Mitarbeiterinnen vom Bundesnachrichtendienst: „Fast niemand weiß, was wir beruflich machen“

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23. Februar 2017

Agenten springen aus brennenden Fahrzeugen und liefern sich wilde Verfolgungsjagden an exotischen Orten. So sieht die Arbeit beim Geheimdienst in „James Bond“-Filmen oder Serien wie „Homeland“ aus. Aber wie ist es wirklich, bei einem Nachrichtendienst zu arbeiten? Nur selten haben Außenstehende die Gelegenheit, mit Spionen über ihre Arbeit zu sprechen und herauszufinden, wie ihr Alltag tatsächlich aussieht. Der Bundesnachrichtendienst beschafft geheime Informationen aus dem Ausland, analysiert und wertet Material aus und berät die Regierung bei wichtigen Entscheidungen.

Wir treffen zwei Mitarbeiterinnen zum exklusiven Interview und sprechen mit ihnen über ihre Karrieren und Aufgaben beim BND, aber auch über Terrorismus und die Kritik, in der Nachrichtendienste stehen. Die beiden Frauen, die mir im Berliner Besucherzentrum des Bundesnachrichtendienstes gegenüber sitzen und frisch gebrühten Kaffee einschenken, wirken sehr sympathisch. Würde man sie auf der Straße treffen, würde man kaum vermuten, dass sie Expertinnen für sicherheitspolitisch heikles Terrain, unter anderem für deutsche Dschihadisten beim IS, sind.

femtastics: Verratet uns bitte etwas zu eurer Person und seit wann ihr beim Bundesnachrichtendienst arbeitet.

Simone Hegemann*: Ich bin Ende 30, studierte Juristin, außerdem verheiratet und Mutter. Und ich bin seit elf Jahren für den Bundesnachrichtendienst tätig.

Judith Thiel*: Ich bin Mitte 20 und direkt nach dem Abitur zum BND gekommen.‘

Wie kamt ihr auf die Idee, für den Bundesnachrichtendienst zu arbeiten?

S.H.: Ich wollte nicht als Rechtsanwältin arbeiten, sondern hatte mir immer eine Karriere beim Auswärtigen Amt vorgestellt. Bei einer meiner Wahlstationen im Ausland habe ich zufällig Mitarbeiter des BND kennengelernt, die mich auf die Idee brachten, mich initiativ zu bewerben. Ich fand es reizvoll, dass ich als Frau im Ausland arbeiten kann, aber das – anders als beim Auswärtigen Amt – nicht zwingend muss.

J.T.: Ich habe mich nach dem Abitur für die Ausbildung beim Bundesnachrichtendienst beworben. Dies sieht ein Studium an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung vor. Dort werden auch Mitarbeiter für Polizei, Verfassungsschutz und andere Beamte der Bundesverwaltung ausgebildet.

Wie verlief dann euer erster Kontakt zum BND und der Bewerbungsprozess?

S.H.: Auf meine Initiativbewerbung bekam ich ziemlich schnell eine Antwort und eine Einladung zum Gespräch. Ich denke, dass meine juristische Qualifikation gepaart mit meiner Berufserfahrung in vergleichsweise exotischen Ländern interessant für den BND waren. Was im Rahmen der Bewerbung lange gedauert hat, war die Sicherheitsprüfung, die der BND zu meiner Person und meinem Umfeld durchgeführt hat. Die Behörde prüft sehr genau, wer sich da bewirbt.

J.T.: Ich wurde ja direkt für den deutschen Auslandsnachrichtendienst  ausgebildet, wobei das Grundstudium zunächst allgemeiner war und zum Beispiel Zivilrecht und öffentliche Finanzwirtschaft umfasste. Erst nach der Zwischenprüfung spezialisiert man sich. Dann geht es um Themen wie  Auswertung, Gesprächspsychologie, internationale Politik und Recht. Auch Praktika und praktische Ausbildungsanteile gehörten dazu. Ich bin schon während meines Studiums mehrmals im Jahr umgezogen – eine gute Vorbereitung auf die spätere Arbeit.

