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Feminismus

"Mami, ist das jetzt auch patriarchale Kackscheiße?": Alexandra Zykunov über feministische Erziehung

27. August 2026

geschrieben von Maike Knorre

Die Autorin Alexandra Zykunov vor einer Collage aus spielenden Kindern erzaehlt von ihren Erfahrungen als feministische Mutter.

Wie kann man Kinder klischeefrei und Söhne feministisch erziehen? Ab wann macht es Sinn, ihnen das Patriarchat zu erklären? Und wie geht man damit um, wenn die Realität dazwischen kommt? Alexandra Zykunov schreibt in ihrem Buch "Aber patriarchale Kackscheiße darf man schon sagen, oder?" über feministische Erziehung und ihre Stolperfallen. Im Interview teilt die Bestseller-Autorin ihre wichtigsten Erkenntnisse und Erfahrungen rund um Rollenklischees bei Kindern und wie sie mit ihrem Sohn über Gefühle spricht.

"Mein feministisches Awakening begann mit der Mutterschaft. Ich habe schnell gemerkt, wie unterschiedlich die Erwartungen an mich und meinen Mann waren."

femtastics: Alexandra, wissen deine Kinder, was das Patriarchat ist?

Alexandra Zykunov: Ja. Mein Sohn ist 13 und weiß das mittlerweile aus dem FF, meine Tochter ist gerade neun geworden und fragt manchmal noch nach, wenn sie über Klischees stolpert: "Mami, ist das jetzt auch patriarchale Kackscheiße?" Und dann sage ich: Ja, ist es.

Wann und wie sprichst du mit deinen Kindern über Rollenklischees?

Mein Sohn hat mich vor ein paar Jahren beim Beachvolleyball-Gucken gefragt, warum die Klamotten der Frauen* so viel kürzer und enger sind als die knielangen Shorts der Männer*. Ob das eigentlich auch das ist, worüber ich immer schreibe. Bingo, ein guter Gesprächsaufhänger! Auch bei Hörspielen oder Fernsehserien sensibilisiere ich meine Kinder für patriarchale Klischees und drücke auf Pause, um zu erklären. Zum Beispiel bei dieser klassischen Szene, wenn ein Baby schreit und alle – meist die Jungs – es nicht beruhigt bekommen. Bis das Mädchen reinkommt, die einzige Quotenfrau* unter den Detektiv*innen oder Ninjas, und das Baby hört sofort auf zu weinen.

"Zwischen drei und fünf Jahren haben Kinder gängige Vorurteile verinnerlicht. Deswegen müssen Eltern im Kindergartenalter anfangen, dagegen anzuarbeiten."

Ab welchem Alter fängt man als Elternteil an, Kindern das Patriarchat oder Feminismus zu erklären?

Mein feministisches Awakening begann mit der Mutterschaft. Weil ich schnell gemerkt habe, wie unterschiedlich die Erwartungen an mich und im Vergleich dazu an meinen Mann waren. Ich fühlte mich in ein Rollenkorsett gedrängt. Und dachte: Shit, wenn ich das Klischee annehme, lernen mein Sohn und meine Tochter diese traditionelle Rollenverteilung von klein auf mit der Muttermilch. Ohne dass ich es damals "mikrofeministisch" hätte nennen können, habe ich etwa angefangen, beim Vorlesen von Kinderbüchern die Rollen zu vertauschen. Da war mein Sohn eineinhalb, vielleicht zwei. Bei "Conny" bleibt dann der Papa zu Hause, Mama geht ins Büro. Oder die Prinzessin rettet den Prinzen.

Bei der Recherche für mein Buch habe ich festgestellt: Das war nicht zu früh. Studien zeigen, dass Kinder schon zwischen drei und fünf Jahren längst sämtliche Rollenbilder und Vorurteile kennengelernt haben. Und die gängigen Diskriminierungsarten verinnerlichen: Patriarchat, Antifeminismus, Queerfeindlichkeit, Rassismus, Klassismus, Ableismus. Es gibt Untersuchungen dazu, dass weiße Kinder schon im Kleinkindalter eher weniger mit Schwarzen Kindern spielen wollen, weniger mit dicken Kindern, weniger mit Kindern mit Behinderung. Wenn das so früh anfängt, müssen wir Eltern eben auch im Kindergartenalter anfangen, dagegen anzuarbeiten.

