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Feminismus

"Wir sprechen nicht ehrlich genug über den Körper nach der Geburt": Sonja Hartwig über Geburtsverletzungen und Scham

19. Oktober 2026

geschrieben von Hannah Jäger

Babyfuesse vor einem Bauch als Symbolbild fuer das Tabu, ehrlich ueber den Koerper der Mutter nach der Geburt zu sprechen

Sonja Hartwig findet: Wir sprechen nicht ehrlich genug über den Körper nach der Geburt. Deswegen geht es ihrem Buch "Körperunser – Eine ehrliche Betrachtung der Zeit nach der Geburt" um Geburtsverletzungen, Inkontinenz, Beckenbodenbeschwerden, Organsenkungen und die Frage, warum Frauen* selbst so wenig über ihre Körper wissen.

Ausgangspunkt ist ihre eigene Erfahrung: Bei der Geburt ihres Kindes erlitt Sonja Hartwig so starke Verletzungen, dass sie wochenlang nicht sitzen, stehen oder laufen sollte. Im Gespräch erzählt die Autorin, warum sie ihren Körper dadurch völlig neu kennengelernt hat, warum jeder Körper nach der Geburt Schonung braucht und weshalb wir aufhören sollten, Geburten nur als Traum oder Trauma zu erzählen.


Zahlen zum Körper nach der Geburt

  • Jede 2. bis 3. Frau* hat im Lauf der Schwangerschaft eine Inkontinenz.
  • Rund 11 Prozent der Frauen* leiden sechs Wochen nach der Geburt an einer Organsenkung.
  • 35 Prozent haben im ersten Jahr nach der Geburt Schmerzen beim Sex.
  • Schließmuskel- und Beckenbodenverletzungen werden durch die Geburt in zahlreichen Fällen übersehen.

femtastics: Was hat die Zeit nach der Geburt mit deinem Blick auf deinen eigenen Körper gemacht?

Sonja Hartwig: Die Geburt meines ersten Kindes an sich war für mich überwiegend gut. Die Körperlichkeit danach war traumatisch. Ich war so stark verletzt, dass ich wochenlang kaum sitzen, stehen oder laufen konnte. Ich erinnere mich, wie ich auf der Rückbank eines Autos auf dem Rückweg eines Arzttermins lag und draußen andere Mütter mit ihren Babys Kaffee trinken sah. Ich habe diese Frauen* glorifiziert: So könnte es aussehen. Heute weiß ich, dass man von außen nie erkennen kann, was in einem anderen Körper passiert.

"Man gebärt ein Kind – und gleichzeitig wird man als Mutter geboren. Das ist eine enorme Veränderung."

Wie hat diese Erfahrung deinen Blick auf die Zeit nach der Geburt verändert?

Ich habe gelernt, dass jeder Körper, der ein Kind geboren hat, erst einmal Schonung braucht. Der Körper ist geschwächt, das Gewebe weich, hormonell passiert unglaublich viel. Gleichzeitig musst du für einen anderen Menschen da sein. Es ist diese perfide Gleichzeitigkeit: Du sollst an deinen eigenen Körper denken und regenerieren, musst aber gleichzeitig für jemanden anderen da sein. Man gebärt ein Kind – und gleichzeitig wird man als Mutter geboren. Das ist eine enorme Veränderung.

Wie lange hat es bei dir gedauert, bis du dich wieder ganz wohl in deinem Körper gefühlt hast?

Ich war zweieinhalb Jahre sehr unsicher und habe viel in mich hineingehört. Ein Termin bei meiner Beckenbodentherapeutin, die mich nach längerer Pause wiedersah und mir eine positive Rückmeldung gab, hat mir geholfen, wieder in mir anzukommen.

"Wir feiern bei einer Geburt das Kind. Aber wo bleibt die Anerkennung für die Person, die geboren hat, und für das, was die Geburt mit ihrem Körper macht?"

Du kritisierst den Satz: "Wenn das Baby erst einmal da ist, sind die Schmerzen vergessen." Warum?

