„Ich versuche mich mehr über das zu freuen, was ich habe, als über das traurig zu sein, was ich nicht habe.“, erzählt Agnes Raw im Interview. Eigentlich wollte sie nicht lange bleiben, jetzt lebt die Artdirektorin schon neun Jahre in ihrer 54 Quadratmeter großen Zweizimmerwohnung in Berlin Lichtenberg, seit vier Jahren gemeinsam mit ihrem Mann. Dass es nicht nur in einer 90 Quadratmeter großen Altbauwohnung schön aussehen kann, zeigt die 37-Jährige gekonnt in ihrer „Flat Kunterbunt“ mit farbenfrohen Möbeln und Accessoires, sorgfältig kuratierter Kunst an den Wänden und liebevoll arrangierten Blumensträußen. Auf Instagram liefert sie regelmäßig unter @raw.home.interior Eindrücke und immer wieder neue Perspektiven ihrer Wohlfühloase. Wir haben Agnes besucht und mit ihr über Mut zur Farbe, Kunst als Form des Ausdrucks, intuitive Interior-Entscheidungen und ihren Weg vom schlichten zum farbenfrohen Wohnungsstil gesprochen.
Man braucht oft einen kleinen Schubs, um sich zu trauen. Bei mir kamen erstmal viele farbige Kleinigkeiten, bis ich mich getraut habe, auch in Größeres zu investieren – wie in die Tapete an der Wohnzimmerdecke, zum Beispiel.
Agnes Raw: Ich bin 2012 hier eingezogen und wollte eigentlich nicht lange bleiben. Ich habe davor drei Jahre in Frankreich gelebt und bin nur mit wenig Sachen nach Berlin zurückgekommen. In Lichtenberg hat damals noch keiner nach Wohnungen geguckt. Weil ich wegen des Berliner Wohnungsmarkes ganz verzweifelt war, habe ich die Wohnung so genommen wie sie war – mit orangefarbenen Wänden und schlimmen Möbeln. Ich habe auch nicht viel gemacht und kein Geld ausgegeben, weil ich eigentlich wieder weg wollte. Dann ist mein jetziger Mann Chris eingezogen und damals dachte ich: „Jetzt bleibe ich auch nicht mehr lange, denn die Wohnung ist für zwei sehr klein.“ Kurz darauf haben wir geheiratet und es war eigentlich klar, dass wir bald ausziehen wollten. Jetzt sind wir aber schon zwei Jahre verheiratet und immer noch hier (lacht).
Zu Beginn der Coronakrise habe ich dann begonnen, doch mehr in die Wohnung zu investieren. Allerdings wollte ich nichts Teures kaufen, was wir beim Auszug nicht mitnehmen könnten. Die Umgestaltung der Wohnung hat sich ziemlich schnell entwickelt – auch der Instagram-Account – und jetzt bleiben wir länger. In der Coronazeit ist die Wohnung auch so bunt geworden. Davor war alles weiß und beige.
Kurz nachdem ich meinen Account gestartet habe, habe ich bei der „Instagram Interior Challenge“ von Lilli Grewe mitgemacht. Ab da war ich total angefixt. Mir hat das so viel Spaß gemacht, ich habe dadurch so viele tolle Menschen kennengelernt und es ist toll ein Teil der Community zu sein. Mittlerweile ist Instagram tatsächlich zu einer meiner Hauptinspirationsquelle geworden, beruflich und privat.
Absolut. Angefangen hat alles mit dem Sofa. Das Sofa ist secondhand. Es war beige und hatte keine Armlehnen. Chris konnte keine gemütliche Position auf dem Sofa finden, also haben wir Armlehnen ergänzt und mussten dann einen neuen Bezug kaufen. Ich wollte eigentlich einen hellen Bezug – Beige oder Weiß – aber es war alles außer Orange und Grün ausverkauft. Ich habe spontan entschieden, den orangefarbenen Bezug zu nehmen. Damit hat es angefangen, dass ich mich getraut habe, Farbe in die Wohnung zu bringen. Man braucht oft einen kleinen Schubs, um sich zu trauen. Bei mir kamen danach erstmal viele farbige Kleinigkeiten, bis ich mich getraut habe, auch in Größeres zu investieren – wie in die Tapete an der Wohnzimmerdecke, zum Beispiel.
