Welche Fragen bekommen Männer nie gestellt, Fränzi Kühne?

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15. Juli 2021

Es gibt Fragen, die in der Regel nur Frauen gestellt bekommen. „Wo sind denn deine Kinder?“, zum Beispiel, wenn die Frau im Arbeitskontext angetroffen wird. Oder: „Was wirst du anziehen?“ im Vorfeld eines wichtigen beruflichen Termins. Oder auch: „Wie ist es dir gelungen, in deiner Position ernst genommen zu werden?“. Fränzi Kühne hat über die Jahre viele dieser Fragen so oft gehört, dass sie sich entschloss, ein Buch daraus zu machen und den Spieß umzudrehen: Sie hat genau diese Fragen Männern aus der Politik, Wirtschaft und Kultur gestellt.

Als Unternehmerin – Fränzi Kühne hat mit Mitte 20 die Digitalagentur TLGG mitgegründet – und seit 2017 auch Aufsichtsrätin weiß die Berlinerin aus eigener Erfahrung, wieso Gleichstellung in Unternehmen so wichtig ist und was sich in dieser Hinsicht in Deutschland noch verbessern muss. Wir haben mit der 38-Jährigen über ihr Buch, über das Prinzip der Überforderung, und Frauenquoten gesprochen.

femtastics: Du wurdest seit 2017 häufig als „die jüngste Aufsichtsrätin Deutschlands“ bezeichnet. Bist du das eigentlich immer noch, also die jüngste? Oder sind mittlerweile andere Frauen nachgerückt?

Fränzi Kühne: Zum Glück schon lange nicht mehr. Christina Reuter kam bei „Kion“ auch 2017 in den Aufsichtsrat und zudem besetzen zum Beispiel Janina Mütze und viele weitere junge Frauen mittlerweile Aufsichtsräte.

Du hast kürzlich in einem Podcast mit der „Zeit“ gesagt, dass du die Rolle als Aufsichtsrätin für die „Freenet AG“ 2017 angenommen hast, weil du dich dazu verpflichtet gefühlt hast, als Vorbild für andere Frauen. Bestimmt dieser Gedanke dein Handeln oft?

Ich brauche eine höhere Motivation, um meine Komfortzone zu verlassen. Dabei hilft mir dieser Gedanke häufig. Öffentlich vor anderen Menschen zu sprechen, war für mich lange der Horror, deshalb brauchte ich etwas, das mich dazu motiviert, das trotzdem zu tun – abgesehen von Status-Gedanken, die mir eh nicht wichtig sind. Es geht mir nicht darum, einen Titel zu tragen. Mich motiviert es mehr, andere Menschen inspirieren zu können.

Das Thema Frauen in Führungsgremien beschäftigt dich schon länger, nehme ich an. Ist das ein Thema, dem du dich bewusst widmen wolltest oder blieb dir sozusagen nichts Anderes übrig, weil du selbst betroffen warst?

(lacht) Bevor ich mich mit dem Thema Aufsichtsräte beschäftigt habe, habe ich immer nur gehört, dass wir in Deutschland ein Problem mit dem Frauenanteil in Spitzenpositionen haben. Ich konnte mir das nicht erklären, weil das in meiner Agentur nie ein Problem war und ich nicht verstand, warum es eins sein sollte. Ich habe mich aber auch nicht sonderlich dafür interessiert, weil ich soviel damit zu tun hatte, unsere Firma aufzubauen und so in meiner eigenen Welt eingebunden war.

2017 kam eine neue Phase: Wir hatten unsere Firma verkauft, ich hatte mein erstes Kind bekommen und habe mich bereit gefühlt, über den Tellerrand meines eigenen Unternehmens zu blicken und zu überlegen, welchen Beitrag ich darüber hinaus leisten kann. Ab dem Zeitpunkt hat mich das Thema Gleichberechtigung und die herrschende Ungerechtigkeit umgetrieben.

Das heißt, für dich persönlich war das vorher nie ein Thema?