Während meiner Tätigkeit beim BND war ich viel im Ausland, unter anderem mehrere Jahre lang in Südasien – auch mit meinem Mann und unseren Kindern.

In welchem Bereich arbeitet ihr heute für den BND?

S.H.: Ich habe in der Auswertung angefangen und dort als Analystin gearbeitet. Dann war ich eine ganze Zeit lang operativ tätig und habe Informationen von außen- und sicherheitspolitischer Bedeutung für Deutschland beschafft. Während meiner Tätigkeit beim BND war ich viel im Ausland, unter anderem mehrere Jahre lang in Südasien – auch mit meinem Mann und unseren Kindern. Heute arbeite ich in Berlin und bin für rechtliche Belange zuständig.

J.T.: Ich bin für den Bereich deutsche Dschihadisten in Syrien zuständig. Nach dem Studium bekommt man vom Dienst eine Stelle zugewiesen – bei mir war es eine, die ich mir persönlich auch gewünscht hätte. Mit dem Thema habe ich mich schon in meiner Diplomarbeit befasst.

Welche Vorstellungen hattet ihr vorher von der Arbeit für den Nachrichtendienst?

S.H.: Ich konnte mir am Anfang konkret wenig vorstellen, außer, dass die Arbeit mit dem Ausland zu tun hat und bestimmt interessant ist. Aber das erste Gespräch, das ich nach meiner Bewerbung hatte, hat mir schon eine gute Vorstellung gegeben.

Wie haben sich diese Ideen dann mit der Realität der tatsächlichen Arbeit gedeckt?

S.H.: Gerade die operative Arbeit kann man sich vorher nicht vorstellen, da wächst man rein.

J.T.: Mir ging es ähnlich. Als ich mich mit 18 hier beworben habe, hatte ich vorher – außer Praktika – noch nirgendwo anders gearbeitet. Da hat man generell wenig Vorstellung davon, wie Berufsalltag aussieht. Schon gar nicht beim BND, der seine nachrichtendienstlichen Methoden nach außen schützen muss – obwohl ich mich vorher natürlich informiert habe und mir die Stellenanzeige für das Studium genau angesehen habe. Da steht dann etwas von „Auswertung“ und „Analyse“ und „Themenschwerpunkten“ – aber was genau macht ein Analyst? Davon hatte ich vorher keine genaue Vorstellung. Heute ist das natürlich anders.

Im Studium lernt man unter anderem Gesprächsführung und Observation – das ist sehr interessant!

Zum Studium gehörte auch eine praktische Ausbildung. Wie kann man sich diese vorstellen? Was hast du gelernt?

J.T.: Die praktischen Anteile geben einen guten Überblick über alle Bereiche der nachrichtendienstlichen Arbeit. Man lernt unter anderem, wie man Informationen beschafft, wie man sicherheitstechnisch am besten auftritt, zum Eigenschutz, aber auch zum Schutz der Person, mit der man arbeitet. Man lernt Gesprächsführung und Observation – das ist zum Teil sehr spannend! Zum Studium gehört aber auch eine Sprachausbildung. Ich habe Russisch gelernt – das fand ich klasse, weil mir Sprachen sehr liegen

Du, Simone, hast viel Erfahrung in der Beschaffung gesammelt. Deine Aufgabe bestand darin, Menschen Geheimnisse zu entlocken. Wie machst du das? 

S.H.: Man lernt es langsam. Es gibt Lehrgänge, in denen man das übt. Und in der Anfangszeit hat man einen erfahrenen Kollegen dabei. Im Laufe der Zeit lernt man dann seine eigenen Stärken und Schwächen kennen. Wir zwingen ja niemanden, mit uns zusammenzuarbeiten, sondern sind hoffentlich so sympathisch und überzeugend, dass man mit uns arbeiten möchte. Und in dieser Hinsicht muss man ein Gefühl dafür entwickeln, in welchen Bereichen man das schaffen kann oder nicht – und in welchen Bereichen es passt. Wenn ich als Frau einen männlichen Islamisten werben will, wird das wahrscheinlich nichts (lacht).