Ich gebe für Interior relativ viel Geld aus, versuche aber die Sachen, die mir nicht gefallen, wieder zu verkaufen.
Ich habe einfach danach ausgewählt, was mir gefällt. Aber hinter der Farbzusammenstellung stecken auch viele Zufälle, weil ich viel online bestelle und die Dinge nicht immer so aussehen wie erwartet. Das Kopfteil vom Bett haben wir unter der Farbbezeichnung „Nude“ gekauft und als es ankam, war es sehr rosa. Es gab eine große Diskussion im Flur, als wir die Verpackung abgenommen hatten. Als Resultat davon haben wir das Rosa erstmal unter einem grauen Bezug versteckt. Als ich mich an mehr Farbe herangetraut habe, konnte ich auch das Rosa akzeptieren. Passend dazu habe ich die Wand darüber Babyblau und Hellgelb gestrichen. Die Bettwäsche hatte ich als leichten Fliederton bestellt und nicht als kräftiges Lila.
Total. Es kann sein, dass ich Vorhänge anbringe und nach zwei Tagen wieder abhänge, weil ich sie doch nicht mag. Fürs Schlafzimmer hatte ich Vorhänge in Altrosa gekauft, die Chris nicht gefallen haben – jetzt liegen sie in der Schublade. Ich ändere viel, wenn es mir nicht gleich gefällt. Ich gebe für Interior relativ viel Geld aus, versuche aber die Sachen, die mir nicht gefallen, wieder zu verkaufen.
Ich versuche, intuitiv zu kombinieren und Dinge in einen anderen Kontext zu setzen. Die Tapete im Wohnzimmer fand ich zum Beispiel toll, habe sie aber nicht an der Wand angebracht, sondern an der Decke.
Wenn man sich noch nicht so viel traut, kann man mit kleinen Dingen anfangen, die schnell veränderbar sind. Man muss schließlich nicht gleich die Decke tapezieren oder ein farbiges Sofa anschaffen. Ich würde mir auch kein Sofa kaufen, bei dem ich den Bezug nicht ändern kann. Vorhänge sind ein guter Start. Farbe an den Wänden ist auch nicht beständig, sondern kann schnell wieder geändert werden. Man muss sich einfach trauen. Vor allem, wenn es einem gefällt. Wenn man zum Beispiel im Laden vor einem bunten Kissen steht – just go for it! Ich habe oft Sachen gekauft, die zunächst nicht so gut gepasst haben. Aber man entwickelt sich ja immer weiter. Vielleicht passt das Kissen irgendwann doch.
Farben in der Wohnung machen so viel mit dem Gemüt und haben soviel Einfluss auf meine Laune.
Ich hatte lange kein Sofa, sondern habe alles am Schreibtisch gemacht. Das war meine Kommando-Zentrale. Früher hatte ich auch einen großen Schreibtisch im Wohnzimmer. Irgendwann haben wir dann aber entschieden, den Schreibtisch gegen einen Esstisch zu tauschen. Ich sitze gerne dort und arbeite.
Eigentlich nicht. Es gibt auf Instagram viele Accounts – meine Farbschwestern und -brüder – mit denen es Spaß macht, sich gegenseitig auszutauschen. Ich lasse mich gerne inspirieren, aber nie so stark, dass es ans Kopieren grenzt. Als ich Modedesign studiert habe, hatten wir diese dicken Bücher mit den Kollektionen der Fashion Weeks. Viele haben sich da Inspiration geholt, aber unbewusst angefangen, Elemente zu kopieren. Ich habe die Bücher immer nur schnell durchgeblättert, wie ein Daumenkino, weil ich nicht aus Versehen kopieren wollte. Deshalb versuche ich, intuitiv zu kombinieren und Dinge in einen anderen Kontext zu setzen. Die Tapete im Wohnzimmer fand ich zum Beispiel toll, habe sie aber nicht an der Wand angebracht, sondern an der Decke.
