Granny Hobbies: Rituale schaffen für Zeit ohne Screens
23. Januar 2026
geschrieben von Anissa Brinkhoff

Stricken, Vögel beobachten, puzzeln, gärtnern – Dinge, die lange als Oma-Alltag galten, erleben gerade ein Comeback. Und zwar nicht bei Menschen, die plötzlich viel freie Zeit haben, sondern bei denen, die in der Rushhour des Lebens stecken. femtastics Autorin Anissa Brinkhoff hat acht Hobbys gesammelt.
"Granny Hobbys schaffen Rituale, Ruhe und kleine Erfolge – ganz ohne Bildschirm."
Der Granny Hobby Boom kommt nicht von ungefähr
Granny Hobbys bedienen das starke Mental Health Bedürfnis: Sie schaffen Rituale, Ruhe und kleine Erfolge – ganz ohne Bildschirm. In Deutschland sind die Ausgaben für Bastel- und DIY-Bedarf zuletzt um über 50 Prozent gestiegen, besonders in Großstädten wie Hamburg. Als Gegenmittel zum Doomscrolling, als Einladung zu Achtsamkeit oder zu mehr Nachhaltigkeit: Unter dem Schlagwort „Grandmacore“ gehen diese Hobbys 2026 auf "TikTok" und "Instagram" viral, die Suchanfragen steigen um rund 160 Prozent.
Das Schöne: Wir können diesen Hobbys alleine nachgehen, zu jeder Uhrzeit. Und wenn uns doch nach Gemeinschaft ist, gehen wir zum Strick-Club oder Silent Reading. Meistens ist das sogar kostenlos – und fast immer bringen alle Snacks mit.
Vögel beobachten: Gut für die Psyche
Während ich diesen Text schreibe, gucke ich raus in meinen Garten auf das kleine Vogel-Futter-Haus, das im kalten Januar-Wind an einem Baum hängt. Dass mein Blick ständig dahinwandert, hat einen Grund: Mehrere Studien belegen den positiven Einfluss, den Vögel auf unser psychisches und auch physisches Wohlbefinden haben. Und wie cool ist es, wenn man auch mehr Arten als Taube und Möwe kennt?
Für Einsteiger*innen gibt es den „Vögel, aber cool!“ Podcast von Silke Hartmann. Sie ist Vogel-Expertin, hat Bücher zu dem Thema geschrieben („Die Superkräfte der Vögel“ und "Birding") und bietet sogar Online-Kurse zu Vogelbeobachtung an.
Stricken: Meditative Maschen
Stricken ist DAS Granny-Hobby schlechthin und der Hashtag #knitok gehört zu den meistgesuchten Granny-Hobby-Begriffen auf "TikTok". Kein Wunder: Stricken ist rhythmisch, repetitiv und erstaunlich meditativ. Masche für Masche entsteht etwas. Und während wir früher über selbstgestrickte Woll-Socken zu Weihnachten die Augen verdreht haben, verschenken wir sie heute selbst.
"Lesen ist eines der wenigen Hobbys, bei denen wir verschwinden, ohne etwas zu produzieren."
Bücher lesen: In andere Welten abtauchen
Lesen ist zurück, aber anders als früher: erst lesen wir alleine – und reden dann darüber. In Buch-Clubs wie dem "femtastics Buchclub" (den Link zum Buchclub Broadcast Channel findet ihr im femtastics "Instagram" Profil!), auf Lesungen und #booktok entscheidet über Besteller-Listen. Und vielleicht fühlt es sich deshalb so gut an: Lesen ist eines der wenigen Hobbys, bei denen wir verschwinden, ohne etwas zu produzieren.
Kochen: Aber bitte ohne Perfektion!
Kochen und Backen verbinde ich mit meiner Oma – und deshalb gehört beides für mich auch in die Granny-Kategorie. Nicht das ambitionierte Drei-Gänge-Menü für Gäste, sondern das ruhige, alltägliche Kochen. Rezepte wiederholen, Gemüse schneiden, Düfte wahrnehmen. Kochen als Ritual statt als Leistung.
"Das Gefühl, etwas mit den eigenen Händen geschaffen zu haben, hält an."
Töpfern: Etwas mit den eigenen Händen kreieren
Ton reagiert unmittelbar auf Druck, jede Unruhe überträgt sich direkt auf das Material. Das zwingt zur Präsenz im Moment. Die Gedanken schweifen ab? Zack, fliegt der Ton von der Drehscheibe – was zugegeben auch ziemlich witzig sein kann. Je unperfekter das Ergebnis, desto lieber trinkt sich daraus Kaffee. Und das Gefühl, etwas mit den eigenen Händen geschaffen zu haben, hält an.
Malen: Mit und ohne Zahlen
Ein Blatt Papier, ein paar Farben, mehr braucht es nicht, schon laufen die Aquarellfarben ineinander, ohne sich kontrollieren zu lassen. Und gerahmt ist es direkt ein Kunstwerk. Wer mehr Anleitung mag, kann die tollen Bilder neuer Malen-Nach-Zahlen Start-ups (zum Beispiel bei "Habitus") bestellen, die richtig schöne Motive anbieten.
"Granny Hobbies erinnern uns daran, dass Zeit nicht immer effizient genutzt werden muss."
Gartenarbeit: Sensorische und körperliche Entspannung
Ich stecke einen Samen in die Erde und ein paar Wochen später ernte ich einen Kohlrabi? Für mich ist genau das Magie. Und das Gefühl, mit den Händen in der Erde zu wühlen, sensorisch und körperlich totale Entspannung.
Während der Pandemie „mietete“ ich mir meinen erst Garten: Bauern im Umkreis vieler Städte verpachten immer öfter ihre Felder. Zwischen 40, 80 oder 120 qm können sich Städter*innen, Paare, Freundeskreise für ein paar Monate ihren Acker mieten, Gemüse und Obst anbauen – und im Herbst pflügt der Bauer die Reste unter. Ist weniger aufwendig als ein Kleingarten, aber nette Acker-Nachbar*innen mit tollen Tipps gibts trotzdem.
Journaling & Puzzles: Raus aus dem digitalen Dauerstress
Die stillen Stars unter den Granny Hobbies. Beides entschleunigt, beides holt uns raus aus dem digitalen Dauerrauschen. Schreiben, um Gedanken zu sortieren. Puzzeln, um sich auf eine Sache zu konzentrieren. Ein sanfter Einstieg in Digital Detox.
Vielleicht ist genau das der Kern dieser Bewegung: Granny Hobbies erinnern uns daran, dass Zeit nicht immer effizient genutzt werden muss. Dass Dinge einfach gut tun dürfen – ohne Ziel, ohne Publikum.
Collage: "Canva"