In der Ausübung der Arbeit muss man durchaus auch mal unter einem anderen Namen auftreten.

Du musst manchmal lügen – fällt dir das schwer?

S.H.: Es ist schon ab und zu so, dass wir nicht alles erzählen beziehungsweise nicht alle Informationen teilen können. Wer sich zum Beispiel operativ um den internationalen Drogenhandel kümmert und dazu im Ausland geheime Informationen beschaffen muss, der muss – in der Ausübung dieser Arbeit durchaus auch mal unter einem anderen Namen auftreten als er seine Kinder in Berlin-Mitte im Kindergarten angemeldet hat. Wir nennen das Legendierung. Sie dient dem Schutz der Mitarbeiterin oder des Mitarbeiters. Daran muss man sich natürlich erst einmal gewöhnen.

Wissen eure Freunde und Familien, was ihr beruflich macht?

S.H.: Als ich vor elf Jahren angefangen habe, war es ganz klar, dass man nichts über seine Arbeit sagen durfte. Nur die engste Familie durfte es wissen. Das fand ich damals nicht einfach und es hat mich immer wieder vor Probleme gestellt. Diese Regel ist sukzessive abgeschafft worden, was ich persönlich total befreiend, richtig und gut finde. Klar darf ich über Details meiner Arbeit immer noch nicht sprechen, aber das dürfte ich als Anwältin auch nicht. Generell ist es inzwischen so, dass sich ein möglichst großer Teil der Kolleginnen und Kollegen zum Arbeitgeber BND bekennen können soll.

J.T.: Bei mir ist es so, dass mein engstes privates Umfeld weiß, wo ich arbeite. Meine Familie und meine sehr engen Freunde waren auch in die Sicherheitsüberprüfung involviert, die gemacht wird bevor man eine Stelle beim BND antritt. Da ich noch nicht weiß, wie meine Karriere weiter verläuft, habe ich mich dagegen entschieden, öffentlich zu machen, wo ich arbeite.

Was sagt ihr, wenn zum Beispiel Leute auf einer Party euch fragen, was ihr beruflich macht?

J.T.: Dann sage ich „Verwaltung“ oder „Öffentlicher Dienst“. Es ist für die Leute dann so langweilig und uninteressant, dass in der Regel keiner weiter fragt. Man muss es nur langweilig verkaufen (lacht). Manchmal sage ich bei Nachfragen auch: in der Bundesverwaltung, was ja auch nicht gelogen ist. Die Leute verstehen dann nur „Verwaltung“ und fragen nicht mehr weiter.

Ich habe einen spannenden Beruf, aber ich kann nie sagen, dass ich tatsächlich nicht der langweilige Mensch bin, der ich vorgebe zu sein.

Stört es euch persönlich, dass ihr abends nicht erzählen könnt, was ihr erreicht habt oder was euch vielleicht tagsüber aufgewühlt hat?

J.T.: Manchmal ist es schwierig. Ich habe einen spannenden Beruf, aber ich kann nie sagen, dass ich tatsächlich nicht der langweilige Mensch bin, der ich oft vorgebe zu sein. Leute fragen mich vielleicht: „Und? Ist deine Arbeit interessant?“ und ich muss antworten: „Ach, es geht …“ Unter Kollegen, die auch Freunde sind, kann man natürlich ein bisschen offener reden. Vielleicht ist es aber auch gut, dass ich Details abends nicht erzählen kann und mich dann nicht wieder in meine Arbeit hineinsteigere. Wenn ich nach Hause gehe, kann ich die Arbeit theoretisch weitgehend hinter mir lassen. Ich versuche zumindest, mich nicht mehr mit dem Thema Terror zu befassen.

Funktioniert das denn?