Kunst kann reduziert oder persönlich sein und sagt viel über die Person aus – egal, ob Poster, persönliche Fotos oder Mitbringsel aus dem Urlaub.
Kunst ist ein Teil von mir. Ich habe mich aber nie als Künstlerin gesehen, auch wenn ich meine Illustrationen ausgestellt habe. Kunst und Fotografie als Ausdrucksformen sind mir wichtig. Dadurch wird eine Identität in die Wohnung gebracht, ohne dass die Wände gestrichen oder tapeziert werden müssen. Leere Wände sind nicht meins. Kunst kann reduziert oder persönlich sein und sagt viel über die Person aus . Ich finde meine Kunst vor allem im Urlaub, online, auf Flohmärkten und bei „Ebay“.
Ich war damals einsam und traurig, was sich in meiner Kunst widergespiegelt hat, und habe viel Zeit mit Zeichnen verbracht.
Ich bin, seit ich mit Chris zusammen bin, nicht mehr so aktiv als Illustratorin. Es gibt die Zeit vor Chris und jetzt mit ihm. Vor ihm trug ich ausschließlich Schwarz, habe Zeichnungen und Modeillustrationen gemacht, die etwas morbide und in Schwarz-Weiß waren – vielleicht auch ein bisschen Gothic. Ich habe hauptsächlich Portraits und Gesichter gezeichnet. Chris fand die Sachen scary und fühlte sich beobachtet, weshalb auch nichts mehr von mir hier hängt. Ich war damals einsam und traurig, was sich in meiner Kunst widergespiegelt hat, und habe viel Zeit mit Zeichnen verbracht. Aber seit ich Chris kenne, habe ich nicht mehr das Bedürfnis, mich in Details und Zeichnungen zu verlieren. Die Inspiration, die ich gerade finde, lebe ich im Interior aus.
Meine Wohnung war vorher einfach eher fad, weiß und ungeliebt.
Schwarz ist immer noch die dominierende Farbe in meinem Kleiderschrank, aber ich trage nun auch sehr viel Farbe. Meine Wohnung war vorher einfach eher fad, weiß und ungeliebt. Ich hatte Interesse an Antiquitäten und historischen Möbeln, es war ein wildes Sammelsurium, das in den Jahren zu einem komischen Mix angewachsen ist. Der innere Wandel fing langsam mit meinem Mann an. Danach schlug es größere Wellen. Als wir beschlossen hatten, doch länger in der Wohnung zu bleiben, hatte ich Lust auf Veränderung, durch Corona hatte ich mehr Zeit mich mit meiner Wohnung zu beschäftigen, mein Reise- und Kleidungs-Budget habe ich auf Interior umgelegt und in meinen Job fand das Thema Interior auch immer mehr statt – so kam vor ein, zwei Jahren alles zusammen.
Definitiv. Ich denke, jeder hat aus den letzten Jahren irgendwas mitgenommen und gelernt. Ich versuche mich mehr über das zu freuen, was ich habe, als über das traurig zu sein, was ich nicht habe. So auch mit der Wohnung: Machen wir doch das Beste aus der Wohnung, als uns zu ärgern wie schwierig es ist eine passende „Traumwohnung“ in Berlin zu finden.
Außerdem machen Farben in der Wohnung so viel mit dem Gemüt und haben soviel Einfluss auf meine Laune. Vor allem in den kälteren, dunkleren Jahreszeiten. Es gibt mir innere Balance, ich hätte nie gedacht, dass ich jemals so farbenfroh leben würde. Aber mein Mann macht mich glücklich und das machen mich Farben auch. Vielleicht hatte ich schon immer eine farbenfrohe Seele, sie war nur von all den Gewitterwolken verdeckt.
Layout: Kaja Paradiek