Von Selflove bis Selbstbefriedigung: Isabel Moss und ihr Blog Mädelsschnack

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Die Jugend ist eine Zeit voller Umbrüche, Veränderungen und Verwirrungen und oftmals fehlte es an geeigneten Antworten auf all unsere Fragen. Trotzdem denken wir gern, mitunter auch mit zwiespältigen Gefühlen, an die Jugend zurück – so auch Isabel Moss. Die Redakteurin und Autorin hat gemerkt, dass es viel zu wenig Medienangebote gibt, die Teenies auf Augenhöhe begegnen – und hat kurzerhand selbst eins geschaffen. Auf ihrem Blog Mädelsschnack widmet sich die 32-Jährige für ihre jugendlichen Leserinnen und Leser allen Themen, die sie umtreibt: von Selbstliebe bis Selbstbefriedigung, von der ersten Periode bis zu Akne, von Girlpower bis Mondkalender. Was sie zu ihrem Herzensprojekt bewegt hat und wie es so ist, als Jugendlicher in 2018, das erzählt sie uns in ihrer Wohnung in Hamburg-Altona.

Es gibt wenige Medien für Jugendliche, dabei ist die Jugend die wichtigste Zeit des Lebens!

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Wir besuchen Isabel Moss in ihrer Wohnung – ihr Blog schreibt sie in ihrem Arbeitszimmer!

femtastics: Warum schreibst du gern für Jugendliche? Warum liegen dir die Themen so am Herzen?

Isabel Moss: Es gibt wenige Medien für Jugendliche, dabei ist die Jugend die wichtigste Zeit des Lebens! Es passiert wahnsinnig viel und sie ist total prägend. Alles ist komisch und neu und verändert sich. Du wirst kaum aufgefangen. Wenn du nicht weißt, wohin mit dir, gibt es keine Anlaufstelle. Meine Jugend war nicht geil, sie war turbulent, intensiv und auch sehr schwer. Ich bin früh, noch während der Schulzeit, von Zuhause ausgezogen. Ich habe nicht gewusst, wer mir helfen kann bei allem, was sich so komisch anfühlt.

Als Jugendlicher fühlt man sich von geläufigen Medien nicht immer abgeholt. Gleichzeitig ist es schwierig, ihre Tonalität zu treffen – was dir sehr gut gelingt! Das ist eine Herausforderung, Jugendliche fühlen sich oft nicht verstanden.

Genau. Und ich fand das Medienangebot nicht ausreichend. Es gibt die Mädchen, die Zeitschrift hat auch eine Webseite. Und natürlich ganz klassisch die BRAVO. Daran ist nichts verkehrt, sie gehen halt einen anderen Weg. Aber da ist viel Lästerei dabei und diese Titel sind scharfzüngiger. Das sind eben keine Blogs, also nicht wirklich persönlich.

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Was machst du anders?

Mein Ziel ist, auf Augenhöhe mit meinen Lesern zu kommunizieren und meine Erfahrungen mitzuteilen, aber ohne ihnen zu sagen, dass sie diese Erfahrungen jetzt nicht mehr machen müssen. Sie sollen sie ruhig selber machen, und wenn es sich komisch anfühlt, brauchen sie sich nicht sorgen, das soll alles so.

Wie bist du auf die Idee gekommen, Mädelsschnack zu gründen?

Ich bin vor einem halben Jahr in die Selbstständigkeit gegangen, wollte frei arbeiten und ein Buch schreiben. Vorher war ich vier Jahre lang Redakteurin bei der InTouch. Ich wollte schon immer für Jugendliche schreiben, weil ich die Zielgruppe wahnsinnig spannend finde. Wenn ich mein Buch irgendwann fertig bekomme, wird es für Jugendliche sein!

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Alles ist so wie es ist, richtig – auch wenn es sich mal scheiße anfühlt.

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An wen richtet sich dein Blog genau?

Ich bewege mich hauptsächlich in der Zielgruppe von 13 bis 17 Jahren. Ich habe aber viele Leser, die deutlich älter sind. Die Themen hören nicht auf, nur weil die Jugend aufhört. Du kannst immer noch etwas mitnehmen: Themen wie “Meine erste Periode” zum Beispiel, die erwartet uns mit 32 Jahren zwar nicht mehr, aber man kann sich daran erinnern und auch, wie komisch das war.