"Dinge thematisieren, bevor sie zum Problem werden. Und dann wie einer einer feministischen Dauerwerbesendung wiederholen."

Wie macht man etwas so Abstraktes wie Feminismus oder das Patriarchat konkret und verständlich für Kinder?

Ich habe versucht, Rollenklischees kindgerecht zu erklären: "Das ist ja schon wieder so eine Geschichte, wo nur Jungs drin vorkommen und Mädchen keine Rolle spielen. Ist ja doof, wollen wir nicht einen der Helden als Mädchen umbenennen?" Oder: "Jetzt hat schon wieder der Prinz die Prinzessin gerettet, warum muss er sich ständig in Gefahr bringen?" Darauf hin meinte mein Sohn: "Stimmt, wieso muss der Prinz immer gegen die gefährlichen Drachen kämpfen, der kann sich doch mal von der Prinzessin retten lassen."

Bestenfalls thematisiert man Dinge, bevor sie zum Problem werden. Zum Beispiel, dass Körper einfach unterschiedlich sind: Nasen, Augen, Hautfarben, Haare, Bäuche, Behinderungen. Und dass wir Körper nicht bewerten sollten, auch nicht wenn es "nett gemeint" ist: Und dann wiederholt man das immer wieder, weil Kinder speichern das nicht sofort und vergessen extrem viel. Ich nenne das meine "feministische Dauerwerbesendung" – man muss es immer wieder thematisieren.

Und wie reagiert man als Eltern, wenn das eigene Kind etwas Problematisches zu anderen Kindern sagt?

Meine Tochter hat mal im Kleinkindalter auf dem Spielplatz gesagt, sie wolle mit einem Mädchen nicht spielen, "sie ist zu dick". Ich bin fast im Sandkasten versunken vor Scham und habe gehofft, dass niemand zugehört hat. Dann habe ich meine Tochter zur Seite genommen und erklärt: Ein Körper ist das Zuhause eines Menschen, und das kommentieren wir nicht. Du willst ja auch nicht, dass jemand zu dir nach Hause kommt und sagt, hier ist es ungemütlich oder dreckig.

Später habe ich mich gefragt, ob ich das richtig gemacht habe. Wenn ich sie dafür rüge, dass sie "dick" gesagt hat, konnotiere ich das Wort ja selbst schon wieder negativ. Dabei haben wir uns als Gesellschaft doch auf Body Neutrality geeinigt und darauf, dass "dick" eine neutrale Beschreibung sein soll, so wie "groß" oder "dünn". Bei dem Thema stoße ich sowieso immer wieder an meine Grenzen.

"Ich möchte meine Kinder vorbereiten: Später wird man euch erzählen, wie ihr auszusehen habt. Glaubt dem nicht, ihr seid wunderbar, wie ihr seid."

Inwiefern?

Meine Tochter hat einen runderen Körperbau, möchte aber selbst nicht "dick" genannt werden, auch wenn ich ihr erkläre, dass das eine neutrale und keine "schlimme" Beschreibung ist. Aber sie hat es eben schon früh als negativ abgespeichert! Das zeigt, wie tief Körperbilder schon verinnerlicht sind. Also suche ich andere Worte: "rund", oder "du wächst schnell, sowohl in die Höhe als auch in die Breite". Weil ich meine Kinder darauf vorbereiten möchte: Später wird man euch erzählen, wie ihr auszusehen habt. Man wird euch Produkte andrehen wollen, mit denen ihr schlanker, kurviger, haarloser, muskulöser werden sollt. Glaubt dem nicht, ihr seid wunderbar, wie ihr seid.

Das ist ein Kampf gegen Windmühlen, aber ich habe im Laufe der Recherche gelernt: Wenn man eine gute Beziehung zu seinen Kindern hat, keine autoritäre, sondern liebevoll und auf Augenhöhe und ihnen gebetsmühlenartig runterrattert "Du bist gut so wie du bist", dann bleibt das haften.

