Dörflich leben mitten in der Stadt – zu Hause bei Julia Schauenburg-Kacem von „Berberlin“

Fotos: 
9. August 2021

Rausziehen ins Grüne oder doch in der Stadt bleiben? Viele Großstädter*innen stehen spätestens mit der Familiengründung vor dieser Frage – doch manchmal kann man tatsächlich beides haben. Nur ein paar Gehminuten vom viel befahrenen Tempelhofer Damm in Berlin entfernt, nimmt man sie schlagartig und unerwartet wahr: die Stille. Es ist ein warmer Sommertag im Juli, als wir Julia Schauenburg-Kacem vom Teppichlabel „Berberlin“ in ihrem neuen Haus besuchen. Vögel zwitschern und man hört die Gräser im Wind rauschen. Anfang letztes Jahres, gerade noch bevor sich die Pandemie in Deutschland auszubreiten begann, haben Julia, ihr Mann Walid und die drei Kinder ihr Traumhaus bezogen. Hier, in der sogenannten „Gartenstadt Neu-Tempelhof“, wegen der Nähe zum ehemaligen Flughafen auch als „Fliegerviertel“ bekannt, scheint die Welt beinahe still zu stehen. Der ideale Kompromiss also zwischen Stadt und Land und deshalb auch unheimlich begehrt.

Wie die Familie zu ihrem Wohntraum gekommen ist, warum das Ganze auch mit ziemlich viel Stress verbunden war und wie Julia und ihr Mann die Balance zwischen Familienalltag und dem gemeinsamen Unternehmen bewahren, das erzählt uns Julia bei einem Kaffee und einem Rundgang durch ihr stilvolles Haus.



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femtastics: Julia, seit deinem ersten Interview mit femtastics 2016 ist viel passiert. Damals hattet ihr euer Unternehmen gerade neu gegründet und eure Teppiche im Wohnzimmer eurer Kreuzberger Wohnung ausgestellt. Heute habt ihr einen Showroom und wohnt hier in Tempelhof in dörflich anmutender Idylle. Wie seid ihr auf dieses Haus gestoßen?

Julia Schauenburg-Kacem: Wir haben ein Jahr lang gesucht. Ich bin immer wieder durch diese Siedlung gefahren, weil ich hier so gerne wohnen wollte. Zweimal waren in dieser Zeit Häuser frei, die wir uns angeguckt haben. Aber das Richtige war nicht dabei. Dann kam dieses Haus auf den Markt. Wir hatten das Glück, dass wir die gleiche Kinderkonstellation hatten wie die Verkäuferin: also Zwillinge und ein 2,5 Jahre älteres Kind. Dadurch stachen wir aus der Masse der Bewerber heraus und haben das Haus schließlich bekommen. Wir sind nur einmal durchgelaufen und haben es eine Woche später gekauft.

Da sah das Haus aber noch ein wenig anders aus als jetzt, oder?

Genau! Die Eltern der Verkäuferin hatten vorher 40 Jahre lang hier gewohnt und so sah es auch aus. Wir haben alles neu gemacht. Vor etwa einem Jahr sind wir dann eingezogen. Es gibt immer noch Kleinigkeiten, die nicht fertig sind. Als Nächstes wird das Haus von außen angestrichen, danach wird der Wintergarten angebaut und dann können wir uns auch noch an den Garten machen – der sieht momentan noch nicht so schön aus, aber es gibt ihn und den Kindern ist es egal.

Das Zentrum des dreistöckigen Hauses ist der offene Wohn- und Essbereich im Erdgeschoss. Hier liegen große Teppiche von „Berberlin“ und hängt Kunst von einigen Künstler*innen, mit denen Julia befreundet ist, zwischen Bildern der Kinder an den Wänden. Manche der Kunstwerke kommen aus Australien, wo Julia 13 Jahre lang gelebt hat.

An das erste Jahr mit Zwillingen und Kleinkind erinnere ich mich gar nicht mehr. Es war einfach so viel.

