Was wäre, wenn wir alle in Teilzeit arbeiten würden? Ein Gedankenexperiment
10. August 2026
geschrieben von Sarah Kessler

80 Prozent für alle: Was für einen Lifestyle hätten wir in Deutschland, würden alle in Teilzeit arbeiten? Unsere Autorin lebt die vermeintliche Utopie: Sie arbeitet 30 (Lohn-)Stunden, ihr Mann 32. Für Bundeskanzler Friedrich Merz ist das eine Gefahr für die Wirtschaft. Für Sarah Kessler ist es ein notwendiges Modell, um ihren Familienalltag überhaupt möglich zu machen. Sie ist davon überzeugt: Würden mehr Menschen in Teilzeit arbeiten, wäre Deutschland ein gesünderes und geselligeres Land.
Klingt utopisch? Sarah Kessler hat sich die Zahlen genauer angeschaut, und die erzählen eine überraschend andere Geschichte. Wie wäre es, wenn wir alle in Teilzeit arbeiten würden? Ein zahlengestütztes Gedankenexperiment für eine Gesellschaft, in der Erwerbs- und Care-Arbeit gerechter verteilt sind.
"Eine Gesellschaft, in der Erwerbsarbeit gerechter verteilt ist, wäre nicht nur familienfreundlicher. Sie wäre demokratischer."
Es gibt einen ganz bestimmten Luxus, den wir uns als Familie leisten. Nein, es ist kein großes Haus (70 Quadratmeter bald zu viert? Easy!), auch kein teures Auto (das braucht man in der Stadt eh nicht!). Nein, unser größter Luxus ist Zeit: Mein Mann und ich arbeiten beide in Teilzeit, jeweils etwa 80 Prozent: Er 32 Wochenstunden, ich 30. Für unseren Bundeskanzler Friedrich Merz ist das die verhasste "Lifestyle-Teilzeit". Für uns ist es das Modell, das unseren Familienalltag und eine gleichberechtigte Elternschaft überhaupt erst möglich macht.
Es sorgt dafür, dass nicht einer von uns dauerhaft zwischen Arbeitsterminen, Wäschebergen und dem schlechten Gewissen zerrieben wird, doch wieder keine Zeit für die Kinder, für Freund*innen oder gar für sich selbst zu haben. Es sorgt dafür, dass wir beide wissen, wann der nächste Kinderarzttermin ansteht, was aktuell in die Brotdose soll und wann Schuhe zu klein sind und neu gekauft werden müssen. Es sorgt dafür, dass wir beide unser Kind gleichermaßen gut ins Bett bringen können. Und es sorgt dafür, dass wir sowohl Paarzeit als auch jeweils ausreichend Zeit alleine haben.
80 Prozent für alle: Was passieren würde, wenn Väter genauso oft Teilzeit arbeiten wie Mütter?
Natürlich hängt auch bei uns der Haussegen mal schief. Aber wenn ich mich so umgucke, dann denke ich immer wieder: Wir leben eine Utopie. Ich wünschte, sie wäre in unserer Gesellschaft genau das nicht: utopisch. Sondern Normalität. Denn ich bin überzeugt, dann ginge es allen besser. Und ziemlich sicher würde Sorgearbeit endlich als das behandelt, was sie immer war: die Grundlage dafür, dass unsere Gesellschaft überhaupt funktioniert. Eine Gesellschaft, in der belebte Sportvereine, funktionierende Freiwillige Feuerwehren und volle Gemeinderatssäle stinknormaler Alltag sind. Eine Gesellschaft, in der Zeit füreinander wieder selbstverständlich ist. Zu schön um wahr zu sein? Die Zahlen erzählen eine überraschend andere Geschichte.
"Rechnet man die unbezahlte Care-Arbeit mit ein, arbeiten Frauen* in Deutschland sogar etwas mehr als Männer*."
Statistisch gesehen leben wir als Familie gleichzeitig völlig normal und völlig ungewöhnlich. Hä? Der Reihe nach:
- Ich als Frau und Mutter liege voll im Trend. Fast jede zweite erwerbstätige Frau* in Deutschland arbeitet in Teilzeit. Bei Müttern sind es sogar zwei Drittel.