Welche Themen behandelst du und wie findest du deine Themen?

Es geht viel um den Körper, um Veränderungen wie die Periode oder schlechte Haut. Ganz viel Platz hat das Thema Liebe, da möchte ich mit unterschiedlichsten Inhalten die Jugendlichen abholen. Sie sind in einer Findungsphase, merken, ob sie Jungs oder/und Mädchen gut finden. Mein neuester Artikel geht um sexuelle Orientierung. Es wird erklärt, dass du auch bisexuell sein kannst. Tendenziell suche ich Themen, die Antworten liefern können, wenn du welche suchst. Du musst dich nicht einsortieren, aber es kann manchmal gut tun, einen Platz zu haben und zu wissen, was dich umtreibt – und vor allem, dass du nicht alleine bist.

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Das heißt, du bietest eine Art safe space im Netz. Man fühlt sich wohl bei dir, weil du nicht mit dem Zeigefinger auf etwas zeigst. Das Blog schließt niemanden aus und ist nicht elitär.

Das ist mein Ziel. Natürlich findet sich nicht jeder in jedem Artikel wieder, fühlt sich aber auch nicht ausgeschlossen.

Wie findest du noch deine Themen?

Ich überlege, was mich in der Jugend umgetrieben hat. Und ich bin wahnsinnig viel in Facebook-Gruppen unterwegs. Es gibt viele Mädelsgruppen mit 10.000 Mitgliedern, da schaue ich, worüber sie schreiben, was sie beschäftigt. In Foren schaue ich auch viel, da kommen Themen auf wie “Die verrücktesten Verhütungsmythen”. Da sind immer noch viele irre Sachen online, aktuell wird diskutiert, ob es hilft, Cola zu trinken, um nicht schwanger zu werden. Das ist dramatisch und das denke ich mir nicht aus, das steht tatsächlich in diesen Foren.

Sexualkunde & Co sind in der Schule wahrscheinlich auch nach wie vor nicht auf dem neuesten Stand?

Nein. Es geht zwar darum, wie du dich schützen kannst, aber nicht darum, wie es dir Spaß machen kann. Was dir gefällt, ist doch total wichtig. Gerade als Jugendlicher kommst du in sexuelle Situationen, in denen du überlegst: Will ich das, oder will ich das nicht? Ich habe einen Artikel unter dem Ttiel “Nein heißt nein und was bedeutet vielleicht” geschrieben: Du kannst als Jugendlicher oft nicht nein sagen, weil du etwas nicht kennst, es ist ja neu! Ich zeige, dass jeder in so eine Situation kommen kann, und wie du für dich einen Moment schaffen kannst, um kurz innezuhalten, indem du zum Beispiel den Freund um ein Glas Wasser bittest. Dann kannst du kurz überlegen, ob du das möchtest, oder ob es sich komisch anfühlt.

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Egal, wie du aussiehst, wie du dich fühlst, was du dir wünscht, aber auch wenn du gar keine Ahnung hast – es ist okay!

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Isabella wohnt zusammen mit ihrem Mann und zwei Katzen – das hier ist Urmel.

Jungs machen sich bei diesen Themen bestimmt auch viele Gedanken, aber gefühlt sind die Mädchen immer noch unsicherer, oder?

Es wird unterschätzt, wie sehr Jungs sich damit beschäftigen, vielleicht reden sie einfach nicht so oft darüber. Ich glaube, das hat viel mit der Gesellschaft zu tun. Ich habe einen Artikel über Selbstbefriedigung geschrieben und bei Jungs gehören Sprüche wie “Hol dir mal einen runter” einfach dazu, das ist total normal. Bis ich das erste Mal über Selbstbefriedigung gesprochen habe, war ich mindestens zwanzig, wenn nicht sogar älter. Bei Mädchen ist es gesellschaftlich kein Thema. Also traut man sich auch nicht, etwas dazu zu sagen, wenn niemand es anspricht.

Das Thema Selbstliebe ist dir auch wichtig. Wie förderst du Selbstliebe? Welche Botschaft möchtest du senden?