Die Küche ist offen gestaltet, sodass das Familienleben immer gemeinsam stattfinden kann.

Habt ihr viel selbst gemacht? Wer hat euch geholfen?

Tobias Schikowski, ein befreundeter Architekt aus Hamburg, hat die ganze Planung und das Projektmanagement übernommen. Wir haben ihn ausgesucht, weil er eine Wahnsinnsgeduld hat und wir brauchten jemanden, der uns wirklich zu Seite steht. Wir haben das Haus zehn Tage bevor ich die Zwillinge bekommen habe, gekauft. An das erste Jahr mit Zwillingen und Kleinkind erinnere ich mich gar nicht mehr. Es war einfach so viel. Ich habe nie wirklich aufgehört zu arbeiten, dazu der Hardcore-Schlafentzug, ein eifersüchtiger älterer Bruder mit sehr viel Energie – das war schon sehr anstrengend und ich hätte gar keine Zeit gehabt, hier selbst Hand anzulegen. Bei so einem alten Haus gibt es auch so viel Arbeit, da mussten richtige Handwerksbetriebe ran.

Habt ihr denn zusammen entschieden, wie das Haus aussehen sollte?

Mein Mann und ich fingen zusammen an, uns Gedanken zu machen. Es stellte sich dann jedoch ziemlich schnell heraus, dass es sehr viel Streitpotenzial mit sich bringt, wenn man gemeinsam ein Haus renovieren möchte.
Kleiner Tipp: Die meisten Familienzentren und Ämter bieten sogar ein Counseling an für Paare, die renovieren.

Wir arbeiten zusammen, wir haben gemeinsam „Berberlin“ gegründet, wir teilen uns die Kindererziehung 50:50, also haben wir gedacht: Wir brauchen nicht noch ein gemeinsames Projekt.

Habt ihr das in Anspruch genommen?

Nein, wir haben uns dann gemeinsam dafür entschieden, dass ich es alleine mache. Wir arbeiten zusammen, wir haben gemeinsam „Berberlin“ gegründet, wir teilen uns die Kindererziehung 50:50, also haben wir gedacht: Wir brauchen nicht noch ein gemeinsames Projekt.

Als wir uns eines Tages wegen Lichtschaltern oder irgendeines anderen unwichtigen Details in die Haare bekommen haben, meinte mein Mann ein paar Stunden später: „Weißt du was, ich weiß, dass es geil aussehen wird, wenn du es machst. Ich würde wahrscheinlich einige Dinge anders machen, aber das ist ok. Du machst das, aber dann musst du es auch echt alleine machen.“ Und das habe ich dann auch getan. Erst als wir eingezogen sind, haben wir die Dinge wieder gemeinsam entschieden. Als wir versucht haben, uns gemeinsam für ein Sofa zu entscheiden, haben wir gemerkt, was für ein Glück es war, dass wir das nicht bei jeder Sache machen mussten. Es war natürlich viel Stress für mich, denn Renovieren ist echt anstrengend und es geht viel schief.

Das Stillleben an der Wand ( Foto rechts) ist von Julia und stammt aus der Zeit, als sie noch Kunstfotografie gemacht hat.

Was waren die größten Hürden bei diesem Prozess?

Was richtig schwierig ist: Viele Bauunternehmen nehmen mehr Projekte an als sie eigentlich Kapazitäten haben. Dadurch war hier manchmal wochenlang niemand auf der Baustelle, obwohl es anders abgesprochen war. Ich habe mich mit dem Unternehmer zeitweise echt in die Haare bekommen. Das hat natürlich zu Stress geführt und war sehr nervenaufreibend. Es hieß beispielsweise Weihnachten könnten wir hier wohnen und ein Jahr später haben wir an Weihnachten immer noch nicht hier gewohnt.
Die Handwerker an sich haben tolle Arbeit gemacht und alles super umgesetzt. Das Management war jedoch eine Katastrophe – dafür können die Handwerker natürlich nichts. Wir scheinen da auch nicht die einzigen mit diesen Problemen zu sein. Ich bin froh, dass wir jetzt bald durch sind.