Ich persönlich habe jahrelang nie Ungerechtigkeit im beruflichen Kontext erfahren. Nicht mit meinen beiden Gründungspartnern und auch in keiner anderen Situation – zumindest nichts, was ich bewusst erlebt habe. Zum ersten Mal hatte ich ein solches Erlebnis als wir die Firma verkauft hatten, ich nach der Geburt meines ersten Kindes zurück ins Büro kam und der neue Eigentümer der Firma zu mir sagte: „Fränzi, was machst du denn schon hier? Du bist doch gerade erst Mutter geworden. Geh doch nach Hause und mach weiter so schöne Kinder!“. Da dachte ich: „What the fuck? Ich mache hier alles möglich, dass ich Arbeit und Familie vereine und schnell wieder zurückkomme – und das ist der Dank?!“.

Wie hast du als Co-Gründerin die Regeln deines Arbeitsumfeldes immer gestaltet?

Wir hatten, ohne bewusst darauf zu achten, eigentlich immer eine Quote von 50/50, weil das Leistungsprinzip gilt und nicht das Geschlecht zählt. Natürlich hat das etwas mit der Unternehmenskultur zu tun und damit wie fortschrittlich und modern das Unternehmen über dieses Themen denkt.

Ich glaube, gerade wenn man gründet, ist die permanente Überforderung – und auch die permanente Selbstüberschätzung – total wichtig.

Du hast eben schon die Komfortzone angesprochen. Musstest du im Laufe deiner Karriere oft ins kalte Wasser springen, dich selbst vielleicht ein bisschen zwingen, deine Komfortzone zu verlassen oder dich bewusst überfordern?

Ich glaube, gerade wenn man gründet, ist die permanente Überforderung – und auch die permanente Selbstüberschätzung – total wichtig. Dass man immer denkt: „Das ist eigentlich eine Nummer zu groß!“. Denn was kann schon schief gehen? Man muss es einfach machen. So haben wir es auch in unsere ungeschriebene Philosophie der ersten Gründungsjahre aufgenommen. Immer selbstbewusst vorangehen, immer behaupten, dass man Sachen kann, obwohl man sie noch nie gemacht hat. Die Selbstüberschätzung – im gesunden Maß – als Teil des Alltags begreifen. Und damit eben auch die Überforderung.

War das dein Arbeitsmantra? Hattest du eins?

Ich hatte nie bewusst eins. Wenn du mit Mitte 20 gründest und dein Ding machst, weil es einfach total Spaß macht und du mit Leuten zusammenarbeitest, die dir total nahe stehen, dann denkst du gar nicht über Arbeitsmantra oder Arbeitsphilosophie nach, sondern du machst einfach. Und dieses „einfach machen“ – auch ohne an das Risiko zu denken oder daran, was ist, wenn es nicht klappt wie geplant – das ist eine Unbedarftheit, aber auch ein Selbstbewusstsein, das unglaublich dabei hilft, Dinge voranzubringen.

Das hat sich natürlicherweise verändert, als ich mehr Verantwortung hatte und wir mit unserem Unternehmen 200 Mitarbeiter*innen ernähren mussten. Aber auch privat haben sich meine Prioritäten verändert, mit dem ersten Kind. Meine Kinder stehen immer an erster Stelle und haben höchste Priorität. Erst danach kommen das Unternehmen und die Karriere.

Seit 2019 bist du Teil des Beirats der „AllBright Stiftung„. Warum?

Die Stiftung macht sichtbar, welche Missstände immer noch in deutschen Führungsebenen herrschen. Ich finde sie sehr kompetent und wichtig – und ich mag, dass sie Informationen und Statistiken mit etwas Humor präsentieren, sodass die Daten sehr eingängig und verständlich werden. Von ihnen kommt zum Beispiel das Bild des „Thomas-Kreislauf“, der besagte: „Im März 2017 bestehen die Vorstände der deutschen Börsenunternehmen zu 93 Prozent aus Männern, die sich in Alter, Herkunft und Ausbildung stark gleichen. Der deutsche CEO umgibt sich am liebsten mit Spiegelbildern seiner selbst; 5 Prozent der CEOs heißen Thomas, und es gibt mehr Vorstandsmitglieder, die Thomas oder Michael heißen, als es insgesamt Frauen gibt.“ Oder das Bild des Christians aus dem neuesten „AllBright“-Bericht: „Christian ist der neue Thomas: Unter den Neulingen an der Frankfurter Börse dominiert ein Managertypus im Vorstand, der dem alten zum Verwechseln ähnelt – nur heißt er häufiger Christian, nicht mehr Thomas, er trägt hellblaues Hemd statt Schlips und er hat nicht promoviert, sondern gegründet.“.