Das Wichtigste ist, dass egal wie du aussiehst, wie du dich fühlst, was du dir wünscht, aber auch wenn du gar keine Ahnung hast – es ist okay! Das gehört dazu! Selbst, wenn sich etwas total komisch in dir anfühlt, oder du etwas komisches denkst oder fühlst, dann hat das seine Berechtigung und gehört zu dir. Das annehmen, mit allem was dazu gehört, auch die Seiten, die sich erstmal fremd und komisch anfühlen, das ist wichtig. Jeder sollte lernen, das zu akzeptieren und zu lieben.

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Das klingt profan, ist es aber nicht.

Absolut nicht. Ich merke es selbst beim Schreiben: Obwohl ich ein Profi bin, fällt das immer noch schwer und es hilft, sich bewusst damit auseinanderzusetzen. In meinem Artikel “Ich bin echt schön” geht es darum, sich selbst Komplimente zu machen, sich vor den Spiegel zu stellen und zu sagen: “Ich bin toll!” Das funktioniert nämlich auch von außen nach innen, das kann man lernen!

Wie steht es mit Girlpower und Zusammenhalt unter Mädchen, ist das ein Thema?

Ja, aber ich merke in den Facebook-Gruppen, dass es noch viel zu tun gibt. Neid ist leider noch ein großes Thema.

Das Thema Zickenkrieg ist leider auch noch viel zu präsent, sei es bei Germany’s Next Top Model oder in irgendwelchen Soaps.

Genau! Das Problem bei Zickerei und Neid ist, dass man sich selbst noch nicht versteht oder nicht versteht, warum diese Gefühle da sind. Wenn ich ein Mädchen sehe, das total selbstbewusst ist, dann wirkt sie auf mich erstmal arrogant. Dann denke ich daruber nach, warum ich sie arrogant finde, es liegt nur daran, dass ich nicht das gleiche Gefühl von Selbstbewusstsein empfinden kann.

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Es gibt unendlich viele Möglichkeiten in den Sozialen Medien, aber niemand nimmt dich an die Hand.

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Isabellas Jugendbuch-Empfehlungen (auch für Erwachsene top): “Schlüssel” von Sara Bergmark Elfgren und Mats Strandberg , “Mirror Mirror” von Cara Delevingne, “Es wird keine Helden geben” von Anna Seidl, “Und wenn die Welt verbrennt” von Ulla Scheeler.

Meistens ist es eine eigene Unzufriedenheit, die zum Ausdruck kommt.

Genau. Und anstatt sie zu beneiden, sollte ich sie bewundern, denn ich kann von ihr lernen. Negative Gefühle anderen gegenüber sollten hinterfragt werden und jeder sollte überlegen,  was diese Gefühle mit einem selbst zu tun haben. Ich glaube, dass das oft stattfindet und Mädels Bock haben, sich zusammenzutun und sich gegenseitig zu supporten.

Ist die Welt für Teenies heute komplexer?

Definitiv. Unsere Jugend in den Achtzigern und Neunzigern war in Bezug auf Medien schon hart. Wenn ich mir vorstelle, es hätte auch noch Fotos von all meinen Fehltritten gegeben… das wäre nicht gut ausgegangen. Dass alles festgehalten wird, macht alles schwerer. Du trittst viel mehr in Konkurrenz, weil sich jeder darstellt, weltweit, nicht nur in deiner Klasse. Und wenn da mal eine Schöne bei ist, die 50.000 Likes für ein Foto bekommt und du für ein Bild von dir nur 10 Likes, ist die Welt einfach mal scheiße. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten in den sozialen Medien, aber niemand nimmt dich an die Hand und zeigt es dir in Ruhe.

Und du kannst heute alles werden, von mir aus Koala-Pflegerin in Australien, aber das kann auch überfordern. Diese vermeintliche Freiheit wird zu einem Gefängnis, weil du immer denkst, es kommt vielleicht noch etwas besseres.

Ganz genau! Sowohl deine Erwartung als auch die Erwartung deiner Umwelt wächst durch das Überangebot an Optionen immer weiter. Ich bin während der Schulzeit ausgezogen und habe Fachabitur gemacht, aber nie eine Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen. Dafür musste ich mich millionenfach rechtfertigen und habe Dinge gehört wie: “Du musst doch etwas Vernünftiges lernen, sonst wird aus dir nichts!” Du bekommst Druck von aussen und wirst in einen Weg reingepresst, ohne gefragt zu werden, ob du den Weg überhaupt gehen willst.