Wenn du Menschen, die auch gerade solch ein Projekt starten, einen Tipp geben könntest, was wäre das?

Es ist sinnvoll, eine*n Bauleiter*in zu haben, die/der immer vor Ort ist und einen Blick auf alles hat. Unser Bauleiter hat tolle Arbeit geleistet, aber er war in Hamburg. Du kannst den tollsten Bauleiter haben, aber – so schwierig ich das auch finde – es ist eine gewisse Kontrolle nötig. Als Paar alle Entscheidungen zusammen zu treffen, kann auch stressig werden. Ich denke, man kann sich besser unterstützen, wenn man sich ein bisschen Freiraum lässt.

Viele der Dekoobjekte im Haus haben Julia und ihr Mann von Reisen mitgebracht.

Hattet ihr eigentlich auch daran gedacht, ein Haus außerhalb von Berlin zu kaufen oder selbst zu bauen?

Eigentlich haben wir immer gedacht, dass wir Stadtkinder sind und auch in der Stadt bleiben wollen. Aber als ich dann mit den Zwillingen schwanger war und es hieß, dass ich drei Jungs haben werde, habe ich nur gedacht, dass meine Nerven das nicht aushalten. Allein mein Großer hat Energie für drei. Also haben wir uns die Optionen, die wir haben, angeguckt. Immer wenn wir weiter rausgefahren sind, fanden wir es zwar schön, aber es hat sich für uns nicht natürlich angefühlt, dort zu leben. Wir sind ja auch eine multikulturelle Familie, da willst du nicht unbedingt in Brandenburg wohnen. Natürlich gibt es dort viele wundervolle Menschen, aber auch solche mit einer anderen Gesinnung, mit denen wir nichts zu tun haben wollen.

Der Berliner Speckgürtel ist zwar auch schön, aber es ist einfach ein anderer Lifestyle. So wie es jetzt ist, ist es perfekt für uns. Wir fahren mit dem Fahrrad zehn Minuten zu unserem Showroom in Kreuzberg und haben unser soziales Umfeld nicht ändern müssen – das war uns wichtig. Für uns war es richtig, in der Stadt zu bleiben und dass es so eine Siedlung mitten in der Stadt gibt, ist wirklich ein Glück.

Selbst zu bauen ist in der Stadt geradezu unmöglich. An sich hätten wir schon Bock darauf. Ich würde dann so richtig modern bauen: klare Linien, Beton, Naturmaterialien, ganz minimalistisch und nachhaltig. Mal sehen, vielleicht irgendwann mal – in Tunesien am Meer. Aber erstmal sind wir hier ganz gut bedient.

Für uns war es richtig, in der Stadt zu bleiben und dass es so eine Siedlung mitten in der Stadt gibt, ist wirklich ein Glück.

Was war eure Vision als ihr mit dem Hausprojekt gestartet habt? Gab es irgendwelche Must-Haves, die euer Haus haben musste?

Ich hatte natürlich hier und da Sachen gesehen, die mir gut gefielen, aber am Ende haben wir uns danach gerichtet, was das Haus schon mitbringt. Ich wollte auf jeden Fall Einbauten haben. In unserer ehemaligen Wohnung haben sich immer in jeder Ecke Sachen gestapelt und das hat mich immer etwas gestresst. Hier haben wir überall Schubladen und Schränke, wo man alles verstauen kann und dadurch wirkt alles nicht so voll.

Ganz oben unterm Dach, im dritten Stock, liegt das Elternschlafzimmer.

Woher nimmst du deine Ideen und die Inspiration?