Ich finde die Stiftung sehr unterstützenswert. Sie hat jetzt auch eine „Academy“ gegründet, bei der es darum geht, Konzepte zur Gleichstellung in die Unternehmen zu bringen.

Machen sich solches Engagement, die Frauenquote und feministische Arbeit deiner Erfahrung nach in der Realität bemerkbar?

Ich denke, dass diese Quotenregelung durchaus etwas bringt. Ab 30% Frauenanteil ändert sich die Kommunikationskultur im Unternehmen. Die Gesprächsdynamik ändert sich, wenn Frauen mit am Tisch sitzen und es kommen andere Themen auf den Tisch. Das passiert allerdings viel zu langsam. Wenn sich im Aufsichtsrat etwas verändert, dauert es lange, bis das im Unternehmen ankommt.

Ich finde es daher viel relevanter, eine gesellschaftliche Debatte über alle Themen, die mit der Gleichstellung bzw. Ungerechtigkeit zusammenhängen, anzustoßen. Sei es der „Equal Pay Day“ oder die gendergerechte Sprache. Es muss sich ja nicht nur in Unternehmen etwas verändern, sondern auch in der Gesellschaft – und das fängt bei jedem/r Einzelnen von uns an. Auch wenn Diskussionen um beispielsweise gendergerechte Sprache sehr erhitzt geführt werden, denke ich, dass sie dazu beitragen, ein Umdenken anzuregen.

Apropos Sprache und Diskussion: Du hast gerade dein Buch „Was Männer nie gefragt werden. Ich frage trotzdem mal.“ veröffentlicht. Wie kam es zu dem Buch?

Das Buch zahlt genau auf das angesprochene Thema ein, nämlich, dass eine Diskussion über Gleichberechtigung geführt wird, mit einem gewissen Humor und nicht mit erhobenem Zeigefinger. Der Anlass war, dass Journalist*innen mir in den vergangenen Jahren immer dieselben Fragen gestellt haben. Ich habe den Spieß umgedreht und genau diese Fragen Männern gestellt.

Ich dachte eigentlich, das würde viel lustiger und eher ein humoristisches Buch. Das ist es aber letztlich gar nicht geworden, weil die Männer sehr tiefgründig und ernsthaft auf meine Fragen geantwortet haben. Was zeigt, dass die Fragen durchaus ihre Berechtigung haben, dass aber die ungleiche Verteilung das Problem ist, also, dass diese Fragen in der Regel nur Frauen gestellt werden.

Ich habe die Männer zum Beispiel gefragt: „Was können Sie, was junge Frauen nicht können?“, „Welche Opfer mussten Sie bringen?“, „Was ziehen Sie zur nächsten Sitzung an?“, „Ist das Ihr Standard-Outfit?“, „Können Sie ein Vorbild für junge Männer sein?“, „Wurden Sie in Ihrer Position immer ernst genommen?“.

Was sind das für Fragen, die Männer nie gestellt bekommen, Frauen aber andauernd?

Es geht immer wieder ums Aussehen, immer wieder darum „Wo sind denn Ihre Kinder gerade?“ … Ich habe die Männer zum Beispiel gefragt: „Was können Sie, was junge Frauen nicht können?“, „Welche Opfer mussten Sie bringen?“, „Was ziehen Sie zur nächsten Sitzung an?“, „Ist das Ihr Standard-Outfit?“, „Können Sie ein Vorbild für junge Männer sein?“, „Wurden Sie in Ihrer Position immer ernst genommen?“ – solche Fragen.

Welche Fragen, die dir über die Jahre gestellt wurden, haben dich persönlich am meisten geärgert oder aufgebracht?

Die zum Aussehen, zum Beispiel: „Wird man mit so einem Haarschnitt in Ihrer Position überhaupt ernst genommen?“. Erst als ich die Frage umgedreht und sie Männern gestellt habe, wurde mir bewusst, wie anmaßend sie ist.

Wie hast du die Männer ausgewählt, denen du die Fragen gestellt hast?

Ich habe darauf geachtet, dass sie aus unterschiedlichen Bereichen kommen: Politik, Wirtschaft, Kultur, Forschung. Dann habe ich mir ein paar ausgesucht und ungefähr 50 Männer angeschrieben. Die 22, die im Buch sind, haben letztlich zugesagt.