 

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Wenn du eine Message allen Teens mit auf den Weg geben könntest, welche wäre das?

Alles ist so wie es ist, richtig – auch wenn es sich mal scheiße anfühlt. Du bist nicht falsch und es ist überhaupt nicht schlimm, wenn du mal einen Schritt zurück gehst oder falsch abbiegst, alles macht früher oder später Sinn.

Warum wolltest du Redakteurin werden? Wie ist dein Werdegang?

Nach der Schule habe ich viele verrückte Jobs gemacht: In einer Wurstfabrik gearbeitet und acht Stunden in der Kälte am Fließband gestanden. Oder ich habe für eine Firma, die Spielautomaten herstellt, acht Stunden am Tag Tesa um Scheiben geklebt. Ich habe weder eine Ausbildung noch Studium absolviert, weil ich nie wusste, was ich machen wollte.

Ich habe immer viel geschrieben, Tagebuch und Geschichten, bin aber nie auf die Idee gekommen, damit mein Geld zu verdienen. Als mein Bruder das erste Mal Vater geworden ist, habe ich für meine Nichte eine Geschichte geschrieben. Die habe ich an Verlage geschickt und sie wurde veröffentlicht. Finanziell hat es mir nichts gebracht, aber den Stein ins Rollen. Das war mega aufregend. Ich habe ganz viele Lesungen in Kindergärten und Schulen gehalten. Ich wollte mehr darüber lernen, habe mich bei der InTouch beworben und bin dort zur Journalistenschule gegangen. Dort habe ich das Schreiben gelernt, viel Theoretisches aber auch ganz viel Praktisches. So kam das! Endlich, mit Mitte zwanzig, hatte ich gefunden, was mir richtig Spaß macht!

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Rechts im Bild: Kater Balu!

 

Und was macht dir bei Mädelsschnack am meisten Spaß?

Ich liebe es, Artikel zu schreiben, am meisten macht mir aber der Mädelsclub Spaß: Das ist ein geschützter Bereich für die Abonnenten meines Newsletters. Da können die Leserinnen meiner Seite selbst Artikel mit Fotos veröffentlichen. Ein Mädchen zum Beispiel hat ganz schlimm Akne, sie zeigt sich und spricht über ihre Probleme, aber auch darüber, dass es in Ordnung und man trotzdem schön ist. Das finde ich total cool. Das kostet viel Mut!

Das glauben wir sofort! Vielen Dank für das schöne Gespräch, liebe Isabel!

Hier findet ihr Mädelsschnack:

Fotos: Pelle Buys

Layout: Carolina Moscato

 

 

3 Comments

  • Hallo Isabel,
    obwohl uns die Sexualität ein Leben lang begleitet, wird die sexuelle Aufklärung bzw. Beratung in Deutschland vergleichsweise noch sehr vernachlässigt. Ich gehöre als Pädagoge i.R. zu den Oldies und habe mich sehr mit dem Thema beschäftigt.
    Dabei habe ich den Eindruck, dass allein das Wort `Sex´ in Deutschland immer noch ein `Fremdwort´ zu sein scheint.
    Deshalb wünsche ich dir ganz viel Erfolg beim `Zickenkrieg´, um es mal humorvoll zu umschreiben.
    Jürgen aus Loy (PJP)

  • LuisaF sagt:

    Ich stehe dazu, das ich mich selbstbefriedigt habe . Ich glaube auch, das es wenige geben wird, die es nicht getan hat. Bei mir war es zunächst mit der Hand, letztlich habe ich mir aber in einem ein Fleshlight Shop ein passendes Spielzeug zugelegt. Heisst nichts anderes, als das ich es noch immer tue, auch wenn ich einen Freund habe.

    • Klare Ansage ist besser als Angst.
      Und dass du dich selbst befriedigst, ist eigentlich ganz normal, weil es wohl wenige gibt, die das nicht tun oder mal getan haben.
      Vielleicht symptomatisch für unser Bildungs- und Moralsystem, dass sich hier keine andere mal dazu äußert.
      Alles kann, nichts muss!
      Hauptsache du bleibst dir selbst treu!
      Jürgen aus Loy (PJP)

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