Schon als ich noch Fotografin war und viel im Modebereich arbeitete, habe ich mir lieber Interior-Zeitschriften gekauft als Modemagazine. Das mache ich immer noch. Ich habe auch superviele schöne Bücher, aus denen ich mir Inspirationen hole und gucke natürlich inzwischen auch auf Instagram oder Pinterest. Ich habe ein ganz gutes Gefühl für Räume, Farben und Proportionen. Eigentlich wollte ich schon immer Innenarchitektin werden, das war schon seit ich denken kann meine Leidenschaft. Seit einiger Zeit helfe ich anderen Leuten auch beim Einrichten – eine Art Interior Guiding. Anfangs nur privat für Freund*innen, aber mittlerweile erreichen mich auch über Instagram viele Anfragen. Ich habe zwar nicht so viel Zeit dafür, aber es macht mir sehr viel Spaß.

Auf eurem Instagram-Kanal besuchst du ja auch selbst eure Kund*innen und guckst dir deren Wohnungen an …

Ja, die „Rugvisits“, die Idee kam mir während Corona. Ich arbeite normalerweise immer samstags in unserem Showroom und hatte dadurch sehr viel Kundenkontakt. Wir haben wirklich tolle Kund*innen! Es sind einfach so viele spannende, nette Leute, die einen super Geschmack haben, schön wohnen und auch Geschichten zu erzählen haben. Diesen Austausch habe ich in der Coronazeit richtig vermisst. Also dachte ich mir, dass ich sie einfach besuche, sobald man wieder darf. Jetzt ist der Plan, dass ich alle zwei, drei Wochen Kund*innen von uns besuche – und das macht voll Spaß.

Normalerweise reist ihr regelmäßig selbst nach Marokko und Tunesien, wo eure Teppiche produziert werden. Inwiefern haben die Einschränkungen der letzten Jahre euer Unternehmen beeinflusst?

Während Corona mussten wir auch erstmal gucken, wie wir alles hinkriegen, aber es hat dann Gott sei Dank geklappt. Wir haben in Marokko richtig tolle, loyale Familien, mit denen wir zusammenarbeiten und die fantastisch auf diese Situation reagiert haben. Die jüngere Generation hat dort natürlich auch Smartphones und die Leute haben angefangen, uns Fotos und Videos der Teppiche zu schicken und alle Hebel in Bewegung zu setzten, damit es weitergeht. Mein Mann kommt ja ursprünglich aus Tunesien und hat selbst Berberwurzeln, wodurch wir nochmal einen ganz anderen Zugang zu den Menschen haben.

Mein Mann ist eigentlich Ingenieur und war damals gerade dabei, sich für andere Projekte außerhalb Berlins zu bewerben und ich habe als Fotografin gearbeitet. In Elternzeit haben wir dann überlegt, uns selbstständig zu machen.

Foto rechts: Der große Spiegel vergrößert das Badezimmer optisch.

Wie teilt ihr euch Arbeits- und Familienleben auf?

Als wir uns entschlossen haben, „Berberlin“ zu gründen, war einer der Gründe dafür, dass wir mehr Zeit für die Familie haben wollten. Mein Mann ist eigentlich Ingenieur und war damals gerade dabei, sich für andere Projekte außerhalb Berlins zu bewerben und ich habe als Fotografin gearbeitet. In Elternzeit haben wir dann überlegt, uns selbstständig zu machen. Ich habe bei unseren Reisen nach Marokko und Tunesien immer schon ohne Ende Teppiche mitgebracht und Freund*innen und Familie baten mich regelmäßig, ihnen auch welche mitzubringen. Ich habe gemerkt, dass da was geht und es gab zu dem Zeitpunkt tatsächlich auch niemanden, der marokkanische und tunesische Teppiche vertrieben hat. Und dann haben wir uns einfach getraut.

Wenn man ein Kind bekommt, guckt man ja nochmal ganz anders auf sein Leben und überlegt, was man für sich und seine Familie möchte. Uns beiden war sofort klar, dass wir nicht das klassische Rollenmodell leben wollen, das gefiel uns beiden nicht. Mein Mann ist mit einer Mutter aufgewachsen, die selbstständig war und Karriere gemacht hat – eine ganz beeindruckende Frau. Er hat seinen Vater früh verloren und durch diesen Verlust war es ihm wahnsinnig wichtig, selbst als Vater präsent zu sein – und zwar nicht nur am Wochenende. Für mich war das toll, denn so sehr ich meine Kinder liebe, ich arbeite unheimlich gerne und habe tausend Ideen, die ich gerne umsetzten möchte.