Weil er dazu beiträgt, dass wir über die Körperlichkeit nach einer Geburt so wenig sprechen. Wir feiern bei einer Geburt das Kind. Aber wo bleibt die Anerkennung für die Person, die geboren hat, und für das, was die Geburt mit ihrem Körper macht?

Wenn wir über den After-Baby-Body sprechen, geht es sehr schnell um das Äußere: Gewicht, Haut, Bauch, darum, wieder "in Shape" zu kommen. Aber über die innere Körperlichkeit wird kaum gesprochen.

Dabei wird Geburt oft als Traum oder Trauma erzählt. Das Problem ist: Die meisten Geburten sind weder das eine noch das andere. Und die Bewertung sollte bei der Gebärenden liegen. Solange wir uns mit Geburt und der Körperlichkeit nicht richtig beschäftigen, verpassen wir einen entscheidenden Schritt in der Gleichberechtigung.

Du hast für dein Buch mit verschiedenen Frauen* über Geburtserlebnisse und Beschwerden danach gesprochen. Warum fällt es so schwer, darüber zu erzählen?

Viele Frauen* haben eine wahrhaftige Geschichte ihrer Geburt und eine oberflächlich "gute" Erzählung, die öffentlich besser funktioniert. Sobald du sagst: "Meine Geburt war schlimm", bist du schnell die mit der schlechten Geburt. Dabei ist es viel komplexer.

Man könnte meinen, Räume nur unter Müttern wären Safe Spaces. Warum sprechen selbst Mütter untereinander kaum über Geburtsverletzungen?

In uns ist dieses Bild sehr stark verankert: Wir funktionieren. Wir sind stark. Wir haben ein Kind geboren und sind trotzdem wieder voll am Start. Wir nehmen uns viel zu wenig Raum, um über unsere Erfahrungen zu sprechen und diese zu verarbeiten. Auch weil es Arbeit ist.

"Es ist absurd, dass wir mit 14 die Pille verschrieben bekommen können, aber kaum einen Raum haben, in dem wir unseren Körper kennenlernen."

Was fehlt Frauen* an Wissen über ihren Körper?

Ich wünsche mir, dass die Auseinandersetzung mit Körperlichkeit viel früher beginnt, nicht erst im Geburtsvorbereitungskurs. Wir sollten früh ein Bewusstsein für den Beckenboden und unseren Körper entwickeln. Es ist absurd, dass wir beispielsweise mit 14 Jahren die Pille verschrieben bekommen können, aber kaum einen Raum haben, in dem wir unseren Körper kennenlernen.

Wo liegt die größte Lücke zwischen dem Anspruch auf Aufklärung und Selbstbestimmung und dem, was im Kreißsaal tatsächlich passiert?

Ich glaube, dass ein Schichtsystem grundsätzlich nicht gut dafür geeignet ist, einen Menschen durch so einen überwältigenden Prozess zu begleiten. Es braucht eine Person, bei der du dich fallen lassen kannst und die dich möglichst von vorne bis hinten begleitet. Das kann ein Krankenhaus für gewöhnlich nicht leisten.

Und unser medizinisches System muss insgesamt gendersensibler werden. Es geht auch um das Problem, dass Frauen* nicht ernst genommen werden und gegaslighted werden. Und darum, dass Beschwerden als psychosomatisch abgetan werden.

Was sind Beschwerden nach einer Geburt, bei denen Frauen* genauer hinschauen sollten?

Viele fühlen sich nach einer Geburt weich, offen oder wund. Das darf sein. Wachsam würde ich werden, wenn ein ungutes Gefühl bleibt, besonders bei starkem Druck nach unten oder einem Fremdkörpergefühl. Das können klassische Symptome sein, die auf eine Organsenkung hindeuten.

Grundsätzlich würde ich aber sagen: Jedes Gefühl hat Raum. Kein Besuch bei Ärzt*innen oder Beckenbodentherapeut*innen ist zu viel. Wenn sich etwas komisch oder anders anfühlt, würde ich versuchen, einen Termin zu machen. Man muss nicht erst eine eindeutige Diagnose haben, um sich Hilfe suchen zu dürfen.