Geht es darum im Kern bei feministischer Erziehung?

Bei feministischer Erziehung geht es wie in allen Bereichen der Erziehung darum: Kindern zu vermitteln, was es heißt, ein guter Mensch zu sein, fair zu sein, niemanden aufgrund seiner Äußerlichkeiten oder Herkunft oder sexueller Orientierung niederzumachen, Empathie für unterschiedliche Lebenswelten zu haben. Und gleichzeitig den Selbstwert und das Selbstbewusstsein zu vermitteln, nicht ständig auf das zu hören, was andere sagen.

Feministische Erziehung ist immer auch ein antiautoritärer, demokratischer, der sogenannte autoritative Erziehungsstil. Das heißt nicht komplett regelfrei, aber mit Grenzen auf Augenhöhe, ohne physische oder psychische Gewalt. Das Kind muss wissen: Meine Stimme zählt, meine Meinung zählt, ich muss nicht blind gehorchen. Die Forschung zeigt: Wenn das gegeben ist, werden Kinder später viel immuner gegen toxische Männlichkeit sein, gegen Tradwife-Accounts oder Körpernormen und übrigens auch gegen rechte Narrative, die damit oft einhergehen. Weil sie gelernt haben, Dinge zu hinterfragen und Nein zu sagen, ohne Angst zu haben, deswegen weniger geliebt zu werden. Dieser Zusammenhang zwischen Erziehung auf Augenhöhe und der sogenannten "Patriarchatsresilienz", finde ich total einleuchtend. Feministische Erziehung ist keine Rocket Science.

"Wenn die Gesellschaft Mädchen und Jungen von klein auf unterschiedlich behandelt, kann ich das als Elternteil nicht ignorieren."

Ein Bekenntnis aus deinem Buch lautet: "Natürlich behandle ich meine Kinder nicht gleich." Was meinst du damit?

Weil das Außen es auch nicht tut. Die Ungleichbehandlung beginnt schon im Babyalter: Mit Mädchen wird mehr gesprochen, sie werden öfter getröstet als Jungs. Kleine Mädchen werden für ihr Aussehen gelobt: Wie süß du aussiehst mit deinen Zöpfen. Jungs eher für das, was sie tun: Du bist aber schnell gerannt. Wenn die Gesellschaft Mädchen und Jungen von klein auf unterschiedlich behandelt, kann ich das als Elternteil nicht ignorieren. Sonst würde ich die Klischees ja nur zementieren.

Wie sieht das bei euch konkret aus?

Ich beiße mir auf die Zunge, wenn meine Tochter etwas Hübsches anhat, weil sie ohnehin schon genug Kommentare zu ihrem Aussehen bekommt. Wenn ihr Shirt vollgekleckert ist, verbiete ich mir den Impuls, ihr ein frisches rauszulegen. Bei meinem Sohn hat mich das ja auch nie gestört. Im Haushalt gebe ich meinem Sohn proaktiv mehr Aufgaben, weil Studien zeigen: Mädchen übernehmen bis zu 50 Prozent mehr Hausarbeit als gleichaltrige Jungs. Wenn er meckert, erkläre ich: Ich muss dir das mehr antrainieren, weil das Außen es nicht tut. Sonst fehlen dir später die Basics, und du streitest dich später in WGs oder in einer Beziehung darüber.

Und ich frage meinen Sohn viel öfter nach seinen Gefühlen als meine Tochter. Sie kann ihre klar benennen, bei ihm hake ich nach: Wie fühlst du dich nach der doofen Situation in der Schule? Wenn ihm die Worte fehlen, helfe ich: Fühlst du Angst? Scham? Nervosität?

"Zeig mir Eltern, die kein Störgefühl haben, wenn ihr Sohn zu Fasching als Anna aus "Frozen" gehen und ein Glitzertutu anziehen will."

Warum ist es wichtig, mit Jungs mehr über ihre Gefühle zu sprechen als mit Mädchen?

