Beige is boring: Wie mutiges Design mehr Charakter in Räume bringt

Robert Neuendorfs Design Leitsätze? „Form follows fun“ und "beige is boring" - was auch seine Kund*innen aus der Gastro- und Hospitality-Branche sehr schätzen. Beides spiegelt sich in seiner Hamburger Loftwohnung wider, in der wir ihn besuchen. Hier sprechen wir über mutiges Design und die große Frage, wie wir mehr Farbe in unser Leben holen.
Robert Neuendorf beginnt nach dem Studium der Illustration seine kreative Laufbahn in der Hamburger Urban-Art-Szene, in der er als Künstler tätig ist und die "Affenfaust Galerie" mitgründet. Nach dem Ausstieg macht er sich selbständig mit seinem Designstudio "Neuendorf Arterior", mit dem er von Möbelentwicklung über räumliche Konzepte bis hin zu temporären Installationen verschiedene Projekte umsetzt.
"Farbe ist für mich kein Stilmittel, sondern ein Werkzeug, um Räume zu strukturieren und Emotionen zu erzeugen.“

Der Künstler Robert Neuendorf arbeitet im Bereich Interior Design und Spatial Design.
femtastics: Lass uns über dein mutiges Design sprechen - deine Projekte sind experimentell, bunt, bold, verspielt und überraschend. Musst du viel Überzeugungsarbeit bei deinen Kund*innen leisten?
Robert Neuendorf: Ja, nach wie vor. Meine Arbeit richtet sich an private Auftraggeber*innen und B2B-Kund*innen. Mich interessieren Projekte, bei denen Gestaltung Haltung zeigen darf und nicht nur Oberfläche bleibt. Viele Kund*innen kommen über Empfehlungen zu mir, aber nicht alle sind sofort so mutig, meine Vision zu teilen. Mir ist es sehr wichtig, Kund*innen meine Ideen nahezulegen, ich möchte schließlich nicht “nur” Dienstleister sein und stumpf Aufträge ausführen. Vermutlich wäre mein Leben leichter, wenn mein Design kommerzieller und mehr beige wäre.
Ich arbeite gern mit Farben, gerade weil ich diesen Urban Art-Hintergrund habe. Ich gehe offen mit meiner Kunst um, sehe das als Alleinstellungsmerkmal und bin sehr stolz auf meine damalige künstlerische Arbeit.
"Vermutlich wäre mein Leben leichter, wenn mein Design kommerzieller und mehr beige wäre."
War das immer so?
Nein. Früher war ich von meiner eigenen Kunst nicht so überzeugt, ich fand andere Künstler*innen meist besser als mich. Im Nachhinein weiß ich, dass ich ein ziemliches Imposter Syndrom hatte. Aber für eine gewisse Zeit fühlte es sich besser an, mich hinter die Künstler*innen zu stellen und ihnen eine Bühne zu bieten, anstatt mich selbst in den Vordergrund zu stellen.

"Ich stehe auf Space Age, Brutalismus und Memphis Design."












Das Yves-Klein-Blau zählt zu Roberts Lieblingsfarben.
Das Yves-Klein-Blau zählt zu Roberts Lieblingsfarben.
Das Yves-Klein-Blau zählt zu Roberts Lieblingsfarben.
Das Yves-Klein-Blau zählt zu Roberts Lieblingsfarben.
Warum entscheidest du dich bewusst gegen bestimmte Projekte?
Weil ich mich nicht verbiegen mag und weil ich zu 100 Prozent hinter meinen Projekten stehen will. Ich habe gemerkt, dass viele Ideen erst dann wirklich funktionieren, wenn genug Raum für Tiefe, Zeit und Experiment bleibt. Deshalb arbeite ich heute lieber an weniger Projekten, die diese Voraussetzungen mitbringen.
Früher habe ich versucht, möglichst viele unterschiedliche Aufträge möglich zu machen. Heute sage ich häufiger Nein, wenn klar ist, dass es nur um schnelle Lösungen oder rein dekorative Ergebnisse geht. Ich entferne mich zunehmend von Projekten, die sehr eng getaktet oder rein trendgetrieben sind.
Du entwirfst neben der Auftragsarbeit eigene Möbel. Was ist deine Motivation dahinter?
Die Arbeit an eigenen Möbeln ist für mich kein Lifestyle-Projekt, sondern ein bewusster Schritt ins Risiko. Nicht alles funktioniert sofort, manches scheitert auch. Der Weg ist langsamer, unsicherer und weniger instagrammable als reine Auftragsarbeit, fühlt sich aber langfristig richtiger an.

Jedes Möbelstück in Roberts Wohnung erzählt eine eigene Geschichte.
"Langfristig denke ich, dass die Persönlichkeit hinter den Projekten eine größere Rolle spielen wird - insbesondere in Zeiten von KI."












Wie ist dein Stil?
Ich stehe auf Space Age, Brutalismus und Memphis Design - eigentlich alles, was aus den Siebziger- und Achtzigerjahren kommt. Farbe ist für mich kein Stilmittel, sondern ein Werkzeug, um Räume zu strukturieren und Emotionen zu erzeugen. Leider ist alles, was rund ist, immer dreimal so teuer.
Zusammen mit deinem Team gestaltest du Räume, die Haltung zeigen. Wie gelingt das? Und wie sieht das aus?
In den Räumen, die ich kreiere, steckt ganz viel Persönlichkeit und Herzblut von mir drin. Ich betrachte jedes Projekt als eigenständiges Kunstwerk. KI spielt in meiner Branche eine große Rolle. Davor haben Kund*innen mittels “Pinterest” sehr klar kommuniziert, was sie sich vorstellen. Beides ist in Ordnung, es nimmt aber ganz viel Kreativität vorweg.
Durch KI-Tools kommen Kund*innen teilweise mit fertigen Raumkonzepten auf mich zu, meine Beratungsleistung ist, aufgrund meiner Erfahrungswerte aufzuzeigen, was an dem Konzept nicht gut funktioniert, zum Beispiel in Bezug auf Lichtverhältnisse und Farben. Langfristig denke ich, dass die Persönlichkeit hinter den Projekten eine größere Rolle spielen wird - insbesondere in Zeiten von KI.