"Nach dem Rückbildungskurs denken viele: Hausaufgaben erledigt, fertig. Unser Körper und unser Beckenboden bleiben aber Thema."

Ein großes Thema ist Inkontinenz. Warum sprechen so wenige Frauen* darüber?

Weil es zu wenig Erfahrungsberichte und offenen Austausch dazu gibt, was wann wie normal ist und ab wann man sich Hilfe suchen sollte. Ich habe für das Buch zum Beispiel mit einer Person gesprochen, die keine große Geburtsverletzung hatte, nur eine kleine Schürfwunde. Danach hatte sie trotzdem Inkontinenzprobleme. Als sie das angesprochen hat, bekam sie zunächst keine gute Hilfe. Eher dieses: Das ist normal, das wird schon wieder.

Dazu kommt die Scham. Wenn man ein paar Tropfen Urin verliert, lässt sich das vielleicht noch relativ gut vertuschen. Aber es kann natürlich auch viel schlimmer sein. Und bei Stuhlinkontinenz ist die Hürde, darüber zu sprechen, noch einmal eine ganz andere.

Du schreibst auch darüber, dass Beschwerden Jahrzehnte später noch eine Rolle spielen können, insbesondere in den Wechseljahren. Warum kann eine Geburt so lange nachwirken?

Weil wir nicht genug darüber sprechen, was Nachsorge wirklich bedeutet. Es gibt eine gynäkologische Nachuntersuchung, bei der vor allem geschaut wird, ob sich die Gebärmutter zurückgebildet hat. Und dann kannst du zum Rückbildungskurs gehen. Danach denken viele: Hausaufgaben erledigt, fertig. Unser Körper und unser Beckenboden bleiben aber Thema. Auch, weil sich in den Wechseljahren hormonell viel verändert.

Wir brauchen einen Raum, in dem man sich mit der individuellen Körperlichkeit beschäftigt. Deswegen plädieren Beckenbodentherapeut*innen für eine kassenfinanzierte Beckenbodenuntersuchung. Auch ich unterstütze das. Die Frage ist: Wie bekommen wir so etwas systematisch und für alle zugänglich hin, ohne dass es zu einem weiteren standardisierten Haken auf einer Liste wird?

"Den eigenen Körper zu spüren, bedeutet Selbstermächtigung: nicht vom Außen diktieren zu lassen, wie sich ein Körper nach einer Geburt anfühlen soll."

Was wünschst du dir für kommende Generationen?

Dass Frauen* ihren Körper früher kennenlernen und ihm vertrauen lernen. Den eigenen Körper zu spüren, bedeutet für mich Selbstermächtigung: nicht vom Außen diktieren zu lassen, wie ein Körper zu sein hat oder wie er sich nach einer Geburt anfühlen soll.

Wenn ich mich selbst spüre, bin ich weniger ausgeliefert an diese ganzen Narrative über den weiblichen Körper, den gebärenden Körper oder den funktionierenden Körper, der möglichst schnell nach der Geburt wieder am Start sein soll.

Sonja Hartwig plaediert für einen befreiten und bewussten Umgang mit Geburt und der Koerperlichkeit von Muettern.

Sonja Hartwig wirft in ihrem Buch "Körperunser" einen ehrlichen und ungeschönten Blick auf Geburt, Wochenbett und den Körper danach. Foto: Jim Reifferscheid

Sonja Hartwig ist Autorin und beschäftigt sich mit individuell und gesellschaftlich existentiellen Themen: Gerechtigkeit, zusammenleben, Geburt, Sterben und Tod. Sie schreibt erzählende Sachbücher, und als Journalistin vor allem für "DIE ZEIT". In "Körperunser" plädiert sie für einen befreiten und bewussten Umgang mit Geburt und der Körperlichkeit von Müttern.

Hier findet ihr Sonja Hartwig: