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Schönes

Weniger kaufen, mehr fühlen? Jana Krentzlin über Stil, Loslassen und De-Influencing

29. Januar 2026

geschrieben von Lisa van Houtem

Jana Krentzlin über De-Influencing Fashion

Weniger kaufen, bewusster auswählen, den eigenen Stil neu entdecken: Zwischen übervollen Kleiderschränken, Mikrotrends und Dauerbeschallung durch Social Media wächst die Sehnsucht nach Klarheit im eigenen Konsum. Begriffe wie "Closet Clean-out" und "De-Influencing" stehen dabei für einen Perspektivwechsel – weg vom schnellen Kauf, hin zu mehr Stilbewusstsein, Langlebigkeit und Selbstbestimmung.

Stylistin und Creative Director Jana Krentzlin begleitet diesen Wandel professionell. Sie entwickelt für Privatpersonen und Modelabels individuelle Looks und kreative Konzepte, immer mit dem Fokus auf zeitlose Klassiker, die den Zeitgeist einfangen und zugleich eine bleibende Ästhetik besitzen. Im Interview spricht sie darüber, warum Ausmisten mehr mit Identität als mit Verzicht zu tun hat, wie man sich von modischem Druck befreit und weshalb echter Stil nicht im Warenkorb entsteht, sondern im bewussten Umgang mit dem, was wir bereits besitzen.

"Die meisten Teile in unserem Schrank tragen wir aber kaum bis gar nicht oder bewahren sie für Anlässe auf, die in weiter Ferne liegen."

femtastics: Warum fällt es vielen Menschen – besonders Frauen* – so schwer, sich von Kleidung zu trennen?

Jana Krentzlin: Das liegt vor allem an der emotionalen Bindung zu Kleidungsstücken. Mir selbst fällt das besonders auf, wenn ich auf dem Flohmarkt verkaufe und bei jedem Stück an die Momente zurückdenke, die ich mit dem Kleidungsstück verbinde. Es ist eine kleine Zeitreise, die Spaß macht. Ich ertappe mich auch oft dabei, mich zu fragen: Möchte ich mich wirklich trennen und verkaufen?

Die meisten Teile in unserem Schrank tragen wir aber kaum bis gar nicht oder bewahren sie für Anlässe auf, die in weiter Ferne liegen.

Wie beginnt man einen Kleiderschrank-Cleanout, ohne in Überforderung oder Schuldgefühle zu geraten?

Am besten mit einer Person an der Seite, die keinen emotionalen Bezug zur Garderobe hat. Mit meinen Kund*innen schaue ich mir jedes Kleidungsstück genau an, um den Stil der Person zu verstehen. Alles wird einmal angezogen und es wird schnell klar, welche Teile noch ins Konzept passen und von welchen man sich verabschieden kann.

Teile mit emotionaler Bindung können erstmal in eine Tüte wandern, sie sind dann erstmal aus dem direkten Sichtfeld. Wenn Stücke schwer zu kombinieren sind, schlage ich neue Outfits vor. Mein Ziel ist ein übersichtlicher Kleiderschrank mit hochwertigen Basics, die sich einfach kombinieren lassen. Man sollte, wenn man den Kleiderschrank öffnet, ein positives Gefühl haben und nicht in Panik verfallen, weil man nicht weiß, was man anziehen soll.

"Emotionale Käufe entstehen oft als emotionales Trostpflaster für Momente, in denen ein emotionales Ungleichgewicht besteht."

Welche drei Fragen kann man sich bei jedem Kleidungsstück stellen, bevor man es behält oder gehen lässt?

Ich empfehle diese drei Fragen: Fühle ich mich darin noch wohl? Ist es ein Signature Piece, das meinen Stil ausdrückt? Wie oft habe ich dieses Teil wirklich getragen?

Woran erkennt man den Unterschied zwischen echtem Bedarf und emotionalem Shopping?

Bedarf hängt oft mit einer Art Auftrag zusammen. In diesem Fall benötigt man sofort ein neues Teil, weil es wirklich fehlt. Aktuell beispielsweise wetterfeste Schuhe, die eher funktional  sind und eine*n sicher durch den Tag bringen. 

Emotionale Käufe hingegen entstehen oft als emotionales Trostpflaster für Momente, in denen ein emotionales Ungleichgewicht besteht.

"De-Influencing kann dabei helfen, den eigenen Stil und individuellen Charakter zu fördern."