J.T.: Dadurch, dass mein Thema medial so präsent ist – man macht die Nachrichten an, liest Zeitung und überall begegnet einem der IS-Terror – kann ich nicht total abschalten, aber für mich ist es noch in Ordnung.

S.H.: In dieser Hinsicht ist es tatsächlich gut, dass man Arbeit nicht mit nach Hause nehmen darf. Am Anfang musste ich mich daran gewöhnen – gerade in meiner derzeitigen Stabstätigkeit würde ich sonst vielleicht abends stapelweise Akten mit nach Hause nehmen und dann, wenn die Kinder im Bett sind, weiter arbeiten. Bei uns ist es jedoch so: wenn wir abends oder am Wochenende zu arbeiten haben, dann müssen wir dafür ins Büro kommen – für das Abschalten im privaten Bereich ist das eigentlich ein großer Vorteil.

Habt ihr eine normale 40-Stunden-Woche?

S.H.: Ganz grundsätzlich schon. Aber es ist immer eine Frage, wo man gerade eingesetzt wird. Wenn man eine Krise bearbeitet, wird man sicher stärker gefordert und macht diese Arbeit auch gern. Nichtsdestotrotz ist man Beamter und die Arbeitszeiten sind klar geregelt.

Oft möchte ich Arbeit nicht liegen lassen. Bei uns möchte man nicht denken müssen: Hätte ich das gestern bearbeitet, wäre es nicht so gekommen.

J.T.: Bei uns ist es derzeit nicht annähernd eine 40-Stunden-Woche. Terrorismus ist aber auch ein Kernbereich der Arbeit von Nachrichtendiensten und man weiß, warum man seine Arbeit macht. Ich arbeite auch viel abends und an den Wochenenden, aber das mache ich aus Überzeugung, zum Beispiel, wenn etwas Unerwartetes passiert. Oft möchte ich Arbeit auch einfach nicht liegen lassen. Es sind eben sicherheitsrelevante Sachverhalte, mit denen ich mich beschäftige. Bei uns möchte man nicht denken müssen: Hätte ich das gestern bearbeitet, wäre es nicht so gekommen.

Du spürst eine Verantwortung?

J.T.: Definitiv.

Könnt ihr uns einen kleinen Einblick in euren Arbeitsalltag geben? Wie sieht ein “typischer” Arbeitstag bei euch aus?

S.H.: Das ist sehr abhängig von der jeweiligen Situation. Ich bin um 6 Uhr morgens im Büro und sichte erst einmal den Meldungseingang: Was ist seit gestern Abend passiert? Müssen wir wegen irgendetwas sofort aktiv werden? – Dann haben wir eine große Lagebesprechung mit anderen Abteilungen und entscheiden, wo und wie wir zu agieren haben. Wir setzen uns mit internationalen Partnern zusammen und bearbeiten bestimmte Themen. Wir arbeiten auch sehr eng mit den Behörden im Inland zusammen. Jeder Tag ist anders, Termine und Aufgaben ergeben sich oft kurzfristig. Ich finde es gut, dass ich montags nicht weiß, wie meine Woche aussehen wird. Es kommen auch mal sehr kurzfristige Dienstreisen.

Man muss sehr flexibel sein. Macht ihr privat trotzdem Pläne?

J.T.: Ich glaube, für meine Freunde ist es im Moment etwas frustrierend. Das hängt aber auch mit dem Thema zusammen, mit dem ich mich dienstlich beschäftige. Ich kann bei Verabredungen oft nicht definitiv zusagen. Und da ich mein privates Handy nicht mit auf die Arbeit nehmen kann, sind kurzfristige Absprachen oft schwierig. Wenn es um 18 Uhr eine Lageveränderung gibt, ist es manchmal eine echte Herausforderung, abzusagen oder Termine zu verschieben. Aber natürlich muss ich nicht gänzlich auf Privatleben verzichten. Das wäre ein falsches Bild.