Uns beiden war sofort klar, dass wir nicht das klassische Rollenmodell leben wollen, das gefiel uns beiden nicht.

Ist der Plan, mehr Zeit für die Familie zu haben, trotz all eurer Projekte aufgegangen?

Es ist alles sehr organisch gewachsen. Wir haben mit unserem Angesparten losgelegt und über einen langen Zeitraum alles selbst gemacht. Dadurch hat sich vieles überschnitten. Wir mussten erstmal lernen, das Ganze zu einem Business zu machen, uns aufzuteilen und auch Unterstützung zu holen. Heute haben wir ein kleines Team, in dem jede*r ihre oder seine Verantwortungsbereiche hat und das funktioniert wunderbar. Zu Hause müssen wir natürlich auch koordinieren, wer was macht. Klar gibt es auch mal herausfordernde Momente, aber ich finde, das kriegen wir ziemlich gut hin.

Du hast damals in deinem ersten Interview mit femtastics davon gesprochen, dass du es spannend fändest, noch weitere handgefertigte Produkte in euer Sortiment aufzunehmen. Habt ihr diese Idee weiterverfolgt?

Wir haben uns dafür entschieden, uns auf die Teppiche zu spezialisieren und dieses Feld weiterzuentwickeln. Wir setzen inzwischen auch eigene Designs um und haben viele Ideen. Wenn man erstmal anfängt, sich mit einer Materie zu beschäftigen wie den Teppichen, dann entdeckt man so viel Potenzial. Ich hätte schon Lust, noch ein anderes Projekt zu entwickeln, eine Idee, die ich schon lange habe, dafür ist aber momentan schlichtweg keine Zeit. Während der Pandemie, zuhause mit den drei Kindern, galt erstmal: Survival. Aber ich habe auf jeden Fall noch eine Businessidee, die ich gerne umsetzten möchte.

Das Haus der Familie hat zwei Kinderzimmer: die Zwillinge teilen sich ein Zimmer, der ältere Sohn hat ein eigenes. Ein weiteres Zimmer wird momentan als Gästezimmer genutzt.
Im Kinderzimmer gibt es große Fenster, die Anfang der 80er-Jahre eingebaut wurden – was Julia zum Glück mit Fotos aus der damaligen Zeit belegen konnte. Ansonsten hätten sie die Fenster umbauen müssen, weil in der Siedlung nach hinten, aufgrund des Bestandschutzes, eigentlich nur kleine Fenster erlaubt sind.
Das antike Kinderbett wurde restauriert und neu angestrichen. Zusammen mit einem Freund bietet Julia solche Betten unter ihrem Label „Mini Lit“ an.
Kuschelecke mit Besonderheit: Die beiden Kinderzimmer waren früher ein großer Raum. Heute sind sie getrennt, aber an einer Stelle befindet sich anstelle der geschlossenen Wand ein Einbau mit einer Glasscheibe. Die Kinder können die Vorhänge zu- oder aufziehen – was ihnen sehr viel Spaß macht.

Ein Nebenprojekt hast du ja bereits gestartet: „Mini Lit„, für das du antike Betten restaurierst und neu aufbereitet. Wie kam es dazu?