- Mein Mann dagegen ist ein Exot: Nur rund zwölf Prozent der erwerbstätigen Männer* arbeiten Teilzeit, bei Vätern sind es gerade mal knapp neun Prozent.
Das gilt als normal. Es ist das Erwerbsmodell, das in Deutschland am häufigsten gelebt wird, nämlich von rund 65 Prozent aller Familien. Zusammen kommen beide Elternteile dabei auf 61 bis 63 Stunden bezahlte Erwerbsarbeit pro Woche. Davon arbeitet der Mann* durchschnittlich rund 40 Stunden, die Frau* etwa 21. Selbstredend, dass hier nur die bezahlte Erwerbsarbeit gemeint ist.
Side-Fact: Rechnet man die unbezahlte Care-Arbeit mit ein, arbeiten Frauen* in Deutschland sogar etwas mehr als Männer*. Nämlich durchschnittlich 45 Stunden und 33 Minuten pro Woche, Männer* 44 Stunden und 23 Minuten. Das entspricht einem Gender Care Gap von 43,4 Prozent.
"Wir arbeiten als Familie nicht weniger: Wir verteilen diese Arbeit nur anders."
Aber zurück zu unserer Utopie. Als Familie liegen wir mit unserem Modell tatsächlich im klassischen Schnitt, zusammen kommen wir ebenfalls auf rund 62 Wochenstunden Erwerbsarbeit. Mit anderen Worten: Wir arbeiten als Familie nicht weniger als andere. Wir verteilen diese Arbeit nur anders. Und ja, die politischen Rahmenbedingungen hemmen diesen Weg bewusst, zum Beispiel mit Mechanismen wie dem Ehegattensplitting, das finanzielle Anreize dafür setzt, dass ein Elternteil (meistens die Frau*) dauerhaft weniger verdient und weniger arbeitet (Hier mehr lesen über "Momflation": Die versteckten Kosten des Mutterseins und wer sie zahlt.)
Unsere Gesetze haben erstaunlich viele solcher patriarchalen Teilzeitfallen eingebaut. An dieser Stelle ließe sich nun völlig zu Recht über finanzielle Abhängigkeiten, den Gender Pay Gap, Rentenlücken, Altersarmut von Frauen* und die damit verbundenen Risiken von Teilzeit sprechen. All das ist real und all das gehört dringend diskutiert. In diesem Text geht es darum, wie wir leben könnten, wenn Erwerbs- und Sorgearbeit grundsätzlich anders verteilt wären.
Ganz Deutschland in Teilzeit: ein Gedankenexperiment
Stellen wir uns also vor, die Arbeitszeitverteilung meiner Familie wäre die Norm und (fast) alle heute vollzeitbeschäftigten Männer* würden ihre Arbeitszeit auf 80 Prozent reduzieren. Gleichzeitig würden alle Frauen* im erwerbsfähigen Alter ebenfalls in Teilzeit mit rund 80 Prozent einsteigen, also auch diejenigen, die heute gar nicht erwerbstätig sind oder nur wenige Stunden arbeiten.
Dann – Trommelwirbel – wäre das hier ein ganz normaler Dienstagnachmittag: Der Vater holt das Kind von der Kita ab, plaudert dabei mit dem Erzieher entspannt über den neusten Entwicklungssprung und steht später beim Kitafest am Waffeleisen. Oder er besucht seine pflegebedürftige Mutter, die für das gemeinsame Kaffeetrinken nicht auf das Wochenende warten muss. Die Mutter moderiert währenddessen die Ausschusssitzung im Gemeinderat, für den sie kandidiert hat, weil sie in der Zeit weder in irgendwelchen Arbeitsmeetings hängt, noch den Hauptanteil der Care-Arbeit zu Hause stemmen muss.