S.H.: Bei mir ist es manchmal herausfordernd, weil ich auch meine Familie organisieren muss. Ich bin telefonisch über Festnetz im Büro erreichbar – das muss ich ja sein wegen meiner Kinder – aber von WhatsApp oder E-Mail bin ich während der Arbeit zum Beispiel abgeschnitten, das musste ich meinem Umfeld deutlich machen. Manchmal sind es ganz simple Dinge: In der Schule ist Elternsprechtag und es gibt eine Doodle-Liste. Die sehe ich natürlich erst abends, wenn alle angenehmen Termine schon weg sind (lacht). Aber es lässt sich alles schon irgendwie machen. Und wenn ich als Beamtin Teilzeit arbeiten wollte, wäre das auch möglich. Diese Option hat man auch nicht überall!

Die Welt der Nachrichtendienste ist traditionell eher Männersache. Wie ist es beim BND: Arbeiten immer noch mehrheitlich Männer in eurem Umfeld?

S.H.: In manchen Punkten ist es vielleicht noch eine Männerdomäne, aber ich habe das Gefühl, es gibt immer mehr Frauen. Wir sind auf einem ganz guten Weg. Insgesamt sind es knapp 40 Prozent Frauen beim BND – in den Führungspositionen können es aber auf jeden Fall noch mehr werden!

J.T.: Die Tatsache, dass ich a) eine Frau und b) noch relativ jung bin, hat meiner Erfahrung nach nie einen Unterschied bei meiner Arbeit gemacht. Solange man fachliche Expertise vorweisen kann, sich einbringt und sich bemüht, stehen einem alle Wege offen. Ich habe es bei internationalen Partnern schon erlebt, dass sie erst einmal skeptisch geschaut haben, als sie mich sahen. Aber ich hatte bisher nie das Gefühl, dass es mir zum Nachteil gemacht wurde.

Man muss im besten Fall jeden einzelnen deutschen Dschihadisten, der sich in Syrien aufhält, namentlich und mit seiner Vita kennen. Für mich ist meine Arbeit manchmal wie Real-life-GZSZ.

Was, denkt ihr, braucht man, um euren Job zu machen? Welche Eigenschaften sollte man mitbringen?

S.H.: Es ist so vielseitig, weil man so viele unterschiedliche Sachen machen kann. Allgemein ist es vorgesehen, dass man seine Position regelmäßig wechselt und man hat immer die Möglichkeit, sich auf eine Stelle im Ausland zu bewerben. Das heißt, es sind viele Qualifikationen gefragt. Zum Beispiel braucht der Dienst sicher auch Juristen, die total gerne nur an Akten arbeiten. Gleichzeitig braucht man, für die operative Arbeit, Menschen, die sehr kontaktfreudig sind und gerne mit Menschen sprechen, auch aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen. In der Auswertung muss man zum Beispiel gerne präsentieren und Vorträge halten können. Und grundsätzlich schadet es nicht, exotische Sprachkenntnisse zu haben. Englisch ist natürlich Voraussetzung. Außerdem muss man flexibel sein und sich auf neue Situationen einlassen können.

J.T.: Mein Bereich ist ein Sonderbereich: Man muss im besten Fall jeden einzelnen deutschen Dschihadisten, der sich in Syrien aufhält, namentlich und mit seiner Vita kennen. Es ist eine Puzzle-Arbeit, die mir persönlich sehr viel Spaß macht. Weil ich ihre Wichtigkeit erkenne. Für mich ist meine Arbeit manchmal ein bisschen wie Real-life-GZSZ (lacht), weil man alle Personen mit ihren Netzwerken und Geschichten kennen muss. Wenn man die Puzzleteile richtig zusammengesetzt hat und zu einer Lösung gekommen ist, ist es auch mal ein Erfolgserlebnis. Die Arbeit ist stressig, aber sie gibt einem auch sehr viel zurück!