Die Lampe "Flos 265" hat Robert lange gesucht und schließlich via Suchanzeige gefunden.
"Ich gehe gern all in und ermutige immer dazu, sich zu trauen."












Auch das Kinderzimmer seines Sohnes hat Robert selbst designt und ausgebaut.
Auch das Kinderzimmer seines Sohnes hat Robert selbst designt und ausgebaut.
Auch das Kinderzimmer seines Sohnes hat Robert selbst designt und ausgebaut.
Auch das Kinderzimmer seines Sohnes hat Robert selbst designt und ausgebaut.
Wie haben sich Ansprüche an Räume, privat oder gewerblich, verändert? Und was steckt dahinter?
Sie haben sich verändert, aber nicht unbedingt positiv. Die Wirtschaftskrise schlägt sich auf Budgets und letztlich auf das Design nieder. Es gibt natürlich zum Glück Ausnahmen und Projekte, die sich was trauen.

Kommt der Mut zur Farbe langsam wieder zurück?
Absolut! Seit der Pandemie stecken Menschen viel Geld in ihr Zuhause, um es schön zu haben. Insbesondere die Deutschen geben aber nicht gern Geld für Beratung aus. Es gibt durch viele Hersteller*innen ein sehr günstiges Angebot für qualitativ hochwertiges Interior Design.
Der schwedische Designer Gustaf Westman ist während der Pandemie total durch die Decke gegangen, weil er nahbar ist und das Skandinavische umgekehrt hat. Farbe steht für Fröhlichkeit und das hilft natürlich in Zeiten wie diesen, in denen die Weltpolitik alles andere als schön ist.
Deine Prinzipien sind “form follows fun” und “beige is boring”. Mit welchen niedrigschwelligen Tipps oder Hacks lässt sich das in privaten Wohnräumen umsetzen?
Ich gehe gern all in und ermutige immer dazu, sich zu trauen. Man kann alles immer wieder überstreichen, also probiert Farbkombinationen mutig aus! Mein Tipp ist, sich ein Material Board zu bauen, auf dem man verschiedene Farben und vor allem Materialien und Texturen kombinieren kann, um zu sehen, wie es wirkt.

Robert realisiert mit "Neuendorf Arterior" Möbel, Räume und temporäre Installationen für private sowie internationale Auftraggeber*nnen, Marken und Festivals.
"Mein Tipp ist, sich ein Material Board zu bauen, auf dem man verschiedene Farben und vor allem Materialien und Texturen kombinieren kann."












Der Interior Bereich wird mittlerweile überflutet von Trends und Mikro-Trends, die vielfach online auf Social Media stattfinden. Wie kann man sich frei davon machen? Oder ist das gar nicht nötig?
Es ist schwierig, sich aufgrund der Algorithmen von Trends freizumachen. In meiner Arbeit versuche ich in Gesprächen herauszufinden, was für Persönlichkeiten meine Kund*innen sind. Für was stehen sie? Welche Werte sind ihnen wichtig? Und wie kann ich das so ins Design übersetzen, dass es sich in den Möbeln wiederfindet?
Bei meinen eigenen Möbelstücken achte ich immer darauf, dass sie eine Geschichte haben. Viele Stücke habe ich einfach auf der Straße gefunden oder mit einem Hintergrund gekauft. Einen Sessel habe ich auf dem Zeltplatz des “Fusion Festivals” gefunden, mein Bettgestell stand an der Straße. Meine Lampe “Flos 265” habe ich in Florenz in einem Fahrradladen gesehen, sie online via Anzeige gesucht und schließlich bekommen.

Im "Neuendorf Arterior" Studio entwirft und baut Robert mit seinem Team Prototypen.
"Ich liebe die Kombination von Blau, Gelb, Rot und Grün, die funktioniert immer gut."












Lässt sich aus deiner Sicht noch Interior Inspiration digital finden?
Ich hole mir meine Inspiration auf Reisen und rate immer dazu, sich in der Offline-Welt inspirieren zu lassen. “Instagram” habe ich auf meinem privaten Handy gelöscht. Das hilft ungemein, auch dabei, sich nicht ständig zu vergleichen. Der Algorithmus lenkt sehr vom eigenen Stil ab und wiederholt sich.
Zum Schluss: Wie stehst du zu Trendfarben - yay or nay?
Nay! Ich habe bestimmte Farben, die ich immer feiere und die für mein Design und meine Kunst stehen. Da zählt zum Beispiel das berühmte Yves-Klein-Blau zu, was sich auch in meiner Wohnung wiederfindet, zusammen mit Schwefelgelb.
Ich liebe die Kombination von Blau, Gelb, Rot und Grün, die funktioniert immer gut. Außerdem bin ich ein großer Fan von Memphis Design, was in den Achtzigern in Mailand als Gegenentwurf zum geradlinigen Bauhaus-Stil entstanden ist. Es ist laut, Formen und Farben clashen hier aufeinander. Das liebe ich!