Welche Rolle spielen Stress, Vergleich und Social Media beim ständigen Kaufimpuls?

Es ist verständlich, dass es in der heutigen Zeit immer schwieriger wird, bei sich zu bleiben und sich nicht an Trends und anderen zu orientieren - insbesondere in Anbetracht der immer schneller wechselnden Kollektionen zu immer niedrigeren Preisen. Deshalb ist es umso wichtiger, seinen eigenen Stil zu schärfen.

Gibt es Strategien, um Kaufreize bewusst zu unterbrechen – gerade im digitalen Alltag?

Wenn man sein eigenes Bewusstsein schärft und sich bewusst macht, was man schon besitzt und was man wirklich braucht, hat man schon viel gewonnen. Es hilft auch, eine Nacht drüber zu schlafen, bevor man einen Kauf tätigt. 

Kann De-Influencing wirklich etwas verändern oder bleibt es ein Trend innerhalb derselben Konsumlogik?

Es ist positiv, dass es diese Gegenbewegung gibt und dass das Bewusstsein hier wächst. Auch als eine Art Antwort auf Influencer*innen, die zuvor eine Vielzahl an Produkten beworben haben, bei denen manchmal gar nicht mehr klar war, ob sie eine gute Empfehlung sind oder nicht. Es gibt immer mehr Firmen, die sich auf Slow Luxury oder Heritage konzentrieren, weil viele Menschen sich nach Entschleunigung sehnen, sich individueller zeigen möchten und eher weniger konsumieren. De-Influencing kann dabei helfen, den eigenen Stil und individuellen Charakter zu fördern.

"Gerade mit der Verantwortung, etwas für die Umwelt zu tun, muss sich das Konsumverhalten ändern."

Was bedeutet „De-Influencing Fashion“ für dich persönlich – und warum braucht es diese Bewegung gerade jetzt?

Ich finde es total wichtig, dass man bei all dem Konsum auch reflektiert, was das alles mit sich bringt. Gerade mit der Verantwortung, etwas für die Umwelt zu tun, muss sich das Konsumverhalten ändern. Es heißt ja nicht, dass man nichts mehr kaufen soll – es geht vor allem um das eigene Bewusstsein und um den Verzicht an der richtigen Stelle. Nachhaltigkeit bedeutet schließlich auch, dass Dinge lange bleiben und Bestand haben - ohne vielfach ersetzt zu werden.

Außerdem ist es mir wichtig, ehrliches Feedback zu geben, auch wenn Teile keinen Mehrwert bieten oder nicht gut passen.

Was sind sinnvolle Alternativen zum Neukauf, wenn sich der eigene Stil verändert oder etwas fehlt?

Sich die Zeit nehmen und Sachen anzuprobieren, offen für andere Marken zu sein und nichts zu überstürzen. Es hilft, sich frei von Trends zu machen bzw sich zu überlegen, ob ein Trend wirklich mir selbst steht, oder “nur” an der Freundin super aussieht. Ich helfe dabei, sich bewusster über den eigenen Stil zu werden und besser abzusehen, was man wirklich braucht.

"Je älter man wird, desto weniger braucht man - weil man sich selbst besser kennt und weniger experimentieren muss."

Wie kann man eine Garderobe aufbauen, die sich langfristig gut anfühlt – emotional wie praktisch?

Ich bin davon überzeugt: Je älter man wird, desto weniger braucht man - weil man sich selbst besser kennt und weniger experimentieren muss. Deshalb sind langlebige Stücke wichtig, die zeitlos moderne Schnitte und hochwertige Materialien verbinden. Hier lohnt es sich zu investieren. Es braucht nicht viele Kleidungsstücke, lieber weniger und dafür gut ausgewählt.

Was würdest du jemandem sagen, der*die weniger shoppen möchte, aber Angst hat, dadurch an Ausdruck oder Freude zu verlieren?

Die Freude wird eher wieder größer, weil man nicht so übersättigt ist. Man kann auch ein Happening aus dem Einkaufen machen, entweder mit einer*einem engen Freund*in oder, wenn man einen Städtetrip macht und im Urlaub durch kleine, no name Boutiquen schlendert. Die Kleidungsstücke, die man dabei findet, erzählen direkt eine Geschichte.

Hier findet ihr Jana Krentzlin:

Foto: Oezlem Oezsoy, "Canva"