Den Agenturalltag anders gestalten und Krisen meistern – die Geschäftsführerinnen von „Mrs. Politely DELICIOUS“ verraten, wie es geht!

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6. Dezember 2021

Die Hamburger PR-Agentur „Mrs. Politely DELICIOUS“ hat sich auf Kund*innen aus dem Food-Bereich, der Gastronomie und Hotellerie spezialisiert. Zu ihren Kund*innen zählen unter anderem „Bonne Maman“, „Peter Pane“, „Barebells“ und „Ogaenics“. Die Gründerinnen Yasmin von Schlieffen-Nannen (47) und Frederike-Ottilie Schmidt (34) haben 2016 einen Trend erkannt und schnell gehandelt. Wir treffen sie zum Interview in ihrem Büro und sprechen darüber, wie sie als Führungs-Duo „Agenturalltag“ für sich und ihre Mitarbeiter*innen definieren, was ihrer Meinung nach zu ihrem Erfolg beigetragen hat, wie sie die Corona-Krise gemeistert haben, und warum sie ihre Arbeit heute wichtiger denn je finden.

femtastics: Wie und wo habt ihr beide einander kennengelernt?

Frederike-Ottilie Schmidt: Ich hatte in einem Magazin einen Artikel über Yasmin gesehen, daraufhin eine Bewerbung an „Mrs. Politely“ geschickt und hier ein Praktikum gemacht. Ich war danach für andere berufliche Stationen in London und bei weiteren Agenturen in Hamburg, aber wir sind die ganze Zeit in Kontakt geblieben.

Die Mode-PR-Agentur „Mrs. Politely“ wurde 1999 von dir, Yasmin, gegründet. Wie kam es 2016 zur Gründung eures Ablegers „Mrs. Politely DELICIOUS“, den ihr zusammen gegründet habt?

Yasmin von Schlieffen-Nannen: Ich wollte das so gerne machen und wusste, dass es nicht ohne Fredi geht. Aber Fredi wusste noch nichts davon …

Fredi: Ich war zu der Zeit festangestellt bei einer anderen Agentur. Yasmin ist sehr überzeugend mit ihren Ideen und konnte mich schnell ins Boot holen.

Das schöne Büro befindet sich in einem historischen Gebäude am Ballindamm.

Mit welcher Vision habt ihr die Agentur gegründet?

Yasmin: Die Idee war: eine PR-Agentur, bei der es speziell um Food-Konzepte, Hotels und Restaurants geht. Ich wusste, dass Fredi in diesem Bereich spezialisiert ist und gute Kontakte hat. Und, dass das Timing perfekt war, ich es aber nicht alleine schaffen würde, weil ich ja auch noch die andere Agentur habe.

Ich hatte das Gefühl, dass solche Konzepte gerade auch in Deutschland umgesetzt wurden. Wenn man in der Modebranche arbeitet, reist man ja viel. In Paris, London und anderen Metropolen gab es Boutique-Hotels und viele neue Food-Unternehmen – jeder Keks war schön verpackt. Das fing hier langsam auch an, mit neuen Brands, Concept Stores und Foodblogger*innen.

Fredi: Ich war vorher schon im Bereich Food-PR tätig und es hat mir viel Spaß gemacht.

Was macht euren Führungsstil und eure Führungsprinzipien aus?

Yasmin: Humor, auf jeden Fall. Humor und Vertrauen sind uns sehr wichtig.

Fredi: Wir beide ergänzen einander sehr gut und vertrauen uns fast blind. Wir können gut miteinander kommunizieren, ohne viel reden zu müssen, weil wir einander gut kennen und vertrauen.

Yasmin: Wir sind den Kund*innen gegenüber unprätentiös und ehrlich.

Fredi: … und wir haben eine Hands-on-Mentalität. Wir setzen Projekte gerne zügig um. Das war für mich persönlich ein Grund, mich selbstständig zu machen – und das möchte ich nie wieder anders haben. Als ich früher für eine große Agentur gearbeitet habe, hat es immer so lange gedauert, bis man Ideen umsetzen konnte. Eine Idee musste durch so viele Instanzen gehen, dass ein Projekt zum Valentinstag im Juni freigegeben wurde. Bei uns gibt es kurze Wege, wir können Dinge schnell entscheiden und sind mit den Kund*innen direkt im Austausch.

Yasmin: Sehr wichtig ist uns klare Kommunikation: Wir sprechen alles an und aus. Das wirkt manchmal vielleicht etwas hart, aber man kommt anders nicht voran. Meine Erfahrung ist, dass klare Ansagen zu weniger Missverständnissen führen als umständlich verpackte. Ich persönlich finde es auch nicht hart, sondern einfach erwachsen.

Yasmin (links) und Fredi (rechts) haben die Food-PR-Agentur in Hamburg zusammen gegründet.

Sehr wichtig ist uns klare Kommunikation: Wir sprechen alles an und aus.

Die Törtchen gab es zwar extra für uns, aber Leckeres ist im Büro von „Mrs. Politely DELICIOUS“ nie fern.

Beim Begriff „Agentur“ denken viele an Klischees wie Überstunden, hohen Arbeitsdruck und -stress, Wochenendarbeit und ständige Verfügbarkeit. Viele Mitarbeiter*innen sind irgendwann ausgebrannt. Wie sieht der Agenturalltag bei euch aus?

Fredi: Wir halten uns an unsere offiziellen Arbeitszeiten und diese sind sehr human. Unser Prinzip ist das Mit- und Füreinander.

Yasmin: Für unseren Job ist es sehr wichtig, dass man das alles auch selbst erleben kann, womit man hier zu tun hat. Wir können nicht über tolle Restaurants und angesagte Bars sprechen, und wissen, wohin der Trend geht, wenn wir nicht selbst in Restaurants oder Bars gehen. Anders gesagt: Unsere Mitarbeiter*innen sollen so arbeiten können, dass ihnen auch noch die Zeit für Erlebnisse außerhalb des Agenturalltags bleibt. Das hat auch mit Respekt gegenüber allen zu tun.

Fredi: Ich finde es schwierig, wenn man Dinge verspricht, die man nicht halten kann. Wenn man in Akquisegesprächen große Versprechungen macht, die dann enttäuscht werden, hat niemand etwas davon. Besser ist es, wenn man ehrlich und authentisch ist.

Yasmin: Ich mag es, wenn man proaktiv handelt. Viele Menschen verschanzen sich, wenn etwas nicht gut läuft, und hoffen, dass es niemandem auffällt. So könnte ich nicht mehr gut schlafen.

Du meinst, wenn es darum geht, Fehler einzugestehen?

Yasmin: Ja. Ich finde, es ist keine Schwäche, sondern eine große Stärke, Fehler zuzugeben oder anzusprechen, wenn etwas nicht gut läuft. Das hat mit Kommunikationsgeschick zu tun, wenn man Kritik vorweggreift. Und wenn man zugibt, dass man nicht immer perfekt funktioniert.

Für „Mrs. Politely DELICIOUS“ arbeiten neben Fredi und Yasmin vier Mitarbeiterinnen.

Ich finde, es ist keine Schwäche, sondern eine große Stärke, Fehler zuzugeben oder anzusprechen, wenn etwas nicht gut läuft. Das hat mit Kommunikationsgeschick zu tun, wenn man Kritik vorweggreift.

Aus ihrem gemeinsamen Büro haben Yasmin und Fredi Alsterblick. Very bossy!

Wie gelingt euch als Geschäftsführerinnen die Work-Life-Balance und Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf?

Yasmin: Ich kann nie richtig abschalten und habe mich daran total gewöhnt. Es macht mich eher nervös, wenn ich zum Beispiel im Urlaub bin und nichts aus dem Büro höre. Das entlastet mich nicht. Das ist natürlich eine Typfrage. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich zu wenig Privatleben habe, weil ich das flexibel gestalten kann. Ich kann zum Beispiel meinen jüngsten Sohn von der Schule abholen und mir tagsüber auch mal Zeit für etwas Privates nehmen.

Fredi: Ich persönlich bin auch nicht der Typ für Nine-to-Five und danach habe ich Ruhe. Ich mag es, dass die Agentur ein Teil von meinem Leben ist. Ich finde es nicht schlimm, E-Mails zu lesen, wenn ich im Café sitze. Es macht mir Freude, jeden Tag und zu jeder Uhrzeit, E-Mails zu lesen und mich mit Kund*innen auszutauschen.

Yasmin: Es passieren ja auch viele positive Sachen, die einen beflügeln.

Fredi: Es gibt jeden Tag einen Grund, um freudig ins Büro zu fahren.

Wie sehen eure Arbeitstage so aus? Was umfassen sie, was gehört zu euren Aufgaben? 

Fredi: Yasmin führt ja nicht nur „DELICIOUS“, sondern auch ihre Mode-PR-Agentur „Mrs. Politely“, deshalb liegt ihr Fokus bei „DELICIOUS“ weniger im operativen als vielmehr im visionären Bereich. Für mich hat sich mein Aufgabenfeld mit den Jahren sehr verändert: Während ich anfangs im Grunde alles gemacht habe, ist mein Job dann strategischer geworden, mit mehr Fokus auf Themen wie Personalführung und Akquise.

Ihr seid mit eurer Agentur – das kann man so sagen – sehr erfolgreich. Was denkt ihr, woran liegt das?

Yasmin: Wir sind beide ehrgeizige, wache Typen. Wir gehen beide offen durchs Leben und sehen Möglichkeiten. Wir lehnen uns nicht zurück, sondern haben beide ein großes Sicherheitsbedürfnis und denken voraus. Bei allem, was ich mache, denke ich an das Worst-Case-Szenario – das hilft mir sehr, weil ich in der Regel sehe, dass nichts Schlimmes passieren kann. Daraus entsteht eine gewisse Leichtigkeit, die sicher auch zu unserem Erfolg beigetragen hat. Wir möchten zwar erfolgreich sein, aber wir sind dabei nicht verbissen.

Wir gehen beide offen durchs Leben und sehen Möglichkeiten.

Gab es in den vergangenen Jahren auch Rückschläge – und wenn ja, wie seid ihr mit ihnen umgegangen?

Fredi: Zu Beginn der Corona-Pandemie. Wir hatten ja primär Kund*innen aus der Gastronomie und Hotellerie – von denen haben einige pausiert. Das Budget, das sie uns gezahlt haben, mussten sie einsparen, um erst einmal ihre Mitarbeiter*innen zu halten. Absolut verständlich – aber für uns ein großer Verlust. Ich habe selten so viele Akquise-Mails geschickt wie im März 2020.

Yasmin: Ich glaube, „volle Kraft voraus“ ist der einzige Weg. Mein Vater hat mir den Rat gegeben: „Face the enemy“. Das bedeutet für mich auch: Stelle dich deinen Ängsten.

Fredi: Es bringt nichts, in Angststarre zu verharren.

Yasmin: Ich weiß aber noch wie ich im Garten stand und dachte: „Mein ganzes Lebenswerk geht jetzt den Bach runter, wegen einer Sache, die ich nicht verschuldet habe!“. Das hat mich sehr belastet. Aber dann habe ich mir gesagt: „Ich darf es nicht den Bach runter gehen lassen!“. Wir sind zum Glück beide Kämpfernaturen, leidensfähig und ausdauernd. Und wir wissen, dass wir up- und downgraden können.

Ich weiß noch wie ich im Garten stand und dachte: „Mein ganzes Lebenswerk geht jetzt den Bach runter, wegen einer Sache, die ich nicht verschuldet habe!“.

Einige ihrer Kund*innen sind mit ihren Produkten im Konferenzraum der Agentur präsent.

Nicht nur durch die Corona-Pandemie, sondern über die ganzen letzten Jahre hat sich PR-Arbeit sehr verändert. Wie sieht eurer Meinung nach gute PR-Arbeit heutzutage aus?

Yasmin: Sehr viel diverser, es ist einfach noch mehr dazugekommen. Viele Kund*innen fragen uns: „Braucht man noch eine PR-Agentur?“.

Fredi: … manche Kund*innen haben auch zu uns gesagt: „Wir machen PR jetzt inhouse.“. Die meisten sind zurückgekommen – weil sie gemerkt haben, dass sie es alleine nicht bewerkstelligt kriegen.

Yasmin: Gerade, weil die Branche und das Angebot noch diverser geworden sind – mit Onlinemedien, Influencer*innen, neuen Apps, etc.– ist der Beratungsbedarf gestiegen. Wir sind ja nicht nur eine Poststelle, sondern ein strategischer Berater an der Seite unserer Kund*innen. Deshalb denke ich, dass PR sogar wichtiger geworden ist als früher. Wenn man strategisch vorgeht, ist PR am Ende nicht nur effektiv, sondern auch günstig.

Fredi: Ich glaube, viele Unternehmen wissen anfangs gar nicht genau, was wir als PR-Agentur machen. Sie wollen vielleicht einen direkten Return-of-Invest – „wenn wir 100 Euro investieren, wollen wir durch die Veröffentlichungen mindestens 100 Euro wieder einnehmen!“ – wir sind aber keine Vertriebsagentur und PR ist etwas Langfristiges. Wir müssen oft erläutern, wie unsere Arbeit funktioniert.

Habt ihr definierte Ziele für euer Unternehmen?

Yasmin: Wir möchten, dass die Agentur stabil und gesund ist und dass wir gesund wachsen können. Aber dass wir dabei auch privat glücklich bleiben.

Fredi: Gleiches gilt für unsere Mitarbeiter*innen. Sie sollen gerne hier arbeiten. Wachstum darf nicht auf Kosten der Menschen gehen.

Yasmin: Ich möchte weiterhin persönlich greifbar sein, deshalb steht Wachstum nicht unbedingt im Fokus. Ich möchte weiterhin wissen, was alle in meinem Team machen und woran sie arbeiten. Ich glaube, dass wir beide dankbar sind für die Dinge, die wir erreicht haben.

Vielen Dank euch beiden für das Gespräch!


Hier findet ihr „Mrs. Politely Delicious“

 


Layout: Kaja Paradiek

1 Kommentar

  • Caroline sagt:

    Danke für das inspirierende Interview! In vielen Punkten erkenne ich mich direkt wieder, vor allem der geradlinige Weg bzw die offene Fehlerkultur schätze ich im Umgang mit Agenturen auch sehr (stehe auf der Unternehmensseite). Das Büro ist natürlich auch ein Traum. Etwas Off-Topic: Würdet ihr verraten, woher eure Lampe mit dem roten Schirm stammt? 🙂

    Liebe Grüße,
    Caro

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