Mädchen dürfen heute laut sein, wütend, auf den Tisch hauen, sich als "Hulk" verkleiden oder "Spiderman". Das wird gefeiert, zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Bei Jungs ist das umgekehrt nicht unbedingt der Fall. Zeig mir Eltern, die kein Störgefühl haben, wenn ihr Sohn zu Fasching als Anna aus "Frozen" gehen und ein Glitzertutu anziehen will, oder nur mit Barbies spielen möchte. Das wird dann schnell als zu "mädchenhaft" oder gar "schwul" angesehen. Das zeigt, wie tief verwurzelt die internalisierte Frauen*- und Homofeindlichkeit noch ist. Und wie starr das Bild eines "echten" Jungen, was auch immer das sein soll.

Mein Sohn hat mir zum Beispiel schon im Kindergartenalter stolz erzählt, dass er beim Hinfallen nicht geweint hat. Ich habe gesagt: "Das ist nichts, worauf du stolz sein musst, mein Schatz. Wenn du hinfällst und deine Haut aufreißt, blutest du, das ist eine normale körperliche Reaktion. Wenn es heiß ist, schwitzt du. Und wenn Schmerz in dein Gehirn dringt, kommen Tränen." Manchmal, wenn ich meinen Sohn in den Arm nehme, wenn er traurig ist oder wütend, und ihm dabei helfe, loszulassen und zu weinen, hat mein Mann ein Unbehagen. Er sagt dann sowas wie "Musst du das jetzt heraufbeschwören?" Ich sage dann: "Ich beschwöre nichts herauf, es ist da. Besser, er weint es raus, als dass er es später mit Fäusten rausprügelt."

"Ich mache mir immer wieder klar, dass mein Sohn noch kein Günther ist. Er hat noch nicht vom Gender Pay Gap profitiert, keine Karriere auf dem Rücken einer Frau* aufgebaut."

Wie erklärst du deinem Sohn das Patriarchat, ohne ihn dabei vorzuverurteilen?

Ich verstehe die Angst vor der Self-fulfilling Prophecy total. Aber es ist keine Prophezeiung, sondern Fakt, dass wir in patriarchalen Zeiten leben. Wenn ich nicht ehrlich mit meinem Sohn darüber spreche, läuft er da unvorbereitet rein.

Was mir als feministische Mutter eines Jungen hilft: Mir zwischendurch immer mal wieder kurz klarzumachen, dass mein Sohn noch kein Günther ist. Er hat noch nicht vom Gender Pay Gap profitiert, keine Karriere auf dem Rücken einer Frau aufgebaut. Kinder werden nicht patriarchal geboren, sie werden patriarchal gemacht. Von Natur aus wollen wir alle Nähe, Trost, weinen und Freude spüren dürfen. Feministische Erziehung ist kein Kampf gegen meinen Sohn, sondern mit ihm gegen das Außen.

Gibt es auch Momente, in denen du das Gefühl hast, deine Kinder mit deiner Aufklärungsarbeit zu überfordern?

Ständig, vor allem bei Filmabenden. Bei "Disney"-Filmen hab ich früher wirklich alle zehn Minuten pausiert. Oder bei 90er/2000er Blockbustern, wenn ein Superheld eine Frau* packt und küsst, ohne zu fragen, ob sie das will. Mittlerweile sagen meine Kinder bei solchen Szenen selbst schon augenrollend: "Ja Mama, wissen wir, du musst nichts sagen, können wir bitte weitergucken?" Das zeigt mir: Sie haben längst eine innere Alex im Kopf. Das sind die Momente, in denen ich lernen muss, loszulassen und darauf zu vertrauen, dass bei ihnen genug hängen geblieben ist.


Autorin Alexandra Zykunov neben dem Cover ihres neuen Sachbuches zu feministischer Erziehung

Alexandra Zykunov ist Journalistin, Kolumnistin beim "Spiegel" und Bestseller-Autorin. Ihr drittes Buch "Aber patriarchale Kackscheiße darf man schon sagen, oder?" ist ein persönliches Sachbuch über feministische Erziehung.

Hier findet ihr Alexandra Zykunov:

Fotos: Hans Scherhaufer/"Ullstein", Collage: "Canva"