S.H.: Ich fand auch die regionale Auswertung immer total spannend. Da muss man Lagebilder und Prognosen zu Ländern oder Regionen machen, zum Beispiel zur politischen, militärischen oder volkswirtschaftlichen Lage – und wenn die Dinge sich wirklich so entwickeln, wie man es analysiert hat, ist das ein Erfolg. Generell ist es übrigens hilfreich, wenn man unterschiedliche Bereiche des Hauses kennt und im Laufe der Zeit zum Beispiel vom einem auswertenden in eine beschaffende Tätigkeit wechselt, oder umgekehrt. So lernt man das Zusammenspiel der unterschiedlichen Bereiche des Hauses besser kennen.

Wenn es doch zu einer Situation wie dem Anschlag in Berlin im Dezember kommt, was geht einem dann durch den Kopf? Was habt ihr gedacht als ihr davon erfahren habt?

J.T.: Im ersten Moment dachte ich: Oh Gott, wie schlimm! Und im zweiten Moment: Hoffentlich habe ich nichts übersehen oder falsch gemacht.

Ich würde mir wünschen, dass die Menschen sich über den Auftrag des BND und die rechtliche Rahmenbedingungen informieren. So etwas wie in „Homeland“, dass ein unbescholtener Bürger aus dem Haus geht und bei seiner Rückkehr seine Wohnung verwanzt ist, das wird nicht gemacht.

Im Moment gibt es auch viel Kritik an Nachrichtendiensten – und einen Untersuchungsausschuss wegen der Enthüllungen von Snowden und der Zusammenarbeit zwischen BND und NSA. Müsst ihr euch in eurem Umfeld manchmal rechtfertigen? Wie steht ihr zu diesen Diskussionen?

J.T.: Ich denke, es herrscht zum Teil auch viel Unwissen. Von wegen: „Deutschland ist ein Überwachungsstaat, der BND hört uns alle ab!“ Das höre ich manchmal in der Bahn, wenn sich die Leute unterhalten. Dann würde ich mich gerne einschalten und sagen: „Moment mal, das geht rechtlich überhaupt gar nicht und das wollen wir auch gar nicht!“ Wir sind immer noch ein Rechtsstaat. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen sich über den Auftrag des BND, seine Arbeit und die rechtliche Rahmenbedingungen informieren.

So etwas wie in „Homeland“ [der TV-Serie], dass ein unbescholtener Bürger aus dem Haus geht und bei seiner Rückkehr seine Wohnung verwanzt ist, das wird nicht gemacht. Wir handeln auf gesetzlicher Grundlage und im Interesse der Öffentlichkeit: Wir wollen, dass die Politiker eine gute Informationsbasis haben, um über wichtige Sachverhalte zu entscheiden. Wir vernetzen uns mit internationalen Nachrichtendiensten, um die bestmöglichen Informationen an die Behörden in Deutschland und die Regierung weiterzugeben.

S.H.: Es werden viele Halbwahrheiten verbreitet, aber aufgrund der Geheimhaltungspflicht können wir oft nicht sagen, wie es wirklich ist. Da wird manchmal sicherlich auch viel Politik gemacht. Nichtsdestotrotz finde ich es natürlich wichtig, dass Dinge, die nicht gut gelaufen sind, korrigiert werden. Ich habe aber in elf Jahren nie das Gefühl gehabt, dass der BND das nicht unterstützt.

J.T.: Das Positive an der Diskussion ist, dass wir jetzt überhaupt mal öffentlich darüber diskutieren, was wir uns von einem funktionierenden Auslandsnachrichtendienst wünschen.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!



Hier findet ihr den Bundesnachrichtendienst:


*Die Gesichter unserer Gesprächspartnerinnen dürfen wir nicht zeigen und auch ihre eigentlichen Namen nicht nennen, da unser Interview keine Rückschlüsse auf ihre Personen zulassen darf.

15 Kommentare

  • Jules sagt:

    Warum dürfen die keine privaten Handys dabei haben oder tagsüber privaten Kontakt mit Freunden haben?

    • Liebe Jules, der BND erklärt das so: „private Handys am Arbeitsplatz wären ein potenzielles Risiko für den unerlaubten Abfluss von schutzbedürftigen Informationen.“ Die Mitarbeiter müssen übers Festnetz kommunizieren.