… Die anderen hatten keine Zeit? Oder keine Lust?

(lacht) Ja … Teilweise haben sie gar nicht geantwortet, teilweise nur knapp, dass sie für solche Sachen nicht zur Verfügung stehen, teilweise haben sie auch in letzter Minute einen Rückzieher gemacht und mich geghostet. Wenn man sich selbst immer wieder nicht gerade modern zu solchen Themen äußert, macht man sich natürlich auch sehr angreifbar, mir diese Fragen zu beantworten. Ich sage nur: „Meine Frau hält mir den Rücken frei.“.

Wie haben die Männer, die sich auf deine Fragen eingelassen haben, reagiert?

Ich habe ihnen vor dem Interview das Konzept erklärt und auch, woher die Fragen kommen. Bei einigen Fragen waren sie sehr irritiert. Mit Fynn Kliemann war es zum Beispiel so, dass er im Laufe des Interviews immer reservierter wurde und seine Antworten immer patziger. Ich dachte: „Was ist denn hier los, warum ist denn die Stimmung so vergiftet?“ und habe ihm dann gesagt: „Fynn, das sind keine Fragen, die ich mir ausgedacht habe, das sind Fragen, die mir immer wieder gestellt worden sind!“. Daraufhin sagte er: „Mann, ich habe mich gefragt, warum die Fragen so respektlos und so gar nicht wertschätzend sind!“. Das kannte er aus Interviews überhaupt nicht. Das war ein sehr bezeichnender Moment.

Wir sehen es ja am Beispiel Annalena Baerbock: Direkt nachdem sie zur Kanzlerkandidatin benannt wurde, bekam sie genau diese Fragen gestellt.

Du sagtest, viele der Fragen bezögen sich auf Kinder. Hast du den Eindruck, dass das Thema Familie und die Vereinbarkeit von Familie und Karriere noch immer ein “weibliches” Thema ist?

Wir sehen es ja am Beispiel Annalena Baerbock: Direkt nachdem sie zur Kanzlerkandidatin benannt wurde, bekam sie genau diese Fragen gestellt. Armin Laschet – auch wenn er keine kleinen Kinder hat – wurde so etwas nicht gefragt. Mich hätte sehr interessiert, welche Haltung er zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat und was er diesbezüglich ins Parteiprogramm aufnehmen will. Das sind einfach relevante Themen, zu denen mich die Haltung jeder Person, die Einfluss auf Politik und Unternehmen hat, interessieren würde. Aber ich glaube, diese Themen wie Vereinbarkeit, Care-Arbeit und so weiter sind noch immer sehr weiblich besetzt.

Das ändert sich, weil eine Generation heranwächst, die das anders sieht als frühere Generationen und die andere Prioritäten setzt. Wenn diese Menschen aber in eine Arbeitswelt hineinkommen, wo Thomas an der Macht ist und sein Unternehmen sehr toxisch führt, dann kann der Christian leider auch schnell zum Thomas werden. Da muss aktiv gegengesteuert werden und ein Bewusstsein entstehen, dass wir ein Problem haben und dass eine Veränderung stattfinden muss.

Wie würde eine ideale Arbeitswelt deiner Meinung nach aussehen?

Unternehmen müssen kreativ darüber nachdenken, wie sie das Thema Gleichstellung angehen. Bezuschussung von Vätermonaten, also die Förderung, dass Väter auch in Elternzeit gehen, ist zum Beispiel ein Ansatz. Individuelle Arbeitszeiten und flexible Arbeitsorte sind auch einer. Ich würde mir mehr solcher Entscheidungen wünschen.

Hoffentlich kann dein Buch da auch ein paar Denkanstöße geben.

Das würde mich freuen. Ich habe schon mehrfach gehört, dass Frauen mein Buch gekauft haben und es dann ihren Freunden oder Partnern gegeben haben, mit dem Hinweis: „Lies das mal!“. Es ist ja leider so, dass Männer statistisch gesehen selten Bücher lesen, die von Frauen geschrieben wurden. Genauso ist es bei Podcasts: Männer hören eher Podcasts, die von Männern gesprochen werden.

Wir wünschen uns, dass viele Männer dein Buch lesen. Vielen Dank für das Interview, Fränzi!

Hier findet ihr Fränzi Kühne:

Fotos: Tom Wagner

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