muss geschaffen und weiter gestärkt werden.

Vielen Dank für diese Einblicke!


Hier findet ihr die „Circular Collection“.



– Werbung: In Kooperation mit „OTTO“ –


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