  • Lena sagt:

    Ein wirklich interessantes Interview! Toll, dass ihr einen Einblick in eine Berufsgruppe bietet, von der man kaum etwas weiß. Das ist tausendmal spannender als die nächste Vita aus der Lifestyle-Branche (in der ich mich selbst auch bewege 😉 ). Ich würde gerne mehr davon lesen.

  • *thea sagt:

    Ich stimme Lena absolut zu – auch wenn sie wenig verraten dürfen, lernt man in eurem Interview doch einiges dazu. Ich bin auch ein großer Homeland-Fan und weiß ja, dass das es eine Hollywood-Serie ist – aber dazu mal einen Eindruck gerade von Frauen aus der Realität zu bekommen, ist super!

  • Friederike sagt:

    Ich möchte mich Lenas Kompliment anschließen: ein wirklich spannendes Interview! Großartig, was für eine Vielfalt an interessanten Frauen ihr hier vorstellt. Macht unbedingt weiter so, ich freue mich jedes Mal über einen neuen Beitrag!!

  • anne sagt:

    super spannend!

  • Lu sagt:

    Wirklich spannendes Interview! Besondere Berufsgruppe, nicht nur oberflächliches Geplänkel – ich bin begeistert. 🙂

  • Bernd sagt:

    Alles Lüge! Und sie hoffen damit durchzukommen

  • Naja sagt:

    Die beiden Frauen haben mustergültige Lebensläufe. Aus meinem eigenen juristischen Leben als Strafverteider weiß ich zumindest, dass man sehr viele Informationen, Insider-Wissen etc. oft von Menschen mit gebrochenen Lebensläufen erhält, bzw. diese Menschen viel näher am Leben sind, als es ein makelloser Ausbildungsgang jemals vermitteln kann (den Dialekt des Dorfes in dem ich lebe kann ich kaum in einer Schulung lernen, auch nicht nicht, wer welchen Hobbies etc nachgeht, ob der Betreffende in kriminelle Aktivitäten verwickelt ist, oder ob die Polizei wegschaut etc.). In meiner Nachbarschaft leben Leute die laufen herum wie Obdachlose und besitzen zahlreiche Immobilien (geerbt). Fast jeder begegnet irgendjemandem in seinem Leben, der eine Geschichte hinter der Geschichte hat (Kleinkriminalität oder schwierige Familienverhältnisse, psychische und physische Beeinträchtigungen, Schulden. Das sind Kleinigkeigen, die aber schon im ganz normalen Alltag eine Rolle spielen. Das ein Nachricht wie ein Lehrerzimmer arbeitet und -nur mit Technik – ohne Halbwelt- und Unterweltwissen auskommt: kaufe ich dem Artikel nicht so ganz ab. Der BND sucht offiziell nur nach Mitarbeitern mit Spitzenexamen, Einserschüler. Das sind aber genau die Leute, die vom „echten Leben“ nicht viel mitbekommen. Technik ist sicher wichtig, aber nur die eine Seite des Spiels. Stichwort: Maus

  • Julie sagt:

    Hallo!
    Mir hat euer Interview sehr gefallen. Ich selbst bin gerade dabei so viel wie möglich über diesen Beruf in Erfahrung zu bringen und dabei hat mir euer Interview sehr geholfen. Ich bin sehr begeistert von diesem Beruf und versuche mich zu bemühen, selbst einmal Mitarbeiter des BND zu werden.
    Ich würde gerne fragen, was ich nach dem Abitur machen muss um gute Chancen zu bekommen angenommen zu werden?
    LG Julie

    • Anna Weilberg sagt:

      Liebe Julie,
      vielen Dank für Deinen Kommentar!
      Auf der Website der Hochschule des Bundes findest Du auch Informationen zum Studium an der Hochschule.
      Viele Grüße,
      Anna

  • Ben sagt:

    Dürften die BND ArbeiterInnen auf den sozialen Medien aktiv sein?

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