Und nein, Deutschland würde nicht in einem Arbeitskräftemangel versinken. Zumindest nicht in diesem zahlengestützten Gedankenexperiment. Die zusätzlichen Arbeitsstunden der Frauen* würden die Stundenverluste der Männer* nach den aktuellen Erwerbs- und Arbeitszeitdaten insgesamt sogar leicht übertreffen und zwar mit einem Plus von etwa 3,6 Prozent.
"Dass die Wirtschaft zusammenbräche, würden mehr Menschen in Teilzeit arbeiten, ist eine Mär."
Klar ist aber auch: In der aktuellen und reellen Welt kann nicht jeder Mensch morgen eine 80-Prozent-Stelle antreten. Nicht jede Region bietet dafür ausreichend Arbeitsplätze, geschweige denn ausreichend Kinderbetreuung. Pflege, Qualifikation und Infrastruktur müssten völlig anders organisiert werden. Und natürlich spielen persönliche (chronische) Erkrankungen und Voraussetzungen eine Rolle.
Doch eines zeigt dieses Gedankenexperiment deutlich. Nämlich, dass die aktuellen (Geschlechter-)Verhältnisse eben keine Naturgesetzlichkeit sind. Es zeigt, dass die Behauptung, wenn die Teilzeitquote weiter hochklettere, bräche unsere Wirtschaft zusammen, eine Mär ist! Ja, der Fachkräftemangel bestünde weiterhin, aber aufgrund eines demografischen Wandels und einer stetig schrumpfenden Geburtenrate. Nicht wegen unserer neuen Norm: der 80-Prozent-Stelle.
Und der eigentliche Gewinn einer solchen Gesellschaft läge übrigens nicht in diesen zusätzlichen Arbeitsstunden. Sie läge in der Zeit.
- Zeit für Kinder.
- Zeit für pflegebedürftige Angehörige.
- Zeit für Freundschaften.
- Zeit für Nachbarschaft.
- Zeit für Gesundheit.
- Zeit für Kultur.
- Zeit für politisches Engagement.
- Zeit für Ehrenamt.
"Die Menschen, die genau wissen, wo unser Sozialstaat im Alltag versagt, haben oft am wenigsten Zeit, ihn politisch zu verändern."
Und hier beißt sich die Katze in den berühmten Schwanz: Heute leisten ausgerechnet diejenigen den größten Teil der Care-Arbeit, die genau dadurch am wenigsten Zeit haben, sich gesellschaftlich einzubringen. Ein simples Beispiel: Wer Kinder versorgt, Angehörige pflegt und den Familienalltag organisiert, kandidiert seltener für den Gemeinderat, gründet seltener Initiativen, engagiert sich seltener ehrenamtlich oder sitzt abends (während der Einschlafbegleitung) in einer Ausschusssitzung.
Die Folge ist ebenso logisch wie tragisch: Die Menschen, die genau wissen, wo unser Sozialstaat im Alltag versagt, haben oft am wenigsten Zeit, ihn politisch zu verändern. Eine Gesellschaft, in der Erwerbsarbeit gerechter verteilt ist, wäre deshalb nicht nur familienfreundlicher. Sie wäre demokratischer.
Was es jetzt braucht: Verbündete für die Teilzeit-Utopie
Damit diese Utopie Realität wird, braucht es Verbündete. Es braucht Männer*, die verstehen, dass Gleichberechtigung kein "Frauenthema*" ist. Die Modelle wie unseres nicht als "Lifestyle-Teilzeit" belächeln, sondern sie als das erkennen, was sie sind: ein Versuch, Erwerbs- und Sorgearbeit gerechter zu verteilen und damit ein System, von dem alle profitieren. Es braucht Politiker*innen, die Familienpolitik nicht länger danach ausrichten, wie man möglichst viel sparen kann. Und es braucht genauso Frauen in Verantwortung, die feministische Errungenschaften nicht relativieren oder rückabwickeln, sondern verteidigen (looking at you, Familienministerin Karin Prien).
Denn eine Gesellschaft, in der beide Elternteile Verantwortung übernehmen, darf keine Utopie für privilegierte Akademiker*innen sein. Sie ist ein Gewinn für Kinder, für Familien, für die Demokratie – und am Ende für uns alle.
Foto: Julia Löhning, "Canva"