Das ist ein richtig schönes Projekt, das ich mit einem Freund zusammen mache. Als ich damals für meinen Sohn ein größeres Bett gesucht habe, konnte ich bei meiner Recherche nichts finden, das mich angesprochen hat. Es gab gefühlt nur „Ikea“ oder zwei, drei Designermarken. Da fielen mir diese alten Bauernbetten ein. Ich habe also eines gekauft, das erstmal ein halbes Jahr unaufbereitet bei uns herumstand. Ich habe mir immer gesagt: „Ich muss das irgendwann endlich mal machen!“ – und dann kam mir der Gedanke: Wie viele Familien haben bei ihren Eltern oder Großeltern diese alten Betten stehen und nehmen sich das Gleiche vor, ohne es jemals umzusetzen? Ich habe daraufhin einen Freund gefragt, der handwerklich geschickt ist, ob er Lust hätte, das Projekt mit mir zu machen. Jetzt suchen wir immer nach alten Betten. Er arbeitet sie auf und ich mache all das Digitale, den Kundenkontakt, das Styling und den Vertrieb. Da es Handarbeit ist, ist das so ein langsames Projekt, das nebenbei läuft und richtig Spaß macht.

Wir sind darauf programmiert, immer alles sein zu müssen, alles können zu müssen und dabei auch noch topfit und erfolgreich zu sein, politisch aktiv, gut auszusehen, ein geiles Sozialleben zu haben und und und – dieser Anspruch ist der Killer für die Beziehung und für einen selbst.

Familie, Unternehmen, Hausrenovierung, deine schon bestehenden Nebenprojekte – das klingt nach ganz schön viel. Wie kriegt ihr das als Familie alles hin?

Man muss sich bewusst machen, dass wir uns momentan in der Rush Hour des Lebens befinden. Der Frust entsteht dann, wenn man glaubt, dass man alles gleichzeitig machen muss. Ich denke, in den ersten Jahren als junge Familie muss man sich erst einmal eingrooven und sich in der Rolle der Mutter oder der Eltern finden. Das braucht Zeit und Geduld. Andere Dinge kommen da zwangsweise zu kurz. Doch wenn man sich bewusst macht, dass das nur eine Phase ist, dann ist es auch ok und leichter zu akzeptieren. Am Anfang versucht man immer, alles zu schaffen, aber ich könnte jetzt nicht genauso viel Sport machen, Freund*innen treffen oder reisen wie vorher. Man muss einfach Abstriche machen. Wir wissen: Jetzt hat unsere Familie Priorität und der Aufbau unseres Business‘.

Wir sind darauf programmiert, immer alles sein zu müssen, alles können zu müssen und dabei auch noch topfit und erfolgreich zu sein, politisch aktiv, gut auszusehen, ein geiles Sozialleben zu haben und und und – dieser Anspruch ist der Killer für die Beziehung und für einen selbst. Das ist alles ein Lernprozess. Ich habe auch eine Zeit lang gedacht, ich müsste immer alles können und wissen und bin dabei selbst ein wenig vor die Hunde gegangen. Und gerade jetzt in der Pandemie habe ich einfach gemerkt, dass ich nicht alles schaffen kann. Man muss lernen, sich das einzugestehen und abzugeben. Und zu verstehen, dass es deinen Kindern auch gut geht, wenn du vielleicht nicht die beste Mutter bist, sondern eine gute Mutter. Die Kinder brauchen viel weniger als man denkt. Für die ist es auch mal gut, sich zu langweilen. Ich glaube, so lange man sie genügend liebt, ist alles gut. Mein Mann ist ziemlich gut darin, sich auf die Dinge zu fokussieren, die wichtig sind und weiß genau, was er mit seinen Kapazitäten schaffen kann und was nicht. Deswegen kriegen wir die Sachen auch so gut hin, weil wir uns gegenseitig lassen. Für alles Andere kommt dann vielleicht später noch die Zeit.

Danke für dieses inspirierende Gespräch, Julia!



Hier findet ihr „Berberlin“:

Layout: Kaja Paradiek

2 Kommentare

  • Camille sagt:

    Hallo, vielen Dank für den spannenden Artikel. Das Haus sieht wirklich toll aus! Ich wollte mal fragen, woher der beige/hellbraune Kleiderschrank im Schlafzimmer ist? Bin nämlich auf der Suche nach genau so einem. 🙂

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