„Ich wurde vergewaltigt und sexuell missbraucht. So jetzt ist es raus.“

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6. Mai 2020

Katie Aenderson ist 25 und arbeitet als Projektmanagerin in Berlin. Vor sieben Jahren wurde die damals 18-Jährige von ihrem Arbeitskollegen vergewaltigt. Vor kurzem hat sie sich dazu entschlossen, ihre Geschichte öffentlich zu machen und uns diesen Text geschickt. Ihr Anliegen: Sie will anderen Frauen, denen Ähnliches widerfahren ist, Mut machen.

I’m a survivor.

Ich habe lang überlegt, ob ich so offen über dieses Thema sprechen möchte. Und dann habe ich darüber nachgedacht, wie viele Mädchen und Frauen Ähnliches erlebt haben und auch nicht darüber sprechen, wie wir alle alleine in unserem Erlebnisgefängnis sitzen und denken, dass niemand verstehen kann, was wir fühlen. Vor ein paar Wochen habe ich einen kleinen Auszug meines Traumas für Mae Callie und ihren Account @letsbreaktheshame aufgeschrieben. Das bringt mich heute dazu, diesen Artikel zu schreiben. Ich war einige Jahre in Therapie und habe dort immer über eine Holztruhe gesprochen, in der alles Erlebte sicher verpackt ist. Diese Truhe ist nicht einfach zu öffnen und 90 Prozent der Zeit steht sie auf dem Grund eines Meeres, verschlossen. Momentan steht diese Truhe allerdings am Strand und das Schloss ist offen.

Es hat mich sieben Jahre gekostet das Erlebte in Worte fassen zu können. Aber hier bin ich. Und ich lebe. Zwar nicht mehr als der Mensch, der ich mit 18 war, trotzdem bin ich am Leben. Ich habe mir überlegt zukünftig offener und mehr darüber zu sprechen und ich hoffe, damit anderen Frauen, denen Ähnliches passiert ist, Mut machen zu können.

Ich wurde vergewaltigt und sexuell missbraucht. So jetzt ist es raus. Es fühlt sich komisch an, das zu schreiben oder auszusprechen.

Ich wurde vergewaltigt und sexuell missbraucht. So jetzt ist es raus. Es fühlt sich komisch an, das zu schreiben oder auszusprechen. Vor allem, weil ich jahrelang das Wort „vergewaltigt“ nicht in den Mund genommen habe. Ich habe über Missbrauch gesprochen und Dinge, die gegen meinen Willen mit mir gemacht wurden. Aber das Wort Vergewaltigung war mir zu real. Als ich 18 war, wurde ich von einem Arbeitskollegen sexuell missbraucht, während seine zwei besten Freunde vor der Tür standen und gewartet haben, bis es vorbei ist. Nach jahrelangen Therapieversuchen mit unterschiedlichen Therapeuten habe ich mich nie in der Lage gefühlt, darüber zu sprechen. Bis heute.

Therapeuten erwarten etwas von ihren Patienten. Meine Therapeuten haben erwartet, dass ich weine, dass ich zusammenbreche, dass ich untergehe in meinen Tränen. Aber so bin ich nicht. Normalerweise bin ich ein sehr emotionaler Mensch und weine schnell, ich bin emphatisch, weil ich gelernt habe aufzupassen, wie der andere denkt und fühlt. Aber wenn ich über die Tat spreche, spreche ich über eine andere Person, da braucht es keine Tränen. Therapeut nach Therapeut hat versucht mich zum Weinen zu bringen, Therapie um Therapie habe ich abgebrochen. Ich war nicht bereit. Aber jetzt bin ich es.

Ich wollte ihn anzeigen, konnte es aber nicht.

 

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Why I didn’t report.

Oft muss man sich rechtfertigen, warum keine Anzeige erstattet wurde. „Du bist schuld, dass weitere Frauen sowas erleben müssen.“ Es gibt eine Reihe an Gründen, warum dieser Weg zur Polizei nicht so einfach ist. Bei manchen Frauen ist es der Partner, ein Familienmitglied, der Chef. Andere schämen sich. Ich wollte ihn anzeigen, konnte es aber nicht.

Ich habe am Tag nach der Tat meine Verletzungen dokumentiert, Fotos gemacht, fest entschlossen ihn anzeigen zu wollen. Als ich dann bei der Polizei war und der Beamte mich fragte, ob ich irgendwelche Beweise hätte, wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich bis auf meine Wunden – körperlich, sowie geistig – nichts habe, um zu beweisen, was passiert ist. Er sprach sehr ehrlich mit mir. Die beiden besten Freunde des Täters waren im Raum nebenan und haben nach der Tat auf mich eingeredet, dass das alles consensual härterer Sex gewesen sei. Sollte es also zu einem Prozess kommen, wären die Drei gegen mich gewesen. Im Zweifel immer für den Angeklagten. Ich würde die ganze Geschichte hundertmal erzählen müssen und am Ende als Lügnerin dastehen. Deswegen habe ich ihn nie angezeigt. Ich musste hier auf meine seelische Gesundheit achten. Und der hätte es geschadet, angezweifelt zu werden. Also habe ich gelernt mit meinen Wunden zu leben. Auch wenn die körperlichen geheilt sind, geistig sind noch einige zu spüren.

Aus meinem Trauma wurde eine posttraumatische Belastungsstörung.

Aus meinem Trauma wurde eine posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTSD. Mein PTSD führt dazu, dass ich Menschenmassen meide, kleine Räume, fremde Männer, dass ich kein Blut sehen kann, keinen Alkohol trinke oder Drogen nehme; aus Angst die Kontrolle verlieren zu können. Mit 20 hat mich das alles noch sehr eingeschränkt. Ich bin trotzdem zu Konzerten gegangen, habe mich mit Männern getroffen – ich habe mich nie wohl gefühlt, aber ich wollte so sein wie jeder Andere.

Worte an Menschen, die aus ähnlichen Situationen kommen: Sprich drüber. Du bist nie Schuld. Es ist nie deine Schuld. Nie.

Erst heute, sieben Jahre später, habe ich meine eigenen Grenzen gefunden. Ich mache nur noch, was sich gut anfühlt und treffe nur noch Menschen, mit denen ich mich wohl fühle. Ich stelle mich selbst vor alles andere, denn ich muss mich schützen.

Worte an Menschen, die aus ähnlichen Situationen kommen: Sprich drüber. Du bist nie Schuld. Es ist nie deine Schuld. Nie.

Ich biete hiermit ein offenes Ohr an. Für jeden, der Ähnliches erleben musste. Mein Postfach ist immer offen. Schreibt mir und ich höre zu. Es wird besser. Wir werden überleben. Und wir werden daran wachsen. Alle gemeinsam.

 

Hier findet ihr Katie Aenderson:

Fotos: Stefan Beutle

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